Presserückschau (Dezember 2014)

1
Grenzüberschreitende Straßenbahnlinie: “Das Gemeinschaftsprojekt der Basler und Weiler Verkehrsbetriebe ist vollbracht. (…) Die neue Tramlinie wird künftig die zwei benachbarten Städte Weil am Rhein und Basel verbinden. Zahlreiche Basler strömen jeweils über die Grenze zum Einkaufen. Nach Weil, zum günstigen Konsumtempel. (…) Für die Weiler selbst hat die Tramverbindung wiederum eine andere Bedeutung. Jeder dritte Arbeitnehmer ist in der Nordwestschweiz angestellt. “Diese haben jetzt die Möglichkeit, mit dem Tram zur Arbeit zu fahren”, sagt (der Weiler Oberbürgermeister; Anm.: rheinsein) Dietz. Nicht zu unterschätzen sei zudem, dass viele Weiler beispielsweise das Basler Kulturangebot nutzen. Mit dem Tram ist dieses bald unkompliziert erreichbar.” (Tageswoche)

2
Gastronomische Straßenbahnlinie: “90 Jahre lang rollte die U76 mit einem Speisewagen (…). Doch am Tag vor Heiligabend kam das Aus für die Kultbahn, die ständig zwischen Düsseldorf und Krefeld pendelte. Letzte Fahrt, Pächterin Doris Ridders („Es rechnet sich nicht mehr.“) hat das Handtuch geschmissen: Die Rheinbahn aber noch lange nicht. Sie will den Bistrozug retten, dieses wunderbare Stück Rheinbahngeschichte aufrecht halten. (…) Seit 1924 gibt es diese Tradition. Damals fuhr der erste Wagen zwischen Düsseldorf und Krefeld. Ein Speisewagen im öffentlichen Nahverkehr, das war eine Sensation. So was gab es in Deutschland nur in Düsseldorf. Und das soll auch so bleiben.” (Express)

3
Der Rhein als Inspirationsquelle für einen Gedichtband: “Der Altenheimer Jochen Heidt hat sein Erstlingswerk veröffentlicht: den Gedichtband “Abendsymphonie”. Vor allem dem Rhein ist der 45-Jährige sehr verbunden. (…) Abends, wenn das Wetter es zulässt, ist er oft am Rhein. (…) “Ich bin in Leutesheim aufgewachsen. Wir waren als Kinder schon ständig am und im Fluss.” Zum Rhein zurückzukehren sei für ihn wie Nachhausekommen. Die Liebe für “Vater Rhein” zeigt sich nicht nur in Heidts Gedichten. Wenn er von den Sonnenuntergängen in den Rheinauen spricht und deren “ganz eigene Magie” hervorhebt, ist zu spüren, wie wichtig der Fluss ihm ist. So ist nachvollziehbar, dass dort auch alles mit der Dichtung begonnen hat. An den Rheinauen, wo er immer am selben Platz sitzt – “da ist man einfach bei sich selbst” – seien ihm irgendwann Reime eingefallen, erzählt er.” (Lahrer Zeitung)

4
Fackelschwimmen: In Bonn institutionalisiert sich ein neuer Adventsbrauch, das Kaltwasserschwimmen mit Pechfackeln: “Schon seit neun Jahren treffen sich die (…) Sportler am dritten Advent, um diese etwas andere Art besinnlicher Vorweihnachtsstimmung gemeinsam zu genießen. Auf dem Parkplatz vor dem Blauen Affen herrscht zu Anfang noch Trubel – mit meist breitem Grinsen werden in der Kälte die Winterklamotten durch Neoprenanzüge ersetzt. (…) Um die neun Kilometer pro Stunde fließt der Strom zurzeit. Die Stimmung ist einzigartig, die Geräusche werden dicht über der Wasseroberfläche seltsam gedämpft, es plätschert leise, und man vernimmt fast nur die Atemgeräusche der Anderen, während das Bonner Rheinpanorama gemächlich an der Gruppe vorüberzieht.” (General-Anzeiger)

5
Aal-Taxi: “Aale aus der Lahn sind jetzt per Taxi an den Rhein gelangt. Was kurios klingt, ist eine Hilfe für die Fische bei der 7000 Kilometer langen Reise zu ihren Laichplätzen. (…) An der Lahn gibt es allein von Marburg bis zur Mündung in den Rhein bei Lahnstein 29 Wasserkraftanlagen, wie das Regierungspräsidium (RP) in Gießen mitteilt, das die Aal-Aktion koordiniert hat. Nur selten seien an den Anlagen technische Vorrichtungen vorhanden, die den Aalen den Weg stromabwärts freimachen – etwa sogenannte Bypässe, die die Fische um die Turbinen herumleiten. Oft tödliche Verletzungen der Tiere sollen so vermieden werden.” (mittelhessen.de)

