Rhein-Meditation (5)


“Zur Rechten und zur Linken tat sich das Postkartenpanorama des Mittelrheintals auf. Hunderte Male hatte ich die Strecke zuvor mit dem Zug passiert, ausländische Mitreisende hatte ich auf Höhe des Loreleyfelsens im Großraumwagen gelegentlich respektvoll Heine im Original zitieren hören, während deutsche Mitreisende am Mobilfon lautstark ihre Position mit „hier sind lauter Tunnel und so ein Fluß, wahrscheinlich die Elbe“ und ähnliche Desorientiertheiten durchgaben. Nun auf dem Schiff wirkte die Schönheit des Tals ins Quadrat gesetzt, schien der Fluß sich an Bergwänden zu stauen, um sich in fotogenen Biegungen erneut zu öffnen. Befestigungsanlagen und Burgen, die Rheinpfalz vor Kaub sonnten sich im warmen Morgenlicht, an den Hängen experimentierten Wald- und Weinlaub mit geschmackvollen Herbstfarben. Auf kleinen Felsinseln im Fluß breiteten die Kormorane ihr metallisch glänzendes Gefieder. Bojen wippten gemächlich entlang der Fahrrinne. Die Schiffsreisenden hielten ihre Tablets in Kopfhöhe, auf zahlreichen Displays setzte sich die Landschaft in persönlich gewählten Ausschnitten neu zusammen. Die groben, mehrsprachigen Informationshäppchen aus dem Bordlautsprecher erinnerten daran, dass diese genuin-zaubrische Umgebung im Allgemeinen zum Synthetikum verklärt, zum Multimedia-Mythosraum geronnen ist.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.

Ich fuhr von Sankt Goar

Ich fuhr von Sankt Goar
Den grünen Rhein zu Berge;
Ein Greis im Silberhaar
War meines Nachens Ferge.

Wir plauderten nicht viel,
Die Felsen sah ich gleiten
Dahin im Wellenspiel,
Und dachte vor’ger Zeiten.

Und als wir an der Pfalz
Bei Kaub vorüber waren,
Kam hellen Liederschalls
Ein Schiff zu Tal gefahren.

Ins weiße Segel schien
Der Abend, daß er glühte;
Studenten saßen drin,
Mit Laub umkränzt die Hüte.

Da ging von Hand zu Hand
Der Kelch von grünem Glaste;
Das schönste Mägdlein stand
In goldnem Haar am Maste;

Sie streute Rosen rot
Hinunter in die Wogen,
Und grüßte, wie im Boot
Wir sacht vorüberzogen.

Und horch, nun unterschied
Das Singen ich der Andern:
Da war’s mein eigen Lied,
Ich sang es einst vom Wandern;

Ich sang’s vor manchem Jahr,
Berauscht vom Maienscheine,
Da ich gleich jenen war
Student zu Bonn am Rheine.

Wie seltsam traf’s das Ohr
Mir jetzt aus fremdem Munde!
Ein Heimweh zuckt’ empor
In meines Herzens Grunde.

Ich lauschte, bis der Klang
Zerfloß in Windesweben;
Doch sah ich drauf noch lang
Das Schifflein glänzend schweben.

Es zog dahin, dahin -
Still saß ich, rückwärts lugend;
Mir war’s, als führe drin
Von dannen meine Jugend.

(Emanuel Geibel)

Abschied von Sankt Goar

(Abschiedsworte an Ferdinand Freiligrath)

Wie flog im Land des Rheines
So rasch die Sommerzeit,
Schon dunkelt blauen Scheines
Die Traube weit und breit;
Es färbt das Laub sich gelber,
Der Kranich zieht dahin;
Mit zieh’ ich, weil ich selber
Ein Wandervogel bin.

Fahr wohl, von Walnußbäumen
Umrauscht mein Sankt Goar!
Das war ein süßes Träumen
In deinem Schoß, fürwahr,
Wie oft im Tal der Grindel
Ward mir die Luft Gesang,
Wenn die kristallne’ Spindel
Der Wasserfei erklang!

Fahr wohl, du Lei der Lore
An wilder Strudel Schwall!
Noch tönt in meinem Ohre
Gedämpft dein Klagehall;
Er rief mir tief im Sinne
Die düstre Sage wach
Vom Herzen, das die Minne
Mit ihrer Falschheit brach.

Ihr Türm’ und Burgen droben,
Ich grüß’ euch tausendmal;
Von euerm Grün umwoben,
Wie schaut’ ich gern zu Tal!
Ich sah mit trunknem Geiste
Die Sonne dort verglühn,
Und mein Gedanke kreiste
Wie euer Falk’ so kühn.

Fahrt wohl, ihr sonnigen Weiler,
Mein Bacharach so traut,
Wo um Sankt Werners Pfeiler
Voll Glanz der Himmel blaut;
Und Kaub voll rosiger Dirnen,
Und Wesel grün von Wein;
Ich denk’ an euern Firnen
Fürwahr noch weit vom Rhein.

