Simrock über Vaduz

Grafschaft Vaduz

Die folgenden Gegenden hat ein anderer deutscher Dichter beschrieben, und keiner der unberühmtesten. Nachdem nämlich der Rhein Graubünden, seine Geburtsstätte, verlassen hat, bespült er links, schon von Pfäfers abwärts, St. Gallen, einen Kanton der Schweiz, rechts eine zum politischen Verband Deutschlands gehörige freie Grafschaft, deren Namen die Überschrift angibt. Sie bildet einen für sich bestehenden Staat, den man mit Unrecht als Fürstentum Liechtenstein aufführt, bloß weil er von dem Fürsten von Liechtenstein beherrscht wird, der diesen Namen von anderen mediatisierten Besitzungen empfing. Als Besitzer der freien Grafschaft Vaduz, die das Glück hat, selbst auf Spezialkarten unbemerkt zu bleiben, ist der Fürst von Liechtenstein souveränes Mitglied des Deutschen Bundes so gut als der König von Preußen und der Kaiser von Österreich und hat wie diese Sitz und Stimme im Plenum der Bundesversammlung.

Der Leser hat sich unterdes besonnen, welcher deutsche Dichter wohl die Grafschaft Vaduz beschrieben habe, und tippt jetzt auf unseren zu früh verstorbenen Wilhelm Hauff, dessen Roman »Lichtenstein« aber in anderen Gegenden spielt. So leicht war auch unser Rätsel nicht zu lösen: der Dichter, den wir meinen, hat dieses Ländchen beschrieben, ohne es zu nennen, und wenn wir seinen Namen hersetzen – er heißt Goethe –, so bleibt dem Leser immer noch zu raten, in welchem seiner Werke sich diese Beschreibung finde. Wir müssen ihm zu Hilfe kommen, denn obgleich wir ihm zutrauen, daß er seinen Goethe aufmerksam gelesen habe, so riete er doch vielleicht auf »Hermann und Dorothea«, auf die »Wahlverwandtschaften« oder ein anderes naturschilderndes Werk des Dichters und verfiele eher auf die Novelle »Wer ist der Verräter?« als auf die namenlose, welche das 15. Bändchen der Ausgabe letzter Hand enthält. Mit dieser noch nicht genug gewürdigten Erfindung hat sich der Dichter viele Jahre lang getragen. Die Idee dazu faßte er bald nach Vollendung seines »Hermann«, wie aus dem Briefwechsel mit Schiller hervorgeht. Er zweifelte aber, ob sich der Gegenstand mehr zur epischen oder zur lyrischen Behandlung eigne, ja einmal äußert er die Besorgnis, das eigentlich Interessante des Sujets möchte sich zuletzt gar in eine Ballade verflüchtigen. Schiller riet ihm zu gereimter, strophenweiser Behandlung. Später enthält der Briefwechsel kein Wort mehr über diese Angelegenheit. Vermutlich hat Goethe erst nach dem Tode seines Freundes den alten Plan wieder hervorgesucht, der sich ihm jetzt zur Novelle gestaltete. Diese spät gezeitigte Frucht des Goetheschen Lebensbaums ist eine der köstlichsten und süßesten. Mehr darüber zu sagen ist hier nicht der Ort; wenn wir aber den Beweis liefern sollen, daß Vaduz der gewählte Schauplatz sei, so müssen wir den Leser ersuchen, einen Blick in die Novelle zu werfen. Wir sehen einen Fürsten und eine Fürstin in einem Schloß residieren, das in einiger Höhe über dem Ort, jedoch tief unter den hohen Ruinen der alten Stammburg liegt. Der Ort wird zwar eine Stadt genannt, da doch Vaduz nicht viel mehr als ein Flecken ist; aber es fragt sich, ob der Dichter nicht Ursache hatte, in diesem einen Punkt, der vielleicht befremdet hätte, von der Wirklichkeit abzuweichen. Alles Übrige stimmt überein. »Der Weg«, heißt es ferner bei dem Lustritt nach der Stammburg, »führte zuerst am Fluß hinan, an einem zwar noch schmalen, nur leichte Kähne tragenden Wasser, das aber nach und nach als größter Strom seinen Namen behalten und ferne Länder belegen sollte.« Wer sieht nicht, daß der Rhein gemeint ist? Sigmaringen, das einzige Fürstentum, das die Donau durchfließt, hat keine Stammburg wie die geschilderte. Wenn aber der Rhein gemeint ist, so liegt kein anderes Fürstentum an dem noch schmalen, nur leichte Kähne tragenden Fluß.

Was ist aber hiermit für den Dichter oder für die Gegend gewonnen? Für den Dichter nichts, als daß wir sehen, wie er eine schöne, durch Natur und Geschichte verherrlichte Gegend in sich aufzunehmen und verschönert wieder hervorzuzaubern verstand. Für die Gegend viel, denn sie kann nur gewinnen, wenn wir sie mit den Augen des Dichters betrachten. Goethes eigentümliche Gabe zu landschaftlichen Schilderungen ist schon öfter bemerkt worden, ein geistreicher Franzose schreibt ihm deshalb ein panoramisches Talent zu; ein Ausdruck, an dem der Dichter seine Freude nicht verbergen konnte. Aber nirgends tritt dieses Talent außer in »Hermann und Dorothea« glänzender hervor als in der fraglichen Novelle. Wie anschaulich wird uns z. B. die alte Stammburg geschildert. Doch wir widerstehen der Versuchung, die Stelle mitzuteilen.

