Türkischer Rhein: Selim

oder die Gabe der Rede heißt ein Roman von Sten Nadolny aus dem Jahr 1992, der anhand einer deutsch-türkischen Männerfreundschaft u.a. mit viel Detailblick ein Panorama der Bundesrepublik von Mitte der 60er bis in die 80er entwirft. Eine der zentralen Personen ist Selim, der als Gastarbeiter aus Istanbul nach Deutschland anreist, für zahlreiche Jobs angestellt wird, die deutsche Sprache erlernt und fabulierend von einem Abenteuer ins nächste gerät. Im 83. Kapitel treffen wir Selim als Binnenschiff-Matrose auf dem Rhein:

„(…) Auf dem Rhein gab es keine Schleusen, Selim las Bücher von Jack London und Guareschi in türkischer Übersetzung. Gern sah er sich zwischendurch die Burgen am Flußufer an. Heiner erzählte die Geschichte von einem fetten Christen, der in einem Turm von Mäusen gefressen worden war, und noch anderes. (…)“

Selim, ein ebenso begnadeter Ringer wie Stegreifredner, gefällt insbesondere Grimms Märchen Sechse kommen durch die ganze Welt, das ihn an seine eigene Situation erinnert. Die Szene könnte sich zu Beginn gut und gerne auch Drei Mann in einem Boot überlagern: die alten Rheintanker, Weinhügel, eine naive Vorstellung von Wirtschaftswunderidyll in Technicolor. Nadolny hat seine Szenen jedoch ausführlich recherchiert, die Rheinschifffahrt kommt nicht nur als hübsches Abziehbildchen zu Ehren:

„(…) In Köln wurde Heizöl übernommen, dann ging es zurück zum Main. Selim konnte bald alles, was verlangt wurde, sogar sämtliche Knoten. Wenn ein Schiff entgegenkam und Heiner „Wir bleiben links“ rief, hißte Selim die blaue Flagge. Die Arbeit wurde schnell eintönig. (…)“

Mitten in die Rhein-Main-Schifffahrt fällt das Wembleytor bei einem Landaufenthalt im hessischen Karlstadt und markiert die Jahreszahl: 1966. Einen Beluga erblickt Selim im Rhein jedoch nicht:

„(…) Spannend waren auch Wettfahrten mit anderen Tankschiffen flußabwärts nach Holland. „Schnelltank 17“ lag mit 1000 PS gut im Rennen. Wer zuerst ankam, tankte zuerst, die anderen mußten warten. Er verkaufte auch als erster, und das war wichtig: die Preise hielten nicht so lange, bis der letzte gelöscht wurde. Beim Bunkern gab es schon für das zweite Tankschiff großen Zeitverlust: zum Auftanken wurde das Öl mit Dampf auf 45 Grad angeheizt, sonst war es zu dickflüssig und ließ sich nicht pumpen. Das dauerte. Selbst wenn der zweite auf der Fahrt wieder etwas aufgeholt hatte – in Ruhrort mußte er erneut Stunden warten, denn das Öl war auf der Fahrt wieder kalt und dick geworden, jeder mußte abermals ans Dampfrohr. Selim lernte, daß nicht die einen Tanks ganz aufgefüllt werden durften, während andere leer waren. Der Pegel mußte in allen nahezu gleichzeitig steigen. Bald konnte Selim mit den Meßstäben umgehen und leitete das Bunkern, während Heiner bei der Firma anfragte, wohin er liefern sollte. (…)”

Selim erweist sich auch für die Rheinschifffahrt zu unstet, sein Abschied in die zunehmende Verschlungenheit künftiger Abenteuer zeichnet sich bald ab:

“(…) Da sie vielen Frachtschiffen wiederbegegneten, kannte Selim bald eine Menge Leute vom Winken. (…) Man lernte die verschiedenen Weinhänge kennen und die Menschen, die darin den Buckel krumm machten. Nach drei Wochen meinte er auch die Kapitäne aller Ausflugsdampfer auf Main und Rhein zu kennen. Das einzige, was man sich nicht zu merken brauchte, waren die Touristen auf den Sonnendecks. Obwohl die am heftigsten winkten, um im Gedächtnis zu bleiben. (…)”

Selim oder die Gabe der Rede gibt es als Piper Taschenbuch, ca 500 Seiten, ca 13 Euro.