Und du, fahr wohl, mein Dichter,
Du Mann so jugendgrün,
Und mag dir immer lichter
Das Herz von Liedern blühn!
Wohl sänge dir Besseres gerne,
Der dieses sang und schrieb:
Doch sei’s – und halt auch ferne
Wie hier am Rhein ihn, lieb!

(Emanuel Geibel)

Indolente Weinbauern und ein privilegierter Bettler

In Bacharach und Kaub, wo wir ausstiegen und auf einer bedeckten Galerie längs der ganzen Stadtmauer hin an einer Reihe ärmlicher, verfallener Wohnungen fortwanderten, vermehrten die Untätigkeit und die Armut der Einwohner das Widrige jenes Eindrucks. Wir lächelten, als zu Bacharach ein Invalide sich an unsere Jacht rudern ließ, um auf diese Manier zu betteln; es war aber entweder noch lächerlicher, oder, wenn man eben in einer ernsthaften Stimmung ist, empörender, dass zu St. Goar ein Armenvogt, noch ehe wir ausstiegen, mit einer Sparbüchse an das Schiff trat und sie uns hinhielt, wobei er uns benachrichtigte: das Straßenbetteln sei zu Gunsten der Reisenden von Obrigkeitswegen verboten. Seltsam, dass dieser privilegierte Bettler hier die Vorüberschiffenden, die nicht einmal aussteigen wollen, belästigen darf, damit sie nicht auf den möglichen Fall des Aussteigens beunruhigt werden!

In diesem engeren, öderen Theile des Rheintals herrscht ein auffallender Mangel an Industrie. Der Boden ist den Einwohnern allerdings nicht günstig, da er sie auf den Anbau eines einzigen, noch dazu so ungewissen Produktes, wie der Wein, einschränkt. Aber auch in ergiebigeren Gegenden bleibt der Weinbauer ein ärgerliches Beispiel von Indolenz und daraus entspringender Verderbtheit des moralischen Charakters. Der Weinbau beschäftigt ihn nur wenige Tage im Jahr auf eine anstrengende Art; bei dem Jäten, dem Beschneiden der Reben usw. gewöhnt er sich an den Müßiggang, und innerhalb seiner Wände treibt er selten ein Gewerbe, welches ihm ein sicheres Brot gewähren könnte. Sechs Jahre behilft er sich kümmerlich, oder antizipiert den Kaufpreis der endlich zu hoffenden glücklichen Weinlese, die gewöhnlich doch alle sieben oder acht Jahre einmal zu geraten pflegt; und ist nun der Wein endlich trinkbar und in Menge vorhanden, so schwelgt er eine Zeitlang von dem Gewinne, der ihm nach Abzug der erhaltenen Vorschüsse übrig bleibt, und ist im folgenden Jahr ein Bettler, wie vorher.

Ich weiß, es gibt einen Gesichtspunkt, in welchem man diese Lebensart verhältnismäßig glücklich nennen kann. Wenn gleich der Weinbauer nichts erübrigt, so lebt er doch sorglos, in Hoffnung auf das gute Jahr, welches ihm immer wieder aufhilft. Allein, wenn man so räsoniert, bringt man die Herabwürdigung der Sittlichkeit dieses Bauers nicht in Rechnung, die eine unausbleibliche Folge seiner unsicheren Subsistenz ist. Der Landeigentümer zieht freilich einen in die Augen fallenden Gewinn vom Weinbau; denn weil er nicht aus Mangel gezwungen ist, seine Weine frisch von der Kelter zu veräußern, so hat er den Vorteil, dass sich auch das Erzeugnis der schlechtesten Jahre auf dem Fasse in die Länge veredelt, und ihm seinen ansehnlichen Gewinn herausbringen hilft. Man rechnet, dass die guten Weinländer sich, ein Jahr ins andre gerechnet, zu sieben bis acht Prozent verinteressieren, des Misswachses unbeschadet. Es wäre nun noch die Frage übrig, ob dieser Gewinn der Gutsbesitzer den Staat für die hingeopferte Moralität seiner Glieder hinlänglich entschädigen kann?

(Georg Forster. Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich, im April, Mai und Junius 1790, zitiert nach dem Goethezeitportal)