(aus Karl Simrock: Der Rhein)

Simrock über den Rheinfall

Der Große Laufen

Der Rheinfall bei Schaffhausen hat nicht nur den Namen dieser Stadt in aller Welt berühmt gemacht, sondern er ist es eigentlich, dem sie Entstehung und Blüte verdankt. Dies geschah nicht etwa durch den Besuch der Fremden, welche ein so einzigartiges Naturschauspiel zu betrachten zahlreich herbeieilen – obwohl auch diese nicht ganz unbedeutend dazu beitragen mögen –, sondern durch das natürliche Stapelrecht, das der Rheinfall zugunsten der Stadt, besser, als es ein kaiserliches Privilegium vermöchte, begründet hat. Da kein Schiff, ohne in tausend Stücke zu zertrümmern, den Rheinfall hinab kann, so müssen alle Güter, die aus dem Bodensee usw. hierhergelangen, oberhalb Schaffhausen ausgeladen, auf der Achse durch die Stadt geführt und unterhalb des Wasserfalls wieder an Bord genommen werden. Die großen Schiffe fahren daher nur bis nach Schaffhausen; kleinere, aus leichten Tannendielen – sogenannte Lauertannen – gezimmerte, werden wie ihre Ladung durch die Stadt, am Wasserfall vorbeigetragen und unterhalb desselben wieder auf den Strom gesetzt. Vermutlich lag hierin der Grund der ersten Ansiedlung, aus der Schaffhausen, dessen Name auch von Schiff oder dem lateinischen Scapha abgeleitet wird, hervorging. Dabei könnte aber befremden, daß Schaffhausen eine gute Stunde oberhalb des Wasserfalls liegt; deshalb müssen wir des Umstands gedenken, daß schon vor der Stadt die Schiffahrt durch einen Felsendamm gehemmt wird, der bei niederem Wasserstand sichtbar hervorragt. Er besteht, gleich der Felswand und den Felszacken des Wasserfalls, aus Kalksteinen, was den Zusammenhang beider Steinmassen mit dem hier auslaufenden Juragebirge bestätigt. Die Volkssprache nennt die Felsen des Damms die Lächen.

Bei Schaffhausen hört man den Rheinfall schon toben und brausen. Er befindet sich aber erst bei dem Züricher Schlößchen Laufen, das auf der linken Rheinseite auf einem hohen Felsen liegt. Dieser bildete wohl einst mit dem Steindamm, den hier der Rhein zu durchbrechen hatte, eine fortlaufende Bergwand, von der die Felsblöcke, die sich jetzt mitten im Strom dem Sturz entgegenstemmen, nur Überbleibsel sind.
Die Tiefe der Felswand, die sich der Rhein herabzustürzen hat, beträgt etwa siebzig bis achtzig Fuß. Aber eben da er den Anlauf zum Hinabspringen nimmt, stemmen sich ihm drei (früher fünf) Felsblöcke entgegen, welche aus der Wand emporragen. Einer derselben wird ganz überströmt, die übrigen nur bei dem höchsten Wasserstand. Der überströmte Felsen ist dem Schloß Laufen am nächsten, an dessen Fuß das Gerüst Fischenz, ein hölzerner, balkonartiger Vorbau über dem Abgrund, die vorteilhafteste Stellung gewährt, um den ganzen vollen Eindruck des erhabenen Schauspiels mit einem Mal zu gewinnen.

Schon oberhalb des Sturzes mußte sich der Strom in ein enges Felsenbett zwängen lassen, aus dem zahllose Klippen empor starrten. Darüber schäumend vor Unmut, gelangt er mit starkem Gefälle in die Nähe der Felszacken, wo der Boden schon unter ihm weicht und der Fall, obwohl erst allmählich, beginnt. In gewaltsamer Eile schießt er gegen die Felsblöcke hinab, an denen sein Fall sich bricht, der erst jetzt eigentlich geschehen soll. Beim Anprall gegen die Felsen zerstäubt ein Teil des Wassers und steigt als dichte Nebelwolke in die Höhe, ein anderer bildet siedende, schäumende Gischt, ein dritter wälzt sich in großen Massen über den Felsen und gelangt hinab in den Kessel, wo das Sieden, Schäumen und Strudeln von neuem anhebt. Denkt man sich dies in der größten Geschwindigkeit hintereinander und zugleich nebeneinander, da ein Teil des Wassers schon im Kessel zischt und brandet, wenn der andere erst gegen die Felsen prallt und über sie hinausspritzt; denkt man sich dieses Schauspiel bei jedem der Felsblöcke mit der Abänderung wiederholt, daß nur der erste Felsen überströmt wird, und läßt man dann die Sonne sich entschleiern, um den mannigfaltigsten, herrlichsten Farbenwechsel hervorzubringen, indem sie die vom Wind gekräuselten Säume des Schaums vergoldet, den Wasserspiegel mit Glanz überstrahle und im aufsteigenden, schnell bewegten Dunst den flüchtigen Regenbogen hervorzaubert, dessen Oberes von der Luft hin und her getrieben, vom neu aufwallenden Nebel verwischt und doch gleich wieder neu erzeugt wird, während der Fuß ruhig und unbeweglich in Gischt und Schaum des Kessels steht – faßt man dies alles in eine Vorstellung zusammen, so hat man ein schwaches Bild dessen, was an dem Phänomen sichtbar ist. Auf das Ohr wirkt gleichzeitig das ungeheuere Donnergetöse des Sturzes so gewaltsam, daß man es in stiller Nacht auf zwei Meilen weit hört, in der Nähe aber niemand sein eigenes Wort vernimmt. Auch dem Gefühl macht es sich durch die Lufterschütterung und den Staubregen bemerkbar, der den Zuschauer in kurzer Zeit durchnäßt, wenn er sich dem Anblick zu unbedachtsam hingibt.
Vom Gerüst Fischenz kann man die dem anderen Ufer näher liegenden Fälle nicht deutlich erblicken, deswegen begibt man sich wohl nach einem in der Nähe des Schlosses stehenden Pavillon oder fährt nach dem jenseits liegenden Schlößchen Wörth, das auch das schaffhausische Laufen genannt wird, wo man sich der Mitte des Falls gerade gegenüber befindet, obwohl schon in zu großer Entfernung. Noch ungünstiger ist der Standpunkt bei den Neuhauser Mühlen auf dem rechten Ufer, wo sich alles verkürzt und der kleinere Sturz den größeren verdeckt. Hat man nun noch die Neuhauser Höhe besucht, wo man eine Übersicht der ganzen Gegend gewinnt, so wird man sich wieder hinübergezogen fühlen, um den unvergleichlichen Anblick, der nur auf dem Gerüst Fischenz ganz genossen werden kann, noch einmal zu erleben; es wäre denn, daß man für diesmal auf der Schaffhauser Seite zurückzukehren gedächte, um bei anderer Stimmung oder Beleuchtung, z. B. bei Nacht und Mondenschein, das erhabene Naturschauspiel sich noch einmal aufführen zu lassen.

