Presserückschau (April 2017)

1
Blick in den Himmel
“Auf drei „Himmelsliegen“ bequem Platz nehmen und den Blick zum Himmel oder über den Rhein richten können Spaziergänger neuerdings am Skulpturenweg in der Schmittenau. Die im Übergangsgebiet zwischen Rhein-Camping und VfB-Platz erhöht über dem Rheinufer stehenden Liegen sind ein weiteres Teil des Projekts „Perlen an Rhein und Wutach“, mit dem das Stadtplanungsamt Punkte in den Blick der Öffentlichkeit rückt, welche die städtischen Freiräume besonders prägen.

2
Fleischschmuggel in der Tram
“Nicht nur auf die Autofahrer, die nach dem Einkauf in Weil am Rhein und Umgebung zurück in die Schweiz fahren, werfen die Grenzwächter ein besonderes Auge, sondern auch auf die Fahrgäste in der Straßenbahn auf der grenzüberschreitenden Tramlinie 8. Dies verdeutlicht Patrick Gantenbein, Informationsbeauftragter der Grenzwachtregion I in Basel (…). Ja, es ist leider so, dass (…) regelmäßig versucht wird, Waren vom Ausland an der Schweizer Grenzwache vorbei nach Basel zu bringen, ohne die entsprechende korrekte Zollabfertigung zu machen. Die Bandbreite der Schmuggler ist dabei wirklich groß. Die setzt sich zusammen aus Schweizer und in der Schweiz wohnenden Ausländern, aus Frauen und Männern aus allen sozialen Schichten und aus allen Altersgruppen. (…) Bei unseren Kontrollen ertappen wir regelmäßig Schmuggler in der Tramlinie 8. (…) Da werden schon mal mehrere Kilogramm Fleisch in einem Einkaufstrolly verstaut und versucht, diese unverzollt über die Grenze bringen. (…)” (Weiler Zeitung)

3
Deutsch-französische Tram
“Zu den Klängen der Europahymne haben die Grenzstädte Straßburg und Kehl am Rhein ihre gemeinsame Tram gestartet. Es sei heute, wo Europa in Frage gestellt wird, wichtiger denn je, starke Signale zu geben, sagte Kanzleramtsminister Peter Altmaier auf Französisch vor der Jungfernfahrt. Er betonte, dass man trotz der wegen der Flüchtlingskrise wieder eingeführten Grenzkontrollen den Grundsatz offener Grenzen verteidigen müsse.” (Südost-News)

4
Atomkatastrofenprofylaxe
“In Belgien ist es keine Frage. Dort wird bereits an einem Plan gearbeitet, Jodtabletten prophylaktisch zu verteilen. Dies ist eine Sicherheitsvorkehrung, denn die Angst vor einem nuklearen Unfall im maroden Atomkraftwerk Tihange bei Lüttich wächst. Aber nicht nur der belgischen Bevölkerung ist mulmig. Auch im deutsch-belgischen Grenzgebiet werden Katastrophenszenarien erörtert und Vorsorgepläne geschmiedet. Im Zentrum steht dabei derzeit die Verteilung von Kaliumiodidtabletten, im Volksmund schlicht Jodtabletten genannt. Alle Umland-Kreise, die Stadt Aachen, die Städteregion, die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg beabsichtigen, die Tabletten schon vor einem möglichen Unfall an die Bevölkerung auszugeben.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

5
Bonner Blubbern
“Es plätschert und blubbert mitten im Rhein. Am (…) Ostersonntag war vom Rheinufer aus auf Höhe des Kameha Grand Hotels ein rätselhaftes Phänomen zu beobachten. Fast sieht es so aus, als hätte jemand den Stöpsel im Rheinbett gezogen. 8…) War etwa der weiße Beluga-Wal zurückgekehrt, der sich am 18. Mai 1966 im Rhein verirrt hatte und auf den Namen Moby Dick getauft wurde? Versteckt sich in den Tiefen des Rheinbetts etwa ein Ungeheuer, gar ein ferner Verwandter des Monsters von Loch Ness? Oder gibt es gar ein Gasleck in einer Leitung, die sich unter dem Rhein verbirgt? Des Rätsels Lösung ist glücklicherweise weitaus weniger spektakulär. Nach sorgsamer Recherche erklärt die Stadt, das “Geblubber” werde durch den Ablauf der Kläranlage Bad Godesberg verursacht.” (General-Anzeiger)

