Die Andernacher Bäckerjungen

Die Andernacher schlafen lange;
Im Schlafe schlägt man keinen tot;
Doch vor den Linzern weicht ihr bange
Zur Seite, weil euch Todschlag droht.

Einst hatte zwischen Andernachern
Und Linzern lange Krieg getobt;
Ihr wißt, daß mit den Widersachern
Noch heut kein Mädchen sich verlobt.

“Gesegnen wirs den Siebenschläfern!”
Hieß es zu Linz beim Morgenschein.
“Wohlauf, so soll den faulen Schläfern
Das letzte Brot gebacken sein.”

Die Rechnung ohne Wirt zu machen
Das widerrät ein altes Wort.
Denn wenn auch alles schläft, so wachen
Die Bäcker doch am faulsten Ort.

“Den Bäckern dürfen wir vertrauen;
Sie stehn, das Brot zu backen, auf;
Wenn sie den Feind von fern erschauen,
So wecken sie uns in den Kauf.”

Hierbei blieb eins nur unerwogen;
Daß Bäcker auch und Bäckerskind
Nicht aus der Ferne hergezogen,
Nein, selber Siebenschläfer sind.

Wenn sie das Brot gebacken haben,
So liegen sie davor gestreckt,
Am Morgenschlummer sich zu laben,
Wenn schon der Feind die Zähne bleckt.

Den Linzern wär der Streich gelungen,
Sie äßen Andernacher Brot,
Wenn nicht zwei fremde Bäckerjungen
Den Meistern halfen aus der Not.

Sie waren auf den Turm gelaufen
Und standen, frischen Honigs satt;
Da sahen sie den Linzer Haufen,
Der überrumpeln will die Stadt.

Doch als sie jetzt ans Stadtthor rücken,
Was war der Bäckerknaben Gruß?
Die Bienenkörb in tausend Stücken
Schleudern sie ihnen vor den Fuß.

Da stechen ungezählte Summer,
Und hundert töten einen Mann;
Gewiß, da zog die beste Nummer,
Wer noch mit heiler Haut entrann.

Die Jungen zerren an den Glocken,
Auf stehn die Andernacher Herrn;
Sie finden in die Milch zu brocken,
Doch keinen Feind mehr nah und fern.

“Wir hatten trefflich uns gebettet;
Ja, solche Wacht empfahl Vernunft;
Und hat kein Bäcker uns gerettet,
So thats die junge Bäckerzunft.”

Kommt ihr ins Thor, ihr seht inwendig
Noch heut die Bäckerjungen stehn.
Und halten sie die Wacht beständig,
Kein Linzer läßt sich leicht mehr sehn.

(Aus Karl Simrock: Rheinsagen – aus dem Munde des Volkes und deutscher Dichter. Eduard Weber`s Verlag (Julius Flittner), Bonn 1891)

Der Führer am Rhein

Von einem fleißigen Leser auf die Existenz eines Fotos von Adolf Hitler mit Rhein aufmerksam gemacht worden. Im Internet war es denn auch vorhanden und bald aufgetrieben, ein fantastisches Bild, nebenbei. Zunächst jedoch spuckte Google einen verheißungsvollen Buchtitel aus – Adolph (sic!) Waldeck: Der Führer am Rhein von seiner Quelle bis zur Mündung. Ein Handbuch für die Freunde der schönen Natur, der Kunst und des Alterthums, mit ausgewählten Balladen und Liedern, Bonn 1844. Eine kleine Mogelpackung. Die ersten, dem Autor wenig bedeutenden Rheinkilometer bis Mainz, werden in gefühlten siebeneinhalb Sätzen abgehandelt, die ebenfalls unbedeutenden Kilometer ab Düsseldorf in ähnlicher Manier. Zuhauf jedoch finden sich die versprochenen Balladen und Lieder, speziell mit historischen Bezügen auf den fokussierten Flußabschnitt, nicht selten schwerfällig anmutende Dichtung zur Hochzeit der Rheinromantik, welche meist Sagenstoffe bündelt. Levin Schückings bildungsbürgerliches Rheinlied macht den Auftakt und enthält ein paar Gran ebenjenes wuchtigen deutschen Ernsts, der Heine mit dazu veranlaßte, dem Volk sein Drittes Reich samt Desaster weiszusagen. Uhlands Straßburger Münstersage wirkt dagegen leichter, mit ihren verwunderten wechselgereimten Vierzeilern. Wolfgang Müllers trutzig-düstere Ballade von „der nächtlichen Erscheinung zu Speier“, gemeint ist die Wiederkehr der alten Kaiser: heute verfaßt, würden solche Zeilen als jene krude Mischung aus Esoterik und Nationalbewußtsein abgetan, die vor rund 80 Jahren in höchster Blüte standen. Fortan fällt in jedem zweiten Lied/Gedicht das Reimpaar Rhein/Wein. Rückert bereimt sauber „Die goldene Luft“, ein einst pestfrei gebliebenes Mainzer Sträßchen, flott sogar sind Kopischs (des Heinzelmännchendichters) Verse über den angeblich wegen niederer Standesherkunft angefeindeten, klugen Bischof Willegis. Adelheid von Stolterfoth äußert sich launisch zu Frauenlobs Tod. Simrock vervierzeilert die Sage von der schönen Gisela und Hans von Brömser, ihrem Vater, „dem Erbauer des Klosters Nothgottes, der auf dem Kreuzzug unter Conrad III. in Palästina nach glänzenden Waffenthaten in Gefangenschaft gerieth“, die Nebenflüße kommen zu Ehren und immer wieder erinnern die Strofen an mehr oder minder solide gemachte Promotion für eine Gegend, in der betuchtere Ausländer seit Mitte des 19. Jahrhunderts darob das deutsche Wesen zu finden hofften, mit Ausläufern bis in die Gegenwart.

