Haldenstein (5)

Das nächtliche Dorf macht gespenstische Geräusche. Rühren sich die Schweine im Koben oder brechen doch irgendwelche Männli mit zweifelhaften Absichten durch die Erde herauf? Das Rattern der Gatter. Selbst trockenes Laub im Föhnwind, wenns übern Boden kratzt, läßt einen zusammenfahren. Vom Dunkel kaum noch gehalten: die schleichenden bösen Hunde mit ihren stinkenden Mäulern voll kräftiger spitzer Fänge. Was leuchtet dort überirdisch grell aufm Berg, blendet ab, wieder auf, oder ists garnicht aufm Berg, sondern viel viel näher, als einem lieb sein kann? Die alten Bündner in Büchlis Mythologischer Landeskunde erzählen haarsträubende Geschichten. Immer wieder vom Totävolch, Totenfolc, Nachtvolk, das nicht jeder sehen kann, aber sobald die dunklen Gestalten ziehen, ist die nächste Leiche schon ausgemacht. Sie haben es doch selbst erlebt. Bei den Rheinbrücken wartet die Nußgeiß und klaubt sich all diejenigen Kinder, die sich nicht ordentlich gewaschen und gekämmt haben. Drachen leben in den Schluchten. Im Sommer hab ich auch einen gesehen. „Schümmeli, Schümmeli lauf dr Trab / Du treischt diä totä Lüt in ds Grab“ führt zur Pestzeit der führerlose Totenschimmel die Leichen gen Hinterrhein ab. Ds Tobeljaggeli prügelt die Hexe ausm Spinnrad. Das Wâlimannli nimmt Kinder, die am Wasser nicht aufpassen. Nächtlich zum Steinerollen verdammte und in Stein gebannte. Sprechende Füchse (wie in Lars von Triers „Antichrist“): „s ischt guet, daß du dinne bischt! Sus wärischt futsch!“ Am Mittwoch geht’s besser nicht auf die Alpen. Man spürts am eigenen Körper, der kalt wird, wenn sie kommen. Man fragt sie am besten, was sie wollen. Dann verlassen sie einen wieder. Zeile für Zeile wirds einsamer im Nordflügel. Einsamer? S kommt immer nur drauf an, wie erwünscht und sichtbar letztlich die Gäste sind. Haldensteins Kirchglocken geben Entwarnung. Für wie lang? Kuhschädel lugen aus Hühnerställen, der käsende Geisteralpler steigt feurigen Schritts vom Berg, mit beschlagenen Pferdehufen. Klapp, klapp machts auf der Straße.