In einer im Jahre 1797 niedergeschriebenen skizzenhaften Beschreibung des Rheinfalls bemerkt Goethe, das Wunderbarste daran seien ihm die Felsen, welche sich in dessen Mitte so lange hielten, da sie doch vermutlich von derselben Gebirgsart seien wie der klüftige Kalkstein, der die Felsen beider Ufer bilde. Allein seitdem sind in diesem Jahrhundert zwei der fünf Felsen im Strombett zusammengestürzt, welche weder die ersten gewesen sein mögen, noch die letzten bleiben werden. Bedenkt man, daß schon ein Tropfen durch öfteres Niederfallen einen Stein höhlt, wieviel größer muß die Wirkung eines ganzen Stroms in Jahrtausenden sein? Wenden wir dies auf Vergangenheit und Zukunft an, so wird sich dort eine Zeit ergeben, wo die jetzt durchbrochenen Felsen des Strombetts mit jenen der Ufer dem Rhein einen Damm entgegensetzten, den er nicht sogleich bewältigen konnte, wodurch vielleicht die Ausbildung der beiden großen Seehecken begünstigt wurde. Das vorschauende Janusantlitz blickt hingegen auf das gerade Widerspiel, auf ein vollkommen ausgewaschenes, von allem Widerstand gesäubertes Strombett, in dem der Rhein ruhig hinwandelt, leichte Kähne wie die stolzen Dampf- und Segelschiffe auf dem glatten Rücken tragend. Daher ist dem schaulustigen Leser, der den größten Wasserfall Europas noch nicht gesehen hat, allen Ernstes zu raten, den Besuch desselben nicht allzulange hinauszuschieben: nach tausend Jahren fände er vielleicht die Stelle, wo er einst schaute, nicht wieder auf.

Der Rheinfall wird im Munde des Volkes jener Gegend nicht anders als der Laufen, und zwar der Große Laufen, genannt, wenn man ihn von dem Kleinen Laufen, einem zweiten, nicht so bedeutenden Fall des Rheins, der sich weiter unten bei Laufenburg befindet, unterscheiden will. Die beiden Laufen genannten Schlößchen und jenes Laufenburg führen ihren Namen ohne Zweifel erst von den entsprechenden Wasserfällen, wie auch das leberbergische Städtchen Lauffen von dem schönen Fall der Birs benannt ist. Gewöhnlich findet man die umgekehrte Angabe; selbst Glutz-Blotzheim sagt, zuweilen trage der Rheinfall den Namen des Schlosses. Ob der Name Laufen deutsch oder keltisch sei, ist schwer zu sagen; mit dem deutschen Zeitwort »laufen« hat er aber wohl nichts zu schaffen. Eher möchte man einen Zusammenhang mit Lawine vermuten, da das althochdeutsche louuin, von dem dieses Wort abgeleitet wird, einen Gießbach bedeutet.

Schaffhausen selbst ist als Geburtsstadt Johannes von Müllers berühmt. In seinem Münster hängt die große, 1486 gegossene Glocke, welche die aus Schillers Gedicht berühmte Umschrift führt: »Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.« Was der sogenannte große Gott von Schaffhausen, der nach dem rheinischen Antiquarius 22 Fuß lang war, eigentlich für ein Heiliger gewesen ist, wird vielleicht noch auszumitteln sein. Der gleich benannte Schweizer Kanton, der einzige, der nach Graubünden noch auf der rechten Rheinseite liegt, bildet gleichsam den Brückenkopf zwischen Deutschland und der Schweiz. Um so weniger dürfen wir die merkwürdige Brücke vergessen, welche ehemals die Stadt mit dem jenseits liegenden Züricher Flecken Feuerthalen verband. Diese Brücke, meldet Eichhof, war zwar nur aus Holz, aber ein Meisterstück in ihrer Art, ein Hängewerk, das, außer an den Ufern, nur auf einem einzigen Pfeiler ruhte oder vielmehr auch auf diesem nicht einmal ruhte, wenigstens ist darüber gestritten worden. Man behauptet nämlich, des Künstlers Plan wäre gewesen, nur einen einzigen Bogen über den Fluß zu legen; da er aber von der Stadtobrigkeit angewiesen worden war, sich jenes von einer ehemaligen steinernen Brücke noch vorhandenen Pfeilers zu bedienen, so hätte er zum Schein dem Befehl sich gefügt, aber seine Baueinrichtungen auf eine Art gemacht, daß in der Tat gleichwohl kein Teil durch denselben getragen worden sei. Dieser Künstler war nur ein gewöhnlicher Zimmermann von Tuffen im Kanton Appenzell, Hans Ulrich Grubenmann mit Namen, und man muß gestehen, daß in dieser Hinsicht, auch angenommen, daß durch den gedachten Pfeiler wirklich zwei Bogen entstanden wären, die Brücke dennoch Bewunderung verdient hätte, denn immerhin wären, da diese in ihrer Ausdehnung 364 englische Fuß betrug, auf die Öffnungen der beiden Bögen folgende Maße gekommen: auf die des größten 193 und auf die des kleinsten 171 Fuß. Ein einzelner Fußgänger, der über dieselbe hinschritt, fühlte das Gerippe unter seinen Füßen zittern, und dennoch trug sie schwerbeladene Lastwagen wie jede andere. Ihr Bau, der von 1754 an in drei Jahren vollendet wurde, hatte über 60 000 Reichstaler gekostet; ein einziger Tag vernichtete sie, da sie in dem Krieg zwischen Österreich und Frankreich zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einem Rückzug der Franzosen in Brand gesteckt wurde.