Der Rhein hat seinen vrsprunng in dem sybenden berg auff eim allerhoehsten gipffel des gepirgs

Bey erklerung der gelegenheit vnd pildnus Germanie oder Teuetscher nation hernach entworffen ist zemercken der spruch Strabonis also sagende. Die Teuetschen der Gallischen nation nachfolgende sind gerads leibs vnd weysser oder roeßleter farb. vnd in andern dingen an gestalt. geperde vnd sytten den Gallischen gleich. darumb haben inen die roemer disen namen billich gegeben do sye sie brueder der Gallier nennen wolten. dann nach roemischer rede haißen die Teuetschen Germani das ist souil als eelich oder recht brueedere. Nw ist Germania oder Teuetsche nation von den alten gschihtbschreibern vil versawmbt. dann dermals waren ire innere vnd haymliche gegent oder zugeng mit wasserfluessen verhindert. der welde vnd see halben vnwegsam in grobem hirttischem sytten vnd nyndert denn an beruembten namhaftigen fluessen erpawt. Aber nach hinlegunng der abgoettereischen anbettung vnd nach annemung cristenlichs wesens ist dise teuetsch nation zuechtiger worden vnd zu grosser auffung komen. Sie ist gar prayt vomb auffgang. Das Polnisch vnd nyderhungerisch land von mittemtag. das Algew oder gepirg. vom nydergang die Gallier. gegen mitternacht das Teuetsch meer habende. In Germania sind gantzer Europe die beruembtisten fluess der Rhein. die Thonaw. die Elbe vnd andere vnzallich vnd gedechtnuswirdig. Der Rhein hat seinen vrsprunng in dem sybenden berg auff eim allerhoehsten gipffel des gepirgs. in des nehe entspringen die fluess Rhodanus. die Lyonische vnd Narbonensischen gallischen gegent. vnd Padus oder der pfat Welschßland befeuechtigende. Tranus. der bey Papiaz einflewßt. Die Etsch die durch das Trientisch vnnd Bernnisch land zu letst in das Adriatisch meer rynnet. aber der Rhein fleueßt gegen mitternacht mit girigem lawff durch die tale vnd gehe perg. vnd so er durch die Curiensischen landschaft komt so wirdt er schiffreich. Alßpald darnach macht er zwen see (die man bodensee vnd zellersee nennt) die statt Constentz in dem mittel lassende. vnd fueroan mit widerwendigem vmbreyssen der gestadt von manchen spitzigen gehen felsen der berg gezwenngt ershröckenlich sawßende vnd seine gestadt stettigclich außhoelerende. vnd rynnet dann fuerohin durch Basel. die ime widersteende gestadt hynreyssende vnd newe genng mit grossem schaden der anwoner suchende. vnd fuer Straßburg Speyr Wurms Mayntz Coblentz vnd Coelne die edeln stett Teuetscher nation fließende. mit auffnemung in sich vil schiffreicher fluess. als des Mayns Neckers Lymag Musel Masa vnd andrer. vnd geueßt sich dann auß on vil oerttern in das Teuetsch meer innseln machende. dero ettlich von den Friesen. ettlich von den Gellrischen. ettlich von den Hollendern bewonet werden. Zumb andern ereueget sich die Thonaw der beruembtist fluss Europe. entspringt auß dem Arnobischen berg bey anfanng des Schwartzwalds in eim dorff Doneschingen genant. vnd fleueßt vom nydergang gein dem orient oder aufgang erstlich auff zwu tagrayss bis gein Vlme langksamm. alda mit der Plaw. yler vnd andern flueßen gesterckt wirdt sie schiffreich vnd rynnet von dannen hin durch vil land vnd neben vil stetten mit vberschwencklicher auffung der wasser. Sechtzig des mereren tayls schifreiche fluess in sich nemende. Zu letst an sechs grossen oerttern in das Euximsch meer. Zum dritten begegnet die Elbe entspringende in den bergen die Schlesier land von Beheim tayln. Die fleueßt mit der Multa durch Behmer land von dannen durch den Behmischen wald. fueroan durch Meichßen Maydeburg vnd andere stett der Marck vnd des Sechsischen lannds bis hinab bey Hamburg in das Teuetsch meer. Sunst sind andere namhaftige fluess der ich hie von der kuertze wegen geschweigen wil. Zum vierden erscheint ein wald Hercinia genat. den hewtbytag bey anfanng vnnd vrsprunng der Thonaw die vmbsessen daselbst den Schwartz waldt nennen. Der ist (als Pomponius mella setzt) sechtzig tagrays lang vnd grosser vnd bekantter denn andere weld. vnd hat mancherlay namen. auch vil est. hoerner vnd außstreckung. den die innlender andere vnd andere namen geben. dann von anfang seins vrsprungs bis zu dem Necker behelt er den namen Schwartzwald. vnnd vom Necker bis an den Mayn haißt er Ottenwald. aber vom Mayn bis an den fluss Lonam bey Coblentz Westerwaldt. Darnach wendet er sich gegen dem orient vnd taylt Franckenland von Hessen vnd Thueringen. vnd darnach thut er sich in der mittel wider auff vnd vmbrinnget zirckels weyse das Behmisch land vnd strecket sich fueran in dem Merherrischem gepirg durch mittel der Hungern auff der rechten vnd der Poln auff der lingken seyten bis zu dem Dacischen vnd Getischen volck ye andere vnd andere namen empfahende. Nw ist Germania gar ein grosse gegent europe. die dann auß nachpawrschaft vnd geselschaft der roemer vnd auch mit dem heilligen glawben zu senftmueetigkeit vnd guotsyttigkeit gebracht worden ist. Germania ist ein edle gegent vornemlich da sie mit fluessen befeuechtigt wirdt. dann alda ist grosse vnd selige wolluestigkeit. gemassigter luft. fruchtpere felldung. wunnsame berg. dicke welde vnd allerlay getrayds vberflussigkeit. weinrebtragende puehel. gnuogsammkeit der fluess vnnd prunnen die gantzen gegent durchgießende. allenthalben mit hanttirungen vnd kawffhandlungen mechtig. den gesten guot. den bittenden senftmueetig vnnd an synnschicklichkeiten. syttlichkeit. kreften vnnd mannen zuuoran in kriegs sachen keiner nation weichende. Sie weicht auch an reichthuemern aller metall keinem ertreich. dann alle Welsche Gallische Hispanische vnd andere nation haben schier alles silber auß den Teuetschen kawflewten. Dise Teuetsch nation vermag allain on eueßere hilff souil manschaft zu roß vnd zu fueß das sie eueßern nationen leichtigclich widersteen mag. Mer grosse treffenliche ding weren zesagen von dem cristenlichen wesen. gerechtigkeit. glawben vnd trew die ich doch von kuertze wegen fuergeen muoß.

