Rheinisches Temperament bei der Deutschen Bahn

Der Spiegel berichtete am 22. Juni 2011 in einem reichlich süffisanten Online-Artikel über Pannen bei der Bahn, die unter Umständen über Pannen flugs hinauswachsen könnten. Doch die Artiklerin läßt sich von möglichen Folgegedanken lieber nicht den Humor verhageln. Hauptsächlich geht es also um Halteversäumnis-Comedy, Verlorene Schaffner-Burlesken und ungewollte Durchsagen bei versehentlich aufgedrehtem Mikrofon. Eine signifkante Häufung solcher Vorfälle scheint dabei der Raum Köln aufzuweisen: „Dat iss jetz peinlisch. Dat iss mir auch noch nie passiert. Aber isch bin jrad an Lövenich vorbeijefahren!” könnte in Köln natürlich unter okkasionellem Austausch des letzten Satzes als universales immerwiederkehrendes Karnevalsmotto gelten: „Dat iss jetz peinlisch. Wie konnte dat dann? Da stand doch jrad noch dat Stadtarschief.“ Der Spiegel fragt seine Leser im Anschluß an den Artikel: „Haben Sie auch solche amüsanten Erlebnisse an Bord von Zügen erlebt?“ Der Spiegel und seine Leser sind uns für diesmal relativ wurscht, aber rheinsein-Leser sollens erfahren:

- “Es war Mitte der 90er Jahre. Ich fuhr mit S. mit der Regionalbahn von Köln nach Düsseldorf. Höhe Langenfeld torkelte der Schaffner durchs Abteil. Er lallte und konnte sich nur mit größter Mühe auf den Beinen halten. S: „Hoffentlich ist der Fahrer nicht auch so dicht.“ Als wir Benrath passierten, sagte ich zu S.: „Wir hätten hier halten müssen.“ „Wie?“ „Dieser Zug hält normalerweise in Benrath.“ S. fassungslos: „Du hast recht. Das gibts doch garnicht.“ Der Zug hielt kurz nach diesem Dialog auf offener Strecke und – fuhr zurück. „Es ist möglich, daß wir jetzt in Gefahr sind.“ „Komm, beten wir eben.“ Der Zug hielt in Benrath und fuhr dann wieder weiter zum Hauptbahnhof. Es gab keine Durchsage, die meisten Passagiere vertrauten auf ihr Karma und blieben in Benrath im Zug.”

- “Es war um die Jahrtausendwende. Zugverspätungen und -ausfälle hatten zugenommen und waren auf bestem Weg, zum Regelfall zu werden. Ich fuhr von Köln zum Düsseldorfer Flughafen. Trotz der kurzen Strecke nahm ich mir in diesen Jahren stets eine Stunde Pufferzeit, wenn es um einzuhaltende Termine ging. Besser eine Stunde Warten in Kauf nehmen, als den Flug nicht antreten zu können. Es sollte in Urlaub gehen. Der Zug hatte gerade den Fluß gequert, da hielt er bereits wieder in Deutz. Das war nach Plan. Doch er hielt und hielt bald ohne Durchsage gute 20 Minuten. Das war nicht nach Plan. Zwar hatte ich noch immer 40 Minuten gut, aber keine Information, wann es weitergehen könne. Auf dem Gleis gegenüber langte ein weiterer Zug Richtung Düsseldorf an. Ich beschloß, den Zug zu wechseln. Kaum war ich umgestiegen, fuhr der erste Zug weiter. Der zweite Zug indessen blieb stehen. Nach weiteren zwanzig Minuten hieß es: „Der Schaffner ist uns weggelaufen. Wir warten, bis er wiederkommt.“ Der kam dann auch bald – und ich hielt mich wegen meiner Pufferzeitplanung für bahnmäßig ziemlich weise.”

