das alte, poetische Straßenpflaster

Mitten im lieblichen Kinzigtale des an wunderbaren Talgründen so reichen Badnerlandes erhebt sich meine kleine Vaterstadt Haslach, im Volksmunde Hasle genannt. Hohe Berge, mit stolzen Tannen und Buchen gekrönt, üppige Matten und der silberhelle Bergluß schließen das Paradies meiner Jugendzeit ein.
Es sind bald sechzig Jahre mit mir durchs Leben gegangen, seitdem ich das erste Bild des Städtchens in meine Seele aufnahm. Meiner Großmutter Schwester, die uralte “Lenebas”, der greise Schutzengel meiner Jugend, führte mich eines Tages auf die Zinne des kleinen “Schänzleberges” und zeigte mir die Herrlichkeit der Heimat. Sie wies zuerst hin auf den mit “Silber” beschlagenen Kirchturm, von dem ich bis zur Stunde manchmal träume aus der Kinderzeit, als zöge ich an seinen Glocken oder hörte die alte Turmuhr schlagen.
Sei mir heute wieder gegrüßt, du erster Himmelszeuge meiner Kindheit! Zwar weiß ich schon längst, daß dein Silber eitel Blech ist; – aber dieses Blech glänzt wie heller, echter Silberschein in meine Jugenderinnerungen, und um dich reihen sich die Häuser, Straßen, Gassen und Gäßchen, durch die meine Kinderseele ihre Hochzeit hielt alle Tage. Du bist der Mittelpunkt meiner Erinnerungen an die Heimat, an die ich nicht denken kann, ohne daß dein “Silberhaupt” zuerst mir entgegenstrahlt, um welches alles andere sich im Geiste gestaltet! Von dir geht mir das Städtchen aus.
“Eng ist der Weg und schmal die Pforte, die zum Himmel führt.” Diese Bibelworte verewigten die alten Haslacher an ihrem Gotteshause, zu dem ein gar enges Gäßchen vom Marktplatz hinaufführt zum “silbernen” Kirchturm. Er ist uralt wie seine beiden Nachbarn, die ihn vorne und hinten einrahmenden alten Zehntgebäud der ehemaligen regierenden Herren, der Fürsten von Fürstenberg. “Kästen” nennt sie bezeichnend das Volk bis heute, und die Vogtei über sie war in meinem Geschlechte und der letzte Kastenvogt mein seliger Vetter Eduard.
Die meisten Haslacher wissen nicht, daß sie einstens zähringisch waren und daß Agnes von Urach, Schwester Bertolds V. von Zähringen, ihrem Gemahl, Egino V., 1218 Haslach zubrachte. Als die Uracher sich in Urach-Fürstenberg und Urach-Freiburg abzweigten, kam Haslach an das Haus Fürstenberg, das vom 13. bis 19. Jahrhundert sein Zepter führte über das Kinzigtal.
Seine eigene Residenz schlug 1284 dies Geschlecht zu “Hasela” auf, aber schon in der Schlacht bei Sempach endigte der letzte dieser Linie. Schloß und Burg sind längst verschwunden, nur die Zehntkästen sind noch Zeugen der einstigen fürstenbergischen Herrschaft. Sie und das alte Rathaus am Marktplatz sind die einzigen Freunde des Kirchturms, die den spanischen Erbfolgekrieg überlebt haben, und zu ihnen kommt noch St. Sebastian, der gepfeilte Heilige auf dem Brunnen am Platz (1704 brannten die Franzosen das alte Städtchen gänzlich ab.).
Aber wie sie, so ist alles beim alten geblieben seit jenen Tagen, da ich den ersten Eindruck bekam von der Heimat. Straßen, Häuser und Gassen sind dem Zahn des Fortschrittes nicht verfallen. Meist noch die alten Läden und Fenster, und nur der veränderte Hausschild eines Wirts, Krämers oder Hutmachers verkündet, daß die Menschen gewechselt haben. Doch eines vermisse ich! Das alte, ehrwürdige Straßenpflaster haben sie mir herausgerissen, von dem jeder Stein meinen flüchtigen Knabenfuß trug und dessen Kühle den kleinen Barfüßler im Sommer doppelt sprungfertig machte. Auf diesem Pflaster dröhnten einst die Thurn- und Taxis´schen Postwagen durch das Städtchen, von Ulm oder Frankfurt kommend; sie vermittelten den Weltverkehr und brachten Briefe und Zeitungen.
Draußen vor der Stadt, oberhalb der Mühle, die von Osten her den Reigen der Häuser beginnt, stand ich manchen Morgen und harrte, bis der gelbe “Eilwagen” das Tal herabkam und des Postillions gelbes Röcklein und sein Hörnlein sichtbar wurden. Und wenn dann der Jakob, der Mann der Köchin meiner Taufpatin im Adler, gerade als Kondukteur die Route hatte von Stockach bis Offenburg, da jubelte mein Kinderherz. Denn der Jakob nahm mich in sein Coupé, oder er schob mich dem Postillion auf den Bock zu, und hinein ging´s ins “Städtle”. Und wenn dann der Postillion sein Hörnlein ansetzte und der Wagen auf dem Pflaster rasselte, da klang´s wie “Orgelton und Glockenklang” in meine Seele. Darum vermisse ich schmerzlich das alte, poetische Straßenpflaster. (…)

(Heinrich Hansjakob: Die Heimat; gefunden in: Schwarzwaldleut’ – Fünf Erzählungen, New York 1913)

Kinzig

“Das volck so bey der Kyntzig wohnet, besonders umb Wolfach ernehret sich mit großen Bawhöltzern, die sie durch das Wasser Kyntzig gen Straßburg in den Rhein flötzen und groß Gelt jährlich erobern.”
(Sebastian Münster, 1550)

