Rheinsein als virtuelles Museum: ein kurzer Ableitungsversuch

Nicht wenige kleine Provinzmuseen übten aufgrund ihrer vergleichsweise chaotischen Bestückung, ihres assoziativen, wilden Sammelsurium-Charakters nachhaltigere Eindrücke auf uns aus, als viele metropole Schauen mit ihren eher akribisch unter Kategorieaspekten sortierten Exponaten. Da war z.B. (und ist bis heute noch, jedoch vor Jahrzehnten zuletzt von uns besucht) das Fahrzeugmuseum in Marxzell, (gemeinsam mit dem Karlsruher Naturkundemuseum) der Lieblingsschauraum unserer Kindheit. Dort gab es vor dem Haus ausrangierte Lokomotiven und Bahnwagen, in die wir klettern durften, und drinnen vom Boden bis unters Dach Oldtimer, Draisinen und Hochräder (Fahrrad wie Auto, lautete die – durchaus fundierte – Suggestion, seien in der Gegend entwickelt worden), aber auch ein freaky siamesisches Rehkitz, ein magisches (mechanisches) Spinett und lustige Stummfilme auf riesigen Rollen, die noch lustiger wurden, wenn der Vorführer sie auf lautstarke Bitten erregter Grundschulklassen rückwärts abspulen ließ. Eindrückliche Museen späterer Jahre waren etwa das Teatre Museu Dalí in Figueres, eine Mischung aus Mausoleum und Gerümpelkammer, dessen scheinbar fahrlässige Hängung geniale Spuren aufwies. Dalís in Öl auf Leinwand gebannte Serien aus dem Himmel fallender Nägel bedeuteten ein Aha-Erlebnis: sie beeindruckten uns ungleich stärker als seine viel berühmteren, durch Abdrucke in tausend Bildbänden bekannten Gemälde. Traue deinen eigenen Empfindungen, statt den vorgekauten Meinungen des Kanons, sollte dieses Erlebnis bedeuten. Das Museo Insular von Santa Cruz de la Palma besaß zwar klar gegliederte Abteilungen – mehrere Ausstellungsstücke schienen das angestrebte Prinzip linearer Kulturvermittlung jedoch hochgradig unterlaufen zu wollen: Vitrinenmeter voll ausgestopfter Kanarienvögel, die eher subversiv zurechtgestoppelten Fantasiewesen glichen; eine siamesische Ziege erinnerte an das Marxzeller Urdoppelkitz. Wir lernten: über die Kräfte des Zufalls, der Bearbeitung und der Redundanz. Im Kumasi Cultural Centre sahen wir nebst einer Trommel, die den Schrei des Leoparden nachzuahmen vermag, den vergoldeten Schemel, den Okomfo Anokye vor 300 Jahren persönlich aus dem Himmel geholt hatte, um das Ashanti-Reich zu begründen und ein vom selben Mann vernähtes Schatzbündel: würde es jemals geöffnet, würde Ashanti vernichtet. Das Bündel befand sich recht ungeschützt hinter einer einfachen Vitrine. Hätten wir Ashantis Untergang gewünscht, wir hätten ihn selbst bewirken können. Oder auch nicht. Denn Okomfo Anokye war der stärkste Zauberpriester aller Zeiten: unweit des Cultural Centre befindet sich, auf dem heutigen Gelände des Lehrkrankenhauses von Kumasi, das unverrückbare Schwert, das Anokye dort in die Erde gerammt hat und das seitdem kein Mensch, nicht einmal mit schwerem Gerät, wieder herausbekommen hat, noch herausbekommen wird. Auf diese Weise erfuhren wir erstmals auf handfeste Art die nicht zu unterschätzenden mystischen Dimensionen von Geschichte. Das war in etwa so, als würde in Worms das Rheingold ausgestellt – mit Hagens Fingerabdrücken dran. Das Muzeul „Arta lemnului“ (Museum für die holzbearbeitenden Handwerke) im bukowinischen Câmpulung Moldovenesc zeigte neben dem kieferklappernden Hirschmenschen, dem wir kurz zuvor in Corlata leiblich bei einer Lesung unter den Apfel- und Birnbäumen des Dorfplatzes begegnet waren, auch einige sinister wirkende menschengroße Puppen: das Wissen um ihre Bedeutung sei über die Zeiten verschwunden – sie werden in der Region aber weiterhin hergestellt, um die Tradition aufrechtzuerhalten. Was uns umgehend an eine Anekdote des amerikanischen Wanderkünstlers Andrew Walther erinnerte: in einem nicht näher bezeichneten Museum habe er einmal einen Schiffskessel mit keltischer Inschrift gesehen. „Man knows nothing“, hätten die Museumsleute auf dem Erläuterungsschildchen angeschrieben gehabt, solle die Inschrift bedeuten – allerdings mit dem Zusatz: „We are not sure about the translation“. In einem solchen wie dem hier skizzierten Vorbild- und Spannungsgefüge soll auch Rheinsein, in seiner Eigenschaft als virtuelles Museum des gesamten Rheins und seiner Geschichte/n, pulsen und ausschlagen – gelegentlich auftretende Gewißheiten nicht ausgeschlossen.

