L. L.

Von oben, wiederholt, so wie Spielkarten auf einen Stapel gedroschen werden, zack, zack, dasselbe Motiv: Blick ins Rheintal, wie für ein Kamera-Still bei schönstem Frühlingswetter eingefroren die Walrücken der Frachter, die winzigen Schaumstreifen der Heckwellen eine exotische Cocktailbeigabe, hüben und drüben auf den Bergkuppen lauter markante Ruinen. Ein sich überdeckendes, ein dermaßen, ein, ein scheinbar unendlich mit sich selbst kongruentes Bild, dessen Schönheit Risse (leichte, vermutlich elektrische Schmerzimpulse) im Denken auslöst, in Zusammenhang mit den passenden Klängen (Beethoven, Wagner, Kraftwerk, Der Plan). Und dann gerät etwas ins Zittern, Rütteln, Schwanken. Die Wasserfläche weitet sich zur See, lautlose Flugzeuge, mittelgroße Maschinen, die in einem Wettbewerb massenweise und bestens koordiniert in einen Nebenfluß sinken, um nach einigen plumpen Versuchen strahlend aufzutauchen, gleich behäbigen Fischen, die irgendwelchen Schwarmvorgaben folgend plötzlich den historischen Schritt des Landgangs für unsinnig erachten, wieder durchstarten, ein fantastisches Spektakel, betrachtet von hunderten Schaulustigen am Ufer. Das Ganze kommentiert von einem hochaufgeschossenen Mann, schwarze Kleidung, Charakterschädel, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, ein Kreativer vermutlich, genau wie die hübsche Dame aus der Stadt, schnittige Frisur, aufs Äußerste blondiert, die mir erzählt, sie trage statt des Gehirns eine Gebärmutter im Schädel, darin ungeborene Kinder sich streckten und wieder zusammenschnalzten, es mache sie ganz wahnsinnig, die mir schließlich ihre Initialen nennt, die auch auf ihrer Brusttasche eingestickt sind: L. L. Die Dame, die sich in mein Bewußtsein gehackt hat, wird mir klar. Sie steht direkt vor mir. Ihre vollen, an manchen Stellen knautschigen Lippen arbeiten an meinem hypnotischen Zustand. Je nach Blickwinkel ist sie einen Kopf größer oder kleiner als ich selbst. Sie redet auf mich ein, verschiebt meine Gedanken, spielt Tetris oder Memory damit. Ich versuche, ihr eine zu knallen, sie lacht. Zwischen ihren gebleichten Zähnen das weite Tal ihrer Zunge, die am Horizont des Rachens, aus dem eine unergründliche Melodie schwingt, verschwindet, blau in blau. Der Himmel sinkt und kippt, Geröll walzt durch meine Adern, mein Abdomen, es zieht mich fort, mein entäußerter Körper zerschellt an der Befestigung ihres Willens. Ich versuche mit ihr zu sprechen, doch die Gegenwart ist zu wild mit all ihren Geräuschen, Kommunikation findet allenfalls gestisch statt. Ich zücke mein Notizbuch. L. L. schreibe ich hinein. Sie wünscht mir Glück. Verdrückt eine Träne. Stille. So läuft es jedesmal, sagt sie. Preßt ein paar Kinder aus ihrem Schädel und stolziert davon.

Herr K. aus D.

Soeben rief mich ein Herr Klose aus Düsseldorf an, um mir seine Rheingeschichte zu erzählen. Die Verbindung wackelte, immer wieder wurden einzelne Buchstaben bis ganze Silben des Gesprächs zerschossen, aber ich traue mir zu, Herrn Kloses Ausführungen halbwegs sinngemäß zu rekonstruieren: „Vor einigen Jahren kaufte ich auf dem Flohmarkt am Aachener Platz von einem Polen um kleines Geld ein ziemlich rares Doppelalbum der Band Neu! – das ist, nach Kraftwerk, eine der Bands von Klaus Dinger gewesen, der sich in letzter Zeit für seine zahlreichen Soloprojekte auch Nikolaus van Rijn oder so ähnlich genannt hat. Ein Wochenende drauf habe ich mir tüchtig einen weggequarzt und habe dann diese Platte aufgelegt. Das war sehr psychedelisch, so Krautrock, das ging mir ganz schön an die Nieren, da fangen plötzlich die Synapsen an zu kreiseln, die Augen drehen sich langsam aus den Höhlen, man denkt, man ist ganz nah dran am endgültigen Verstehen, d.h. am Durchdrehen, es wurde also etwas zuviel und so bin ich, um dieser Stimmung zu entkommen, mit dem Fahrrad immer schön am Rhein entlang nach Norden bis nach Kaiserswerth. Und was meinen Sie, wer mir da entgegenkommt? Klaus Dinger. Mit seinem weißen Rauschebart, einer Riesensonnenbrille auf der Nase und einem japanischen Hippiemädchen dabei. Erkannt habe ich ihn nur, weil genau am Vorabend eine Sendung über ihn im Fernsehen lief, sonst hätte ich garnicht gewußt wie der aussieht. Ich sprech ihn also an und sag, Sie sind doch der Herr Dinger von Neu! und er sagt einfach: jo, das bin ich. Ich hab ihm gesagt, wie toll ich seine Musik finde und das wars, aber der eigentliche Wahnsinn ist doch: ich kaufe von einem Polen Klaus Dingers Musik und seh ihn dann urplötzlich im Fernsehen und einen Tag später treffe ich ihn am Rhein, und er hat dieses Rheinpseudonym und ich heiße ja Klose, das kommt aus Schlesien, jetzt also Polen, und ist eine Kurzform für Nikolaus. Das ist doch Wahnsinn, oder? Das hat mich damals jedenfalls ganz schön mitgenommen, ich meine, das gibt’s doch eigentlich garnicht. Und Klaus Dinger, der lebt ja heut nicht mehr. Was sagen Sie dazu?“ Danke, Herr Klose, ich habe ihre Geschichte notiert. Sie wissen ja, ich bin Literat und werde sie daher mit Sicherheit verfälschen.