Bad Säckingen

Die Stadtgeschichte von Bad Säckingen ist auf der Website von Bad Säckingen „nicht vorhanden“. Durchaus vorhanden sind Informationen zu Victor von Scheffels berühmtem Verswerk „Der Trompeter von Säkkingen“ und seinen historischen Vorbildern Franz Werner Kirchhofer (Werner, der Trompeter) und seiner Geliebten, Maria Ursula von Schönau (Margaretha), die beide urkundlich nachgewiesene Säckinger des 17. Jahrhunderts waren und deren unstandesgemäße Liebe, trotz des Widerstandes der adligen Familie von Schönau, in der Ehe und auf einem gemeinsamen Grabmal im St. Fridolinsmünster mündete. 1854 erschien Scheffels Trompeter – die gereimte Liebes- und Heimatgeschichte brauchte rund 20 Jahre, um ihren Durchbruch beim Publikum zu erzielen. Mittlerweile kennt sie hunderte Auflagen. Und Bad Säckingen bedient sich reichhaltig bei Scheffels Person und Werk, nach dem Vereine, Straßennamen, Schulen und Schlösser benannt sind, ganz zu schweigen von den Büsten und Plastiken im Stadtbild, deren auffälligste der Hiddigeigei-Brunnen mit Rheinblick darstellt, gewidmet der gleichnamigen Chansonnier-Charakterkatze aus dem Trompeter. Ein Schaufenster am Münsterplatz zeigt ausdrucksstarke s/w-Aufnahmen mit opulenten Szenen der Trompeter-Festspiele von 1901. Die Benennung des Münsters hat man in Bad Säckingen, dessen Name wiederum Karl Simrock keinesfalls von des Ortes Sacklage in einer Rheinschlinge abgeleitet sehen wollte, ausnahmsweise einmal nicht dem Scheffelismus überlassen. Es heißt vielmehr nach dem Ortsheiligen St. Fridolin, einem irischen Wandermönch, der die Gegend christianisierte und das Wunder vollbrachte, für eine kirchenrelevante Gerichtsverhandlung den verstorbenen Hauptzeugen nochmal zum Leben zu erwecken. Und auch „Europas längste überdachte Holzbrücke“ wird lieber unter den Schutz der bewährten Anti-Wassergefahren-Heiligen Franz Xaver und Johann Nepomuk gestellt. Dennoch wurde sie im Laufe der Jahrhunderte xmal zerstört – und wiederaufgebaut. In der geranienbekästelten Brücke befinden sich Informationen zu ihrer Geschichte (zb von der Festnahme Gustav Struves nach der fehlgeschlagenen Revolution) und ein regional seltener Bettler mit enormer Leidensmiene.