Rheinsein unterwegs

Nach langen Jahren mal wieder die weltkulturelle Mittelrheinstrecke auf der Autobahn angegangen, doch lange: sollte dieser Genuß nicht währen. Die Autobahn hatte sich über zahlreiche omnivore Sommer und Winter wenig verändert, wollte uns scheinen – dann aber urplötzlich offenbar doch: „Bei Gonsenheim ist die Fahrbahn abgesackt“, meldete lakonisch der Verkehrsfunk. Keine weiteren Hinweise auf die technischen Strukturen, noch erwägenswerte Bedeutung/Auswirkungen eines solchen Ereignisses. Hitlers langer Atem, schoß es uns – unsinnig, das geben wir freimütig zu – durch den Sinn, der, von bärtigen Autobahnwitzen vernebelt, nach Halt, Hoffnung und, so widersprüchlich und zugleich sympathisch wie das bisher vorhandene menschliche Sein: nach Ankommen strebte. Wir befanden uns kurz vor Gonsenheim. Mußten aber weiter nach Karlsruhe. Wir: das waren der Kabarettist Stefan Reusch, bekannt für den nach ihm benannten Reusch`schen Dreher, ein eigenartiges, seltenes, hauptsächlich von Reusch selbst gepflegtes Sprachfänomen, das derzeit in den USA linguistisch erforscht wird, der Kabarettist Ismael Fischmord, bekannt für seinen Namen, den er sich gemacht hat, sowie unsere stets lyrisch gestimmte Wenigkeit. Der Bordroutenplaner riet zur Umgehung Richtung Alzey. „Alzey, Alzey, das ist doch noch ein Stückchen…“ – warnte unser rheinisch-geografisches Hintergrundwissen. Und: „Eine Fahrbahnabsackung – was sollte das im engeren Sinn vorstellen? Das Land geht zugrunde/“sackt wortwörtlich ab“ und schreit nach literarisch gebildeten Zeitzeugen, die…“ Reusch: „Das ist ein Loch…“, Fischmord: „…in das die ganzen Autos nach und nach hineinkippen…“, Reusch: „…wir nehmen die Abfahrt, basta!“ Die beiden bilden ein eingespieltes Team, bekannt für seine abstrusen, kaum erforschlichen Gedankengänge: Die Ableser. Bisweilen nehmen sie, ihrer altruistischen Art gemäß, in bewährt humanistisch-liberaler Sprungbrettmanier (auf Sprungbretter wird noch präziser zu kommen sein) zu ihren Auftritten unbekannte Gastautoren mit, die kurze Zeit später einigermaßen bis ziemlich groß herauskommen: Guy Helminger, Richard David Precht, etc… (lauter edle, mehr oder minder den universellen wundervollen Kraftsäften der Lyrik zugetane Zeitgenossen jedenfalls). Gesagt, getan: die Abfahrt war genommen, zwar stand uns von Sensationslust grundiertes Aufmucken im Sinn, wurde auch formuliert: „So eine Absackung, die solltet auch ihr, die ihr vieles schon gesehen habt, mal gesehen haben – wie oft im Leben ergibt sich eine solche Chance?: eine veritable Autobahnabsackung, das ist bestimmt was ganz anderes als die Geschichte mit dem Kölner Stadtarchiv, es wird dort auch kaum nach Geothermie gebohrt worden sein wie in Staufen, hört mal, wir könnten ja ganz vorsichtig da ranfahren, wir müssen ja nichts riskieren!“ – allein: „Zu spät“, kam es höhnisch-zufrieden von den Vordersitzen. (An dieser Stelle erfährt die ohnehin wirre Erzählung einen kaum zu kittenden Bruch, denn:) Wir enterten Rheinhessen: McDonald`s-Minarette kündetens, eine ansonsten bis auf gelegentliche Baumärkte leergefegte Landschaft bestätigte es. Rheinhessen! Rheinsein bislang unbekanntes, unbedingt jedoch noch zu erforschendes Terrain! Unser Herz klopfte, wenn schon nicht bis zum Anschlag, so doch in freudiger Entdeckenslaune. Und Fischmords Konsum amerikanischer Erfrischungsgetränke versprach den ein oder anderen Halt zwecks kontemplativer Einsichtnahme in die rheinhessische Region und Kultur vom Landstraßenrand! Welch selten betretene Gegend! Die lockende Gonsenheimer Fahrbahnabsackung war so gut wie vergessen.