Riesbeck über das Mittelrheintal

Als wir unsre Augen auf dem prächtigen und lachenden Rheingau geweidet hatten, fuhren wir in das Dunkel des engen Tales hin, welches sich unter Bingen öffnet und dessen ganzen Boden der gedrängte Rhein einnimmt. Der Abstich tat unsern Augen unbeschreiblich wohl. Die Berge, welche sturzdrohend in diesem Tal über dem Fluß herhangen, sind bald mit dem mannigfaltigsten Grün bedeckt, bald nackte Felsen, hie und da blauer oder roter Schiefer und oft auch harter Urfels. Ihre Gestalten, ihre Einschnitte, ihre Verkettung, ihre Bekleidung, ihr verschiedener und seltsamer Anbau hie und da und die beständigen Krümmungen des Stromes machen die Aussichten alle Augenblicke abwechseln. Ungeachtet der größern Beschwerden sind die Ufer dieses Tales doch ungleich stärker angebaut und bewohnt als die Ufer der Donau in irgendeiner Gegend. Fast alle Stunde hat man eine Stadt vor sich. Fast jeder Berg ist mit den Trümmern eines alten Schlosses gekrönt, worin ehedem ein deutscher Ritter hausete. Die Lage dieser Städte und Flecken hätte die erhabenste Phantasie nicht romantischer und malerischer angeben können. Wir hatten einen Schottländer bei uns, der über Suez und über Italien aus Ostindien kam. Der Mann tat oft wie rasend. Er hatte hie und da Ähnlichkeiten mit Gegenden seines Vaterlandes gefunden, und da sprang er immer mit gleichen Füßen in die Höhe und schrie: “Das ist die Küste von N.! – Das ist die Bucht von N.!” Und da nennte er allezeit einen Ort im Schottischen Hochland, welcher der Partie der Rheinlandschaft, die wir vor uns hatten, ähnlich sein sollte. Die Liebe zu seinem Vaterland, von dem er zehn Jahre entfernt war und nach welchem er sich so heftig sehnte, griff ihn beim Anblick dieser Ähnlichkeiten wirklich mit gichterischen Zückungen an. Ich hatte Bosheit genug, ihn einigemal zu erinnern, wie weit er noch von seinem Vaterland entfernt sei, welches er auf dem Rhein zu sehen glaubte. Als uns hie und da Weinberge zu Gesicht kamen, fragte ich ihn, ob diese Landschaft auch Ähnlichkeit mit einer Bucht in Schottland hätte. Anfangs tat er böse; endlich ward er sehr beredt darüber, um mir zu beweisen, daß der Anblick der Weinberge der traurigste in der ganzen Gegend wäre, die wir durchfahren hätten. Er behauptete, die Regelmäßigkeit der gepflanzten Weinstöcke und ihre Einförmigkeit habe so was Ekelhaftes und Beklemmendes, daß er die Augen wegkehren müsse, um sie auf den kahlen und abstürzigen Felsen oder dem wilden und dicken Grün der gegenüberstehenden Berge weiden zu lassen. Das verkünstlende Gewühl der Menschenhände, sagt’ er, wäre höchstens nur deswegen in dieser Landschaft zu dulden, um die Reize der schönen und unverzierten Natur umher auffallender zu machen. Ich antwortete ihm auf seine lange Rede mit einem Glas roten Aßmannshäuser, welches ich ihm zubrachte und den er sehr trinkbar fand.

Die schönsten Gegenden in diesem romantischen Land sind die um Bacharach und Kaub, welche Städte beinahe grade einander gegenüberliegen, um St. Goar und um Koblenz. Die Lage von Bacharach ist, wie der Ort selbst, finster und schauerlich schön. Der Berg, an dessen Fuß das Städtchen liegt, hängt senkrecht drüber her und ist zum Teil mit Reben bekleidet, die einen der besten Rheinweine liefern. Die Lage von Kaub ist offener und lachender und macht mit dem entgegengesetzten Bacharacher Ufer einen unvergleichlichen Kontrast, besonders da sich die Häuser dieses Ortes durch ein lichtes Weiß im tiefen Grün seiner Gegend und im Abstich mit der ehrwürdigen Schwärze von Bacharach ungemein stark ausnehmen. Mitten im Rhein zwischen beiden Städten liegt auf einem Felsen, der kaum über die Oberfläche des Wassers emporragt, ein dicker, hoher und fester Turm, die Pfalz genannt, wie er denn auch, samt den beiden Städten, dem Kurfürsten von der Pfalz zugehört und vom gemeinen Volk für das eigentliche Stammhaus der Pfalzgrafen gehalten wird. Eigensinniger und malerischer kann in einer Landschaft nichts gedacht werden als die Lage dieses Turms, wenn man ihn in einiger Entfernung sieht. Die Gegend um St. Goar ist von ganz andrer Natur. Das rechte Ufer des Rheines ist hier ganz wild. Auf einem der hohen und fast senkrecht abgehauenen Berge, die es bilden, der sich durch seine majestätische Gestalt stark ausnimmt, liegt sehr romantisch ein festes Schloß, welches man noch zu erhalten sucht. Das linke Ufer, worauf die Stadt liegt, ist noch steiler, aber zum Teil mit unbeschreiblicher Mühe angebaut. Man hat auf kleinen Terrassen, wie zu Rüdesheim, auf dem abstürzigen Felsen Weinberge angelegt, die eine ungeheure hohe Treppe bilden. Der Raum zwischen dem Strom und den Felsen ist so enge, daß die Einwohner sich zum Teil in den Fels selbst hineinbauen. Über der Stadt ragt die Festung Rheinfels, von welcher ein Ast des hessischen Hauses den Namen trug, die aber nach Absterben desselben samt dem dazugehörigen beträchtlichen Lande dem Landgrafen von Hessen-Kassel zugefallen ist, majestätisch empor. Die Stadt selbst ist ziemlich lebhaft und die beste zwischen Bingen und Koblenz. Die Einwohner scheinen ein sehr fleißiges Volk zu sein. Ein wenig über der Stadt verursachen die kurzen Krümmungen des gedrängten Rheines einen Wirbel, der unter dem Namen der St. Goarer Bank sehr verschrien ist. Von beträchtlichen Unglücksfällen hört man sehr selten; allein wir waren Augenzeugen davon, daß der Ruf dieses Platzes kein leerer Popanz wieder des Donauwirbels ist. Ein großes kölnisches Schiff fuhr eben neben uns herauf. Es hatte von St. Goar einen alten erfahrnen Steuermann mitgenommen, der an der gefährlichen Stelle sehr weit in den Strom hineinstach. Die Pferde zogen stark an. Auf einmal ward der Steuermann von der Gewalt des Stromes so sehr überwältigt, daß das Schiff in einem Augenblick an dem linken Ufer des Flusses lag, ob es schon beinahe 150 Schritt davon entfernt war. Zum Glück stand eben da an der Spitze eines Felsen ein großer Kahn, der wie ein Hut zusammengedrückt ward, ohne den aber das Schiff vielleicht eine große Wunde bekommen hätte. Es saß demungeachtet auf dem Felsen auf und mußte mit Winden und Hebeln gelichtet werden.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Blücher kennt den Weg