Die mündliche Sage behauptet, die alten Alemannen hätten am Rheinfall Pferdeopfer dargebracht. Wem könnten diese gegolten haben als dem Stromgott, der sich hier gewaltiger als irgendwo zeigt? Auch ein Volkslied, das am ganzen Rhein, von den Quellen bis zur Mündung, gesungen wird, spielt in dieser Gegend. Einzelne Strophen desselben haben sich nur in niederländischen Mundarten erhalten. Erfreut, die Einförmigkeit des prosaischen Vortrags mit diesem schönen Lied unterbrechen zu können, teilen wir es hier so vollständig mit, wie es sonst nirgends gefunden wird.

(aus Karl Simrock: Der Rhein – das darin enthaltene Lied vom Zimmergesell sparen wir an dieser Stelle aus.)

gleichsam der Fluß aller Flüsse

(…) Deutschland, dem die Donau nur in ihren Anfängen gehört, hat einen zweiten Strom wie der Rhein nicht aufzuweisen. Wir gehen weiter und sagen, Europa, das heisst hier die Welt, besitze seines Gleichen nicht. Man hat Deutschland das Herz Europa’s genannt; weil aber das Herz der Sitz der Leidenschaften ist, so wollten Einige dem immer heftig aufgeregten Frankreich die Ehre vindiciren, für das Herz Europa’s zu gelten. Gesteht man Deutschland und Frankreich gleiche Ansprüche darauf zu, so muss das im Herzen beider gelegene Rheinland den Sieg über beide davontragen. Entscheidet man sich für das tiefer fühlende Deutschland, so lehrt die richtige Ansicht von dessen natürlichen Grenzen, dass der Rhein mitten durch das Herz dieses Weltherzens fliesst. Die Welt ist zwar rund, mithin ihre Mitte, wie ihr Ende überall; aber als eine Wohnstätte der Völker hat die Erde ihre Mitte da, wo sich die mächtigsten und gebildetsten Nationen begegnen. Und auch dies entscheidet für den Rhein, denn an seine Ufer, die England alljährlich mit zahllosen Abgesandten überschwemmt, grenzen ausser Frankreich die wichtigsten deutschen Staaten, Oesterreich, Preussen, Baiern und Würtemberg, anderer zweiten und dritten Ranges nicht zu gedenken; die Schweiz und Holland liegen in seinen Quellen und Mündungen und Belgien wird durch eine Eisenbahn mit ihm in Verbindung gesetzt. Durch diese und ähnliche grossartige Unternehmungen, die theils schon im Bau begriffen, theils beschlossen und genehmigt sind, wohin auch der Donau-Main-Canal gehört, wird das Rheinthal immer mehr das werden, was es jetzt schon ist, die Hauptstrasse der gebildeten Welt, der Markt und Sammelplatz aller Nationen, der grosse Corso für die Faschingsfreuden der schönen Jahreszeit, zu welchen einzuladen sich dieses irdische Paradies mit immer neuen Reizen schmückt. Nirgend ist der Völkerverkehr lebendiger, die stündlich abgehenden Schnellposten mit ihren Beiwagen, die goldglänzenden Dampfschiffe, vor deren umgeschwungenen Rädern der Strom nicht zur Ruhe kommt, die geräumigen, mit der verschwenderischen Pracht der Palläste eingerichteten Gasthöfe wissen die Menge der Reisenden nicht fortzuschaffen, die Zahl der Fremden nicht unterzubringen. Man ist nicht mehr in Deutschland, man fühlt sich in der grossen Welt. Für die Bedürfnisse der Reisenden, für alle erdenklichen Bequemlichkeiten wird mit einem Raffinement gesorgt, das man ohne Lächeln nicht wahrnehmen kann. Reisebücher, Karten, Panoramen, malerische und plastische Darstellungen einzelner Gegenden wie grösserer Strecken, Sagensammlungen in Versen und Prosa, und tausend andere Reisebehelfe sind in allen Kunst- und Buchläden in solcher Fülle zu Kauf, dass zwischen Mainz und Köln kaum ein Haus, kaum ein Baum gefunden wird, der nicht schon eine Feder oder einen Grabstichel in Bewegung gesetzt hätte. Diese Gegend ist so vielfältig beschrieben, abgebildet und dargestellt, dass man zuletzt das Postgeld schonen und sie mit gleichem Genuss in seinen vier Wänden bereisen kann. Auf eine solche malerische Reise im Zimmer ist es auch hier wieder abgesehen.
Den Namen Rhein (hrên, Rhenus) führte der Strom schon, ehe deutsche Völker seine Ufer in Besitz nahmen. Es hat so wenig gelingen wollen, ihn aus dem gleichlautenden deutschen Worte (rein), als aus einem griechischen, welches fliessen bedeutet, abzuleiten. Mag aber sein Name in seiner ältesten Form keltisch sein, der Strom selbst ist seit fast zwei Jahrtausenden deutsch wie seine Anwohner, die mit den Kelten selbst auch jenes keltische hrên verdrängten und durch eine ähnlich klingende appellative Flussbenennung ersetzten. Uns hiess also der Rhein der Fluss überhaupt, gleichsam der Fluss aller Flüsse. Und von jeher war dieser Name ein süsser Klang in einem deutschen Ohre. Wie oft und gern flochten die Minnesinger ihr sehnsüchtiges alumbe den rîn ihren schönsten Liedern ein, zuweilen ohne weitern Grund, nur des lieben Namens willen. Heute noch, wenn es in unserm Nationalgesang, in dem Rheinweinliede des trefflichen Claudius an die Stelle kommt, wo es heisst: Am Rhein, am Rhein! wie stimmen alle Kehlen vollkräftig mit ein, wie klingen alle Römergläser an, wie schüttelt der Deutsche dem Deutschen die Hand, wie fühlen sich alle Theilnehmer des Festes, so zufällig sie zusammengekommen seien, in dem Gedanken an den geliebtesten unserer Ströme befreundet und verbrüdert! Was ist es, das diese magische Wirkung auf die Gemüther übt? Ist es der Duft der Rebenblüthe, der sich im Becher verjüngt; oder der edle Geist des Weins, der von dem Zauberwort erlöst in uns üherströmt? Oder weht uns der frische Hauch des Rheinthals an, die gesunde Alpenluft, die der Strom von den Gletschern seiner Heimat bei sich führt? Ist es der königliche, tiefgehende Fluss selbst, der seine klaren, grünen Wogen mit deutscher Ruhe von der Schweiz bis Holland wälzt? sind es seine gepriesenen, viel besungenen Ufer, das jährliche Ziel einer neuen Völkerwanderung? sind es die sanftgeschwungenen Rebenhügel, denen der geistreichste Most entströmt, oder die starren Felsen, von denen Schlösser und Burgen als Zeugen einer grossen Vergangenheit niederblicken? Ist es der kräftige Genius des Mittelalters, an den jene Ruinen mahnen, oder der Geist der neuern Zeit, der nirgend vernehmlicher als am Rheine zu uns spricht? Sind es die geschichtlichen Erinnerungen, oder die alten vertrauten Sagen? lst es die schöne Gegenwart, oder die lachende Zukunft, was uns vor die Seele tritt, wenn der Name Rhein unsergreift? Dies Alles erschöpft den Zauber des Wortes nicht, und wenn sich noch tausend andere Vorstellungen unbewusst mit jenen verbünden, so würde doch die Magie des Namens unenträthselt bleiben. Wer sich aber auf die Anatomie der Gefühle verstände, wer seine leisesten Empfindungen zergliedern könnte, der würde vermuthlich finden, dass in dem Namen des Rheins etwas Heiliges, etwas Heimatliches liegt, das seine Wirkung nicht verfehlt, obgleich wir sie uns nicht zu erklären wissen. (…)

