so flüchtig wie die Stromwelle

Bonn, Ende Februar 1865

Liebe Mama und Lisbeth,

ich erzähle Euch nun einiges über meine letzten Erlebnisse. Das, was seit einigen Wochen alle Köpfe in den Rheinlanden beunruhigt hat, ist der große kölnische Carneval, an dem ich mich aber durchaus nicht betheiligt habe, und zwar aus allen möglichen Gründen, jedenfalls zum größten Erstaunen meiner Bekannten und Freunde. Ich bin vielmehr während dieser Tage bei Deussens gewesen, wo ich doch das fand, was man ein Semester lang entbehrt hat, nämlich Familienleben. Wir sind viel zu Fuß gegangen, was bei dem unergründlichen Schmutze etwas sagen will. Die Rückreise machten wir über Koblenz, das sich uns mit dem düstern stark befestigten Ehrenbreitstein, den unzähligen Lichtern, dem mächtigen Rheinstrom Abends um 10 Uhr sehr schön präsentirte. [...]
Euer Fritz

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Bonn am dritten Mai 1865

Liebe Mama und Lisbeth,

[...] Es ist ein wunderschöner Frühlingsmorgen; wir haben ein gleichmäßiges Wetter mit heißen Mittagen, schönen Abendsonnen und mäßig kühlen Nächten, wie es wohl zusammenstimmt mit den Blüthenbäumen und dem grünwogenden hellen Rheine. Wir benutzen häufig die Dampfschiffe, die jetzt schon bunte rheinreisende Fremde in reicher Anzahl auf und nieder führen. Für ein nicht zu blödes Gemüth findet sich Gelegenheit Bekanntschaften zu knüpfen, allerdings so flüchtig wie die Stromwelle. Noch mehr muthen mir Kahnpartien zu, wir haben ein paar Flaschen Wein mit darin, die Sonne ist untergegangen, und der Abendstern tritt hell an dem klaren Himmel herauf. Dann denken wir oft an das liebe Saalthal und singen “An der Saale kühlem Strande” [...]
Erwacht jetzt nicht auch in Euch die Reiselust? Ich wünschte Euch wohl einmal heran an den Rhein. [...]
Fritz

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

Neue Rheinmetropolen, leere Innenstädte, volle Innenstädte, der Hochwasserpapst

Fotobeweise wären an dieser Stelle schön und angebracht, doch kaum hatten wir die Rollplakate im Untergeschoß der KVB-Haltestelle Neusser Straße/Gürtel entdeckt, auf denen für günstige Thalys-Verbindungen nach Paris am Rhein und Brüssel am Rhein geworben wurde, waren sie schon wieder ausgetauscht, weswegen die kamerabewehrte Rückkehr an den Ort der Verkündung erfolglos bleiben mußte. Auch im Internet war die Kampagne nicht aufzufinden. Ob die vorschnelle Eingemeindung der französischen und belgischen Hauptstädte ins Gesamtrheinische für Proteste gesorgt hat? Wir wissen es nicht – falls wir es erfahren, geben wirs an dieser Stelle bekannt.

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Vergangenen Sonntag wurden in Koblenz am Rheinufer im Stadtteil Pfaffendorf eine 1,8 Tonnen-Luftmine und eine 125 Kilo-Fliegerbombe entschärft, sowie ein Faß mit Tarnnebel gesprengt. Es handelte sich um Niedrigwasser-Rheinfunde, die aus dem Zweiten Weltkrieg datierten. Für die Maßnahmen mußten 45.000 Koblenzer evakuiert werden – fast die Hälfte der Stadtbevölkerung. Die Evakuierung soll reibungslos vonstatten gegangen sein, auch sonst wurden kaum Unterschiede zu anderen Koblenzer Sonntagen vermeldet.