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Generalfeldmarschall Blücher, vier Meter vom Scheitel bis zur Sohle, auf ebenso hohem Sockel. “Das Denkmal wurde von dem Berliner Bildhauer Prof. Friedrich Schaper entworfen, von der Metallgießerei Walter Gladenbeck in Friedrichshagen gegossen und am 18. Juni 1894 feierlich enthüllt”, weiß regionalgeschichte.net, und beschreibt wie Blücher (siehe auch diese kunstvoll nachgestellte Szene) mit seiner schlesischen Armee in der Neujahrsnacht 1813/14 den vereisten Rhein, unter anderem mithilfe einer russischen Pontonbrücke, überschritt: “Insgesamt überquerten 60.000 Soldaten, 15.000 Pferde und 182 Geschütze den Strom.” (Bild: Costa “Quanta” Costa)

Umstrittene Skulptur auf dem Rheinsteig

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Der heilige Christophorus schleppt das Jesuskind über den Rheinsteig. Christophorus, hier mit menschlichem Schädel, war nach Ansicht der Ostkirche Kynokefale, also hundsköpfig, somit Angehöriger eines Wildvolks, auch Halbhunde genannt, das sich “am Rande der zivilisierten Welt” bewegt(e) und je nach Quelle ausschließlich von Fischen, Laub oder Menschen ernährt(e). So lautet die gängige, wenngleich kaum historisch verankerbare Deutung der Statue auf dem Kauber Roßstein. Unser Fotograf erkannte auf den Schultern “des Diebes” bzw “des alleinerziehenden Vaters” hingegen das Brüsseler Manneken Pis, dessen mehrfache Entführung historisch belegt ist und dessen eigens bestellter Gewandmeister für zahlreiche Garderobenwechsel des kleinen Julien Sorge trägt. Bunte, widerstreitende Ansichten über die Bedeutung der Skulptur also, die sich auch nicht anhand der Wintergaben für das Knäblein auflösen lassen. (Bild: Costa “Quanta” Costa)

Ermittlung der Rheinlänge durch Ockhart (2)

Nähere Bestimmung der verschiedenen Distanzen, welche der Rhein von seinem Ursprunge, bis zu seiner Theilung in Holland, und von da bis zu dem Ausflusse seiner verschiedenen Arme in das Meer durchläuft.

A) Allgemeine Distanzen nach dem Laufe des Flusses

1. Von den Quellen bis nach Chur ohngefähr 20 Stunden
2. Von da bis zu dem Eintritt in den Bodensee 24
3. Lauf durch den Bodensee bis Constanz 9
4. Von Constanz bis Schaffhausen 9
5. Von da bis Basel 33
6. Von da bis Strasburg 32
7. Von da bis Neuburg 15
8. Von da bis Schröck 6
9. Von da bis Mannheim 18 1/2
10. Von da bis Mainz 15 1/2
11. Von da bis Caub 9 1/2
12. Von da bis Coblenz 10 1/4
13. Von da bis Andernach 5 1/4
14. Von da bis Linz 4 1/2
15. Von da bis Cöln 12 1/4
16. Von da bis Düsseldorf 10 1/2
17. Von da bis Homberg 7 1/2
18. Von da bis Wesel 7
19. Von da bis Emmerich 9 3/4
20. Von da bis Lobith 3
21. Von da bis Nimwegen 4
22. Von da bis Rossum 9 1/2
23. Von da bis Gorcum 9
24. Von da bis Dortrecht 5 1/2
25. bis zum Meer 14

303 1/2

Nach dieser möglichst genauen Bestimmung der Distanzen, die der Rhein in seinem Laufe zurücklegt, sieht man, mit wie wenig Grund Norrmann in der 6ten Auflage der Büschingischen Vorbereitung zur Europäischen Länder- und Staatenkunde Seite 103, die Länge des Laufs dieses Flusses, wie wir oben schon gesagt haben, auf 350 Meilen hat angeben wollen, und dass Fabri eben so Unrecht hat, wenn derselbe in seinem Abriss der natürlichen Erdkunde Seite 450 behauptet, dass der Rhein in seinen Laufe einen Weg von 360 Meilen zurücklege.