Griechischer Rhein

Vor allem weil die Handlung in Karlsruhe spiele, machte unser Kaiserswerther Korrespondent uns auf die Herbst-Neuerscheinung „Beim Griechen“ von Alexandros Stefanidis aufmerksam. Eine Familiengeschichte griechischer Einwanderer, die, aus der Perspektive des jüngsten Sohnes (A. S. eben), die deutsche Geschichte der letzten 40 Jahre spiegelt. „grills sind ok“, kam uns sogleich in den Sinn, die hauseigene 90er Jahre Trash-Eloge auf den Schnellimbiß als Restaurant des kleinen Mannes, darunter nicht wenige Griechen mit ihren gemischten Platten (Olympia-Teller), deren Fleischberge häufig alpine Ausmaße erreichten, welche uns wenige Studenten aus einfacheren Verhältnissen bei unseren sonntäglichen Besuchen in der Düsseldorfer Gyros- und Souvlaki-Szene für kleines Geld mit ausreichend Kalorien für eine ganze harte Studienwoche versorgten, teils begleitet von der Gastgeberlandkultur assimilierten gereimten Sinnsprüchen: „Dick und satt / wie schön is dat!“ – und dem unvermeidlichen Ouzo zum Abschluß. Doch der hier beschriebene Grieche wurzelt vor der Imbißschwemme und hat den Ouzo aufs Haus womöglich sogar erfunden: es handelt sich um das erste griechische Restaurant in Karlsruhe und seine direkten Nachfolger, deren letztes nach rund 40 Jahren vergangenes Jahr u.a. auch unter der Imbißwelle begraben wurde. Stefanidis ist sieben Jahre jünger als der Autor dieser Zeilen und ebenfalls gebürtiger/aufgewachsener Karlsruher. Karlsruher Kolorit kommt in seinem Buch kaum vor, die Handlung ist straff am Familienbetrieb ausgerichtet und reicht kaum einmal über dessen Hinterhof hinaus; dennoch finden wir, trotz des Altersunterschieds, einige Überschneidungen: die beinahe täglichen Zoobesuche als Kleinkind, später die Faszination für Yps-Hefte, die Unfähigkeit Rubik`s Cube aufzulösen, die Schauburg als bevorzugtes Kino. Hinzu kommen zwei historische Marken: die Ermordung Siegfried Bubacks, Wolfgang Göbels und Georg Wursters durch die RAF und die Versammlungen der frühen Grünen, die nach der Gründungsversammlung zu Udo Jürgens und peloponnesischem Roten in überlangen Wollpullovern bei der Stefanidis-Familie feierten. Alexandros Stefanidis erinnert sich an Jutta Ditfurth als schöne, intelligente Frau; meine Erinnerung ruft eine selbstzufriedene Populistin wach, deren platte Sprüche mich als Teenager zur Flucht aus einer frühen Versammlung bewogen. Ein paar stadtbekannte Namen überspannen den Altersunterschied, und ein paar türkische Vornamen, was das gemeinsame Kicken anbelangt, zu meiner Zeit noch im Verein, aus dem sich die türkischen Kinder aber zurückzogen, weil sie von der Mehrheit der deutschen Mitspieler nicht akzeptiert wurden: so bolzten sie in den folgenden Jahren mit dem jungen Alexandros in der Südstadt; heute dürften sie die ein oder andere Vereins-Jugendmannschaft dominieren. Ansonsten bleibt aus dem Buch, was Karlsruhe betrifft, noch das lakonische Statement, daß Karlsruhe eben nicht Berlin sei zu vermelden. Und was über Karlsruhe hinaus geht, nämlich praktisch alles an diesem Buch: daß selbst orientierungslos durch Statistiken kreuchende Gestalten wie Thilo Sarrazin mithilfe der Lektüre das Einnehmen simpler Vogelperspektiven erlernen könnten.