(Schedel’sche Weltchronik von 1493)

Mythos Rhein

Was ist das Mythos Rhein? Ist das etwas, was in Büchern verstaubt und Akademien, aufgegrellt dann in Ausstellungen und Dissertationen?

Oder ist das etwas, was lebt in jedem, der hier sein Leben am Strom verbringt ? Unbewußt zwar, aber doch da.

Gibt es den alten Vater Rhein, den Flußgott, in dessen Bart wir alle schwimmen wie zappelnde Fische?

Fische, die alle gründeln, um in der Tiefe irgendeine Krone zu finden aus Eisen, Gold, Teer oder Blech?

Was haben sie alle hier in dem Rhein gesucht? Die Arnims, Brentanos, die Kronenwächter, Müller Radlaufs, warum wimmelt es von Loreleyen, Felsen- und Feuerhexen?

Mein Sohn zieh nicht an den Rhein.

Der Rhein gibt Richtung. Hat Anfang und Ende. Fließt immerzu. Und ist doch da.

An seinen Ufern gibt er Platz zum Leben. Gründet Burgen, Klöster und Städte.

Nahrung gab er. Salme, Aale, Fische. Schiffahrtsstraße war er und ist er.

Doch ist weggeblieben der Zoll, der hier Geld und Reichtum jahrhundertelang gebracht.

Den Schiffern und Flößern gab er wie den Fischern Einkommen und Beruf.

An seinen Hängen die Reben, Trauben speichern die Sonne, deren Kraft sich im Schiefer verstärkt noch spiegelt. Gekeltert die Trauben schenken sie jedem den Rausch, ohne den das Leben phantasieloser, eintöniger und ärmer. Wein reimt sich auf Rhein.

Mythos Rhein sind das all die Burgen, Ruinen, Ritter, Felsenriesen, Gespenster, Sagen, Legenden, Staffage steil aufragender Berge?