(aus: Josef Franz Ockhart – Der Rhein, nach der Länge seines Laufs und der Beschaffenheit seines Strombettes, mit Beziehung auf dessen Schifffahrtsverhältnisse betrachtet: Ein Beitrag zur nähern Kunde der deutschen Flußschifffahrt, 1816)

Mythos Rhein

Was ist das Mythos Rhein? Ist das etwas, was in Büchern verstaubt und Akademien, aufgegrellt dann in Ausstellungen und Dissertationen?

Oder ist das etwas, was lebt in jedem, der hier sein Leben am Strom verbringt ? Unbewußt zwar, aber doch da.

Gibt es den alten Vater Rhein, den Flußgott, in dessen Bart wir alle schwimmen wie zappelnde Fische?

Fische, die alle gründeln, um in der Tiefe irgendeine Krone zu finden aus Eisen, Gold, Teer oder Blech?

Was haben sie alle hier in dem Rhein gesucht? Die Arnims, Brentanos, die Kronenwächter, Müller Radlaufs, warum wimmelt es von Loreleyen, Felsen- und Feuerhexen?

Mein Sohn zieh nicht an den Rhein.

Der Rhein gibt Richtung. Hat Anfang und Ende. Fließt immerzu. Und ist doch da.

An seinen Ufern gibt er Platz zum Leben. Gründet Burgen, Klöster und Städte.

Nahrung gab er. Salme, Aale, Fische. Schiffahrtsstraße war er und ist er.

Doch ist weggeblieben der Zoll, der hier Geld und Reichtum jahrhundertelang gebracht.

Den Schiffern und Flößern gab er wie den Fischern Einkommen und Beruf.

An seinen Hängen die Reben, Trauben speichern die Sonne, deren Kraft sich im Schiefer verstärkt noch spiegelt. Gekeltert die Trauben schenken sie jedem den Rausch, ohne den das Leben phantasieloser, eintöniger und ärmer. Wein reimt sich auf Rhein.

Mythos Rhein sind das all die Burgen, Ruinen, Ritter, Felsenriesen, Gespenster, Sagen, Legenden, Staffage steil aufragender Berge?

Tief versunkener Nibelungenschatz.

Ist es das Gezanke um Ländergrenzen, Hoheitsrechte, Gebiete? Sie sollen ihn nicht haben und haben ihn doch nie, den keltisch freien deutschen? rhenus fluvius.

Mythos Rhein. Ist das der Massentourismus? Kraft durch Freude? Das Weltkulturerbe?

Mythos Rhein sind das die D-Züge, Überschallflugzeuge, das Getöse und der Lärm auf engster Fläche ?

Als ich als Kind das erste Mal vom Rhein weit weg war in einer fremden Stadt, wollte ich zum Rhein. Aber es gab ihn da nicht. Ich konnte mir keine Stadt ohne Rhein vorstellen. Ich war richtungslos. Orientierungslos. Verloren.

Der Rhein, das ist immer, da weißt du, wo du bist. Ist Nähe ganz, Ankunft, Ufer, Strom, Richtung und Welle. Und doch Ferne. Ferne und Nähe zugleich.

Ufer, an dem du stehst. Ufer, das nie du erreichst. Fernes Meer, wo deine Spucke hinfließt, Weite der Welt, Ozean, wohin er fließt uns ist doch ganz in der Enge des Tals.

Er ortet die Welt. Links und Rechts. Linkes und rechtes Ufer. Quelle und Mündung.

Stromkilometer wieviel?

Mal flach und mal tief.

Der Kauber Pegel weiß es genau.

Fremde zieht er her. In die Fremde läßt er dich träumen.

Und schenkt dir doch seine Nähe, seinen Geruch, spiegelt den Mond, tanzt mit den Wellen. Deren Strömung und Schlag hörst du wohltuend gleichmäßiges Rauschen in den stillen Stunden des Abends und der Nacht.

Die Nixen sie singen.

Im Element des Wassers löst deine Seele sich auf und wird wieder frei. Aus aller Starre, allem Stillstand heraus.

Abends gehen sie hier an den Rhein, sehen auf die gegenüberliegenden Berge, in die Weite des Flusses nach Bingen, an den Lichtern von Lorch vorbei zum Franzosenkopf hin, atmen die Frische des Wisperwinds.

Im Zickzack umfließt er die Felsen rheinabwärts, verschwindet plötzlich am Berg, an einer scharfen Biegung, taucht dann wieder auf. Insel und Pfalz thronen in ihm.

Treibholz schwemmt er heran und anderes Strandgut.

Über ihn gehen kannst du nicht mehr. Keine aufgeschichteten Berge und ausgetretene Pfade aus Eis.