Zwischenbilanz (2)

„Der Rhein ist eine Mauer“, schreibt Matthias Kehle in seinem Lyrikblog und meint damit im Speziellen die literarischen Beziehungen zwischen Karlsruhe und Edenkoben, sicher etwas zu exemplarisch hochgerechnet auf die Kulturräume Badens und der Pfalz. Dennoch fällt auf, daß die einzelnen Rheinregionen eher auf kulturelle Eigenständigkeit und Abgrenzung bedacht sind (Ausnahmen bestätigen die Regel), als den gemeinsamen Strom auch zum gemeinsamen Nenner zu nehmen. Das zieht sich durch Kantone, Bundesländer, Départements und vermutlich auch niederländische Provinzen, da und dort, wohl proportional zur Breite des Betts und zur Enge des Tals, finden sinnige Schulterschlüsse mit den Bewohnern des direkt gegenüberliegenden Ufers statt, im Allgemeinen aber herrscht Nabelschau, auch im Repräsentativen, wo es nicht unangebracht ist, und so nimmt es mich immer weniger Wunder, daß dieses vorwiegend zwar in deutscher Sprache, aber in alle Richtungen durchlässig geführte Blog mittlerweile wohl, auch wenn dies anfangs garnicht beabsichtigt war, und trotz aller Lücken eines auf Notizencharakter angelegten Arbeitsjournals sowie einer recht chaotischen Linienführung, die umfassendste zusammenhängende Sammlung kultureller Zeugnisse zum Thema Rhein im Internet vorstellt. So frage ich mich nun allmählich auch nach den Interessen meiner Leser, denn es sind, entgegen aller Erwartungen, vor allem im Laufe der vergangenen zwölf Monate, etliche geworden. Ich frage mich weiter, ob es Sinn machte, die Kulturgeschichte des Rheins im Internet zu musealisieren, nach und nach auf Basis des hier Vorhandenen Lücken zu schließen, die Sache überregional/international zu institutionalisieren, eine virtuelle Rheinbibliothek zu schaffen sozusagen. Meine Archive sind voller Texte, die ein Privatmann garnicht ohne weiteres ins Netz stellen darf. Und in virtuellen wie realen Weiten weiß ich um auszuhebendes Material für mehrere Jahre.
Dann wundere ich mich, daß klassische Produktionen, Derivate aus den hier angefallenen Texten wie das Rheinsein-Kartonbuch oder das erste, die alpenrheinischen Ursprünge behandelnde Rheinsein-Hörspiel in rheinfernen Metropolen wie Berlin und Wien stattfinden, und wundere mich auch wieder nicht, weil von dort, mit passendem Abstand, der hier gepflegte Blick aufs Ganze vielleicht verständlicher erscheint. Der Rhein könnte tatsächlich zur Mauer werden, die es einzurennen gilt, sobald mir die Mittel ausgehen (was derzeit deutlichst droht), um ihn weiter zu erforschen und, auch mithilfe all der Kollegen, die es seit Jahrhunderten in modischen Anwandlungen wie über alle Moden hinweg taten und tun, zu beschreiben. Davon werde ich nicht loslassen, solang der Fluß mich nur läßt.

Céline am Rhein

Der spätere (und dann heftig umstrittene) Weltliterat Louis-Ferdinand Céline besucht als Vierzehnjähriger meine Heimatstadt Karlsruhe. Dies im Jahr 1908, als sich Phönix Karlsruhe anschickt, zum ersten Mal die deutsche Fußballmeisterschaft (auf die Fußballgeschichte am Rhein, insbesondere die Frühgeschichte, wird noch zu kommen sein) nach Baden zu holen. Und mit ein paar Briefzeilen (noch nicht ganz, aber doch schon fast weltliterarischen Ranges) reiht Céline sich ein in die Reihe berühmter Karlsruhe-Beschreiber: „Aussi [pour : ici] en revanche nous avons un brouillard épouvantable. Ce matin en allant à l’école j’étais obligé d’aller tout doucement car on ne pouvait pas voir les gens à 100 pas. Cela vient du Rhin.“ Die fürchterlichen Rheinnebel Karlsruhes müssen damals mit den Londoner Themsenebeln konkurrenzfähig gewesen sein! (Mit Dank für das Zitat an Roland Bergère.)