“Du werthe Kintze du, die du mein Sittewaldt
Wilstätt, iezt wild und öd, mit deinem strohm beteichest,
Nicht über gross, doch gut mit Lachs und Holz bereichest,
Wilstätt, befreyter Lust vorhin ein auffenthalt,
Jetz, dass es Gott erbarm, ein eingeäschte Statt,
Du werte Kintze du, in deren ich geschwommen,
Jung, Muttig, ehe ich ward auss deiner schooss genommen (…)”
(Johann Michael Moscherosch, 1652)

“Sie kommt von Wittichen, hat einen sehr ungleichen Lauf, führt in ihrem Bett sehr groben Kies und derbe Wacken, geht an Offenburg vorbei, fließt nach der Seite von Straßburg hin und fällt bei einem Dorfe in den Rhein. Zuweilen schwillt sie gewaltig an.”
(Heinrich Sander, 1781)

“Regenbogen über der Kinzig  hat schönes Wetter in sich, Regenbogen über dem Rhein: dann regnets neun Tage drein.”
(Volksmund, undatiert)

Flößerheimkehr

kinzigflößer
“Eine Floßfahrt Wolfach – Kehl dauerte unter Normalbedingungen drei bis fünf , nach Tullas Kinzigkorrektur oft nur zwei Tage. Das Floß übergaben die Kinzigflößer an die Willstätter Kollegen, welche das tiefwasser- und damit rheinuntaugliche Gesterfloß im Neumühler Weiher oder im Kehler Floßhäfele in “steife Böcke” umrüsteten. Diese waren im Tiefwasser sicher steuerbar. Den Heimweg mit unverzichtbarem Gerät – Floßstangen und Waldäxten, Bohrern und Krempen, Zwerchsack und Weinlogel – mußten die Wolfacher “unter die Füße” nehmen. Die allzeit durstigen Flößer waren bei den Wirten am Heimweg gern gesehene Gäste. Oft brachten sie ihren Frauen von der Fahrt ins Land nicht nur ein buntes Sträußchen sondern auch ein tüchtiges Räuschchen mit. Der Fototermin für das Bild wurde 1885 vom Wolfacher Ochsenwirt Straub arrangiert.” (Schautafel am Wolfacher Kinzigufer)

An der Alb

an der alb

Die Alb entspringt im Schwarzwald an der Teufelsmühle. Weit mehr noch als der Rhein, in den sie mündet, ist sie der Fluß unserer Kindheit und Jugend. Von einer engen Landstraße flankiert fließt sie von Bad Herrenalb, vorbei an der imposanten Klosterruine Frauenalb und am kuriosen Marxzeller Verkehrsmuseum durch ein schmales grünes Tal vorbei an Busenbach auf die Spinnerei Ettlingen, durch die uralte Kinzig-Murg-Rinne (welche nach Tulla einst den “Ostrhein”, “Bergrhein” bzw “Deutschen Rhein” unterhalb der Schwarzwaldhänge bildete), um in Karlsruhe teilweise unter der Erde zu verschwinden und am Ölhafen im kanalisierten Oberrhein aufzugehen. Das leicht übersteuerte Foto entstand bei Rüppurr, wo der Graureiher auf fette Beute hoffen darf. Unter den Schottern am Grund des normalerweise flachen Alblaufs bilden indes Legionen von Blutegeln ein sich windendes, wenig gelesenes Zeichensystem. Bei der großen Überschwemmung in den 70ern Jahren flächte sich die Alb samt der ihr zufließenden Bächlein und Gräben zum See, sodaß die einmalige und sogleich ergriffene Möglichkeit bestand, auf der A5 Schlauchboot zu fahren.

Tulla über den Rhein

Der Rhein ist einer der merkwürdigsten Ströme in Europa, wegen seiner Größe, seiner Verbindung mit den Glätschern, und den meisten Seen der Schweiz, seiner Wasserfälle bey Schaffhausen und Laufenburg, der Veränderungen seines Laufs in ältern und neuern Zeiten, der Verschiedenheit seines Gefälles und seiner Geschwindigkeiten, wegen seiner Mündungen in das Meer, und seiner Benutzung zur Flößerey und Schifffahrt.

Der Rhein hat durch seine Geschiebe das Becken des ehemaligen, von Zürich bis Konstanz ausgedehnten Sees von Wallenstadt bis Rheinek, und die Linth von Wesen bis Schmerikon theilweise ausgefüllt, wodurch der ehemalige See in drey Seen, den Bodensee, Wallenstadter und Züricher-See, getheilt wurde.

Vom Bodensee bis Hüningen ist der Spielraum des Rheins größtentheils durch die Gebirge eng begrenzt, und die merkwürdigsten Veränderungen seines Laufes, sind nur die Einschneidungen oder tiefere Bettung, welche Veränderungen durch terrassenförmig übereinander liegende Hochgestade erkannt werden.

So wie der Rhein in das zwischen den Vogesen und dem Schwarzwald liegende Thal tritt, hat derselbe mehr Spielraum, er serpentirt in dem Bett des ehemaligen – nicht problematischen – zwischen dem Schwarzwald und den Vogesen bestandenen Sees, führt jährlich eine große Masse von Kies, Sand und Erde bis zu seinen Ausmündungen in das Meer in Holland, welches Land größtentheils durch den Absatz des Rhein gebildet wurde.

Die Geschichte des Rheinlaufes in den ältern Zeiten liegt bey den Geschichtsschreibern sehr im Dunkeln. Mehr Licht geben die sichtbaren alten Flußbette, die Hochgestade und die alten Inseln.