Rhein vs Ganges

Eine Menge rheinischer Gedanken machte sich zeitlebens der (rheinische) Germanist, Sagensammler und Dichter Karl Simrock – wie zb die folgenden in der Einleitung zu seinem Buch “Das malerische und romantische Deutschland. Der Rhein” in der Mitte des 19. Jahrhunderts: “Den Namen Rhein (hrên, Rhenus) führte der Strom schon, ehe deutsche Völker seine Ufer in Besitz nahmen. Es hat so wenig gelingen wollen, ihn aus dem gleichlautenden deutschen Wort (rein) als aus einem griechischen, welches fließen bedeutet, abzuleiten. Mag aber sein Name in seiner ältesten Form keltisch sein, der Strom selbst ist seit fast zwei Jahrtausenden deutsch wie seine Anwohner, die mit den Kelten selbst auch jenes keltische “hrên” verdrängten und durch eine ähnliche klingende appellative Flußbenennung ersetzten. Uns hieß also der Rhein der Fluß überhaupt, gleichsam der Fluß aller Flüsse. Und von jeher war dieser Name ein süßer Klang in einem deutschen Ohr. Wie oft und gern flochten die Minnesänger ihr sehnsüchtiges “alumbe den rîn” ihren schönsten Liedern ein, zuweilen ohne weiteren Grund, nur des lieben Namens willen. (…) Ja, der Rhein ist uns ein heiliger Strom, und seine Ufer sind die wahre Heimat der Deutschen, der ehrwürdige Herd aller deutschen Kultur. Was dem Inder der Ganges, das ist dem Deutschen der Rhein. Religion, Recht, Kunst und Sitte haben sich von ihm aus über die Gaue unseres Vaterlands verbreitet. Dies allein gibt uns ein Licht über die geheimnisvolle Wirkung seines Namens. (…) Nach der indischen Legende, die wir durch Goethe kennen, schöpft die reine, schöne Frau des Brahmanen täglich aus dem heiligen Ganges ohne Krug und Eimer, weil sich dem seligen Herzen, den frommen Händen die bewegte Welle zu kristallener Kugel gestaltet. Aber nur solange sie rein bleibt: sobald der leichteste Schatten auf sie fällt, nur ein verwirrendes Gefühl die heilige Ruhe ihres Busens trübt, rinnt ihr das Wasser durch die Finger nieder. Auf ganz übereinstimmenden Begriffen beruht die schöne Sage von der heiligen Ritza zu Koblenz, die trockenen Fußes über den Strom ging, der sie aber gleich zu tragen weigerte, als ein Zweifel die Heiterkeit ihres gläubigen Bewußtseins störte. Beide Überlieferungen setzen die Heiligkeit des Flusses voraus. (…)”