Tief versunkener Nibelungenschatz.

Ist es das Gezanke um Ländergrenzen, Hoheitsrechte, Gebiete? Sie sollen ihn nicht haben und haben ihn doch nie, den keltisch freien deutschen? rhenus fluvius.

Mythos Rhein. Ist das der Massentourismus? Kraft durch Freude? Das Weltkulturerbe?

Mythos Rhein sind das die D-Züge, Überschallflugzeuge, das Getöse und der Lärm auf engster Fläche ?

Als ich als Kind das erste Mal vom Rhein weit weg war in einer fremden Stadt, wollte ich zum Rhein. Aber es gab ihn da nicht. Ich konnte mir keine Stadt ohne Rhein vorstellen. Ich war richtungslos. Orientierungslos. Verloren.

Der Rhein, das ist immer, da weißt du, wo du bist. Ist Nähe ganz, Ankunft, Ufer, Strom, Richtung und Welle. Und doch Ferne. Ferne und Nähe zugleich.

Ufer, an dem du stehst. Ufer, das nie du erreichst. Fernes Meer, wo deine Spucke hinfließt, Weite der Welt, Ozean, wohin er fließt uns ist doch ganz in der Enge des Tals.

Er ortet die Welt. Links und Rechts. Linkes und rechtes Ufer. Quelle und Mündung.

Stromkilometer wieviel?

Mal flach und mal tief.

Der Kauber Pegel weiß es genau.

Fremde zieht er her. In die Fremde läßt er dich träumen.

Und schenkt dir doch seine Nähe, seinen Geruch, spiegelt den Mond, tanzt mit den Wellen. Deren Strömung und Schlag hörst du wohltuend gleichmäßiges Rauschen in den stillen Stunden des Abends und der Nacht.

Die Nixen sie singen.

Im Element des Wassers löst deine Seele sich auf und wird wieder frei. Aus aller Starre, allem Stillstand heraus.

Abends gehen sie hier an den Rhein, sehen auf die gegenüberliegenden Berge, in die Weite des Flusses nach Bingen, an den Lichtern von Lorch vorbei zum Franzosenkopf hin, atmen die Frische des Wisperwinds.

Im Zickzack umfließt er die Felsen rheinabwärts, verschwindet plötzlich am Berg, an einer scharfen Biegung, taucht dann wieder auf. Insel und Pfalz thronen in ihm.

Treibholz schwemmt er heran und anderes Strandgut.

Über ihn gehen kannst du nicht mehr. Keine aufgeschichteten Berge und ausgetretene Pfade aus Eis.

Doch lehrt er dich noch immer, was es heißt Widerstand, mit oder gegen die Strömung zu ziehen, zu kämpfen, zu stehen.

In deinen Träumen fließt er der Rhein. In deinen Träumen, die noch nie die Lahn gesehen.

Ein- zweimal war er dir nah, sehr nah. Du dachtest nie wieder ein Ufer zu sehen. Doch fandst du doch noch dann Grund.

Auch deine Cousine, deren Auto in den Rhein schoß, trotz ihres Alters tauchte sie aus den Fluten wieder auf.

Die Nixen sie ziehen. Grundlos bleibt wer die Tiefe erblickt.

Meide Feuer und Wasser, gab mein ostwestfälischer Großvater meiner Mutter mit auf den Weg. Sie zog zum Rhein, zu der Stadt, die den Feuerwein schuf.

Es ist besser, Kindern keinen Rat zu geben.

Mein Vater, selbst im hohen Alter, mit Krücken gar, mit einem Geist, von dem man nicht mehr wußte, was er erfaßt und was nicht, so oft es ging, ging er abends zum Rhein. Saß auf der Bank, wo gegenüber das Wahrschauerhäuschen einst krönte die scharfe Biegung, die nun eher glatt wie ein Kanal dahinzieht, wegradiert ohne Grund diese einsame Sicht und Behausung des Wahrschauers.

Mein Vater, als er starb, ein neues Grab suchten wir aus auf dem Friedhof, wo in steiler Lage alle Gräber zum Rhein hin schauen, ein Grab auf einem kleinen Plateau. Als der Sarg in die Erde versenkt werden sollte, sagte meine Mutter, er liegt falsch, er sieht ja den Rhein nicht und tatsächlich ausgerechnet nur hier war das Grab zum Berg hin angelegt. Wir merkten es erst da. Wir mußten entscheiden. Legen wir den Sarg andersrum, daß er zum Rhein hin blickt? Der Bürgermeister zeigte Verständnis. Der rheinfremde Pfarer, dessen Ehefrau Pfarramt, Partei und Presse zugleich war, verbissen sein Gesicht, zeigte keinerlei Verständnis dafür. Ich entschied, er lag im Leben oft falsch, warum nicht im Tod. Mein Bruder versöhnte mich, wir bringen ihm einen Rückspiegel an, dann kann er den Rhein sehen.