Nachdem der See sich, durch die allmählig, vielleicht auch plötzlich, entstandene Vertiefung seines Durchflusses, durch die Gebirge zwischen Bingen und Königswinter größtentheils, abgelaufen war, muß das verlassene Bett desselben zwischen den Vogesen und dem Schwarzwald, ziemlich eben gewesen seyn, und jede fortlaufende regelmäßige Vertiefung in dem Seebett, kann nur durch Ausflößung oder Ausschwemmungen, oder endlich durch Ausgrabung und nachherige Ausflößungen entstanden seyn.

Die Breite und die Größe der Krümmungen derartiger Vertiefungen, so wie ihre Vertheilung in mehrere Zweige, lassen immer auf das ehemalige Bestehen eines Flusses, auf seine Größe und seine Geschwindigkeit schließen, wenn gleich diese Vertiefungen nun trockenes Land sind.

Der Rhein theilte sich in den ältern Zeiten oberhalb dem Kaiserstuhl-Gebirge in drey Theile. Der eine ging links in dem jetzigen Gebiet der Ill, der andere längs dem Kaiserstuhl-Gebirge auf der linken Seite, und der dritte rechts dem Kaiserstuhl, längs dem Fuß desselben, zwischen den Vorgebirgen von Riegel und Hecklingen durch.

Man wird den erstern den gallischen Rhein, den zweiten den großen Rhein, oder auch nur Rhein ohne Beinamen, und den dritten den deutschen Rhein, nennen können.

Wegen Mangel an Localkenntnissen kann eine nähere Beschreibung des gallischen Rheins nicht gegeben werden. Die Städte Colmar, Gemar und Schlettstadt dürften auf dem linken Ufer desselben, und Straßburg, welches auf der vorspringenden Spitze des aufgeschwemmten Gebirges erbaut ist, bey der Vereinigung des gallischen Rheins mit dem großen Rhein, stehen.

Wann der gallische in einen Altrhein überging, und ob er noch zur Zeit, als die Römer an den Rheinufern waren, schiffbar war, ist unbekannt.

Der deutsche Rhein floß längs dem Fuße des Schwarzwald-Gebirgs, parallel mit dem großen Rhein, so wie gegenwärtig die Ill, und nahm in seinem Lauf die Flüsse Dreysam, Elz, Schutter, Kinzig, Rench, Murg, Alb, Pfinz und alle die kleinen Flüsse und Bäche des Schwarzwaldes, vielleicht auch den Neckar auf.

Der deutsche Rhein änderte seinen Lauf in einzelnen Distrikten wenig, in andern sehr bedeutend, letzteres zwischen der Kinzig und der Murg, und unterhalb Malsch, wo er in mehrere Arme sich theilte, bis gegen den Neckar. Da wo bedeutende Flüsse aus dem Gebirge treten, wurde sein Lauf durch den Ausschub dieser Flüsse vom Fuße der Gebirge abgetrieben, wie sehr deutlich an der Murg und der Alb zu ersehen ist.

Sein linkes Ufer war nur längs dem Kaiserstuhl mehr als das rechte, sonst aber das rechte Ufer bey weitem mehr, als das linke, bewohnt. Ein Beweis hiefür ergibt sich aus der Thatsache, daß noch gegenwärtig in der Strecke von Schwarzach bis Karlsruhe nur die Orte Sandweiher und Beyertheim am linken Ufer liegen. Die Ursache dieser Ungleichheit der Bewohnung läßt sich sehr leicht aus der Fruchtbarkeit des rechten, und Unfruchtbarkeit des linken Ufers, und der geringen Entfernung des rechten Ufers des großen Rheins von dem deutschen, erklären.

In vielen Gegenden sind die alten Läufe, die bestandenen Inseln, die Hochgestade sehr deutlich zu erkennen, in andern sind ihre Spuren mehr oder weniger durch Anschwemmungen der Flüsse des Schwarzwaldes ausgelöscht; häufig folgt das Wasser im ungezwungenen Zustand dem alten Lauf.

Wie lange der deutsche Rhein bestanden, und zu welchen Zeiten bedeutende Aenderungen mit ihm vorgefallen sind, dürfte schwerlich in der Geschichte aufgefunden werden. Indessen läßt sich mit Zuverläßigkeit behaupten, daß er zur Zeit, als die Römer ihre Herrschaft bis an den Rhein ausgedehnt hatten, noch ein schiffbarer Strom war. (…)

Quelle: Wikisource

Der Rhein für die gebildeten Stände (4)