(Karl Simrock, Das malerische und romantische Rheinland)

Die sieben Schwaben am Bodensee

XXVI
Wie die sieben Schwaben den See erschauten
Und was sie dazu sich zu sagen getrauten

Als die sieben Schwaben weiter giengen,
Kamen sie unweit von Ueberlingen
An ein Gewäßer sehr groß und tief.
Der Seehas die Gesellen zusammenrief,

Und sagt` einem jeden, was er da seh,
Das sei der See, ja der Bodensee.
Da gaben sie den Augen wohl die Kost
Und lugten Eines Lugens: „Bygost!“

Sagt der Allgäuer endlich verwundert:
“Das ist eine Lache, ich wett Eins gegen hundert,
Man könnte den Grindten darin versäufen,
So groß ist sie und von solcher Teufen.”

Der Spiegelschwab, welcher der witzigste noch,
Fragte den Seehasen: “Sag mir doch,
Sind das Wildenten dort in der Ferne?”
Es waren aber Schiffe; das glaubt` er nicht gerne.

Der Gelbfüßler wollte wißen, ob drüben
Auch wieder Leute wohnten, wie hüben?
Und also hatten sie Alle zu fragen,
Aber der Seehas wollt es auf Einmal sagen.

Dieß sei, sagt` er, das deutsche Meer,
Müßten sie wißen, und ohngefähr
Hab es einen Umfang von hundert Meilen
Und dabei müße man doch gewaltig eilen.

Und der See, sagt` er, habe gar keinen Grund
Und Boden, sagt` er, und aus diesem Grund
Heiße man ihn eben den Bodensee,
Wie das denn leicht zu begreifen steh.

Und bei stillem Wetter, sagt` er, und hellem
Sehe man unten tief in den Wellen
Versunkene Schlößer und Städte liegen,
Er sag es, sagt` er, und könne nicht lügen;

Und Fische geb es im Schwabenmeer
So groß wie das Costnitzer Münster und mehr;
Auch Nixen hab es die Menge, zu Land
Und zu Waßer, das sei bekannt.

Wenn aber der See zu stürmen beginne,
So werf er Wellen, so hoch wie die Zinne
Des Straßburger Münsters, oder der Sentis –
Es ist ein Berg, der also benennt ist.

Und er könne der Wunderdinge noch viel
Von dem See berichten, doch sei er am Ziel.
Was helf es den Blinden zu predigen und Tauben?
Denn wer es nicht sehe, der werd es nicht glauben.

Plotz Blitz! rief manchmal der Blitzschwab aus;
Die andern aber zogen die Stirne kraus
Und sagten kein Wörtle. Und also stande
Der Schwabenbund an des Schwabenmeers Strande.

(…)

(Karl Simrock: Die schwäbische Ilias, nach Ludwig Aurbacher, 1850)

Die Andernacher Bäckerjungen

Die Andernacher schlafen lange;
Im Schlafe schlägt man keinen tot;
Doch vor den Linzern weicht ihr bange
Zur Seite, weil euch Todschlag droht.