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Vorgestern in Bonn fanden wir die gesamte Innenstadt zum Weihnachtsmarkt umgebaut: unterschiedlich beschriftete Buden boten den überwiegend immergleichen Kunsthandwerkkitsch, Glühwein (in den auf Wunsch auch Schnaps geschüttet wird), heiße Maronen oder identische Fleischhappen und -lappen zu identischen Preisen. Visueller Höhepunkt ist dabei zweifellos das mithilfe von Zäunen umsperrte Beethoven-Denkmal, vor dem einige kleinere Weihnachtstannen herumliegen. Vom Mittelgang der Bretterbuden aus betrachtet wird Ludwig Vans mächtiges Künstlerhaupt nun von einem (abendlich sogar beleuchteten) Miniriesenrad umspielt, ein Anblick, der den Koloß seinem statischen Kontext entrückt, indem das Riesenradrotieren um Beethovens Schädel herum auf die Kompositionstätigkeit des Meisters zu weisen scheint.

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Der vom Kölner Express ernannte Hochwasser-Papst Reinhard Vogt weiß unterdessen: “Wirft man in Köln einen Kühlschrank in den Fluß, taucht der in Holland wieder auf.” Und was wird sonst noch so alles im Rhein gefunden, heiliger Hochwasservater? Vogt: “Möbel, Fernseher, Spielzeug, geklaute Mopeds und Autos. Ich hab mal ein paar Knochen gefunden. Vielleicht gibt`s demnächst ja einen Schatz.”

Bombenfunde

Der Rhein führt dieser Tage sein Jahrhundert-November-Niedrigwasser, was, so berichtet die Presse, gehäufte Sichtungen von Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg bewirke. Nachdem vergangenen Montag in Köln-Rodenkirchen eine 15-Kilo-Brandbombe gefunden wurde, rief der Kampfmittelräumdienst Passanten dazu auf, verstärkt auf Sprengkörper am Rheinufer zu achten. Auch in Koblenz seien zwei Säurebehälter und eine alte Fliegerbombe aus dem Rhein aufgetaucht. Zwar bewirkt seitdem auch die mediale Berichterstattung eine Sichtungshäufung von obskuren Gegenständen, die sich nicht immer als Bomben entpuppen; der Stadtanzeiger führte heute jedoch ein bemerkenswertes Interview mit Heiko Dietrich, dem Fährmann der Fähre zwischen Weiß und Zündorf. Der hat in seiner 25jährigen Charonskarriere nämlich schon über 20 Brandbomben gefunden. Eine Stunde nach dem Interview rief er den Journalisten an, er hätte da wieder was entdeckt, etwas selteneres: zwei Handgranaten. Der Fährmann kennt außerdem Geschichten von mitunter noch wirkungsvolleren Gefahrenquellen auf dem Flußgrund: vor Jahren habe ein Glasflaschensplitter einem Jungen den Fuß durchbohrt. Der Junge sei bis heute gehbehindert.

Deutsches Eck

deutsches-eck-im-tv

Frühes TV-Standbild des Deutschen Ecks zu Koblenz. Gefunden im Katalog zur Ausstellung “Mythos Rhein”.

Lorely

Gérard de Nervals “Lorely; souvenirs d`Allemagne” von 1852 ist eines der weniger bekannten Werke des flirrenden Dichters, der nach wechselhafter Karriere auf den Straßen von Paris, über die er zuvor seinen Hummer Thibault spazieren zu führen pflegte, landete und sich schließlich an einem Fensterkreuz erhängte: selbstverständlich ein Bilderbuchschicksal für einen Dichter: stets mittendrin (z.B. wegen Schulden im Knast oder aufgrund von Zerrleuchtungen im Wahnsinn), innovativ, einsam, unterwegs und falsch verstanden. (Dafür dann halt in den Geschichtsbüchern notiert.) Da trifft es umso besser, daß die Lorely, auf www.archive.org in verschiedenen Formaten zugänglich, heuer auf Klick von einer synthetischen Text to Speech-Damenstimme vorgetragen wird, die das französische Original prosodisch streng geradeaus mit robotisch-angelsächsischem Akzent interpretiert und somit eine neue Gibberish-Variante schafft, deren Strom sich dem des Rheines und der Zeiten bewußtseinserweiternd überlagert. Und so beginnt Nervals Lorely, die Anrede gilt Jules Janin:

