Wie Volker vor Kriemhild von Siegfried sang und wie Siegfried nach Worms kam

hausmusik

Besinnlich geht es zu am Hof von Worms mit seinen geometrisch-schlichten Butterblumen(?)-Bodenfliesen in klassischem Schwarz-Weiß. Kriemhild bewahrt so blond es geht am Fenster, durch das kosmische Strahlung einzudringen droht, höfische Haltung. Barde Volker trägt in Vorwegnahme Bob Dylans Vernuscheltes zu Siegfrieds Einzigartigkeit vor. Aus der Amfore wird in Kürze, von dem bedächtigen Pagen in Lumpenclown-Outfit entfacht, ein wenig Wasserdampf als atmosfärischer Bühnennebel steigen. Ein höchst getragenes Konzertevent.

alberich

Unterdessen lauert stöckchenbekränzt (und später tarnbekappt) der zauselige Alberich in einer Baumspalte draußen vor der Stadt auf den frischbesungenen Drachentöter, der nackter Brust im Nebel auf einem reinweiß-glänzenden Schimmel einhergeritten kommt. Alberich springt den Reiter an, es entspinnt sich ein kurzer Kampf “Heros vs unsichtbarer Zwerg” mit bekanntem Ausgang: die fisselige, aber wirkungsvolle Tarnkappe wechselt den Besitzer und Alberich führt seinen Bezwinger durch rheinische Schluchten- und Höhlenlandschaften zum Nibelungenschatz, der von gefesselten Zwergensklaven wie ein Himmel unter der Erde emporgestemmt wird. Nebst unermeßlichem Geschmeide enthält er auch das Schwert Balmung, eine in Feuer und Blut geschmiedete Wunderwaffe, mit der Siegfried den Zwergenkönig tötet, als dieser ihn erneut attackiert. Endlich ist der

worms

Weg frei nach Worms (hier eine Stadtansicht mit Flachdachwächter) und zu Kriemhild mit den fast knielangen Zöpfen. Unterwegs haben sich Siegfried noch ungefähr zwölf Könige als Vasallen angeschlossen, hier queren Herr und Gefolge die Wormser Brücke, um von König Gunther entgegen Hagens Rat im Wormser Schloß mit seinem Elchgeweih und der deutlich gewagter als die Bodenfliesen gemusterten Bettwäsche bewillkommnet zu werden:

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Der zweite Gesang von Fritz Langs Nibelungen endet bei 49:31 Minuten mit dem berühmten Doppelehedeal. Zum Abschluß noch ein Portrait von Kriemhild (gespielt von Margarete Schön) mit den fast knielangen Zöpfen (hier nur schulterlang im Bild), die vor Siegfrieds Ankunft von einem schrecklichen Traum mit schwarzen Schattenaalen, die sich in lichttaubenschlagende Falken wandeln, heimgesucht wurde:

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Wie freudig blutet` hier der Edelknecht

Der Rhein.

O Sohn der Alpen, in krystallnen Wiegen
Genährt von Gletscherbrüsten, heil`ger Rhein,
Wenn du dem blauen Schweizersee entstiegen
Dich jauchzend warfst vom schroffen Felsgestein,
Und glorreich nun, ein Held nach frühen Siegen,
Das Thal durchwallst im laub`gen Kranz von Wein,
Zur Lust den Völkern und der Flur zum Segen:
Wie schlägt dir hoch das deutsche Herz entgegen!

Und traun, mit Fug. Denn deutschen Lebens Bild
Und Zeuge bist du, seit von süßen Zähren
Auf deinen Höh`n der Rebstock feurig schwillt:
All um dich her erwuchsen unsre Ehren;
Du sahst zuerst erhöht des Reiches Schild,
Des Reichs, nach dem wir fromm noch heut begehren,
Wir Waisen, nun im eignen Vaterlande
Ruhmlos zertheilt wie du zuletzt im Sande.

Den Kaisern warst du werth; die Starken zog
Der Starke, daß, was gleich, zusammenwohne;
Hier stand der Stuhl des großen Karl, hier bog
Konrad das Haupt vor Konrad, eine Krone
Mit Lächeln missend; hier im Festgewog
Schied der im rothen Bart vom ehrnen Sohne;
Siegestrunken mocht` er deinen Wirbeln lauschen,
Nicht ahnend, daß sein Tod bald solches Rauschen,

Auf deinen Burgen horstet` ein Geschlecht
Frei, wild und mild; es wohnt` in seinem Sinne
Von deiner Traub` ein Anflug, zum Gefecht
Befeuernd wie zu Harfenschlag und Minne.
Wie freudig blutet` hier der Edelknecht,
Wenn aus der Herrin Blick von hoher Zinne
Ein Gruß als erster, ach, und letzter Dank
Auf sein verströmend Leben niedersank!

Und Städte sahn voll Trotz in deine Welle,
Wo unterm Krummstab Bürgerfreiheit sproß
Und Füll` und Kunst, und wo dann morgenhelle
Die neue Zeit ihr Kinderaug` erschloß.
Denn war`s zu Mainz nicht, wo in stiller Zelle
Ein andrer Dädalus die Flügel goß,
Die stark das Wort in alle Winde tragen?
Ward nicht zu Worms die Geisterschlacht geschlagen?

Und heut! Welch reich Gewühl umbraust noch heut
Die Rebenufer, wo vom breiten Riffe,
Die Veste droht, und weit im Thal zerstreut
Die Essen rastlos sprühn! Mit grellem Pfiffe
Durchkeucht das Dampfgespann des Doms Geläut,
Und durch die Fluten wandeln Feuerschiffe,
Wie schwarze Riesenschwäne; Flaggen winken,
Und Winzerjubel schallt und Römer blinken.

Gebrochen sind die Burgen. Ihre Zeit
Ging aus. Doch sitzt an ihrer Thürme Scharten
Die Sage harfend noch, die Wundermaid,
Und lallt im Traum von Chriemhilds Rosengarten,
Vom Drachenstein und von der Nonne Leid.
Und stießt das Mondlicht um die Felsenwarten:
Da singt die Loreley und aus dem Dunkel
Der grünen Wasser glimmt des Horts Gefunkel.

Gruß dir mein Rhein! Wie leicht bei dir einst flossen
Die Lieder mir, die jedes Tags Gewinn!
Mein Sternbild stand im Aufgang; noch im Sprossen
Wie Laub um Pfingsten grünte frisch mein Sinn,
Gruß euch, die ihr mir damals wart Genossen
In Leben und Gesang! – Wo seid ihr hin?
Ach, auseinander weit seit jenen Tagen,
Zu weit hat uns der Kampf der Zeit verschlagen.–

(Emanuel Geibel)