Paris, 25. August 1943

Später stieg ich noch in das Zimmer des Präsidenten hinauf. Aus Köln zurückkommend, erzählte er, daß man in den Ruinenkellern rheinische Trinkstuben findet, in denen die Ausgebombten sich treffen und eine intensive Gemütlichkeit herrscht. Dort werden von den Zechern die alten Karnevalslieder gesungen – besonders beliebt sei: “Ja, das sind Sächelchen!” Das erinnert an die Lektüre des “König Pest” von E. A. Poe, den man ja überhaupt neben Defoe mit seiner “Pest in London” als einen der Autoren unserer Zeit betrachten kann.

(aus: E. Jünger – Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher III, Strahlungen II)

Dank für das Zitat an Roland Bergère. Jegliche Zeit ließe sich als unsere Zeit betrachten, da die Zeit ja eine stets nur leicht verändert auftretende Emulsion ihrer selbst (dh ihrer eigenen Zutaten) darstellt, und London und Paris, bliebe anzumerken, sind rheinische Städte, zweifellos, vielleicht die rheinischsten, die es gibt, oder zumindest idealisierte Rheinmetropolen, wie sich überhaupt weltweit viel mehr rheinische Städte und Gegenden finden, als der gemeine Daheimgebliebene vermuten mag – ein erweiterter Rhein(land)begriff ist also vonnöten und längst überfällig. Weiters in Karlsruhe (im typisch trockenen, hart am Drögen schrabbenden Stil, den sich die dortige Lokalpresse über Jahrzehnte erhalten hat) noch von den Bombardierungen der Stadt während des Zweiten Weltkriegs gelesen, wobei von Trinkstubengemütlichkeit und Karneval (respektive Fastnacht) keine Rede war, wohl aber von Tagen gereizter Stimmung und Tagen ungemeiner Solidarität. Als zeit- und volksmundtypische Figur blieb der “Bombenkarle” haften, ein einzelner Alliierter, ein Bomberpilot, der offenbar Überstunden schob und auch außerhalb der organisierten Verbandsflüge hartnäckig die Stadt im Alleingang angriff und den die Karlsruher mit “Karle” attributierten, was soviel wie eine Mischung aus “Kerle” und “Karl Arsch” bedeutet, weil es so einen erdigen (und lokal/real häufig vorkommenden) Namen darstellt – auch in meiner Schulklasse war einst ein Karle und potenzierte das badentypische in seinem Ruf- wie Nachnamen, noch dazu in seiner Person. Der Bombenkarle wurde also durch seine Karlsruheisierung zu einem der “Hiesigen” gemacht und dadurch entschärft, wenn auch nicht gleich bewundert. Über seine Abschußerfolge stand nichts zu lesen.

Auguste Duméril sur les bords du Rhin (3)