- “Es war Mitte der 2000er Anfangsjahre. Zugverspätungen und -ausfälle waren inzwischen zur Regel geworden. Ich wollte von Köln zum Dortmunder Flughafen. Ja, den gibts. Die Stunde Pufferzeit hatte sich eingeschliffen, bei Fernfahrten durftens auch zwei Stunden sein. Dortmund mußte als Fernfahrt eingeschätzt werden, zumal der Weg zum dortigen Flughafen Neuland für mich war. Mein Zug wollte diesmal garnicht losfahren. Erst stand er eine Weile auf den Gleisen herum, dann wurde er aus dem Verkehr gezogen. Ich schaute nach Alternativen und rechnete und nahm als Ersatz einen leichten Umweg über Düsseldorf in Kauf. Planmäßig würde das locker reichen. Umsteigen in Düsseldorf. Der Zug nach Dortmund hielt nach einer Weile für ein Viertelstündchen auf der Strecke. Dann fuhr er weiter. Und hielt erneut für einige Minuten unplanmäßig. Es gäbe Probleme, die aber behoben würden, kam eine Durchsage. Irgendwo hinter Wuppertal blieb der Zug auf offener Strecke liegen. Wir würden in den nächsten Bahnhof abgeschleppt. Ein Ort namens Schwelm, dessen Existenz ich seither gerne verdränge. Mit dem nächsten Zug, falls der denn käme, würde ich meinen Flug nicht mehr erreichen. Immerhin standen zwei oder drei Taxis am Bahnhof – wohl blieben dort öfter Züge stehen? Ich fragte die Taxileute: „45 Minuten hab ich noch, schaffen Sie`s in der Zeit zum Flughafen Dortmund?“ Das traute sich keiner zu, da wäre Stau, das wüßten sie aus dem Funk und aus Erfahrung, das könne ich vergessen. So fuhr ich nach Köln zurück. In Kattowitz würden unterdessen Leute auf mich warten. Die Lesung war erst zwei Tage später angesetzt. Es gelang, einen Ersatzflug für den Folgetag zu bekommen, der Veranstalter bezahlte alle Tickets. In Kattowitz staunten sie nicht schlecht über meine Geschichte. Vergleichbares hätten sie von der polnischen Bahn jedenfalls bisher nicht zu hören bekommen.”

- “2009, 2010, 2011. Die Strecke Köln-Chur. Ich fuhr sie einige Male. Zugverspätungen und -ausfälle schienen leicht zurückgegangen. Dh, sie kamen weiterhin häufig, aber eben nicht mehr ganz so häufig vor. Wenn sich bis Basel erhebliche Verspätung ansammelte, passierte hinter der Grenze am Bahnhof Basel SBB folgendes: die Schweizer zogen den deutschen Zug aus dem Verkehr und stellten zwei ihrer eigenen Züge zur Verfügung: einen für die Kurzstreckenreisenden, der alle Haltestellen anfuhr und einen für die Langstreckenreisenden, der die verlorene Zeit aufholen würde. Für einen Rheinländer ist es zwar unvorstellbar, wie die Schweizer das schaffen, aber sie schaffen es.”

Chur (2)

„Die Stadt Chur ist eine der kältesten, die es gibt, die finsterste, die ich kenne.“ (Thomas Bernhard)

„Wer Chur je mit eigenen Augen gesehen hat, der weiß, daß es sich hier um eine sonnige, herzenswarme, liebliche Stadt handelt.“ (Iso Camartin)

Ob Thomas Bernhard nicht sonderlich herumgekommen ist oder sein erfolgreich-auf-Nörgeln-gepolt-Sein ihn zu seiner Feststellung verleitet hat (grad keine Vergleiche zu Bernhardschen Aussagen über andere Städte zur Hand): Chur vermittelt, insbesondere winters von Norden betreten, anfangs schon einen recht depressiven, von Bergen zugeklappten, dunklen Eindruck (etwa den eines Betonwaldes, aus dessen dampfstrahlgereinigten Modergebieten kahlköpfige Hochhauspilze ragen), der sich aber beim Verweilen flugs in hellere, sehr helle und Zwischentöne löst und bei Sonnenschein sowieso innert Minuten, wenn auch nicht rückstandslos, dahinschmilzt. Insofern dürfte sich Iso Camartins heimatverteidigender Satz vor allem auf Ausschnitte, und hierbei vor allem ältere, der ältesten Stadt der Schweiz berufen. Nun geht es in puncto Finsternis stark auf den kürzesten Tag des Jahres zu, Chur glimmt, von Haldenstein aus betrachtet, ab spätestens 17 Uhr wie eine weihnachtsbeleuchtete Kröte (oder sonst ein rundlich-fettes Krippentier) drunt, von hier aus links des Rheins gruppiert, ein Anblick, wie ihn jedes in Talgründen gelegene Schweizer Städtchen mehr oder minder bietet: gewiß kein allzu kalter. Rabiate, dem Wortsinn entsprechende, Finsternis mag der Literat zwar überall, aber im Städtevergleich doch eher z.B. in Phnom Penh als herrschend vorfinden, Finsternis gepaart mit Kälte, wenn es denn sein muß, z.B. in den Polarregionen, Gelsenkirchen oder Kattowitz. Chur enttarnt Bernhards Urteil bei aller Vorsicht (wer weiß, was Bernhard Grauenhaftes in Chur widerfahren sein mag?) somit mindestens zur Hälfte als vorurteilsgenährte Selbstentlarvung eines Kaumgereisten. So soll man immer aufpassen. (Ich sperre vorsorglich die Kommentarfunktion für Gelsenkirchener.) Letztlich sind beide Zitate Korsettstangen einer kleinen Stadt mit (zum Wohnen) hübschen Winkeln und häßlichen Flächen, welch letztere über ihre bergblickbietende Funktionalität jedoch, auf Dauer, einen ästhetischen Zugewinn entwickeln (oder dann doch eines Tages besser abgerissen werden) mögen. Von den Gewerbe-und Industriezonen bliebe, daß auch sie schweizerisch clean erschienen, von der Stadt an sich, die im Gesamten schon wie hingeworfen-wo-Platz-ist wirkt, die tallängs wenig Ausbreitungsbestrebungen zu besitzen scheint und doch das Zentrum einer ganzen Region voll berühmter Ferienorte in ehemals und teils bis heute wilden Haupt-, Seiten- und Rheintälern vorstellt, läßt sich sagen, daß sie dieses an sie herangetragene Selbstbewußtsein mit Gelassenheit zu tragen scheint. Ein freundlicher, zurückhaltender Schlag geht dort shoppen oder verkauft sein Birnbrot, auf kleinem Areal ist die gesamte Kultur einer zerklüfteten Region (zumindest museal) verfügbar und in der munizipalen Linie „dr Bus vu Chur“ erklingen die Haltestellenansagen im lokalen Dialekt.