“(…) Vous la connaissez comme moi, mon ami, cette Lorely ou Lorelei, la fée du Rhin, dont les pieds rosés s’appuient sans glisser sur les rochers humides de Baccarach, près de Coblentz. Vous l’avez aperçue sans doute avec sa tête au col flexible qui se dresse sur son corps penché. Sa coiffe de velours grenat, à retroussis de drap d’or, brille au loin comme la crête sanglante du vieux dragon de l’Éden.
Sa longue chevelure blonde tombe à sa droite sur ses blanches épaules, comme un fleuve d’or qui s’épancherait dans les eaux verdâtre du fleuve. Son genou plié relève l’envers chamarré de sa robe de brocard, et ne laisse paraître que certains plis obscurs de l’étoffe verte qui se colle à ses flancs.
Son bras gauche entoure négligemment la mandore des vieux Minnesaengers de Thuringe, et entre ses beaux seins, aimantés de rose, étincelle le ruban pailleté qui retient faiblement les plis de lin de sa tunique. Son sourire est doué d’une grâce invincible et sa bouche entr’ouverte laisse échapper les chants de l’antique syrène.
Je l’avais aperçue déjà dans la nuit, sur cette rive où la vigne verdoie et jaunit tour à tour, relevée au loin par la sombre couleur des sapins et par la pierre rouge de ces châteaux et de ces forts, dont les balistes des Romains, les engins de guerre de Frédéric Barberousse et les canons de Louis XIV ont édenté les vieilles murailles.
Hé bien, mon ami, cette fée radieuse des brouillards, cette ondine fatale comme toutes les nixes du Nord qu’a chantées Henri Heine, elle me fait signe toujours: elle m’attire encore une fois!
Je devrais me méfier pourtant de sa grâce trompeuse, car son nom même signifie en même temps charme et mensonge; et une fois déjà je me suis trouvé jeté sur la rive, brisé dans mes espoirs et dans mes amours, et bien tristement réveillé d’un songe heureux qui promettait d’être éternel.
On m’avait cru mort de ce naufrage, et l’amitié, d’abord inquiète, m’a conféré d’avance des honneurs que je ne me rappelle qu’en rougissant, mais dont plus tard peut-être je me croirai plus digne. (…)”

Sonnenfinsternis

Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 ließen wir in einem privaten Pfirsichhain mit grandiosem Rheintalblick bei Weingarten in der Nähe von Karlsruhe an uns vorrüberrauschen. Im ausgehenden Sommerloch war die Medienberichterstattung bereits im Vorfeld immens, der Boulevard überschlug sich um das Ereignis herum in immer gewagteren Kapriolen, und natürlich rechneten nicht wenige Menschen mit Weltuntergang. Damals sammelten sich im gesamten Ereigniskorridor größere Gruppen, um auf ihre jeweils bevorzugte Art (Party, Einkehr, etc) der ungewöhnlichen Tagesverdunkelung zu harren. Hätte uns das Naturereignis ohne Vorwarnung überrascht: ein gewisser Endzeitsog ging schon davon aus, als der Mond-Kernschatten mit spürbarem Temperaturabfall und apokalyptischer Geschwindigkeit über die hochsommerliche Talmulde jagte…
Andertags improvisierten wir, auf Basis der eigenen Erlebnisse sowie der Boulevard-Berichterstattung, gemeinsam mit Till Geiger, der dafür einige seltsame Instrumente spielte und Vinylplatten scratchte, eine Sofisinfonie als experimentelles Hörstück für den Karlsruher Lokalfunk.
Nun schickt Dominik Dombrowski einen ebenfalls vom Boulevard inspirierten Text zum selben Ereignis, der in leicht nördlicheren Rheinbreiten siedelt und für den wir uns herzlich bedanken:

emmi b.

wie mysteriös / sonnenfinsternisse sein können / vermerkt der kölner
express / ein paar minuten / bevor sich der mond / vor die sonne schob
hatte emmi b. (zweiundachtzig) aus simmern / bei koblenz unterwegs /
zu einer geburtstagsfeier / nach dem weg / zum café rheinterrassen gefragt
doch / als sie wieder anfuhr / spielte ihr mercedes verrückt

als ob eine unsichtbare macht / den wagen steuerte / schoß er
mit vollgas über einen radweg / dabei zertrümmerte / das entfesselte
gefährt / eine kleine mauer und überrollte / ein verkehrsschild / gebannt verfolgten an die zweihundert gäste / die eigentlich die sonnenfinsternis
hatten beobachten wollen / im biergarten des cafés / geschützt