Doch lehrt er dich noch immer, was es heißt Widerstand, mit oder gegen die Strömung zu ziehen, zu kämpfen, zu stehen.

In deinen Träumen fließt er der Rhein. In deinen Träumen, die noch nie die Lahn gesehen.

Ein- zweimal war er dir nah, sehr nah. Du dachtest nie wieder ein Ufer zu sehen. Doch fandst du doch noch dann Grund.

Auch deine Cousine, deren Auto in den Rhein schoß, trotz ihres Alters tauchte sie aus den Fluten wieder auf.

Die Nixen sie ziehen. Grundlos bleibt wer die Tiefe erblickt.

Meide Feuer und Wasser, gab mein ostwestfälischer Großvater meiner Mutter mit auf den Weg. Sie zog zum Rhein, zu der Stadt, die den Feuerwein schuf.

Es ist besser, Kindern keinen Rat zu geben.

Mein Vater, selbst im hohen Alter, mit Krücken gar, mit einem Geist, von dem man nicht mehr wußte, was er erfaßt und was nicht, so oft es ging, ging er abends zum Rhein. Saß auf der Bank, wo gegenüber das Wahrschauerhäuschen einst krönte die scharfe Biegung, die nun eher glatt wie ein Kanal dahinzieht, wegradiert ohne Grund diese einsame Sicht und Behausung des Wahrschauers.

Mein Vater, als er starb, ein neues Grab suchten wir aus auf dem Friedhof, wo in steiler Lage alle Gräber zum Rhein hin schauen, ein Grab auf einem kleinen Plateau. Als der Sarg in die Erde versenkt werden sollte, sagte meine Mutter, er liegt falsch, er sieht ja den Rhein nicht und tatsächlich ausgerechnet nur hier war das Grab zum Berg hin angelegt. Wir merkten es erst da. Wir mußten entscheiden. Legen wir den Sarg andersrum, daß er zum Rhein hin blickt? Der Bürgermeister zeigte Verständnis. Der rheinfremde Pfarer, dessen Ehefrau Pfarramt, Partei und Presse zugleich war, verbissen sein Gesicht, zeigte keinerlei Verständnis dafür. Ich entschied, er lag im Leben oft falsch, warum nicht im Tod. Mein Bruder versöhnte mich, wir bringen ihm einen Rückspiegel an, dann kann er den Rhein sehen.

Mythos Rhein.

Haben die Romantiker es erahnt?

Hat George es streng in Form gefaßt?

Blüht am hange       nicht die rebe?
Wars ein schein nicht       der verklärte?
Warst es du nicht       mein gefährte
Den ich suche       seit ich lebe?

Der größte der Dichter, Friedrich Hölderlin, hat es in seiner Rheinhymne erfaßt:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben

(Ein Gastbeitrag von Friedrich G. Paff, auf dessen Website weitere mittelrheinische Trouvaillen zu entdecken sind. rheinsein dankt!)

Le Rhin réunit tout

“Saint-Goar, 17 août.

Vous savez, je vous l’ai dit souvent, j’aime les fleuves. Les fleuves charrient les idées aussi bien que les marchandises. Tout a son rôle magnifique dans la création. Les fleuves, comme d’immenses clairons, chantent à l’océan la beauté de la terre, la culture des champs, la splendeur des villes et la gloire des hommes.

Et, je vous l’ai dit aussi, entre tous les fleuves, j’aime le Rhin. La première fois que j’ai vu le Rhin, c’était il y a un an, à Kehl, en passant le pont de bateaux. La nuit tombait, la voiture allait au pas. Je me souviens que j’éprouvai alors un certain respect en traversant le vieux fleuve…

…Ce soir-là… je contemplai longtemps ce fier et noble fleuve, violent, mais sans fureur, sauvage, mais majestueux. Il était enflé et magnifique au moment où je le traversais. Il essuyait aux bateaux du pont sa crinière fauve, sa barbe limoneuse, comme dit Boileau. Ses deux rives se perdaient dans le crépuscule. Son bruit était un rugissement puissant et paisible. Je lui trouvais quelque chose de la grande mer.

Oui, mon ami, c’est un noble fleuve, féodal, républicain, impérial, digne d’être à la fois français et allemand. Il y a toute l’histoire de l’Europe considérée sous ses deux grands aspects, dans ce fleuve des guerriers et des penseurs, dans cette vague superbe qui fait bondir la France, dans ce murmure profond qui fait rêver l’Allemagne.

Le Rhin réunit tout. Le Rhin est rapide comme le Rhône, large comme la Loire, encaissé comme la Meuse, tortueux comme la Seine, limpide et vert comme la Somme, historique comme le Tibre, royal comme le Danube, mystérieux comme le Nil, pailleté d’or comme un fleuve d’Amérique, couvert de fables et de fantômes comme un fleuve d’Asie.