6
Schafrettung
“Die Kölner Feuerwehr ist (…) zum Rhein gerufen worden. Ein Schaf stand bis zu den Schultern im Wasser. Es kam nicht mehr allein heraus. (…) Das Schaf hing in Höhe der Westhovener Aue in den Steinen der Uferbefestigung mit einem Bein fest. Es konnte sich laut Feuerwehr nicht selbst befreien und war schwer erschöpft, als die Einsatzkräfte eintrafen. Die Feuerwehrleute retteten das Tier aus seiner misslichen Lage und umwickelten es mit Decken, damit es sich aufwärmen konnte. Der Schäfer nahm es schließlich wieder in Empfang.” (Rheinische Post)

7
Brennendes Auto
“Ein brennendes Auto ist in Köln-Merkenich (…) in den Rhein gerollt und von der Feuerwehr geborgen worden. Ein Schiffskapitän habe beobachtet, wie der Wagen am Hitdorfer Fährweg neben der Zufahrt zur Autofähre Langel ins Wasser gefallen sei (…). Der Vorfall ereignete sich (…) gegen 3.20 Uhr. (…) Das Auto sei bei der Bergung leer gewesen (…). Bei Eintreffen der Rettungskräfte sei ein weiteres Auto weggefahren.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

8
Adenauers letzter Weg
“Die meisten anderen Ereignisse am Sterbeort finden vor den Augen der Rhöndorfer statt – und finden sofort ihre Kanäle in die Weltöffentlichkeit. Vielfach wird etwa beschrieben, wie der Kölner Kardinal Frings vor der Überführung ins Palais Schaumburg am 22. April (1967; Anm.; rheinsein) am Wohnhaus eintrifft, um mit der Familie am Sarg zu beten. Ins Kanzleramt bringt den Toten die einzige Lafette, über die der Bundesgrenzschutz verfügt. Adenauer nimmt denselben Weg wie zu seiner Amtszeit als Kanzler: Königswinter, Dollendorf, mit der Fähre über den Rhein und durch Plittersdorf zum Bundeskanzleramt. Tausende Menschen säumen die Strecke. Schulklassen, Sportvereine, Bergleute stehen Spalier. Schützen bilden unter Trommelwirbel die Ehrenwache an der Einfahrt zum Palais Schaumburg, wo der Leichnam übers Wochenende aufgebahrt und in der Nacht zu Montag über die Autobahn in den Kölner Dom überführt wird. Vor dem Vierungsaltar bleibt der Sarg stehen. Zehntausende Kölner nutzen dort die Gelegenheit, von ihrem Ehrenbürger Abschied zu nehmen.” (General-Anzeiger)

9
Rheintote
“Einsatzkräfte der Feuerwehr haben (…) eine Wasserleiche aus dem Rhein geborgen. Passanten (auf der Kennedybrücke) bemerkten den leblosen Körper im Wasser. (…) Dank eines Kayakfahrers, der ebenfalls auf die Person aufmerksam geworden war und die Fundstelle markierte, konnten Löschboote aus Bonn und Niederkassel den Mann schnell an Land bringen. (…) Vermutlich (…) sei der Tote bereits längere Zeit im Rhein getrieben. Die Polizei ist nun dabei, die Identität der Wasserleiche zu klären.” (General-Anzeiger)

“Die Feuerwehr Köln hat (…) eine Person leblos aus dem Rheinauhafen geborgen worden. Trotz sofortiger Reanimation durch Rettungskräfte und Notarzt starb der Mann noch im Rettungswagen. Ein Zeuge hatte die Feuerwehr alarmiert, nachdem die Person im Wasser verschwunden war. Mehrere Löschfahrzeuge inklusive einer Tauchergruppe, das Lösch- und Rettungsboot sowie der Rettungshubschrauber waren im Einsatz. (…) Ob es sich um einen Suizid oder Leichtsinn handelt, ist nicht bekannt.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Eine Leiche ist (…)aus dem Rhein bei Geiswasser (Höhe Niederrimsingen) geborgen worden. Dabei handelt es sich nach Angaben der deutschen Polizei mit großer Wahrscheinlichkeit um den vermissten 36-jährigen Gleitschirmflieger aus Freiburg. Taucher der französischen Polizei haben eine männliche Person vier Kilometer nördlich von Geiswasser auf französischem Hoheitsgebiet im Rheinseitenkanal gefunden. Derzeit klären die französischen Behörden die Identität der Person.” (Badische Zeitung)