hinter ihren brillen / dies rätselhafte todesdrama / wie emmi b.
an ihnen vorbeiraste / mit höchstgeschwindigkeit / in den rhein stach
und ertrinkend im blech des untertürckheimer mobils / dem festland
auf immer entsagte / vom kölner blatt befragt / äußerte der polizeisprecher christoph r. geborgen im wiederkehrenden licht:

dies war kein selbstmord / sie fuhr den mercedes schon lange

Jesus am Rhein

Google kennt aktuell ungefähr 2,5 Millionen Artikel-Vorschläge für die Stichwortsuche nach Jesus am Rhein – darunter jede Menge irrelevanter Schmonzes. Setzen wir die Anfrage einschränkend in Gänsefüßchen, bleibt ein einziger Treffer übrig, der mitten in eine Forumsdiskussion einer randständigen Jugendgruppierung führt. Optimierbar scheinen da sowohl die Suchmaschinenauslese, als auch die rheinische Präsenz des Nazareners. Welch letztere bei Alexandre Dumas immerhin ganz ordentlich durchscheint, in seinem mittelrheinisch-gesamtbiblischen Stimmungsbild aus den Excursions sur les bords du Rhin von 1838:

„Il est difficile, à nous autres Français, de comprendre quelle vénération profonde les Allemands ont pour le Rhin. C`est pour eux une espèce de divinité protectrice qui, outre ses carpes et ses saumons, renferme dans ses eaux une quantité des naïades, d`ondines, de génies bons ou mauvais, que l`imagination poétique des habitants, voit le jour, à travers le voile de ses eaux bleues, et la nuit, tantôt assises, tantôt errantes sur ses rives. Pour eux le Rhin est l`emblème universel; le Rhin c`est la force; le Rhin c`est l’indépendance; le Rhin c`est la liberté.
Le Rhin a des passions comme un homme ou plutôt comme un Dieu. Le Rhin aime et hait, caresse et brise, protège et maudit. Pour l`un, ses eaux sont un doux lit d`algues et de roses, où le vieux père des fleuves, tout couronné de roseaux, et tenant son urne renversée, comme un dieu païen, l`attend pour lui faire fête. Pour l`autre, c`est un abîme sans fond, peuplé de monstres hideux à voir, et pareil au gouffre qui engloutit le pêcheur de Schiller. Pour celui-ci, ses eaux sont un miroir poli, sur lequel il peut marcher comme le Christ, pourvu qu`il ait plus de foi que saint Pierre; pour celui-là, son cours est tumultueux et irrité comme celui de la mer Rouge engloutissant Pharaon. Mais, de quelque façon qu`il soit envisagé, c’est un objet de crainte ou d’espérance; symbole de haine ou d`amour, principe de vie et de mort. Pour tous c`est une source de poésie.
C`est surtout entre Coblence et Mayence que ses plus nombreuses traditions sont rassemblées, c`est que dans l`espace compris entre ces deux villes, le Rhin renferme, en effet, ses contrastes les plus opposés, ses points de vue les plus gracieux et les plus terribles, c`est que là tantôt vainqueur de ses collines qui semblent se tenir respectueusement loin de lui, il s`étend insouciant et paresseux comme un lac: c`est que tantôt vaincu, resserré, et comme enchaîné par ses montagnes, grâce aux cuirasses de granit contre lesquelles se brisent inutilement ses flots, il se tord, se roule, se replie comme un serpent qui lutte, et dans son impuissance bien reconnue, pressé de fuir, menace en fuyant. Alors on comprend que, selon qu`ils habitent tel ou tel endroit de ses rivages, les pêcheurs, dont il caresse ou dont il brise les barques, le regardent comme un dieu tutélaire ou comme un mauvais génie, et le remercient comme un père ou l`implorent comme un ennemi.“

Daß solche aus der Landschaft gekratzte Stimmung auf die beschriebene Gegend tatsächlich bis heute anwendbar ist, mag ein rund zehn Jahre alter kurzer Text bezeugen, den wir während eines Mittelrhein-Besuchs verfaßten.

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben.