Rheingrundlagen

In der sogenannten jüngeren Edda des Snorri Sturluson (die verwirrenderweise als die historisch ältere gilt) werden die Grundlagen für das mittlere bis nördliche Europa (sowie der ansässigen Dichtkunst) geklärt. Natürlich suche ich auf Hinweise auf den Rhein: „Vor vielen Zeitaltern, als die Erde geschaffen wurde, entstand auch Niflheim, und in seiner Mitte liegt die Quelle, die Hwergelmir heißt. Aus ihr entspringen die Flüsse mit diesen Namen: Swöll, Gunnthra, Fjörm, Fimbulthul, Slid und Hrid, Sylg und Ylg, Wid, Leipt. Gjöll ist der Pforte zur Hel am nächsten.“ Schöne Flußnamen ohne lautliche Nähe zum Rhein. (Leipt? Naja.) Womöglich ist der auch viel später erst entstanden. Denn hier geht es um die Zeit des Reifriesen Ymir, aus dessen Kadaver die Welt enstand. Nicht ganz mit heutiger Logik erschließbar, denn bevor die Welt erschaffen wurde, lebte auf ihr bereits eine Kuh, welche Salz von bereiften Felsen leckte und Ymir mit vier Milchströmen nährte: „Am ersten Tag, an dem sie die Steine leckte, kam aus ihnen am Abend Menschenhaar zum Vorschein, am zweiten Tag der Kopf eines Mannes. Am dritten Tag war ein ganzer Mann da; der wird Buri genannt. Er war von schöner Gestalt, groß und stark. Er hatte einen Sohn, der Borr hieß.“ Borrs Söhne wiederum erschlugen den Reifriesen Ymir: „Sie nahmen Ymir, schafften ihn ins Ginnungagap (= der Schlund der Urleere) und erschufen aus ihm die Erde: aus seinem Blut das Meer und die Gewässer; die Erde wurde aus seinem Fleisch gemacht, die Berge aus den Knochen. Die Steine und Geröll machten sie aus seinen Zähnen, den Backenzähnen und aus den Knochen, die zerbrochen waren. Von dem Blut, das aus den Wunden floß und sich ausbreitete, schufen sie das Meer. Und als sie zusammen die Erde erschaffen und sie befestigt hatten, leiteten sie dieses Meer rings um sie herum. Sie nahmen auch seinen Schädel, machten daraus den Himmel und setzten ihn an vier Ecken auf die Erde. Und in jede dieser Ecken stellten sie einen Zwerg: Austri, Westri, Nordri und Sudri. Dann griffen sie nach den Funken, die herumflogen und aus Muspellsheim emporgeschleudert wurden. Sie befestigten sie mitten im Ginnungagap oben und unten am Himmel, damit sie Himmel und Erde erleuchteten. In der Mitte der Erde errichteten sie einen Wall um die Welt, gegen die Angriffe der Riesen. Für diese Befestigung nahmen sie Ymirs Wimpern. Dann nahmen sie sein Gehirn, warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken.“ Die Menschen wurden dann später aus Baumstämmen erschaffen. Daher auch die knorrigen Namen dieser Urwesen, Asen, Riesen, Zwerge, Elben, Berserker, Walküren, Nornen und Menschen, die letztlich einander gegenseitig bedingen. Es war jedenfalls ein kraftvolles Leben voller viperngezügelter Wolfsritte und Geschichten davon, warum der Lachs hinten schmal ist (Thor packte ihn einst, doch er glitt ihm durch die Hände, erst am Schwanz bekam er ihn zu fassen). In der älteren Edda (also der historisch jüngeren) in Simrocks Übersetzung der Atli-Sage ist vom Schwarzwald und tatsächlich namentlich vom Rhein die Rede, der mit einem verderblichen Schatz schalten soll. Ob der Rheineuforiker Simrock seinen Fluß dort einfach eingeschmuggelt hat oder ob das Original diese Herleitung offen anbietet, bleibt zu klären.

Eine kurze Geschichte des Rheins

„Die Erde, versichern die Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Schreibt der ehemalige Leiter der Kölner Stadt-Bibliothek Horst Johannes Tümmers in seinem 1994 erschienenen Buch Der Rhein – Ein europäischer Fluß und seine Geschichte. Tümmers hat wie sein Vorgänger Hübner den Rhein zu Fuß abgewandert. Und wie Dielhelm und Simrock beschreibt er den kompletten Verlauf. Anders als die Vorgänger ordnet Tümmers dabei jeden Flußabschnitt einem Oberbegriff zu, beim Alpenrhein ist es die Geologie. Natürlich läßt Tümmers Rechenexempel in seinem Geologie-Kapitel eine anschließende Kalkulation außer Acht. Innerhalb der Geschichte der letzten 10.000 Jahre, und da ganz besonders auf ihren letzten paar Seiten, sozusagen zum Zeitpunkt einer volksweiten Verbreitung der Schriftkultur, wurde soviel über ausgerechnet diesen Rhein zu Papier gebracht, daß man heuer neben Mikrofilm gar elektronische Speicherverfahren nutzen muß, um diese Textflüsse und -wüsten auch nur ansatzweise aufzufangen, auseinanderzusortieren und zu bewahren. Zumal herkömmliche Archive kaum mehr sicher stehen, seit der zeitgenössische U-Bahnbau mit seiner komplexen wie feindseligen Hintergrundmatrix aus Filz und Beton gegen die oberflächliche Bewahrung kultureller Zeugnisse antritt. Die Archäologen der Zukunft werden vermutlich über in tiefen Schächten und seltsam hammerförmig einbetonierte Zeugnisse des Mittelalters rätseln und wie nebenbei zu ganz treffenden Schlüssen über den heutigen Typus Kulturmensch gelangen. Falls sie dann nicht ohnehin hauptsächlich in den naiven Frühformen des Internets recherchieren. Für die sie, ebenso wie für frühzeitliche Grabungsformen, spezielle Passierscheine zur und Recherchebefugnisse auf der Erde erhalten. Den Rhein, so wie er sein sollte, nämlich das Optimum jeglicher Flußidee, hat man ja längst in der Biosfäre von P37 rekonstruiert.