Der Führer am Rhein (2)

Ob der Führer den Rhein (und seinen Bewohner, den Rheinländer, worüber im Rheinland durchaus gestriten wird) nun mochte oder nicht: in „Mein Kampf“ taucht der Suchbegriff nur an wenigen Stellen auf. Hitler sah demnach den „deutschen Strom der Ströme“ zum ersten Mal auf seinem Weg als Kriegsfreiwilliger in den Ersten Weltkrieg nach Flandern und schreibt von „stillen Wellen“, „zartem Schleier des Frühnebels“, „milden Strahlen der ersten Sonne“, die den Anblick des Niederwalddenkmals begleiten, während er als junger Schnauzbart und Teil endloser, “Die Wacht am Rhein” schmetternder Kolonnen dem Kitsch der Kriegsromantik erliegt. In Flandern angelangt, kühlt seine Kriegsbegeisterung mit der Zeit merklich ab, „der überschwengliche Jubel wurde erstickt von Todesangst“. Die weiteren Erwähnungen des Rheins fallen überwiegend in einigermaßen verworrenen Zusammenhang mit dem Bösen – letzteres in Hitlers verschriftlichter Gedankenwelt bekanntlich gern manifestiert von Franzosen einerseits, Juden andererseits, und den von beiden „unerbittlichen“ Todfeinden jeweils instrumentierten Afrikanern. In des künftigen Führers um Klarheit ringenden Hirn lauern schwarzhaarige Judenjungen stundenlang mit satanischer Freude im Gesicht auf ahnungslose deutsche Mädchen, auch schaffen die Juden den Neger an den Rhein, mit dem leicht paradoxen Ziel, die weiße Rasse erst zu zerstören und dann zu beherrschen. Profetische Worte vor den Zeiten von Europäischer Union und Globalisierung: „Ganz gleich, wer in Frankreich regierte oder regieren wird, ob Bourbonen oder Jakobiner, Napoleoniden oder bürgerliche Demokraten, klerikale Republikaner oder rote Bolschewisten: das Schlußziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer der Versuch einer Besitzergreifung der Rheingrenze sein und einer Sicherung dieses Stromes für Frankreich durch ein aufgelöstes und zertrümmertes Deutschland.“ Die schleichende „Vernegerung“ Frankreichs geschieht in Hitlers Analyse aus „der sadistisch-perversen Rachsucht dieses chauvinistischen Erbfeindes“, die „Verpestung durch Negerblut“ über den nahen Rhein zu exportieren. Bevor stünde ein gewaltiges Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo, von niederer=durchmischter Rasse immerhin: „erfüllt“.

Rhein vs Kongo

Auf Arte lief gestern der beeindruckende Dokumentarfilm “Congo River, au-delà des ténèbres” von Thierry Michel. Falls der Rhein in seiner Gesamtheit jemals heilig oder göttlich war (beinah sämtliche alten Zeugnisse gehen davon aus und bis in die aufgeklärte Welt hinein finden sich einige wenige gültige Mythen und solche Flußstellen, an denen Heiligkeit und Göttlichkeit möglich scheinen), so ist er doch ein überwiegend bezwungener – im Vergleich zum nach wie vor höchst göttlich-mystisch-freien Kongo, insbesondere wenn Lokua Kanza zum Soundtrack beiträgt, und dieser Fluß sich wie eine selbst aus Wasser und Schlamm bestehende Wasserschlange voran- und hin- und her- und umwälzt und das Leben im Herzen der Finsternis aufschlägt, anschwellen läßt und richtet. Ob es am Rhein einst ähnlich ausgesehen haben könnte? In Lisala zerfällt Mobutus Rückzugspalast, in Xanten soll es einst einen gigantischen Königshof gegeben haben. Die Schlafkrankheit grassiert entlang des Kongo, der Rhein kannte einst die Malaria und wird sie vielleicht schon bald wieder kennenlernen. Die Klagen über die Menschen, die der Strom zu sich nahm bzw leblos ausspuckte, und die Bitten um sichere Passagen – bei letzteren erstaunt der beidseitige Katholizismus, der, sozusagen unter umgekehrten Vorzeichen, im heutigen Kongo nochmal in seine europäische Vergangenheit verfrachtet erscheint. Die schwimmende Stadt, die der Filmemacher über Wochen beim Hinabtreiben und Steckenbleiben im Flußsand begleitet, erinnert deutlich an die Beschreibungen der großen Rheinflöße. Nur zu einer Passage fällt mir keine Parallele ein: irgendwo am Ufer steht, stark vom Busch umstellt, eine Universität, in der ein einziger Professor die nach und nach zu Staub zerfallende botanische Sammlung hütet. Nicht mehr lang, und die tropische Pflanzenwelt wird sich das Detailwissen um sie selbst wieder organisch einverleibt haben. (Oder war da noch etwas mit dem Kölner Stadtarchiv?)