MJt was grosser müh vnd arbeit / ia kosten vnd verlust die Römer vorzeiten haben gestritten wider das Teütsch land / ist niemand on wissen der echter gelesen hat die alte historien. Es ist jnen gering gewesen vnder jren gewalt zubringen Hispaniam / Galliam / Britanniam / Greciam / Asiam / Egypten / Macedoniam vn ander villänder / aber Teütsch land wolt sich nit also liederlich ergeben / besunder das Teütsch land das der Rhein von occident / vnnd die Tonaw gegen mittag als starcke rinckmauren beschleüßt. Es hat manch tausent man müssen darüber zu grund ghan zu beiden seiten / wie du hören wirst. Dan die Teütschen theten solichen gewaltigen widerstand den Römern vnd allen jren fyenden / das vnder jren nachbauren ein solich sprichwort auß gieng. Will einer übel streiten / so reib er sich an die. Teütschen. Vnd wil einer streich lösen / so fahe er an ein zäck mit den Teütschen. Es habe die grausamme vnnd stäte überfäl der Teütsche gegen jren nachbauren den Römern so vil zu schaffen geben / das sie an eroberug Germanien offtermals verzweifflet / allein understünden jre prouintzen gegen den Teütschen vor überfal zu beschirmen / deshalb sie beide flüß Rhein vnd Tonaw auff jrer seiten mit vil trefflichen stetten vnd befestigungen verwaretend / als dan seind am Rhein / Bingen / Bopparten / Jngelheim / Mentz / Wormß / Speier / Rheinzabern / Seltz / Straßburg / Augst ob Basel / Keyserstul / Costentz / Arbon / vnd an der Tonaw / Augspurg / Regenspurg / Passaw / etc. Durch dies stett habe die Römer verhütet / das die Teütschen mit den jren / noch sie hinwider mit den Teütschen kein gemeinschafft dorffte haben. Der starck vnd namhafftig held Julius der erst keyser / legt sich zum ersten wider die Teütschen / vnd nam jnen die stett so an dem Rhein gelegen waren / die vor zeiten vnder den Galliern waren gewesen / aber durch die Teütsche erobert vnnd den Galliern ab getrungen / alsdann fürhin gemeldet ist / wie die Teütschen mit grossen scharen über den Rhein gefaren / die besten länder yngenommen vnd besessen haben. Do nun die Römer begerten des Rheinstroms vn den mit gewalt jnen zuziehen wolten / haben sich die Teütsche nit gesaumpt / sunder jnen fräuenlichen widerstand gethan. Doch mochte sie den Rheinstrom vo Basel an biß ghen Mentz nit behalten / sunder die Römer brachte jn zeitlich vnder jren gewalt / vnd besetzten alle stett vnd vn wärhafftige flecken mit haupleüten vnd kriegern. Die machten prouintzen darauß vnd vogteien / vnnd gaben den eroberten Teütschen ländern herzliche tittel vnd setzten grauen vnd hertzogen daryn. Die erst vnd gröst prouintz begreifft in jr Heluetiam / Sequanos vnd Rauracos/ das ist / Schweytzerland gegen Burgud / das Sunggöw biß ghen Bisantz vnd Baßler ladschafft biß ghen Colmar. Der hauptman diser prouintz hielt sich zu Bisantz / vnnd der vnder jm ander hauptleüt / vnder welchen einer sich hielt / bey Basel im Hole / der wartet das die Teütschen nitt über Rhein kämen / vnd den Römern in das land fielen. Nach diser prouintz kam Tractus Argentoratensis / das ist der Straßburger strich / vnd fieng an ob Schletstatt vnd gieng biß vnder Straßburg / wölche landschafft wir ietz zumal das vnder Elsaß nennen. Jr vorweser hieß der Straßburger graue / vnd was dem hertzogen zu Mentz vnderworffen. Do gieng an das erst Germania vnd begriff vnder jm das Straßburger land / Speirer land / Wormsser land vn Mentzer land. Die andern nennen es das ober Germaniam / vnd strecket sich biß in Lothringen. Ptolemäus streckt es biß an die Mosel / die er Obrincam nent. Sein oberster vorweser oder hauptman saß zu Mentz / vn her vnder jm eylff vögt / die hatten jre sitz / einer zu Salerion / das ist Seltz / einer zu Zabern / einer zu Vico Julio / jch acht es sey Weyssenburg oder Landaw / einer zu Speier / einer zu Alta ripa vnder Speier / das jetz heißt Altrip / einer zu Worms / einer zu Mentz / einer zu Bingen / einer zu Bodobriga / jetzunt Boppart / einer zu Confluentz oder Cobolentz / vn einer zu Antonaco / jetzunt Andernach. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Capitaine Lorelei – die französische Marine auf dem Rhein