“Bei einem Ruder-Ausflug (…) ist ein 69-jähriger Mann in Köln-Stammheim tödlich verünglückt. Der Polizei zufolge wollte das Opfer gegen zehn Uhr in ein Boot einsteigen und mit den Vereinsmitgliedern von „RTHC Bayer Leverkusen“ über den Rhein rudern. Plötzliche Krämpfe führten dazu, dass er ins Wasser stürzte. Eine Kollegin sprang ihm hinterher. Doch erst 50 Meter weiter stromabwärts bekam sie den Ruderer zu fassen. Passanten halfen der Frau den 69-Jährigen ans Ufer zu ziehen. Ein Notarzt wurde per Rettungshubschrauber hinzugerufen. Die Wiederbelebungsversuche durch eine Herzrythmusmassage blieben erfolglos.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

Auf den Spuren Willy Brandts (9)

bonn_willy-brandt-alleeIn Bonn, von wo er in den Jahren 1969 bis 1974 die Bundesrepublik regierte, ist nach Willy Brandt eine Allee benannt, die durch das ehemalige Regierungs-, heute: Bundesviertel führt. Sie deckt einen Teil der sogenannten Museumsmeile ab. Eine verhältnismäßig bedeutende Trasse im Vergleich der sonst nach Brandt benannten öffentlichen Orte, zugleich Abschnitt der Bundesstraße 9 entlang des Rheins vom Westrand Deutschlands in Kranenburg nach Lauterbourg am nordöstlichsten Zipfel Frankreichs.

bonn_tDen Eingang der Willy-Brandt-Allee überwacht mit leeren Augen, einem tätowierten T (für Träne) und seiner auf dem Foto nicht sichtbaren, weil über den ansonsten kahlen Schädel nach hinten frisierten Mercedesstern-Tolle das zum Abriß freigegebene Bonn-Center.

Von der Innenstadt betrachtet, setzt die Willy-Brandt-Allee die Adenauerallee fort und geht in die Friedrich-Ebert-Allee über. Die breit angelegte Straße mit zweispuriger Fahrbahn, Radweg und Bürgersteig wird zudem von einer U-Bahnlinie untertunnelt. Ästhetische Mängel der Nord-Süd-Flucht verbinden sich in Bonn daher nicht allein mit Willy Brandts Namen, sondern verteilen sich zusätzlich auf die vorgenannten Schultern.

bonn_heussDem einst verwirrend großen Auflauf namhafter Politiker im kleinen Bundesdorf Bonn mag geschuldet sein, daß statt Willy Brandt Theodor Heuss in der Willy-Brandt-Allee die Passanten grüßt.

bonn_brdDas Plakat auf der Museumsmeile ist weder Kunst noch Fake, sondern ernst gemeint: “Der 67. Ord. Bundesparteitag der Freien Demokraten stand unter dem Motto Beta Republik Deutschland. Der Gedanke dahinter: Auch bei der Digitalisierung stehen wir für German Mut. Das heißt: Ausprobieren. Austesten. Auch wenn es nicht sofort perfekt ist. Beta eben.”

bonn_gnade und gefahrWeitere Spruchweisheiten mit Anleihen bei Politik und Poesie sind auf den verglasten Eingängen zur Unterwelt angebracht.

bonn_rheinwegEine wie für rheinsein erdachte Koinzidenz: Am Haus der Geschichte (linker Bildrand) mündet, unter für das winterliche Rheinland typischem Leichentuchhimmel, der Rheinweg in die Willy-Brandt-Allee.

Auf den Spuren Willy Brandts (5)

fr_willy brandt alleeIn Freiburg im Breisgau liegt zentral der Konrad-Adenauer-Platz, die Willy-Brandt-Allee durchzieht das perifere Rieselfeld, eine Neubausiedlung, die sich festungsähnlich gegen die Stadt, deren Teil sie ist, abgrenzt. Zwar bildet auch die Willy-Brandt-Allee im Rieselfeld keine zentrale Achse (das ist die Rieselfeldallee), doch von allen Willy-Brandt-Alleen, die wir bislang an der Rheinschiene sahen, ist die Rieselfelder die mit Abstand sympathischste und architektonisch beachtenswerteste. Neben funktionalen Wohnbauten entdeckten wir ein asiatisches Restaurant mit roten Lampions, das weithin strahlende Logo eines LIDL-Markts, das gewölbte, rasenbewachsene Dach einer Sporthalle, das vielen Rieselfeldern als Aussichtspunkt auf ihre Willy-Brandt-Allee dient (auf dem Skifahren allerdings ebenso wie der Aufenthalt während Gewittern verboten ist) und nicht zuletzt die Maria-Magdalena-Kirche, die in stilvoll erschlagender Hochbunkerhaftigkeit einen staubigen, weitläufigen Platz beschließt, an dessen anderem Ende ein ebenfalls klobiges Gebäude allerlei Kurzweil für die wissbegierige Jugend verheißt.fr_willy brandt allee_3

Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

klaus pechstein

Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

drachenfels_erzählautomat

unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

Unkel (2)

unkel_willy brandt gedenktafelPetrifizierter Bundeskanzler (Holozän)

Von Unkel war uns bis dato hauptsächlich bekannt, daß Willy Brandt (auf dessen Spuren wir uns für rheinsein gelegentlich begeben) (1) dort seinen letzten Wohnsitz nahm. Wir erreichten das Städtchen, dessen Name nach einer märchenhaften Mischung aus Unke und Onkel klingt, von Rheinbreitbach kommend über den lauschigen Fußpfad entlang des Flußufers, der in Unkel in ummauerte Parkanlagen und die lokale Rheinpromenade mündet. Kurz vor Erreichen Unkels fielen zahlreiche wild an Bäume und Pfähle geklebte Fahndungszettel ins Auge, die ohne nähere Begründung zu Informationen über eine durchschnittlich aussehende, durchschnittlich alte Frau mit normal aussehendem Schäferhund aufriefen, die einen Tag zuvor am Rheinufer erblickt worden sein soll. Auf Unkeler Gebiet wurden die sauber angefertigten, privaten Denunziationsaufrufe ergänzt um städtische Schilder voller Eigenlob für die Um- und Weitsicht der Lokalpolitik. Auf der Unkeler Promenade fand gerade ein Kunst-Handwerk-Design-Markt statt, stark bevölkert von durchschnittlich aussehenden Frauen durchschnittlichen Alters. Die Promenade, mithin die schönste Passage Unkels, ist, das war auffällig, nicht nach Willy Brandt benannt, sondern nach Konrad Adenauer, der während der NS-Herrschaft ebenfalls für einige Monate in Unkel wohnte. Eine Willy-Brandt-Straße fanden wir in Unkel nicht, wohl aber ein Willy-Brandt-Forum, eine Willy-Brandt-Gedenktafel vor dem Rathaus und den Beethoven-Freiligrath-Brandt-Brunnen mit Bronzeschädeln der genannten, wobei Beethoven für Universalität, Freiligrath (2) für Freiheit und Brandt für Frieden einstünde. Ein wenig Fachwerk, gelecktes Pflaster, Petunien auf den Fensterborden und die Speisekarten der Gastronomie vermittelten den schnellen Gesamteindruck, daß Unkel mit seiner gepflegten Kulisse, dem Von-allem-nicht-zuviel-und-nicht-zu-wenig, dem zeitnah aktualisierten, in gedeckten Farben transportierten Geschmack eine ganz feine Nuance oberhalb des Massengeschmacks womöglich ein in der Brigitte-Redaktion entworfenes Städtchen vorstellen könnte, eine von störender Individualität (3) und Gegenwart befreite Gesamtfassade für einen perfekten Tag neutralen Glücks, am besten abgerundet mit dem Genuß einer Raffaello-Kugel. Als Ort, den man gesehen haben, an dem man gewesen sein muß, wurde Unkel noch in den Jugendjahren unserer Eltern bezeichnet – womöglich die letzte Generation mit dieser Einstellung.
unkel_gefängnisturm Laminierte Zeichnung am Gittertor des historischen Gefängnisturms, der in den Sommermonaten alle zwei Wochen für zwei Stunden zur Besichtigung geöffnet wird

(1) “In Unkel, wo Anfang der fünfziger Jahre Rotbäckchen, der erste Kinderfruchtsaft der Nation, erfunden wurde und bis heute weit über das Rheinland hinaus getrunken wird, hatte Willy Brandt am Rheinufer sein Häuschen. “Unkel Willy”, so nannte man Brandt am Ende seines Lebens.” (Gisbert Baltes: Rheinland, Hamburg 2012)
(2) “Fahr am Rheine auf und nieder / geh’ zu Fuße kreuz und quer; ein Unkel findest du nicht wieder – / ein solches Plätzchen gibt´s nicht mehr.” (Freiligrath)
(3) Affirmative Individualität: Beim Kleen, ehemals guinessbuchoffiziell kleinste Kneipe der Welt

Königswinter (2)

Dunkel gehaltene, großflächige Rheinpanoramadarstellung am Empfangsgebäude des Bahnhofs mit beherrschender Weinsymbolik und Drachensignet. Kreidetafeln an der angeschlossenen Bahnhofsgaststätte künden mit verwischten Schriftzügen von Pappbecherkaffeepreisen. Das zerbrochene DB-Logo über dem Gebäude könnte einem Steinwurf zum Opfer gefallen sein. Zwei frühe Biertrinker bevölkern als einzige Menschen den gepflegten Bahnhofsvorplatz.

königswinter_madenAuf der Hauptstraße, der lokalen Einkaufsmeile, begegnen wir einem Königspudel, der, als wäre er einer hundert Jahre alten Karikatur entsprungen, stolzierend den Einkaufsbeutel seines Herrchens im Maul trägt. Zu kaufen gibt es mehrere Häuser der Straße und eher seltene Ware wie z.B. Bienenmaden.