Avant que l’histoire écrivait, avant que l’homme existait peut-être, où est le Rhin aujourd’hui fumait et flamboyait une double chaîne de volcans qui se sont éteints en laissant sur le sol deux tas de laves et de basaltes disposés parallèlement comme deux longues murailles. À la même époque, les cristallisations gigantesques qui sont les montagnes primitives s’achevaient, les alluvions énormes qui sont les montagnes secondaires se desséchaient, l’effrayant monceau que nous appelons aujourd’hui les Alpes se refroidissait lentement, les neiges s’y accumulaient; deux grands écoulements de ces neiges se répandirent sur la terre: l’un, l’écoulement du versant septentrional, traversa les plaines, rencontra la double tranchée des volcans éteints et s’en alla par là à l’Océan; l’autre, l’écoulement du versant occidental, tomba de montagne en montagne, côtoya cet autre bloc de volcans expirés que nous nommons l’Ardèche et se perdit dans la Méditerranée. Le premier de ces écoulements, c’est le Rhin; le second, c’est le Rhône…

…Le Rhin, dans les destinées de l’Europe, a une sorte de signification providentielle. C’est le grand fossé transversal qui sépare le Sud du Nord. La providence en a fait le fleuve-frontière; les forteresses en ont fait le fleuve-muraille. Le Rhin a vu la figure et a reflété l’ombre de presque tous les grands hommes de guerre qui, depuis trente siècles, ont labouré le vieux continent avec ce soc qu’on appelle pépée. César a traversé le Rhin en montant du midi; Attila a traversé le Rhin en descendant du septentrion. Clovis y a gagné sa bataille de Tolbiac. Charlemagne et Bonaparte y ont régné. L’empereur Frédéric-Barberousse, l’empereur Rodolphe de Hapsbourg et le palatin Frédéric Ier y ont été grands, victorieux et formidables. Gustave-Adolphe y a commandé ses armées du haut de la guérite de Caub. Louis XIV a vu le Rhin. Enguien et Condé l’ont passé. Hélas! Turenne aussi. Drusus y a sa pierre à Mayence comme Marceau à Coblenz et Hoche à Andernach. Pour l’œil du penseur qui voit vivre l’histoire, deux grands aigles planent perpétuellement sur le Rhin, l’aigle des légions romaines et l’aigle des régiments français.

…Ce noble Rhin que les Romains nommaient Rhenus superbus, tantôt porte les ponts de bateaux hérissés de lances, de pertuisanes ou de baïonnettes qui versent sur l’Allemagne les armées d’Italie, d’Espagne et de France, ou reversent sur l’ancien monde romain, toujours géographiquement adhérent, les anciennes hordes barbares, toujours les mêmes aussi; tantôt charrie pacifiquement les sapins de la Murg et de Saint-Gall, les porphyres et les serpentines de Bâle, la potasse de Bingen, le sel de Karlshall, les cuirs de Stromberg, le vif-argent de Lansberg, les vins de Johannisberg et de Bacharach, les ardoises de Caub, les saumons d’Oberwesel, les cerises de Salzig, le charbon de bois de Boppart, la vaisselle de fer blanc de Coblenz, la verrerie de la Moselle, les fers forgés de Bendorf, les tufs et les meules d’Andernach, les tôles de Neuwied, les eaux minérales d’Antoniustein, les draps et les poteries de Wallendar, les vins rouges de Taar, le cuivre et le plomb de Linz, la pierre de taille de Kœnigswinter, les laines et les soieries de Cologne; et il accomplit majestueusement à travers l’Europe, selon la volonté de Dieu, sa double fonction de fleuve de la paix, ayant sans interruption sur la double rangée de collines qui encaisse la plus notable partie de son cours, d’un côté des chênes, de l’autre des vignes, c’est-à-dire d’un côté le nord, de l’autre le midi; d’un côté la force, de l’autre la joie…”

(aus: Victor Hugo: Le Rhin, lettre XIV; Hugos Rheinbriefe sind komplett zu finden auf Google Books)

Militärgeschichte: Blüchers Rheinübergang

rheinuebergang

Wikipedia weiß: “Auf ihrem Marsch nach Frankreich nach der Völkerschlacht bei Leipzig in den Befreiungskriegen sammelte sich die Schlesische Armee unter dem Kommando von Feldmarschall Blücher im Dezember 1813 auf der rechten Rheinseite auf einer Breite von Mannheim bis Neuwied. Das Zentrum der Armee mit Blücher und den Korps Yorck und Langeron sammelte sich oberhalb von Kaub auf dem Taunus mit dem Plan, von Weisel durch das Holzbachtal und die Stadt zum Rhein vorzustoßen und diesen hier zu überqueren. In der Neujahrsnacht 1814 setzten die Kauber Lotsen eine Vorhut und erste Truppen in Nachen über den Rhein, während russische Pioniere eine Brücke aus Leinwandpontons bauten. Das Holzbachtal ist seitdem als Blüchertal bekannt und die Straße, die von Weisel nach Kaub hineinführt, heißt Blücherstraße.”

Das nachgestellte Bild zeigt den Rhein in der Neujahrsnacht 1813/14 im Hintergrund als schwarzen, autobahnähnlichen Film, davor drei hochrangige, entschlossene Militärs, unter denen sich auch “Marschall vorwärts” Blücher befinden soll.