Einst hatte zwischen Andernachern
Und Linzern lange Krieg getobt;
Ihr wißt, daß mit den Widersachern
Noch heut kein Mädchen sich verlobt.

“Gesegnen wirs den Siebenschläfern!”
Hieß es zu Linz beim Morgenschein.
“Wohlauf, so soll den faulen Schläfern
Das letzte Brot gebacken sein.”

Die Rechnung ohne Wirt zu machen
Das widerrät ein altes Wort.
Denn wenn auch alles schläft, so wachen
Die Bäcker doch am faulsten Ort.

“Den Bäckern dürfen wir vertrauen;
Sie stehn, das Brot zu backen, auf;
Wenn sie den Feind von fern erschauen,
So wecken sie uns in den Kauf.”

Hierbei blieb eins nur unerwogen;
Daß Bäcker auch und Bäckerskind
Nicht aus der Ferne hergezogen,
Nein, selber Siebenschläfer sind.

Wenn sie das Brot gebacken haben,
So liegen sie davor gestreckt,
Am Morgenschlummer sich zu laben,
Wenn schon der Feind die Zähne bleckt.

Den Linzern wär der Streich gelungen,
Sie äßen Andernacher Brot,
Wenn nicht zwei fremde Bäckerjungen
Den Meistern halfen aus der Not.

Sie waren auf den Turm gelaufen
Und standen, frischen Honigs satt;
Da sahen sie den Linzer Haufen,
Der überrumpeln will die Stadt.

Doch als sie jetzt ans Stadtthor rücken,
Was war der Bäckerknaben Gruß?
Die Bienenkörb in tausend Stücken
Schleudern sie ihnen vor den Fuß.

Da stechen ungezählte Summer,
Und hundert töten einen Mann;
Gewiß, da zog die beste Nummer,
Wer noch mit heiler Haut entrann.

Die Jungen zerren an den Glocken,
Auf stehn die Andernacher Herrn;
Sie finden in die Milch zu brocken,
Doch keinen Feind mehr nah und fern.

“Wir hatten trefflich uns gebettet;
Ja, solche Wacht empfahl Vernunft;
Und hat kein Bäcker uns gerettet,
So thats die junge Bäckerzunft.”

Kommt ihr ins Thor, ihr seht inwendig
Noch heut die Bäckerjungen stehn.
Und halten sie die Wacht beständig,
Kein Linzer läßt sich leicht mehr sehn.

(Aus Karl Simrock: Rheinsagen – aus dem Munde des Volkes und deutscher Dichter. Eduard Weber`s Verlag (Julius Flittner), Bonn 1891)

Der Führer am Rhein

Von einem fleißigen Leser auf die Existenz eines Fotos von Adolf Hitler mit Rhein aufmerksam gemacht worden. Im Internet war es denn auch vorhanden und bald aufgetrieben, ein fantastisches Bild, nebenbei. Zunächst jedoch spuckte Google einen verheißungsvollen Buchtitel aus – Adolph (sic!) Waldeck: Der Führer am Rhein von seiner Quelle bis zur Mündung. Ein Handbuch für die Freunde der schönen Natur, der Kunst und des Alterthums, mit ausgewählten Balladen und Liedern, Bonn 1844. Eine kleine Mogelpackung. Die ersten, dem Autor wenig bedeutenden Rheinkilometer bis Mainz, werden in gefühlten siebeneinhalb Sätzen abgehandelt, die ebenfalls unbedeutenden Kilometer ab Düsseldorf in ähnlicher Manier. Zuhauf jedoch finden sich die versprochenen Balladen und Lieder, speziell mit historischen Bezügen auf den fokussierten Flußabschnitt, nicht selten schwerfällig anmutende Dichtung zur Hochzeit der Rheinromantik, welche meist Sagenstoffe bündelt. Levin Schückings bildungsbürgerliches Rheinlied macht den Auftakt und enthält ein paar Gran ebenjenes wuchtigen deutschen Ernsts, der Heine mit dazu veranlaßte, dem Volk sein Drittes Reich samt Desaster weiszusagen. Uhlands Straßburger Münstersage wirkt dagegen leichter, mit ihren verwunderten wechselgereimten Vierzeilern. Wolfgang Müllers trutzig-düstere Ballade von „der nächtlichen Erscheinung zu Speier“, gemeint ist die Wiederkehr der alten Kaiser: heute verfaßt, würden solche Zeilen als jene krude Mischung aus Esoterik und Nationalbewußtsein abgetan, die vor rund 80 Jahren in höchster Blüte standen. Fortan fällt in jedem zweiten Lied/Gedicht das Reimpaar Rhein/Wein. Rückert bereimt sauber „Die goldene Luft“, ein einst pestfrei gebliebenes Mainzer Sträßchen, flott sogar sind Kopischs (des Heinzelmännchendichters) Verse über den angeblich wegen niederer Standesherkunft angefeindeten, klugen Bischof Willegis. Adelheid von Stolterfoth äußert sich launisch zu Frauenlobs Tod. Simrock vervierzeilert die Sage von der schönen Gisela und Hans von Brömser, ihrem Vater, „dem Erbauer des Klosters Nothgottes, der auf dem Kreuzzug unter Conrad III. in Palästina nach glänzenden Waffenthaten in Gefangenschaft gerieth“, die Nebenflüße kommen zu Ehren und immer wieder erinnern die Strofen an mehr oder minder solide gemachte Promotion für eine Gegend, in der betuchtere Ausländer seit Mitte des 19. Jahrhunderts darob das deutsche Wesen zu finden hofften, mit Ausläufern bis in die Gegenwart.