An das Schaufenster seines Teppichladens hat Ali Mohit eine kurze selbstverfaßte Chronologie der vergangenen fünf Jahrzehnte geklebt. 1963 habe ihm Konrad Adenauer beim Aufbau eines Sportclubs in Bad Honnef geholfen. Königswinter habe damals geboomt: “eine tolle Stadt mit gemütlichen Tanzlokalen, schönen Cafés und vielen interessanten Geschäften mit hochwertigen Waren”. Überall Touristen. Kutschfahrten durch die Stadt, Weihnachtsschmuck, angesehene Bürgergestalten. Doch heute habe die Stadt ihr schönes Gesicht verloren und sterbe: “Man sagt, dass die Drachen von Königswinter weinen, weil sie das Reich verloren haben. Es wurde viel gebaut, dadurch entstanden wenige Parkplätze.” Wer die Schuld am Niedergang der Stadt trage, wisse man nicht genau.

Dem patriotischen Dichter Wolfgang Müller von Königswinter hat die Stadt ein Denkmal in passender Größe samt Bahnhaltestelle errichtet. In den Sockelmarmor gemeißelt seine knackigen Versbekenntnisse: “Ich hielt am deutschen Wesen / Ich hielt an deutscher Art”, “Ich lieb und ehr vor allen mein deutsches Vaterland”, “Wo ich bin / Wo ich gehe / Mein Herz / Ist am Rhein”. Weiter stadtauswärts der Gemüthlichkeitsbrunnen wurde mit einem anonymen Appell an die Mehrheit, der Gemütlichkeit abzuschwören bedacht.

Bad Honnef

Fassade der Bad Honnefer Diskothek Rheinsubstanz, die 2014 wegen eines mysteriösen Todesfalls in den Blickpunkt geriet

Die Rhein-Meditation vorzustellen, waren wir vergangenen Donnerstag nach Bad Honnef unterhalb des Siebengebirges gefahren. Eingeplant war ein ausführlicher Stadtrundgang vor Veranstaltungsbeginn. Aufgrund des Kölner Feierabendverkehrs, der uns nur unwillig aus seinen Klauen entließ, wurde es ein kurzer. Zuletzt hatten wir das Kurstädtchen vor sechs Jahren betreten und waren bei unseren Erkundungen in einer scheinbar endlos sich wiederholenden Villengegend steckengeblieben. Tatsächlich ist Bad Honnef etwas ungewöhnlich strukturiert. Stadtzentrum und Rhein sind durch besagtes (diesmal überschaubar wirkendes) Villenviertel, sowie die B 42 getrennt, der Fluß mit der als Park ausgestalteten Insel Grafenwerth direkt nur über zwei Fußgängerbrücken, die eine über die Bundesstraße, die andere, an deren Laternenpfählen Edward Snowden-Sticker-Portraits Richtung Drachenfels blickten, über einen stillen Flußarm erreichbar. Auch am Nordrand der Stadt führt eine Fußgängerbrücke an den Fluß, im Süden eine Straßenbrücke. Dazwischen klaffen, von der mittleren Brücke betrachtet, ansehnliche Anbindungslücken, weswegen wir die Existenz der ein oder anderen Unterführung vermuten. Die Trennung von Stadt und Rheinader jedenfalls wirkt markant und tatsächlich erweckt die Rheininsel mit ihren Grünflächen und dem Biergarten den Eindruck eines Freizeitparks, einer eigenen Welt mit immer noch teilgültigen Blickwinkeln auf die alten, düsterromantischen Rheinschinken von Turner und Konsorten. Wo also im Regelfall die Unterstadt mit Arbeiter- und Handwerkerstraßenzügen aufwartet, stehen in Bad Honnef erwähnte Villen, oberhalb derer der vom Rhein kommende Besucher nicht unbedingt mehr ein Zentrum erwartet, das jedoch existiert, inklusive Fußgängerzone, Gastronomiezeile und zur Nacht, um Punkt zehn Uhr, zu den Glockenschlägen von St. Johann Baptist erlöschenden Fassadenstrahlern. Auffällig in der Gastronomie die Bezugname auf die Stadtregierung: Altes Rathaus, Ayuntamiento (spanisch für Rathaus), Burgermeisterei. Unterhalb des Neuen Rathauses hatten wir geparkt; im rundumverglasten Kunstraum, ebenfalls ans Neue Rathaus gekoppelt, sollte die Lesung stattfinden. Neben dem Kunstraum angebracht eine Stele mit “bedeutenden Besuchern” der Stadt:

Besonders gefielen uns neben den Auslassungen für die Lebensdaten bei den noch Atmenden die Schlußkommata und Absatzgrößen. Wenigstens in Bad Honnef ist der Gedanke an eine Zeit nach Angela Merkel nicht nur möglich, sondern sogar in Marmor gehauen. Eigentlich hätten wir, z.B., Guillaume Apollinaire auf solch einer Honnefer Stele erwartet, der von 1901 auf 1902 ein ganzes Jahr in der Stadt zubrachte und dort seine Rhénanes verfaßte, doch die  Stele beherbergt als “Persönlichkeiten” ausschließlich Politiker in höchsten Staatsämtern ab der Ägide Adenauers. Wir sahen desweiteren: Magnolien in den Vorgärten blühen und die Steinskulptur eines betrunkenen, an eine Straßenleuchte sich klammernden Rheinländers im Zentrum. Mehr Zeit war nicht gegeben, auf die Minute pünktlich erreichten wir unsere Veranstaltung, die in die Umgebung einer noch nicht eröffneten Ausstellung von Hilmar Röner eingebettet war. Als besonderer Eyecatcher wachte somit über Bühne und Publikum ein Ladyjesus in verschiedener Ausfertigung: Bilder, von denen heilige Strahlung in die Dämmerung hineindimmte und unsere Meditation mit vertrackten Signalen unterspülte. Teilen des Bad Honnefer Publikums waren wir übrigens nicht ganz unbekannt: eine Dame erzählte, daß sie uns im Februar im WDR-Radio aus der Meditation habe vortragen hören, ein weiterer Besucher zeigte sich mit rheinsein vertraut. Von Rathaus zu Rathaus beschlossen wir den Abend auf der Marktterrasse des Ayuntamiento, bekannt als “der Mexikaner” und letzte Innenstadthoffnung, nach St. Johann Baptists wunderbar scheppernd-mahnendem 10-Uhr-Nachtglockenschlaghagel noch ein Getränk serviert zu bekommen. Unser Wagen war da bereits längst im Parkhaus eingeschlossen.

Auf den Spuren Willy Brandts (4)


Die Willy-Brandt-Allee in Andernach als ausgemacht häßlich zu bezeichnen würde den Punkt nicht treffen. Sie ist nicht häßlicher als benachbarte Straßen des mit historischen Bauten und heimeligen Ecken ebenso wie mit einer riesigen Brachfläche im Zentrum gesegneten Rheinstädtchens, das zu den ältesten Deutschlands zählt. Bemerkenswert ist vielmehr ihre Länge und Lage, vor allem im Vergleich zur Konrad-Adenauer-Allee, der in Andernach wesentlich größere Bedeutung zukommt. Die kurze, nach Willy Brandt benannte Allee zweigt von der zentralen, rheinseits die gesamte Innenstadt flankierende, nach Adenauer benannten Achse in die Randlage eines Wohngebiets. Auf die Konrad-Adenauer-Allee stoßen Andernachs Besucher unweigerlich, die Willy-Brandt-Allee müssen sie finden. Ihr Alleegedanke manifestiert sich in wenigen, vom Straßenrand zurückgenommenen Bäumchen, die als karge Schattenspender für die auffällige Parkplatzreihe dienen. Schilder weisen die Allee als Spielstraße aus, doch ihr Spielwert wirkt bescheiden. In der Frühjahrssonne machte sie einen für Neubausiedlungen typischen, depressiven Eindruck: zu clean die Fassaden, zu glatt der Asfalt, zu hell der Tag, angemischt mit bedrückender Leere unter Baumgerippen – eine von Melancholie bereinigte Starktristesse, die nicht einmal für ein Gemälde  im Stile Edward Hoppers taugte.