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß (2)

(…) An Steuerbord entdeckte Julien einen Haufen fast mannshoch aufgeschichteter Kisten, daneben setzte er sich auf die Planken, vor sich die Weite des Tals.
Von diesem Platz aus überblickte er die gesamte Breite des Flusses und das Rheintal, bis hin zu einem Kirchturm; es mußte der von Bacharach sein. Noch stand Lorch, wo kurz angelegt worden war, vor seinem inneren Auge: freundliche Fachwerkhäuser, herrliche Blumenpracht, Rosen, an denen noch Regentropfen glitzerten. (…)
Nach einer Verengung des Rheinbetts, das die sich gegenüberliegenden Trümmer der Burg Nollig und der Burg Fürstenberg von einem Ufer zum anderen zu überwachen schienen, verbreiterte sich der Strom in einer stattlichen Krümmung um auf Kaub zuzufließen. Man sah das Städtchen nicht, da das rechte Ufer zu sehr in den Rhein vorstieß. Aber eine Inselburg inmitten der Flußwasser zog den Blick auf sich. Auf einem von weißem Sand umsäumten Felssockel warf ein monumentales Ungetüm, frisch aufgeweißt, seinen Reflex in die Fluten, der es doppelt so groß erschienen ließ. Die Burg war von einem hohen fünfeckigen Schieferturm überragt, den zahlreiche Dachfahnen und Schießscharten zur Seite wie Igelborsten umrundeten. (…)
“Guten Tag, Julien. Du siehst, ich halte mein Versprechen.“
„Ich sehe es, Gunther.“ (…)
„Das ist doch die Pfalz, dieses scheinbar gepanzerte Fort.“
“Sie ist es“, sagte Gunther lachend. „Was für ein Sperriegel, nicht wahr? Zusammen mit der Burg Gutenfels da oben in der Höhe dürften seinerzeit die Chancen, die Durchfahrt umsonst zu bekommen, minimal gewesen sein. Weißt du, daß es wenig weiter, ziemlich nahe der Lorelei, Felsriffe in der Tiefe gibt? Man sieht sie bei niedrigem Wasserstand unter sich liegen. Durch wen kommst du lieber um? Durch die Raubritter oder die Nixe?“ (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)

Der Rheinsteig im Radio

SWR 2 sendet dieser Tage das Wanderweg-Feature „Der Rheinsteig – von Wiesbaden bis ans Deutsche Eck” von Helmut Frei, worauf Rheinseins Hüfingen/Baar-Korrespondent Dr. Lutz Mittler uns dankenswerterweise hinwies. Den ersten Teil gibts bereits als knapp halbstündigen MP3-Download: Niederwalddenkmal, Wacht am Rhein, Drosselgass, Heine, Goethe (in seiner Eigenschaft als Ausflugsdampfer), Bacharach: so weit, so bekannt seit 2000 Jahren. Dann tritt die Reblaus auf den Plan und ihr schärfster Gegner: der pfälzische Winzer, der Sylt beliefert. Auf die Reblaus folgt die Klimaverschiebung – der Riesling verträgt nicht zu viel Hitze – und die gefährdete Brückenlosigkeit des romantisch grundierten Weltkulturerbes: ein Fährmann weist auf die wirklichste aller Rheinwirklichkeiten: den Verkehrslärm. Im Biotop der Dörscheider Heide oberhalb Kaub leben Spanische Fliege, Gottesanbeterin, Gottesanbieterin, Diptam, Abwurz und brennende Büsche. Daß der Fluß früher schmutziger war, belegt eine schöne O-Ton-Stelle: “Hauptberuflich arbeitete Stefan Lauer viele Jahre als Schieferdecker. Grauschwarz waren Hände und Gesicht, wenn er abends nach Hause kam: „Wir konnten also früher ohne weiteres mit dem Kahn hin und her nach Sankt Goar. Das kann man heute einfach nit mehr so, das is teilweise sogar verboten, na, also dieses Fahrwasser zu kreuzen. Ich war immer in nem Beruf, wo ich also sehr schwarz wurde. Dann is mer abends heim gekommen und hat mer en Handtuch und Seife genommen und dann is mer an den Fluss und hat sich gewaschen, is da herumgeschwommen und dann war das gut. Dann nachher, bedingt durch die Industrie, durch die Abwässer und alles so. Der Rhein, der kippte ja fast in den Sechziger Jahre, da wars dann umgekehrt. Wenn mer dann im Rhein schwimmen war, dann musste man sich zuhause duschen. Ich weiß, ich hatte noch mal Fische gehabt und beim Putzen, beim Schrubben und beim Ausnehmen, da kam der Gestank hoch; da hab ich alles zusammen gepackt, hab das wieder dem Rhein übergeben, also das wars dann halt.“” Des Berichts erster Teil schwingt aus mit der im allgemeinen Rheinlärm erzitternden Kesterter Kirsche oder Kesterter Kirche, die einstens in Berlin gesichtet worden sein soll. Teil 2 ist für den morgigen Dienstagvormittag, halb neun angesetzt.