Bad Säckingen

Die Stadtgeschichte von Bad Säckingen ist auf der Website von Bad Säckingen „nicht vorhanden“. Durchaus vorhanden sind Informationen zu Victor von Scheffels berühmtem Verswerk „Der Trompeter von Säkkingen“ und seinen historischen Vorbildern Franz Werner Kirchhofer (Werner, der Trompeter) und seiner Geliebten, Maria Ursula von Schönau (Margaretha), die beide urkundlich nachgewiesene Säckinger des 17. Jahrhunderts waren und deren unstandesgemäße Liebe, trotz des Widerstandes der adligen Familie von Schönau, in der Ehe und auf einem gemeinsamen Grabmal im St. Fridolinsmünster mündete. 1854 erschien Scheffels Trompeter – die gereimte Liebes- und Heimatgeschichte brauchte rund 20 Jahre, um ihren Durchbruch beim Publikum zu erzielen. Mittlerweile kennt sie hunderte Auflagen. Und Bad Säckingen bedient sich reichhaltig bei Scheffels Person und Werk, nach dem Vereine, Straßennamen, Schulen und Schlösser benannt sind, ganz zu schweigen von den Büsten und Plastiken im Stadtbild, deren auffälligste der Hiddigeigei-Brunnen mit Rheinblick darstellt, gewidmet der gleichnamigen Chansonnier-Charakterkatze aus dem Trompeter. Ein Schaufenster am Münsterplatz zeigt ausdrucksstarke s/w-Aufnahmen mit opulenten Szenen der Trompeter-Festspiele von 1901. Die Benennung des Münsters hat man in Bad Säckingen, dessen Name wiederum Karl Simrock keinesfalls von des Ortes Sacklage in einer Rheinschlinge abgeleitet sehen wollte, ausnahmsweise einmal nicht dem Scheffelismus überlassen. Es heißt vielmehr nach dem Ortsheiligen St. Fridolin, einem irischen Wandermönch, der die Gegend christianisierte und das Wunder vollbrachte, für eine kirchenrelevante Gerichtsverhandlung den verstorbenen Hauptzeugen nochmal zum Leben zu erwecken. Und auch „Europas längste überdachte Holzbrücke“ wird lieber unter den Schutz der bewährten Anti-Wassergefahren-Heiligen Franz Xaver und Johann Nepomuk gestellt. Dennoch wurde sie im Laufe der Jahrhunderte xmal zerstört – und wiederaufgebaut. In der geranienbekästelten Brücke befinden sich Informationen zu ihrer Geschichte (zb von der Festnahme Gustav Struves nach der fehlgeschlagenen Revolution) und ein regional seltener Bettler mit enormer Leidensmiene.

Rhein vs Ganges

Eine Menge rheinischer Gedanken machte sich zeitlebens der (rheinische) Germanist, Sagensammler und Dichter Karl Simrock – wie zb die folgenden in der Einleitung zu seinem Buch “Das malerische und romantische Deutschland. Der Rhein” in der Mitte des 19. Jahrhunderts: “Den Namen Rhein (hrên, Rhenus) führte der Strom schon, ehe deutsche Völker seine Ufer in Besitz nahmen. Es hat so wenig gelingen wollen, ihn aus dem gleichlautenden deutschen Wort (rein) als aus einem griechischen, welches fließen bedeutet, abzuleiten. Mag aber sein Name in seiner ältesten Form keltisch sein, der Strom selbst ist seit fast zwei Jahrtausenden deutsch wie seine Anwohner, die mit den Kelten selbst auch jenes keltische “hrên” verdrängten und durch eine ähnliche klingende appellative Flußbenennung ersetzten. Uns hieß also der Rhein der Fluß überhaupt, gleichsam der Fluß aller Flüsse. Und von jeher war dieser Name ein süßer Klang in einem deutschen Ohr. Wie oft und gern flochten die Minnesänger ihr sehnsüchtiges “alumbe den rîn” ihren schönsten Liedern ein, zuweilen ohne weiteren Grund, nur des lieben Namens willen. (…) Ja, der Rhein ist uns ein heiliger Strom, und seine Ufer sind die wahre Heimat der Deutschen, der ehrwürdige Herd aller deutschen Kultur. Was dem Inder der Ganges, das ist dem Deutschen der Rhein. Religion, Recht, Kunst und Sitte haben sich von ihm aus über die Gaue unseres Vaterlands verbreitet. Dies allein gibt uns ein Licht über die geheimnisvolle Wirkung seines Namens. (…) Nach der indischen Legende, die wir durch Goethe kennen, schöpft die reine, schöne Frau des Brahmanen täglich aus dem heiligen Ganges ohne Krug und Eimer, weil sich dem seligen Herzen, den frommen Händen die bewegte Welle zu kristallener Kugel gestaltet. Aber nur solange sie rein bleibt: sobald der leichteste Schatten auf sie fällt, nur ein verwirrendes Gefühl die heilige Ruhe ihres Busens trübt, rinnt ihr das Wasser durch die Finger nieder. Auf ganz übereinstimmenden Begriffen beruht die schöne Sage von der heiligen Ritza zu Koblenz, die trockenen Fußes über den Strom ging, der sie aber gleich zu tragen weigerte, als ein Zweifel die Heiterkeit ihres gläubigen Bewußtseins störte. Beide Überlieferungen setzen die Heiligkeit des Flusses voraus. (…)”