Voilà, sans contredit, une des plus belles choses que j’ai vues, pendant ce voyage, où j’ai eu si souvent à partager mon admiration, entre les spectacles offerts par une admirable nature, et de magnifiques travaux, dus à la main de l’homme. Rien de plus imposant, que ces ruines gigantesques, dont le bombardement, ordonné par Louis XIV ; et la foudre, qui a détruit une aile, ont fait une des choses les plus curieuses qu’on puisse voir. Construit sur des montagnes, qui bordent le Neckar et dominant la ville, cette masse imposante de constructions, à demi-détruites, mais qui cependant laissent encore dominer l’ancienne ordonnance, semble témoigner de la puissance des anciens ducs palatins. D’une ancienne plate-forme, d’où la vue plonge sur la ville, sur le Neckar, si pittoresque, et au loin, sur le Rhin, et les montagnes qui le bordent, j’ai joui du ravissant spectacle du coucher du soleil. Ce vieux château, que l’on conserve avec tant de soin, je l’ai visité dans tous ses détails, et vous comprenez que je n’ai pas manqué de visiter les magnifiques caves où se voit le célèbre tonneau monstre, et qui contient je ne sais plus combien de centaines de milliers de bouteilles: c’est curieux, mais un peu prosaïque, au milieu de tout cet ensemble si pittoresque. Le lendemain matin, j’ai voulu voir le lever du soleil, sur une autre montagne, double au moins, en hauteur, de celle où est construit le château: j’étais en route à cinq heures et ¼, mais une fois en haut, le brouillard était tellement épais que j’en fus pour ma peine, mais n’en n’ai pas moins fait une charmante promenade, en redescendant la montagne, du côté du Neckar, et de là, on a de délicieux points de vue. Sur la rive opposée de cette rivière, et mi-côte, Fiedemann, alors absent, possède une charmante maison de campagne. J’ai vu, de loin, la maison où les étudiants vont se balafrer la figure: c’est une espèce de cabaret, où les combats ont lieu dans une grande salle: ils sont sévèrement interdits, mais l’amour de la balafre fait braver aux étudiants toutes les défenses. En rentrant en ville, en petit bateau, sur lequel j’ai descendu le Neckar, j’ai été visiter les collections d’anatomie, et j’ai reconnu, dans les préparations, celles qui ont servi aux ouvrages de Fiedemann: il y a de fort belles choses, mais vous comprenez que je n’ai vu tout cela que très rapidement, pas tellement cependant, que je n’aie pu prendre une idée de l’ensemble. A dix heures ½ du matin, ce jour-là (mardi) j’étais en route pour Karlsruhe: trois heures m’ont suffi pour voir cette ville, de construction bizarre, dont la régularité, non moins parfaite que celle de Mannheim, est cependant un peu différente. A la convexité de la demi lune, qui ferme le château, viennent aboutir une vingtaine d’allées, qui traversent le parc et la forêt du Harz, comme les lames d’un éventail. En avant de la concavité de cette demi-lune, et à une certaine distance du château, est construit un rang de maisons formant également un arc de cercle, dont la concavité répond à celle du château: ce rang de maisons est coupé par onze rues, qui s’en vont en divergeant, et en formant aussi un éventail: les rues transversales sont en demi-lune. On saisit parfaitement cette disposition, du haut d’une tour, située au centre du château: c’est vraiment quelque chose de tout particulier, et qui est peut-être plus agréable à l’œil que le damier de Mannheim. Le château est très beau, ainsi que le parc: c’est une petite ville peu animée, qui l’est cependant assez, je crois, pendant la résidence du duc de Baden-Baden, en hiver. Le soir, de ce même jour, je venais coucher à B.-B., où j’arrivai assez tôt pour aller voir, le soir, le lieu de réunion, qui présente un aspect tout à fait propre à un lieu de réunion de baigneurs. Le lendemain, j’ai fait une énorme promenade, de près de 6 heures, au Curiem, vieux château, d’où l’on jouit d’une admirable vue, et sur les autres montagnes, qui bordent la délicieuse vallée, au fond de laquelle est construite la ville, qui se trouve ainsi parfaitement abritée. En revenant de la promenade, j’ai été entendre un excellent concert en plein air, devant la salle de conversation, et qui se donne chaque jour, deux fois, aux frais du grand-duc, et après le dîner à table d’hôte: curieux, par le bizarre assemblage des gens de toute nation qui s’y voient, et par la somptuosité qui y règne: j’ai été à un bal de souscription, où j’ai retrouvé toute l’élégance parisienne, et je me suis donné l’émotion de risquer une vingtaine de florins, dont heureusement je n’ai laissé aucun, sur le tapis, mais je n’ai rien gagné: si j’avais dû rester plusieurs jours à Baden, je n’aurais pas joué, car je crois qu’on doit facilement se laisser entraîner. Le lendemain jeudi, je suis allé, de Baden, à Fribourg-en-Brisgau, où je ne suis resté que quelques heures, temps suffisant pour visiter la cathédrale gothique, l’aspect de la ville, qui est petit et assez triste, et les collections d’anatomie, qui sont fort belles. De là, je suis revenu sur mes pas, pour visiter Strasbourg, où j’ai passé 24 heures à peine, ayant bien des choses à y voir: la magnifique cathédrale, l’Eglise protestante de St Thomas, où est le beau tombeau du maréchal de Saxe; la maison gothique, près de l’Eglise, et enfin, les riches collections d’anatomie normale et pathologique de la faculté de médecine. Je suis revenu directement par la malle, en 36 heures, de sorte que j’étais ici le dimanche 27, à 4 heures du matin.