Möllemer Böötche

müllemer-böötche

Das Rheinhochwasser erschwert den Zugang zum Möllemer Böötche am Zoobrückenanleger, die Passagiere zieht es zur Sicherheit aufs Oberdeck. Das “Möllemer Böötche” sind in Wirklichkeit mehrere Boote (hier die Colonia 5), die unablässig zwischen Mülheimer Anleger und Kölner Dom hin und her pendeln. Sie entstammen einem erstaunlichen Lied von Karl Berbuer aus dem Jahre 1936: Heidewitzka, Herr Kapitän – das in den 50er Jahren Konrad Adenauer bei einem Staatsempfang in den USA als Ersatz für die nach dem Zweiten Weltkrieg zwischenzeitlich ausgesetzte Nationalhymne von Haydn/von Fallersleben vorgespielt worden sein soll. In weiten Teilen Kölns gilt Berbuers Lied bis heute als ideale, respektive als eigentliche Nationalhymne. Dabei ist die Bedeutung schon des Eingangswortes unklar. Immerhin existieren zahlreiche etymologische Spekulationen, so zu finden auf den Seiten der Akademie för uns kölsche Sproch. Den Liedtext entnehmen wir der ripuarischen Wikipedia:

Heidewitzka, Herr Kapitän
Mem Möllemer Böötche fahre mer su jän,
mer kann su schön em Dunkle schunkele
wenn üvver uns de Stääne funkele
Heidewitzka, Herr Kapitän
Mem Müllemer Böötche fahre mer su jän.

Eimol em Johr dann weed en Scheffstour jemaht,
denn su en Faht, hät keinen Baat.
Eimol em Johr well mer der Drachenfels sin
wo köme mer söns hin?
Liebchen ade, mer stechen he
mem Möllemer Böötche endlich en See,
un wenn et ovends spät op Heim ahn dann jeiht,
dann rofe mer vör luter Freud:

Heidewitzka, Här Kapitän…

Volldampf voraus! Et jeiht d’r Rhing jetzt entlang
met Sang un Klang, de Fesch wähde bang,
met hundert Knöddele dat litt klor ob d’r Hand,
wink uns et blaue Band.
Süch ens d’r Schmitz, met singem Fitz,
die sin ald jetz su voll wie an Spritz,
hä fällt dem Zigarettenboy öm d’r Hals
brüllt met’ner Stemm su voller Schmalz:

Heidewitzka, Här Kapitän…

Jung, ob dem Scheff ham’mer ald Windstärke 11,
bal Halver Zwölf un jar kein Hölf,
selvs de Frau Dotz, die met dem Wallfeschformat,
wood dovun seekrank jrad.
Heimlich un stell bütz doch dat Bell
en der Kajütt ne knochije Böll,
nä et wed Zick met uns, mer müsse ahn Land,
mer sin jo wie us Rand und Band.

Brauweiler

Heute Nacht bekam ich von Martin Baumgärtner vom Rheinkolleg in Speyer einen Hinweis auf den tausendjährigen Brauweiler Maulbeerbaum – zu finden im Rahmen der Serie „Geschichten der Verbundenheit“ der Regionale 2010. Später am Tag: das Wetter hübschte unaufhaltsam vor sich hin, dazu passend setzte der Baulärm im Hof nach halbjähriger Pause wieder ein, also schwang ich mich aufs Rad, mir besagten Maulbeerbaum genauer anzuschaun. Um mich rum überall erwachendes Leben: der erste Star hüpfte durchs Gebüsch, die früheste Feuerwanze schleppte ihren grellen Schild übern Asfalt. Ich fuhr ohne Karte, nur an den Gestirnen orientiert, dh, an der Sonne, den Domspitzen und den Kühltürmen der Kraftwerke in der Periferie. So querte ich jede Menge Waldstreifen, Sackgassen, Trampelpfade, Baugruben und immer wieder Industriegebiete mit ihren lebenspendenden Freßverschlägen: Colonia Imbiss, oder, kreativer: Müllers heiße Kiste. Am Ende gelangte ich schließlich und tatsächlich nach Brauweiler und fand den umgitterten tausendjährigen Maulbeerbaum (Morus nigra) an genau der Stelle, wo ursprünglich die St. Medardus geweihte Holzkapelle stand, die Pfalzgraf Hermann um 980 n. Chr. in Stein erneuern ließ, wie mich eine davor aufgestellte Informationstafel belehrte. Sonderlich tausendjährig sah es nicht aus, das vertrocknete Holzgewure, aus dem es jedoch trotzig knospte und sproß: das Wunder des Frühlings und der Selbstregeneration Gottes heiliger Gewächse. Hummeln im Tiefflug brummten über die Wiesen des Abteiparks. Gelblich-grüner Regen tropfte von aufgeräumten Weidenzweigen, auch die Gänseblümchen schauten wieder halbwegs zufrieden aus den safttankenden Rasenflächen. „Seit 1864 diente das heutige Bürohaus für rund hundert Jahre der Arbeitsanstalt als Frauenhaus für „Arbeitsscheue“, Diebinnen, Prostituierte und Trinkerinnen.“ Noch so eine historische Lehrtafel, unweit des Gedenksteins für die Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt, auch Adenauer soll in einem offenbar nicht mehr existenten Trakt des stark an gängige Schulen erinnernden Gebäudes, von der Gestapo genutzt, eingesessen haben. Brauweiler, um die zentrale Abtei gruppiert, entpuppt sich als seltsamer Ort einer ewig im Aufbruch befindlichen Moderne, krude Bilderstöcke vis à vis Kondomautomaten, die ortsansässige Gourmet Lounge steht im Zeichen des Dönerkegels, im braunlichten Brauhaus rotieren die Münzspielautomaten, das San Remo bietet exotische Eissorten in chemisch-leuchtenden Farben, der Frauenfußball wird auf hohem Niveau gepflegt. Ich tastete mich dann noch durch den Dämmer der Abteikirche, die wie so viele rheinische Kirchen nach St. Nikolaus benannt ist, naiv gearbeitete Nischenheilige im Foyer, dem Schutzheiligen der Radfahrer steckte ich einen innigen Gruß und machte mich auf den Rückweg entlang der Landstraße.