Die Rheinübergänge haben von jeher den gegenseitigen Heeren wegen der Größe und Schnelligkeit des Stromes nicht unbedeutende Schwierigkeiten entgegengesetzt, die durch die nahe Gegenwart des Feindes noch vergrößert wurden. Julius Cäsar hatte bei seinem Kriegszuge gegen die Gallier eine Pfahlbrücke über den Rhein. Im dreißigjährigen Kriege ward dieser Fluß von den verschiedenen Heeren öfter auf Schiff- oder Floßbrücken überschritten; den Ort, wo es von Gustav Adolf oberhalb Oppenheim geschahe, bezeichnet noch jetzt eine steinerne Säule. Mehre Übergänge fanden in den Feldzügen gegen Ende des 17. Jahrh. und im 18. statt, wo sich besonders der des Prinzen von Lothringen bei Schreck 1744, noch mehr aber die spätern der franz. Generale während des Revolutionskrieges und nachher Napoleon’s auszeichnen. Im J. 1795 hatten die Östreicher das rechte Rheinufer mit 411 Geschützen in 98 Batterien besetzt, gegen die der franz. General Jourdan 476 Kanonen und Haubitzen aufstellte, von denen ein Theil den Übergang der Truppen, bei Urdingen und Neuwied unternommen, unterstützte und begünstigte. Ein zweiter Ubergang Jourdan’s an letzterm Orte 1796 war mit weniger Schwierigkeiten verknüpft, obschon auch diesmal die Franzosen unter dem Feuer des östr. Geschützes hinüberschiffen mußten. Um in demselben Jahre bei Kehl über den Rhein zu gehen, ließ Moreau die Brückenschanze bei Manheim vier Tage zuvor angreifen, indem er möglichst viel Geschütz und Truppen dazu verwendete und dadurch die Aufmerksamkeit des Feindes nach diesem Punkte lenkte. Unterdessen hatte er bei Gambsheim und Strasburg 27,500 M. zusammengezogen, die den gegenüberstehenden Östreichern weit überlegen waren, während das nahe Strasburg und die vielen Inseln, im Rheine die Vorbereitungen und den Übergang selbst begünstigten. Mehr Schwierigkeiten fand Moreau bei Sinsheim, unterhalb Strasburg, am 20. Apr. 1797, weil die Östreicher durch ihre bei dem Zollhause aufgestellten Kanonen die Landung der Franzosen hinderten und sie nachher aus dem endlich von ihnen besetzten Dorfe Sinsheim wieder herauswarfen, auch das Schlagen einer Brücke durch ihr Geschütz unmöglich machten, bis jene endlich weiter unterwärts dennoch eine Brücke zu Stande brachten und in dem Rench- und Kinzigthale vordrangen. Oberwärts Sinsheim ging Moreau im J. 1800 über den Rhein, der hier nur 360 F. breit ist, aber auf dem jenseitigen Ufer sumpfige Wiesen hat, wegen deren man die Brücke am Land hinbauen mußte, um über eine Sandbank nach dem trockenen Boden zu kommen. Der Übergang der Verbündeten über den Rhein im J. 1814 fand nur geringen Widerstand, obgleich die russ. Brücke bei der Pfalz einmal vom Wasser fortgeführt ward.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Der Rhein für die gebildeten Stände (3)

Der Rhein durchfließt zuerst Graubündten, macht die Grenze zwischen dem vorarlbergischen Kreise und dem schweizer. Cantone St.-Gallen, scheidet dann, nachdem er den Bodensee verlassen hat, das Großherzogthum Baden und die Schweiz, von Basel an, wo er sich nördl. wendet, dasselbe Großherzogthum und die franz. Departements des Ober- und Niederrheins, sowie den Rheinkreis des Königreichs Baiern; durchströmt nun das Großherzogthum Hessen, das Herzogthum Nassau, die preuß. Provinz Rheinland und zuletzt die Niederlande. Die vornehmsten in denselben sich ergießenden Flüsse sind: die Aar, die Jll, die Kinzig, Murg, der Neckar, der Main, die Nahe, Lahn, Mosel, Erft, Ruhr und Lippe. Viele beträchtliche Städte liegen an seinen Ufern, so in der Schweiz und Deutschland: Konstanz, Schaffhausen, Basel, Alt-Breisach, Speier, Manheim, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Neuwied, Bonn, Köln, Düsseldorf, Wesel und Emmerich. An Fischen ist der Rhein sehr reich. Man fängt darin Salmen, welche im Frühlinge im Hinaufsteigen aus der See Lachse, hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst wieder nach dem Meere zu wenden, Salmen genannt werden, Rheinstöre, Neunaugen, Hechte, Karpfen, oft zu 20 Pfund schwer u.s.w. An Federwildpret hält sich auf den unzähligen Rheininseln und dessen Ufern eine Menge verschiedener, oft seltener Gattungen auf. Auch führt der Rhein etwas Gold unter seinem Sande, welches theils aus dem Gebirge Helvetiens, theils aus dem des Schwarzwaldes kommt. Eine vorzügliche Wichtigkeit, besonders für das westl. Deutschland, hat der Rhein durch die Schiffahrt. (S. Rheinschiffahrt und Rheinhandel.) Er wird von Chur in Graubündten an befahren; unter Schaffhausen fängt die bequemere Schiffbarkeit des Stromes an; allein die größere Rheinschiffahrt mit schwer beladenen Schiffen beginnt erst bei Speier. Von Strasburg bis Mainz gehen Schiffe, die 2000—2500 Ctr. laden, von Mainz bis Köln Schiffe von 2500—4000 Ctr., und von Köln bis Holland Schiffe, welche 6000 —9000 Ctr. tragen. (S. Flöße.) Außer den Rheinfällen hält man für die Schiffahrt gefährlich: 1) Das Bingerloch, bei Bingen, sechs Stunden unterhalb Mainz. Hier nähern sich die Berge, welche den Rhein einschließen, von beiden Seiten so, daß man bis an das Flußbett hinein den ehemaligen Zusammenhang der gegenseitigen Felsen gewahr werden kann. Diese Felsenwand, die sich von einem Ufer zum andern erstreckte, wurde wahrscheinlich im Laufe von Jahrhunderten durch die Gewalt des Wassers oder durch eine Erdrevolution zum Theil zertrümmert und ließ nun dem Strom eine zwar freie, aber enge Bahn. Karl der Große ließ diese Öffnung erweitern, doch blieb sie noch immer so enge, daß nur ganz kleine Fahrzeuge die Fahrt machen konnten. Erst unter dem Kurfürsten Sigismund von Mainz wurde der Weg für größere Schiffe fahrbar und minder gefährlich. Die einzige Durchfahrt, welche man das Bingerloch nennt, war bis zum J. 1834, wo die preuß. Regierung durch Sprengen dieselbe erweitern ließ, nur 50 F. breit, und auch jetzt ist dieselbe bei niedrigem Wasser nicht ohne Gefahr zu passiren. Daselbst steht auch mitten im Wasser auf einem Felsen Hatto’s Thurm oder der Mäusethurm. (S. Hatto.) 2) Das wilde Gefährt bei Bacharach, wo der Strom im Thalwege mit fürchterlichem Gefälle des Wassers zwischen Felsen und Banken eine Art Trichter bildet. Dasselbe ist nur für die den Strom hinabfahrenden Schiffe gefährlich. 3) Die sogenannte Bank von St.-Goar, wo des Flusses Wellen an eine Gruppe theils sichtbarer, theils verborgener Klippen anprallen und einen Strudel bilden. 4) Der kleine und große Unkelstein bei dem Städtchen Unkel, eine Gruppe Basaltsäulen, die theils unter dem Wasser verborgen sind, theils hervorragen. Die größere Gruppe, der große Unkelstein genannt, ist unter der franz. Herrschaft hinweggeräumt worden, und auch die kleinen Gruppen können bei hohem Wasser von leeren Schiffen überfahren werden.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (2)

