Siegburg

In Köln ist einigermaßen bekannt, daß Siegburg irgendwo da draußen liegt, ein Städtchen hinter den Vorstädten, am Rheinzufluß Sieg, für die Stadtgeschichte von Bedeutung als der Ort, aus dem eines Tages ein Heilsbringer namens Wolfgang Overath in der Colonia Agrippinensium eintraf, ein Ort mit einem unauffällig totaldeutschen Namen, den wir vage mit Zeitungsmeldungen nachrangiger, aber perfider Verbrechen verbanden, bis wir seine Straßen im vorvorweihnachtlichen Dunkel erstmals betraten. Vom Bahnhof, der sich in einem Anflug von mit erkennbarem Willen zur Orientierungshilfe gepaarter Desorientiertheit Siegburg/Bonn nennt, betraten wir die cleane, beinahe sterile Fußgängerzone, deren einziges äußeres Anzeichen für Wildheit die Leuchtreklame eines Wolfstatzenabdrucks vorstellte, mithin Signet einer Marke, die ihrer Zielgruppe, biederen Angestellten, Abenteurertum in freier Natur vorgaukelt, indessen ihre Konsumenten zumeist in Pendelzügen und Fußgängerzonen wie ebenjener in Siegburg anzutreffen sind.

Das in einer deutschen Kleinstadt unvermutete, zumal korrekt mit Cedille beschriftete Straßenschild verweist nicht auf einen Personennamen, sondern auf die türkische Partnerstadt Siegburgs

Durch die Fußgängerzone wandelten einzelne, verloren, aber kaum wölfisch wirkende Gestalten. Die eine fragte uns nach dem Weihnachtsmarkt und als sie ihn erblickte, wirkte sie enttäuscht, da selbiger sich noch im Aufbau befand; die andere lief im T-Shirt durch die Straßen und fluchte auf die reichlich kühle Außentemperatur. Hinter unverhängten Glasscheiben sahen wir Jugendliche Breakdance-Übungen absolvieren, ohne daß ein Ton Musik zu hören gewesen wäre, überhaupt wirkte die gesamte Innenstadt Siegburgs schallgedämpft und wie eine Szenenreihung aus Second Life. In hellen Geschäften mit Regalen in klaren geometrischen Linien harrte eine Produktwelt, die ihren Abbildern in Prospekten nacheiferte, eine automatisch beruhigte Inszenierung penibel rein gehaltener Bedeutungslosigkeit, eine klinische Konsumumgebung, als bilde sich das Online-Shopping in den herkömmlichen Gang zum Apotheker, Supermarkt oder in die Boutique zurück.

Ein anderes Bild und bald auch einen anderen Klang fanden wir auf der rückwärtigen Seite des für eine Kleinstadt geradezu gigantischen Bahnhofs. Verkehrslärm übertönte das Rauschen der Sieg, die vibrierende Tristesse täglich zu bestehender Durchschnittlichkeit bemächtigte sich des Stadtbilds mit Noten von Althergebrachtheit und reichlich Unsagbarem, das sich aus dem Abgleich von Träumen und Realität zusammenzusetzen schien. Darüber wachte ein rundum strahlender Mond in selten zu sehender Pracht.

Dieweil die Sieg permanent mit reichlich Tempo durch Siegburg eilt, kleiden sich die Siegwiesen bei Nacht in mystische Farben.

Stetes Kommen und Gehen herrschte schließlich auf der Bühne des Pumpwerks bei der Zeitschriftenpräsentation der Köln-Ausgabe von Rhein! Unter zahlreichen Werkausschnitten der an der Zeitschrift beteiligten Künstler hörten wir einen Vortrag von Rheinkenner Kurt Roessler über die Lichtmetafysik seit ihren Anfängen bei Platon über Plotin und Pseudo-Dionysius Areopagita, mit besonderem Bezug auf das grandiose Richterfenster im Kölner Dom und dessen elektronische Komponenten und lieferten selber ein 13:24 Minuten dauerndes Stück Rhein-Meditation im Schleudergang.

Rhein!

cover_rhein nr 11
Mit Ausrufezeichen schreibt sich die ca. halbjährlich erscheinende Zeitschrift Rhein! für Worte, Bilder und Klang. In der Beiträgerliste finden sich zahlreiche ausgezeichnete rheinische wie außerrheinische LiteratInnen. In Kürze erscheint die elfte Ausgabe mit Schwerpunktthema Köln. Paradoxerweise wird sie das Licht der Welt jenseits der Kölner Stadtgrenzen erblicken: Am Donnerstag, den 26. November, wird die Neuerscheinung ab 19.30 Uhr im Siegburger Kulturzentrum Pumpwerk mit Lesungen, Musik, Vorträgen und Performances gefeiert.

Für die aktuelle Ausgabe haben wir sechs Farbfotos mit Kölner Motiven beigesteuert. Am Präsentationsabend werden wir kurze Ausschnitte aus der Rhein-Meditation vortragen, die somit, nach der Buchpremiere im Pumpwerk an der Schönhauser Straße in Köln, zum zweiten Mal in diesem Jahr in einem Pumpwerk vorgestellt wird.

Texte und Bilder der aktuellen Rhein!-Nummer stammen u.a. von Guillaume Apollinaire, Matthias Buth, Hilde Domin, Jonis Hartmann, Regine Mönkemeier, Karin Posth, Lutz Rathenow und Barbara Ruf, insgesamt sind über 30 AutorInnen und KünstlerInnen vertreten.

Rhein! Nr. 11 (Köln: heilig, unheilig) – Zeitschrift für Worte, Bilder, Klang, herausgegeben von Ralf Georg Czapla, Kurt Roessler und Rolf Stolz, Kidemus Verlag, Köln 2015, 100 Seiten, Einzelpreis: 10 Euro, Abonnement: 15 Euro für zwei Hefte, ISBN 978-3-9815779-8-3