Duisburg Hauptbahnhof

Uns ist in alten maeren wunders vil geseit, hochmoderne Verwunderung (d.h. aufheiternde Verwirrung) schafft wiederum die einzigartige Vitrinenlandschaft in der kränklich beleuchteten Flucht des Duisburger Hauptbahnhofs. Wer per Bahn ins ehemals Siegfriedsche Xanten reisen möchte, bekommt in Duisburg Umsteigen aufgebrummt. Das ist nunmal so. Das hat auch mit Herrn Mehdorn nichts zu tun. Xanten ist abseits geraten, seit die Römer, die Siegmunds, Sieglindes und Siegfrieds, ja selbst der Rhein von dort abgezogen sind. Es fällt also Wartezeit in Duisburg an. Die zu nutzen empfehle ich eine eingehende Besichtigung der Innenwände des maroden Bahnhofsgebäudes. Auf den ersten Blick kaum ersichtlich treiben sie nämlich einen Heiden-Schabernack mit den Wahrnehmensweisen der Passanten. Das konsumbudenartige Ambiente der in die Wände eingelassenen Vitrinen weist vorderhand auf osteuropäischen Einfluß (Budapester U-Bahn, Zentralbahnhof Kattowitz), bietet Wurzelreste längst abgestorbener Kulturstränge (70er Jahre-Ruhrgebiets-Selbstverständnis) und hinterfotzig-infiltrative Installationen aus dem topaktuellen Medienkunstgenre, ohne letztlich zu verraten, welcher Vitrineninhalt welcher Absicht dient. Das wirkt zunächst einmal abstoßend, kehrt sich in seiner Liebe zum deplazierten Detail jedoch zügig in nichts minder als vertrackte Evokation entzückten Staunens. Seit Jahrzehnten vernachlässigte Werbeflächen für namenlose Innenausstatter, bei denen die Tapeten von den Wänden blättern. Design-Toiletten für den Niederrhein. Antikapitalistisches Schmunzeln auslösender Kunstschnee auf fingierten Weihnachtswünschen führender westlicher Industrie- und Bankenbosse. Dazwischen durchgeknallte Installationen vorderorientalischer Lifestyle-Ästhetik in verwaschenen Leuchtfarben. Diese pseudomuseale Verschiebung zwischen artifiziellen und realen Schauwelten, zwischen der Aufforderung zu kaufen und der Aufforderung nachzudenken (am besten jedoch beides!), zwischen Raum und Zeit, und das hüben wie drüben mit krassen gestalterischen Mitteln geht ordentlich auf die Pedipalpen des Betrachters, der sich (mittels seines von den Vitrinen gesteuerten Willens zum Betrachten ebenjener) unversehens in eine kontraktive Zeitzone begibt: der Anschlußzug nach Xanten kommt plötzlich schneller als erhofft, beinah geht er sogar flöten, die Welt dreht sich ferne ächzend einmal kurz auf links, in einem ruckartigen unsichtbaren Schub, fast als wäre nichts geschehen, das Ächzen könnte auch das Bremsgeräusch eines Zuges gewesen sein, der nun in die Weite der Landschaft hinausgleitet. Adieu, Duisburg Hauptbahnhof, adieu!