Weiter durchs Zweidichterdorf Hausach, das eigentlich fast ein Dreidichterdorf zu nennen wäre, weil es sich jedes Jahr über Monate hinweg zu den beiden ortsansässigen noch einen zusätzlichen Gastdichter leistet. Am Kinzigufer weiden Bungalows aus mallorquinischen Feriensiedlungen. Kein Mensch weiß wie sie dort hingelangt sind. Jetzt glotzen sie aus quadrischen Fensteraugen auf das reine saftig grüne Tal. Oh, wohnten wir doch gelegentlich dorten! (Wir glotzten ebenfalls aufs Tal und über die Hügel und in den Himmel sowieso und erhöhten die Hausacher Dichterdichte.) Es geht auf halb zwei Uhr nachmittags zu und schon senkt sich der Tag zur Neige, der folgende stundenlange neblicht-zwielichternde Abenddämmer gilt weithin als Spezialität und Alleinstellungsmerkmal des Schwarzwalds; unter einigem Zinnober („Sehr geehrte Fahrgäschte!“) wird der Zustieg der langersehnten Minibar samt fescher Oberkellnerin verkündet, der Zug schlängt sich in einem Anfall von Selbstmärklinisierung mitten durchs Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, in/ab Hornberg (wo das berühmte Schießen stattfand und eine der größten begehbaren Toilettenschüsseln der Welt steht) beginnen die 17.000 Tunnel, deren jeder seinen eigenen Namen trägt, die wir an einem unerfüllten Tag vielleicht einmal in den Fußnoten nachreichen werden. Hornbergs beheiztes Freibad wirkt tief im November so veralgt wie vergessen, die Kinzig umschäumts mit silbrig aufgeworfenen Parolen aus ihren wildwassernden Jugendtagen. Aus fernen und nahen Schwarzwaldritzen nebelts, dampfts und rauchts in vorbildhafter Urigkeit, schön ebenmäßig grau asfaltiert folgt die Landstraße ihrem Dao, das sie zwingt, bisweilen mit der Kinzig die Klingen zu kreuzen. Rasende Wechsel aus Tunneln und Tannengerippen machen die Reise zur Geisterbahnfahrt, umgeben von brütenden Nebelküchen, aus deren senkrecht entweichenden Schwaden wir nicht zu lesen vermögen, was wohl dort auf dem Herde steht. Triberg taucht auf, ein amerikanischer Vergnügungspark mit einigen der größten begehbaren Kuckucksuhren der Welt und zugefrorenen Wasserfällen (den höchsten Deutschlands). Im Triberg-Ambiente wird plötzlich klar, was die kräftig in ihrer Nebelbrühe rührenden Schwarzwaldtannen da auskochen: Schnee! Zum Beflocken ihrer selbst! Um wiederum ein Vorbild abzugeben für Schneekugelinventare. Eigenwillig und rätselhaft ist und bleibt die Natur. Doch schon dringt die Bahn in was ebeneres, beginnt die Baar, mit fast schon städtisch anmutendem Bebau, auch riechts nach früher Donau: St. Georgen. Ein Bächlein klein und fein und kühl mäandert die Brigach um Industriehallen, vorbei an Forellenhöfen mit holzrauchenden Schornsteinen, torft vor sich hin, wildert, salamandert, wächst und hält die Abgeschiedenheit, ihr gleichzeitig entfliehend, aus. Auf Villingen zu, wo der Neckar bei- und entspringt, um dem Rhein ein paar Brocken Schwäbisch beizubringen.

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz

Von Rhein zu Rhein solls gehen, durch flußgebende Spannungsfelder. Gschwind noch e Fleischkäsweckle beim Offeburger Bahnhofsbäcker, wo mehr en zugige Verschlag halber hauße ausm Bahnhof isch. Vom Bahnsteig aus läßt sich gut beobachten wie das Schienenkraut die Gleise entlangwächst. Offenburg ist unter Zugreisenden bekannt für seine Anschluß-Wartezeiten. Der Bahnsteig ansonsten völlig leer, bis auf uns und einen Schwarzen, die wir auf derselben Sitzbank an unsern Fleischbrötchen kauen. Kaum haben wir uns fünf Meter von der Bank entfernt, um Serviettöses zu entsorgen, erschallt mit Wucht eine Lautsprecherdurchsage: „Ein wichtiger Hinweis der Bahn: achten Sie auf Taschendiebe und lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen!“ Welcher wichtige Hinweis würde wohl erschallen, wenn der Schwarze sich nun unser Gepäck schnappte und damit die Biege machte? „Das war prompt“, sagen wir in Richtung des jungen Mannes, „wir beide müssen gut aufpassen, was wir hier tun, wir werden videoüberwacht“. „Noi, die hen koi Kameras, nur Ferngläser, woisch, die moine mich, ich bin z`schwarz.“ Nur noch eine halbe Stunde und der Anschlußzug dürfte auftauchen. Allmählich füllt sich der Bahnsteig mit Frierenden. Ein freundlicher Rentner von der Bahnhofsmission begrüßt sie alle per Handschlag und mit aufmunternden Worten. Falls jemand zusammenbreche, werde er sich kümmern – und falls innert der nächsten beiden Stunden kein Zug käme, heißen Tee bringen. Der Zug kommt auf die Minute pünktlich. Offenburg zu verlassen, ist immer wieder schön. Sogleich meldet sich der charismatisch dialekttreue Zugbegleiter mit expressiven, diesmal reimfreien Erklärungen. Draußen Möschle Behälterbau (ja, b`halte denn die B`hälter au?) und Schulschluß in Gengenbach mit seinem kinzigenen „Flössermuseum“ (Dreisam, Kinzig, Murg etc – die hübschen Schwarzwaldaus(fall)flüßchen: wie geschwisterlich sie sich ähneln in ihren rasenbegrünten Eingedeichtheiten!). Ha! Schon tauchen sie auf: hübsche, nitzefitzelige, wie für Sagenländer erdachte Hügelchen und spürbar wirkt der Sog des Rhein-Donau-Neckar-Kraftfelds. Außerplanmäßige Stops der Panoramabahn: Tribute an heute selten gewordene Fänomene: aus den Hügeln über Biberach/Baden etwa steigt, vom Zugbegleiter plastisch moderiert, echter Köhlerhaufenrauch. Zudem muß der Lokführer auf dieser Strecke die Bahnübergänge eigenhändig sichern. Haslach („in Haslach gräbt man Silbererz“) heute: stellt man dort Präzisionsdrehteile her und das Zentrum besteht aus drei Supermarkthallen: ALDI, REWE, edeka.