(aus: Journal de voyage d’Auguste Duméril sur les bords du Rhin 1846, aufgespürt und Rheinsein zugespielt von Roland Bergère.  Der Autor war seinerzeit Zoologe mit Spezialisierung auf Kriechtiere, Lurche und Fische und schön wärs sicherlich gewesen, er hätte dem Rhein auf seiner Reise auch solche entlockt und näher beschrieben – damals, zu Beginn der hochspannenden Übergangszeit von Fabelwesen hin zur modernen, von zahlreichen Tiersendungen im Fernsehen dokumentierten Gegenwartsfauna.
(Quelle: http://correspondancefamiliale.ehess.fr/))

Stadtwandern – Der Karlsruher Rheinhafen

Der folgende Text ist ein Gastbeitrag von Matthias Kehle, zuerst erschienen in seinem Wander-Blog – Rheinsein dankt herzlich für den schönen Bericht!

Wo kann man an einem Ostermontag oder an Christi Himmelfahrt wandern gehen? Auf jeden Fall nicht im Schwarzwald, dachten wir uns vor einigen Jahren, es war an einem sonnigen, milden Ostermontag. Der Winter war früh verschwunden, die Forsythien und die Osterglocken blühten, wie sich das für Ostern gehört. Ganz einfach: Wir wandern zum Karlsruher Rheinhafen. Immer an der Alb lang, zartes Grün sprießt, ab und an begegnet uns eine Familie mit Hund oder ein paar bunte Radler, die hier wenig stören und dazu ein wenig die Enten beobachten. Oben rauscht streckenweise die B10, aber nach einer Stunde sind wir durch und marschieren an der Honsellbrücke und dem Heizkraftwerk-West vorbei, ein gewaltiger Quader, flankiert von Schornsteinen, dann geht es entlang den Hafenbecken. An der Schiffsanlegestelle des Beckens II vermissen wir das Fährschiff “MS Karlsruhe”, das wohl mit jenen alten Tanten auf Kaffeefahrt ist, die gerade nicht in der Straßenbahn nach Bad Herrenalb oder im Bus zum Mummelsee sitzen, wo sie uns auf dem Rückweg den Platz wegnehmen würden. Obwohl durchaus rüstig und standfest, blieben sie hartnäckig sitzen und machten keinen erschöpften Wanderern mittleren Alters Platz, sondern rümpften die Nase, weil wir ihre Nasen quälten. Über hundert Jahre alte Architektur, riesige Sandsteinlagerhallen, etwa das Kalag Getreidelagerhaus oder ein Hochwassersperrtor, entzücken uns, als seien es Murmeltiere, Bartgeier oder seltene Pflänzchen wie Himmelsherold, allesamt Gebäude, von denen wir bisher nicht wussten, dass es sie gibt und wofür man sie braucht.
Ein paar Kohlekähne liegen feiertäglich untätig herum, wir flanieren vorbei an den Schrotthändlern, bei denen Osteuropäer und Hartz-IV-Empfänger ihre paar Kilo Kabel abgeben, die sie beim Sperrmüll von den Kühlschränken, Toastern oder Computern abknipsen. Berge von zerquetschten Autos erfreuen uns beinharte Fußgänger, wir amüsieren uns über merkwürdige Firmennamen und haben Aha-Effekte (”Aha, hier ist also Vollack, und hier bei Carl-Spaeter-Stahlgroßhandel, da habe ich mich mal beworben.”)
Und vor allem: Hier, im Gebiet des Rheinhafens, herrscht Stille. Kein scheußliches Geräusch, keine Motorradverbrecher wie auf der Schwarzwaldhochstraße, keine durchgeknallen Mountainbiker zwischen den Verladestellen und Fabrikhallen. Österlicher Friede liegt in den leeren Bürogebäuden und den Hecken zur Nachbarfirma, der Fuhrpark ruht, die Bagger an einer Baustelle stehen schweigend, als täte sie nie ein Mensch bedienen. Niemand ist außer uns weit und breit zu sehen. Wenn nicht diese heitere Stille wäre, es wäre fast gespenstisch – ein verlassenes Industriegebiet, Karlsruhe ist ausgestorben, die Menschen sind geflohen, nur wir haben die Flucht verpasst und irren umher. Doch die Amseln singen und die Spatzen zwitschen, und kein verwaister Hund streunt vorbei und schnüffelt am Hosenbein meiner Frau. In den Fenstern der Büros stehen Ostergestecke und deuten auf weibliches Personal hin, immer wieder rote, blaue und gelbe Primeln, Tulpen und Osterglocken, ab und an ein Plastikhäschen oder ein Scherenschnitt auf’s Fenster geklebt.
Auf dem Rückweg, kreuz und quer durch Daxlanden, überqueren wir den leeren Parkplatz eines Baumarktes, steigen in ein einsames Holzpavillion und machten dort Brotzeit. Neben uns lagern große Säcke Blumenerde, eingeschlossen in einen Drahtkäfig. Hollywoodschaukeln und Gartenstühle ruhen angekettet in Sichtweite. Von Ferne ertönt ab und zu ein fröhliches Hupen, während wir Kartoffelsalat und Landjäger essen. Schade, hier wäre ein Bier nicht schlecht…