Übers Siebengebirge auf den Rhein

Zu Dielhelms zweiter Auflage war das Nibelungenlied noch auf ein gutes Jahrzehnt unbekannt bzw verschollen. Der Fund der ersten Handschriften (A und C) zu Hohenems datiert auf 1755 und 1759. So mißt der Rheinische Antiquarius dem Drachenfels auch keine besondere mythische Bedeutung bei. Das komplette Siebengebirge wird sehr knapp abgehandelt: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenante Siebengebürge, lat. Mons Siebenus oder Siberius, und ehedessen Mons Rheticus genant. Es erstrekt sich selbiges neben dem Rhein bis gegen Bonn, und besteht eigentlich aus sieben aneinander hangenden Bergen, davon immer einer höher als der andere ist. Oben darauf haben vormals sieben Bürge oder Schlösser gestanden, von denen aber heut zu Tage die mehresten nur noch alte Bruchstücker zerfallener Mauren aufweisen, und Dadenberg, Plankenberg, Löwenburg, und Wolkenberg heissen. Den letzten Berg als den allerhöchen soll man darum also genennet haben, weil er nicht anders anzusehen gewesen, als sties er an die Wolken. Die drey letztern benamet man Drachenfels, Mahlberg und Stromberg. Jetziger Zeit findet man schöne Wiesen und Felder darauf, unten her aber den Wurzeln dieser Berge, und zwar nahe am Rhein sind die schönsten Schiefer= und andere Steinbrüche zu betrachten.“ Vom Drachenfels selbst geht’s klassischerweise auf Trampelpfaden, vorbei am Ulanendenkmal für ein badisches Regiment samt Buchsbaumhecke in Form des Eisernen Kreuzes, vorbei an steilen Weinbauflächen den neuerdings als Rheinsteig ausgewiesenen Weg bergab nach Rhöndorf, wo nebst Adenauer auch der Hund begraben liegt. Immerhin, von dort ist es nicht mehr weit bis zu den Inseln. Überm linken Ufer dreht sich langsam der Rolandsbogen mit der Erdrotation, verengt und verbreitert sein Tor. An der oberirdischen U-Bahn-Haltestelle Bad Honnef-Am Spitzenbach plätschert ein vermutlich gleichnamiges Gewässer in den Rhein. Zur Rheininsel Grafenwerth führt eine Fußgängerbrücke, auf deren Mitte ein freakiger Musikus sein imposantes Keyboard gerollt hat, um das allgemeine Wochenendwandeln treffsicher mit flauen Melodien zu untermalen. Daß er keine Sozialhilfe bekäme, steht auf einem Pappschild und er ein Wanderer sei. Nächst der Insel scheint er wohlbekannt. Auf dem mindestens scheintot wirkenden Rheinarm, der Grafenwerth rechts umfließt(?), dümpelt ein schwarzer Aalschokker, seit ewig und drei Tagen ausrangiert, kompakte kleine Jugendliche tragen eine Kiste Kölsch an den Strand, sie kommunizieren per Zischlauten, auch Buchfinken pfeifen und hüpfen herum, hinterm Rolandsbogen verschwindet die Sonne, nicht ohne sich mit einigen besonders ausgewählten Tönen zur Nacht abzupudern, auf dem Rhein schwimmen romantische Lichtreflexe, verweben sich einander zu etwas, das man sonst nur aus alten Gedichten kennt. Die Gesamtstimmung ist videoüberwacht. Das Leben leicht. Die Beine schwer. Wer auf uns aufpaßt? Irgendwer.