Gorrh (9)

im Sekundenschlaf, beim Rübernicken in den Winterschlaf, in den Rübenäckern, den entrübten, der oberrheinischen Tiefebene, im Wein hängend, selbstrebend, raschelnd im Einheitsmais, schickt er den Schnellzügen mit kunstfertigen Handbewegungen günstige Winde, knickt und errichtet Baukräne, Überlandleitungen, Handymasten, gründet die für die 10er Jahre des begonnenen Jahrtausends so maßgebliche Zeitschrift “BAU:LÄRM” (mit CD- und Hologrammbeilage), betrachtet entzückt das Flattern der Flaggen vor Firmengebäuden, speist Graureiher und Maiszünsler als notwendige Diät in Vorbereitung auf seinen Kampf mit dem Greif und dem Wolpertinger, den Dreiershowdown am Kinzigufer, tarnt sich als freistehende Weide, als Weindorf, als Ablage, rast mit seinem roller suit (von Jean-Yves Blondeau) die Schwarzwald-Bahnstrecken auf und ab, nachts, umwickelt seine Pfoten und Tatzen mit Tabak, raucht seine Pfoten und Tatzen, wirft mit Oktobergold als wärs Blattgold, sägt Bretter zurecht, erwirbt auf diese Weise sein langersehntes Zertifikat “Freund der EU-Norm”, streift durch dialektsichere Siedlungsblöcke, raut seine Haut am Waschbeton, läßt Scheiben klirren und Balkone brechen, grollt, kickt mit den Fersen gegen die Berge, reißt Laternenpfähle mit den Zähnen aus der Erde, wirbelt Lichter, frißt die Nacht, schnallt sich den selbstgebauten Badisch-Vocoder um, hält e paar Schwätzle in de Schreebergärde, kickt kurz für de Offeburger Efffau, macht sogar e Törle, wird ausgewechselt, reißt dem Trainer den Kopf ab, setzt den Zuschauern die Köpfe zwischen die Ohren, wird ausgebuht, metzelt sich den Weg zum Bahnhof frei, hinterläßt eine Blutspur, gespickt mit Gliedmaßen. “Wir kannten Gorrh nur als freundlichen, zuvorkommenden, hilfsbereiten Nachbarn, seine Brille war etwas komisch, aber sonst… Eine solche Tat hätte ihm niemand hier zugetraut. Wir stehen alle unter Schock.” Gorrh reißt sich die Zunge aus dem Rachen, verbindet sich damit die Augen, verknotet das Zungenstück nach Seemannsart doppelt und dreifach gesichert am Eisenring an seinem Hinterkopf. Ein Sondereinsatzkommando erschießt Gorrh. Noch ein Sondereinsatzkommando erschießt Gorrh. Zur Sicherheit erschießen mehrere weitere Sondereinsatzkommandos Gorrh. Die Erschießung wurde nötig, nachdem Gorrh auf dem Marktplatz ein Kind verspeist hatte. Gorrhs Knochen klappern. Archaischer Klappertakt. Technoid. Die Winde, die Gorrh gehorchen, agieren als scharfe Streicher. Die SEK-Beamten feuern auf den Wind. Die Landschaft beugt sich auf und nieder. Die Landesschau berichtet.

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Topographia Germaniae: Baden