Rheinsein-Lesung

Nach drei Rheinsein-Lesungen in Köln (März), Aachen (Juli) und Karlsruhe (September), letztere als Podcast abrufbar bei Online Radio Mühlburg gastiert Rheinsein heute zum zweiten Mal in diesem Jahr auf der Lesebühne im Kölner Raketenclub. Rheinsein debattierte in diesem Rahmen bereits mit dem Publikum über die genaue Anzahl der Windmühlen in Xanten und Zons; die Lokalpresse zeigte sich angetan bis begeistert. Beginn der heutigen Veranstaltung ist 20.30 Uhr, der Raketenclub liegt in einem Hinterhof der Weidengasse 21 im Eigelsteinviertel und ist von den Verkehrsknotenpunkten Hauptbahnhof und Hansaring in jeweils fünf Minuten zu Fuß erreichbar.

Loreley

Mal wieder durchs Mittelrheintal geglitten, zumindest die Illusion von Gleiten verspürt, als wäre es möglich, in geografische und epochale Marken teilweise einzutauchen, sie kaleidoskopisch zu sondieren und verpuzzeln, dabei doch stets im vermeintlich/vergleichbar Sicheren des Hier und Jetzt zu ankern. Die Wochen zuvor bestanden aus Computerbildschirmen, aneinandergereiht, Tag für Tag, Nacht für Nacht, auf denen sich rheinische Panoramen in verschiedene Richtungen schoben, Realitäten bauten sich da auf und verschwanden per drag and drop, der vergebliche Wille zu systematisieren, besondere Essenzen hervor zu schleudern aus den Sortierverfahren (zb: Rhens: onomatopoetisches Versteck für Sirene/n?). Dann der Blick durch die getönte Zugfensterscheibe auf die nun scheinbar realeren Landschaften, farblich aber ganz ähnlich getönt/bearbeitet wie aufm Laptop-Screen. Ich halte den Klapprechner aufm Schoß, vergleiche die Bilder, die Relationen der gerahmten Bildausschnitte ähneln sich stark in Höhe, Länge, Tiefe, Breite, ja selbst unter dem Zeitaspekt, die elektronische Signatur ist jedoch immer älter als jene der zugehörigen Echtlandschaft – beide, Original und Abbild, halten ihren Vergleichen stand, immerhin, überlappen sich gar ein wenig an den Rändern. Entfremdung mittels Ähneln ist vorderhand nicht erkennbar. Als der Loreleyfels in Sichtweite gerät, setzt das übliche, poetisch inspirierte Mundwinkelzucken ein, bei einigen Passagieren. Diesmal zuckt auch Loreley selbst, sie sitzt mir schräg gegenüber, auf der anderen Seite des schmalen Gangs. Sie ist groß gewachsen, Modelmaße. Das lange Blondhaar trägt sie fein säuberlich zum Dutt gewunden, trotzdem sexy. Feiner Ausgehstoff, körperbetonendes Kleidchen, knöchellang, mit grauen Mustern, die an Höhenlinien auf Landkarten erinnern, darunter ausgelatschte Turnschuhe. Ihr Gesicht ist mit Makeup verspachtelt, voguecoverschön. Dahinter pulst ein wenig gut verborgener Stress. Sehr dunkle Wimpern; flache, senkrecht stehende Lippen eines im Mangastil dargestellten, scheuen Fabeltiers. Mit dem Zeigefinger weise ich auf den Hügel, zwinkere ihr mit Mundwinkeln und einem Auge zu. Ja, sagt sie, als sei zwischen uns eh alles klar. Hauptberuflich ist sie nun Stewardess. In Karlsruhe steigt sie aus mit ihrem Rollköfferchen.