Auf den ersten Blick durchaus erstaunlich das bloße (historische) Vorhandensein französischer Kriegsmarine auf rheinischem Süßwasser. Auf den zweiten erscheint es völlig logisch, die Erinnerung an selbst (wenngleich selten) zu Friedenszeiten auf diversen Flüssen gesichtete Marine macht das Bild rund. Die Straßburger Marine-Website bietet Informationen zur Verteidigung der Stadt im Jahre 1870 und zu weiteren Marineeinsätzen auf dem Rhein in den Kriegsjahren 1918 und 1945 (und in der Folgezeit). Einige Ausschnitte:

1870: „A la déclaration de guerre, le contre-amiral Exelmans (…) a pour mission de créer une flottille sur le Rhin constituée de canonnières démontables dénommées «batteries flottantes» armées d’un canon de calibre 150 mm. Chaque canonnière et son équipage est transportée en train. La faible vitesse de ces bateaux, 7 nœuds à comparer au courant du fleuve qui atteint parfois 6 nœuds, et surtout la précipitation des évènements (bataille de Froeschwiller) conduisent l’Amiral à participer à la défense de Strasbourg à terre. Il se voit confier 3000 hommes peu aguerris. (…) Leur ténacité et leur combativité sont unanimement reconnues y compris par les Allemands.“

1918: „Le 8 décembre 1918 la Flottille du Rhin est constituée. Elle comprend 15 officiers et 352 marins placés sous les ordres du Capitaine de corvette Darlan (…). Ils arment 26 bateaux basés à Strasbourg, Ludwigshafen et Coblence. La flottille reçoit la mission de participer aux opérations militaires éventuelles et au contrôle fixe et mobile du trafic commercial (…). De plus, les difficultés de navigation nécessitent la création d’une école de pilotage. (…) A partir de 1923, l’occupation de la Ruhr par les troupes franco-belges conduit à augmenter les effectifs qui atteignent plus de huit cents marins. La résistance passive des bateliers et des cheminots allemands laisse à l’abandon dans les ports des quantités considérables de vivres et de charbon destinées à la France. Alors, les marins arment les remorqueurs et les chalands, ils rétablissent progressivement le trafic sur le Rhein-Herne-Kanal (…). Entre Saint-Goar et Bingen, les pilotes militaires français remplacent les pilotes allemands et assurent la traversée délicate du Gebirge. (…) L’officier principal des équipages L’Hotellier gagne son surnom de «capitaine Lorelei». Ce navigateur hors pair a dressé les cartes du fleuve, il a rédigé un «Manuel du batelier du Rhin». Son successeur, Léon Merlin, complète l’œuvre entreprise en rédigeant en 1930, en langues française et allemande, le «Guide du batelier du Rhin». (…)

1945: „A partir du 3 avril 1945, les Forces Maritimes Françaises du Rhin ont pour attributions la surveillance, le contrôle et la police de la navigation. L’officier des équipages Léon Merlin est rappelé en activité pour former les pilotes de la deuxième génération. La marine compte alors près de 500 marins sur le Rhin et ses affluents armant une cinquantaine de bateaux divers. Leur domaine s’étend de Bâle à Lauterbourg. L’état-major est basé à Strasbourg, la flottille est installée à Bingen, l’école de pilotage reprend ses quartiers à Saint-Goar. (…) De 1952 à 1955, un programme d’aménagement de deux flottilles est réalisé. La flottille nord a pour port base Coblentz-Lutzel, elle dispose de 38 bateaux. La flottille sud demeure à Kehl, elle compte 42 bateaux. L’effectif des FMR atteint 312 marins français et 238 ouvriers, employés et mariniers allemands.(…) La flottille nord est ainsi transférée en 1957 à la Fluss pionier de la Bundeswehr. La «Royale» entretient sa capacité à naviguer et à franchir le Rhin jusqu’en 1966, année où des choix budgétaires imposent la dissolution des FMR (…)