Ligt in der Mordnaw / oder Ortenaw / welche an einem Gebürg hergehet / vnd den Fluß Kintzig hat. Ist ein kleines / aber an Wein / Korn / vnd Hanff / ein sehr fruchtbares Ländlein. Es ist Baden die Hauptstatt deß Marggraffthumb Baden: Welche sich in der besagten Mordnaw anfahet / vnd gegen Occident an dem Rhein / vnd gegen Orient an dem Schwartzwald endet / wiewol sie sich zum guten Theil hinein in den Schwartzwald ziehet. Es ligt diese Statt in der Höhe / vnnd gar vneben / vnnd hat fast vmb / vnd vmb Berge: So aber von Reben / vnnd Wießwachs / lustig seyn / 5. Meil von Straßburg / vier von Durlach / vnd 1. Meil vom Rhein. Der Nahme kompt jhr von den warmen Bädern allda / welche zu den Kranckheiten / so von kalten Flüssen herkommen / wider den Krampff / sonderlich das Podagra / vnd den bosen Magen / dienen. Der Haupt-Orth / oder Kessel / darauß das Wasser in grosser Menge quillet / ist sonderlich zu sehen. Vnd solches Wasser / so Schwefel / Saltz / vnd Alaun führet / siedheiß. Es seyn sonsten noch eylff Quellen / welche alle hell / vnd eines Geschmacks / aber doch an jhrer würcklichen Hitz vnd Wärme / sehr vngleich seyn. Wird nicht allein in die gemeine Bäder / vnd Brunnenkästen / durch Teuchel vnd Röhren / sondern auch in die Wirts- vnd meiste Häuser / geleytet. Hergegen ist das kalte Wasser / vnd der liebe kühle Wein / desto rarer daselbsten. Vnd wegen solcher Bäder / die entweder M. Aurelius Antoninus, oder Caracalla, die Keyser erfunden / ist dieser Ort sehr alt. Vnd hat es vor diesem vil Badleut da geben: Wie dann die Gartenfrüchte in grosser Menge / vnd sehr gut wachsen: Vnd ein Vberfluß an gesunden Speisen / sonderlich von Fischen / als Grundeln / Forellen / Salmen / vnd Krebs / vnnd allerley Geflügel / zur Schnabelweyd gehörig / da zu finden. Ist der Zeit der Römisch-Catholischen Religion / vnd ligen in der StattKirchen etliche Marggrafen von Baden. Das Fürstliche Schloß / oder Residentz / ligt noch höher / als die Statt: Vnnd ist vor diesem Krieg / wegen vieler schöner Sachen / zu besichtigen gewesen. (…)

Zitiert nach Wikipedia. Gemeint ist natürlich das heutige Baden-Baden.

Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit

Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert… Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich… Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich – entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit.

Schon wieder die linksrheinische Strecke

Gelbgepappelter Ufersaum, oktobrische Schraffagen/Frottagen, der Weg zieht sich selbst nach als graubrauner Lippenstift der stets verschandelbaren Landschaft, eine Spur ins Diesseits, Eisentrasse, Lenorluft, die Schiffe auf dem Rhein verschieben sich gegeneinander in unwirkliche Fahrtrichtungen, brechen aus dem Abteilfenster, Bug voran, unter den zeitlupenhaft durch den Himmel berstenden Trümmern der Brücke von Remagen, die Macht des Tanklasters, legolandartige Industrie brettert vorbei, mir vis-à-vis, im adretten braunen Kleidchen, marineblaue Strumpfhose, Rehlederstiefeletten: Loreley mal wieder, mysteriöses, ursprünglich wohl aus den morgenbetauten Gräsern der norddeutschen Tiefebene bei bleichem Vollmond als Traum aufgestiegenes Gesicht, beinahe asiatische Augen allerdings, drunter schnieke Tränensäckchen, Stupsnase, perfekte Lippen, naturblond getöntes Wuschelhaar, professionell natürliche, zuvorkommende Erscheinung, liest regungslos (registriert?) Kunstmagazine, döst, gleicht das mäßige Rheinglitzern alle zehn Flußkilometer mit der Farbmischung ihrer Iriden ab, rümpft, als das Abteil plötzlich in strengen Beschlag aggressiven Odeurs fernöstlicher Basisfischsauce gerät, nur für Fachleute erkennbar die Nase, lächelt huldvoll, beschwichtigt von den eiligen Entschuldigungen einer vietnamesischen Reisenden, die ihren Koffer durch den Gang zieht, ein riesiges Objekt, das inwendig nach Zerscherbtem tönt, aus dessen beachtlichen Schnittwunden zerstampfte fermentierte verflüssigte Sardellenreste triefen. Banalitäten aus dem Bordlautsprecher, Loreley schaut ihrem Felsen entgegen, zwei Gestalten in roten Windundwetterparkas kraxeln da oben rum, ergrautes Ehepaar im Partnerlook, indefinite Zufriedenheit legt sich um Loreleys Augen und Mundwinkel, mittägliche Lichtschimmer schneiden und sägen die verherbsteten Gebirgskuppen in Streifen und Schiefertafeln. Loreley, der Kunstpostillen überdrüssig, zieht das Zeit-Magazin aus ihrem Reisetäschchen, aus den Sonntagszeitungen ringsum steigen bürgerliche Feuilletonsatzketten, ewige Beschwörung fabulöser, herbeigeredeter Schönheit (auch Traurigkeit), wie sie mir gegenübersitzt mit ihrem unsagbar hübschen Gesicht, zitronig-limoniges Laub da draußen, frischt den dunklen germanischen Herbst etwas auf, mit seinen zaubrischen Pilzen, die gewiß dort (und nicht zu knapp) untern Uferbäumen dünsten, würzt die vom flechtenfarbenen Tafelwald in die Irre gezogenen Blicke zusätzlich zur dick im Raum stehenden Fischsauce mit weiterer, ganz offenbar notwendiger Exotik, mit großer Selbstverständlichkeit ergo schält Loreley eine Mandarine vor den urtümlich dahinziehenden Schwarzwaldbuckeln, die als dunkle Einladungen in eine andere Welt wie lahm sich wiegen im mit Blei gesetzten Regen, Kinzig und Elz fließen in gleichsam chemischer Notwendigkeit aus ihren Talöffnungen dem Rhein zu, ihm ihr Silber beizumengen, gegen die Denkrichtung stiefele ich durchs feuchte Ufergras der Dreisam im Abenddämmer, begleitet vom nervenprägenden Sound der Autobahn, den wilden Pflanzen, droben im Wingert energischen Schritts, fetzenhaft gekleidet, Freund Barthel beim Mostholen, in der Dreisam versiegt Loreleys nurmehr unbeteiligter Blick, die Welt darf nun untergehn, in den gestaffelten Stufen der schnellfließenden zischen, verkauften Schatten gleich, Schl-, Schm- und Schn-Fische, steht ein etwas drohgebärdiger Schw-Fisch, die gezackten Rückenflossen ragen ausm Flachwasser: der Schwand. In psychogene Optik versetzt leuchtet wie ein austropfendes Herz in Rot und Gelb, den badischen Farben, das Riesenrad in der Mitte einer in die Ebene gelegten Stadt, deren äußere Koordinaten von Hochhausblöcken markiert werden. Später am Abend treffen sich deren hipste Bewohner im The Great Räng Teng Teng, einer unterirdisch gelegenen Location, zum Gutelaunerocknroll von Muck & The Mires mit Köpfen und Oberkörpern zu wippen und Teile ihres Verstandes zu verlieren, dieweil Torpedo Tom mit den Armen schlenkert, worauf Anna Conda verstrahlten Blicks zu twisten und der Obstler (“aus einem dieser Dörfer dort”) übern Tresen zu kriechen beginnt. Aus dem Räng Teng Teng führen nurmehr schummrige Tunnel, aber immerhin direkt in die erdige Nacht des wilden bezähmten Oberrheins, dessen mosttrunkene Barthel sich um diese Stunde in Parklücken betten, bis die Supermärkte öffnen, an einem neuen, in die scheinbar ewige Zeit geschobenen Tag.