Mythos Rhein.

Haben die Romantiker es erahnt?

Hat George es streng in Form gefaßt?

Blüht am hange       nicht die rebe?
Wars ein schein nicht       der verklärte?
Warst es du nicht       mein gefährte
Den ich suche       seit ich lebe?

Der größte der Dichter, Friedrich Hölderlin, hat es in seiner Rheinhymne erfaßt:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff, auf dessen Website weitere mittelrheinische Trouvaillen zu entdecken sind. rheinsein dankt!)

Rheinischer Rebell

Der Oberbürgermeister der Stadt Köln hatte uns vor geraumer Zeit eingeladen zur Kabinettsausstellung „Ein rheinischer Rebell. Wolfgang Müller aus Königswinter“ in der Zentralbibliothek am Neumarkt. Der Einladung konnten wir erst heute, am letzten Tag der Ausstellung folgen. Zur Anreise entschieden wir uns ganz gegen alle Gewohnheit für die Stadtbahn: eine gute Entscheidung, denn nebst dem beinahe schon literarischen Anblick eines aus der Zwerghundhochburg Weidenpesch zugestiegenen Yorkshireterriers, der mit seiner unverhältnismäßig langen Zunge unablässig die dünne Wagenluft aufleckte, kamen wir in kurzer Fahrtzeit auch in den Genuß diverser Privatgespräche („hisch`schwööre wennhischdensehe kritterjleisch nehohrfeije“), proklamativ memorierter Telefonnummern und den heftigen Ausfall eines mittäglich Schwerbetrunkenen, welcher sich zunächst wilde Kampfszenen mit einer Automatiktür der Bahn lieferte, bevor er den zahlreichen staunenden Anwesenden zurief, sie mögen ihn doch alle am Arsch lecken. Wie sehr der private und der öffentliche Raum sich heuer durchdringen zeigten insbesondere die Displays einiger Smartfones, welche sich den Fingerübungen ihrer Besitzer entzogen und eigenständig Informationen verbreiteten, welche den ein oder anderen empfindlicheren Passagier erröten ließen. Ferner beobachteten wir etliche Gestalten, die für zwei Stationen ihre Fahrräder in die Bahn schleppten, ein Massenfänomen mit schwer durchschaubarer Motivation. Wir hätten gerne noch mehr modernen Alltag gesehen, doch die Ausstellung rief, sie war nurmehr wenige Stunden verfügbar.

Die Ausstellung entpuppte sich, wie das in Bibliotheken so üblich ist, als Vitrinenausstellung. Ein vitrinierter Rebell also, dieser Wolfgang Müller. Anbetrachts der auf den ersten Blick gefühlten fünf (auf den zweiten Blick/in Wirklichkeit aber mindestens doppelt bis dreifach sovielen) Exponate war Müllers Rebellentum zunächst kaum faßbar: handelte es sich doch um Bücher mit anheimelnden Titeln wie Bruderschaftslieder eines rheinischen Poeten, Rheinfahrt, Mein Herz ist am Rheine, Erzählungen eines rheinischen Chronisten oder auch Lahnfahrt. Etwas rebellischer schon der Titel: Höllenfahrt von Heinrich Heine, schwer einschätzbar Müllers Ehrenmitgliedschaft im Bonner Maikäferbund, mäßig rebellisch einige Gedichtdrucke Herbstfeier (mit viel Rhein/Wein-Gereime), Der Mönch von Heisterbach und ein Text über den sagenhaft volksfreundlichen Kölner Bürgermeister Hermann Gryn, der einen ausgehungerten Löwen (und mit diesem den Klerus) in die Schranken wies, doch schließlich vollends Müllers Rebellentum hervorkehrend ein Zitat von Friedrich Engels: „Es wurden auch einige kommunistische Gedichte des Herrn Dr. Müller aus Düsseldorf vorgelesen“, zu finden angeblich in Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Band 2, Berlin 1990, auf Seite 517. Die Ausstellung hat vor wenigen Minuten geschlossen, wir bemühen uns jedoch darum,  den ein oder andern Müllertext hier einzustellen.

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)