Rheingrundlagen

In der sogenannten jüngeren Edda des Snorri Sturluson (die verwirrenderweise als die historisch ältere gilt) werden die Grundlagen für das mittlere bis nördliche Europa (sowie der ansässigen Dichtkunst) geklärt. Natürlich suche ich auf Hinweise auf den Rhein: „Vor vielen Zeitaltern, als die Erde geschaffen wurde, entstand auch Niflheim, und in seiner Mitte liegt die Quelle, die Hwergelmir heißt. Aus ihr entspringen die Flüsse mit diesen Namen: Swöll, Gunnthra, Fjörm, Fimbulthul, Slid und Hrid, Sylg und Ylg, Wid, Leipt. Gjöll ist der Pforte zur Hel am nächsten.“ Schöne Flußnamen ohne lautliche Nähe zum Rhein. (Leipt? Naja.) Womöglich ist der auch viel später erst entstanden. Denn hier geht es um die Zeit des Reifriesen Ymir, aus dessen Kadaver die Welt enstand. Nicht ganz mit heutiger Logik erschließbar, denn bevor die Welt erschaffen wurde, lebte auf ihr bereits eine Kuh, welche Salz von bereiften Felsen leckte und Ymir mit vier Milchströmen nährte: „Am ersten Tag, an dem sie die Steine leckte, kam aus ihnen am Abend Menschenhaar zum Vorschein, am zweiten Tag der Kopf eines Mannes. Am dritten Tag war ein ganzer Mann da; der wird Buri genannt. Er war von schöner Gestalt, groß und stark. Er hatte einen Sohn, der Borr hieß.“ Borrs Söhne wiederum erschlugen den Reifriesen Ymir: „Sie nahmen Ymir, schafften ihn ins Ginnungagap (= der Schlund der Urleere) und erschufen aus ihm die Erde: aus seinem Blut das Meer und die Gewässer; die Erde wurde aus seinem Fleisch gemacht, die Berge aus den Knochen. Die Steine und Geröll machten sie aus seinen Zähnen, den Backenzähnen und aus den Knochen, die zerbrochen waren. Von dem Blut, das aus den Wunden floß und sich ausbreitete, schufen sie das Meer. Und als sie zusammen die Erde erschaffen und sie befestigt hatten, leiteten sie dieses Meer rings um sie herum. Sie nahmen auch seinen Schädel, machten daraus den Himmel und setzten ihn an vier Ecken auf die Erde. Und in jede dieser Ecken stellten sie einen Zwerg: Austri, Westri, Nordri und Sudri. Dann griffen sie nach den Funken, die herumflogen und aus Muspellsheim emporgeschleudert wurden. Sie befestigten sie mitten im Ginnungagap oben und unten am Himmel, damit sie Himmel und Erde erleuchteten. In der Mitte der Erde errichteten sie einen Wall um die Welt, gegen die Angriffe der Riesen. Für diese Befestigung nahmen sie Ymirs Wimpern. Dann nahmen sie sein Gehirn, warfen es in die Luft und machten daraus die Wolken.“ Die Menschen wurden dann später aus Baumstämmen erschaffen. Daher auch die knorrigen Namen dieser Urwesen, Asen, Riesen, Zwerge, Elben, Berserker, Walküren, Nornen und Menschen, die letztlich einander gegenseitig bedingen. Es war jedenfalls ein kraftvolles Leben voller viperngezügelter Wolfsritte und Geschichten davon, warum der Lachs hinten schmal ist (Thor packte ihn einst, doch er glitt ihm durch die Hände, erst am Schwanz bekam er ihn zu fassen). In der älteren Edda (also der historisch jüngeren) in Simrocks Übersetzung der Atli-Sage ist vom Schwarzwald und tatsächlich namentlich vom Rhein die Rede, der mit einem verderblichen Schatz schalten soll. Ob der Rheineuforiker Simrock seinen Fluß dort einfach eingeschmuggelt hat oder ob das Original diese Herleitung offen anbietet, bleibt zu klären.

Eine kurze Geschichte des Rheins

„Die Erde, versichern die Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Schreibt der ehemalige Leiter der Kölner Stadt-Bibliothek Horst Johannes Tümmers in seinem 1994 erschienenen Buch Der Rhein – Ein europäischer Fluß und seine Geschichte. Tümmers hat wie sein Vorgänger Hübner den Rhein zu Fuß abgewandert. Und wie Dielhelm und Simrock beschreibt er den kompletten Verlauf. Anders als die Vorgänger ordnet Tümmers dabei jeden Flußabschnitt einem Oberbegriff zu, beim Alpenrhein ist es die Geologie. Natürlich läßt Tümmers Rechenexempel in seinem Geologie-Kapitel eine anschließende Kalkulation außer Acht. Innerhalb der Geschichte der letzten 10.000 Jahre, und da ganz besonders auf ihren letzten paar Seiten, sozusagen zum Zeitpunkt einer volksweiten Verbreitung der Schriftkultur, wurde soviel über ausgerechnet diesen Rhein zu Papier gebracht, daß man heuer neben Mikrofilm gar elektronische Speicherverfahren nutzen muß, um diese Textflüsse und -wüsten auch nur ansatzweise aufzufangen, auseinanderzusortieren und zu bewahren. Zumal herkömmliche Archive kaum mehr sicher stehen, seit der zeitgenössische U-Bahnbau mit seiner komplexen wie feindseligen Hintergrundmatrix aus Filz und Beton gegen die oberflächliche Bewahrung kultureller Zeugnisse antritt. Die Archäologen der Zukunft werden vermutlich über in tiefen Schächten und seltsam hammerförmig einbetonierte Zeugnisse des Mittelalters rätseln und wie nebenbei zu ganz treffenden Schlüssen über den heutigen Typus Kulturmensch gelangen. Falls sie dann nicht ohnehin hauptsächlich in den naiven Frühformen des Internets recherchieren. Für die sie, ebenso wie für frühzeitliche Grabungsformen, spezielle Passierscheine zur und Recherchebefugnisse auf der Erde erhalten. Den Rhein, so wie er sein sollte, nämlich das Optimum jeglicher Flußidee, hat man ja längst in der Biosfäre von P37 rekonstruiert.