Hausach

Die Lieblichkeit des Oberrheintals, abermals auf Schienen abgefahren. Paradierendes Tal: während der Kammmolch durch die regengefüllten Bombenkrater der Waldwelt wuselt, lauern im Wiesengrund bösartige Zecken auf Hunde-, Wild- und Menschenblut. So berichtet es die Zeitung, so wars bereits zu meiner Kindheit. Die Strecke Karlsruhe-Freiburg bietet im Frühjahr ein Prachtpanorama provinzieller Paradiesvorstellungen, sie tut dies auch zu allen anderen Jahreszeiten. Aprilsaftig büschelt das Grün, die Bäume pulvern mit Blütenkonfetti. Der Klee wächst zu mächtigen Gebilden, nirgendwo sonst prangt der Löwenzahn so orangegoldnen Kopfes. Unter der Erde grummelt der Spargel seine rhizomatischen Mantren und grenzt auf diese Weise seine Reviere von jenen des Engerlings ab. Greife kreisen, auf klare Areale abgepackte Industrie, dann wieder Grün mit aristokratischem Goldfasan. Mäßig bevölkerte Stilleben, die da und dort gemächlich in Bewegung kippen. Die Ansagen des Personals kommen hinterrücks, laut und in tiefstem Badisch, Herr K., der reimende Zugbegleiter, moderiert die Fahrt auf den Gängen, vertreibt den Dorfklatsch, mischt die Schwarzwaldgipfel neu: „Wann Sie naus zum Fenschder schauue / lings die Buggel, rechts die Aue / Des isch unser Badnerland / dodehinner isch net viel bekannt“. Offenburg fungiert als Verladestation, alle zwanzig Minuten wälzen sich Menschenmassen von Bahnsteig zu Bahnsteig, ansonsten ist es in Offenburg sehr ruhig, vielleicht handelt es sich bei Offenburg, mit Superlativen sollte paradoxerweise stets mäßig umgegangen werden, um eine der langweiligsten Großstädte der Welt. Der Zug biegt ins Kinzigtal, er will jetzt in den Schwarzwald hoch. Hausach ist bereits von Hügeln umgeben, Mehrstockbungalows mit Kinzigblick erinnern architektonisch an Touristenburgen, aber soviele Touristen hat Hausach nicht. Dabei könnte Hausach als literarischstes Dorf weit und breit vermarktet werden mit seinen zwei lokalen Dichtern, dem jüngst erstmals ausgeschriebenen Dorfschreiberposten und seinem „Leselenz“ genannten Lyrikfestival, doch die Oberen bevorzugen offenbar den neoliberal oder einfach nur seniorengerecht angehauchten Slogan „Kaufkraft City“. Kaufkraft mag in Hausach durchaus vorhanden sein; zu kaufen gibt es im Dorf allerdings nichts außergewöhnliches. Das merken auch die Ausflüglermassen im Fahrrad- oder Wanderstau am Kinzigufer. Die Sonne scheint lehrbuchgerecht, es ist Flößerfest, dh, ein traditionelles Holzfloß wird die Kinzig hinabgeschwemmt- und gelenkt, um mit Musik, Bier und Wurst in Hausach haltzumachen (die Hausacher Kaufkraft zu wecken) und an die guten alten Zeiten mit noch viel höherer Kaufkraft zu erinnern. Nach ein paar Stündchen legt das imposante Gebilde, vermittels eines zuvor angestauten Wasserschwalls, wieder ab, eventtechnisch paßgenau zu abgehackter Moderation und den blechernen Tönen des Badnerlieds, intoniert von der lokalen Blaskapelle. Rund um Hausach schwingen sich die Hügel zu sanften, den Abend beschattenden Bögen, vom Burgturm bewacht schwindet ein weiterer Tag, schleift seinen Schwanz durch Ein- und Ausgänge des malerischen Tals und läßt ein Pfund Tradition in der Luft stehen, das man mal auf seine Handycam bannen kann. Einer der beiden lokalen Lyriker zeigt mir – für alle, die immer schon wissen wollten, worüber Dichter sich bei ihren klandestinen Treffen so unterhalten – seine Fußballautogrammsammlung und ein Foto, das ihn Arm in Arm mit dem jungen Beckenbauer zeigt, schnell noch ein Glas Wein, dann geht’s der glitzernden Kinzig nach, die ihre Geheimnisse geschickt in klarstem Wasser löst und wohl etwas länger befragt werden muß, bevor sie Tieferes preisgibt.