Ansicht vom Rheinfall im März 1797

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Ich habe Ihnen versprochen, meinen diesmaligen Aufenthalt am Rheinfall zu schildern, damit Sie eine Vergleichung mit jener Beschreibung anstellen könnten, die ich Ihnen das erstemal als ich die Schweiz betrat, schickte. Sehen Sie, ich halte Wort, aber erwarten Sie kein Seitenstück zu meiner damaligen Schilderung. Der erste Eindruck ist immer auch in feiner Art der Einzige. Man kann dieselbe Naturscene oft und immer groß finden, aber nur einmal wirft ihre Größe uns zu Boden und nöthigt dem unterliegenden Gefühl eine stumme staunende Verehrung der Natur ab.
Wer den Rheinfall zum ersten mal in feiner ganzen erschütternden Grösse, mit der über allen Ausdruck gewaltigen Schnelligkeit, von der Seite des Schlosses Lauffen sieht, der bebt gewiß vor dem Bild zurück, von dem man sich, ohne es gesehn zu haben, nie eine Vorstellung machen kann, die dem Eindruck selbst entspräche. Ganz anders ist die Wirkung, wenn man von der Straße, die nach Eglisau führt, den Fall in seiner ganzen breiten Ausdehnung sieht. Dort erscheint er niedriger als er würklich ist. Man sieht von der ungeheuren Schnelligkeit wegen der Entfernung wenig, und das Getöse, das man schon von weitem vernahm, frappiert nicht mehr.
Was würden Sie erst sagen, wenn sie jezo den Rheinfall von dem letztgenannten Standpunkt sähen? Sie würden mit Recht fragen, wie schon mancher Reisende fragte: ist das der Rheinfall, den Meiners schildert?
Bey grossem Wasser sieht man den Strom auch von fern wie einen Wall von Schaum in einer grossen Einemasse (Ensemble) herabstürzen, aus dessen Wirbeln nur die zwey oder drey Felsenbrocken ragen. Bey niedrigem Wasser erblickt man ein großes Steinlager über und durch welches ein, dem Ansehen nach unbedeutender Fluß herabkommt, und eine Menge kleiner Wasserfälle bildet.
Ich hatte eh’ ich auf die Höhe dem Fall gegen über gekommen war, schon viel davon gehört, wie klein er jezo sey, dem ohngeachtet, fand ich ihn noch unter meiner Erwartung. Das Wasser schien von keiner Kraft getrieben zu seyn, es schien mehr herabzurieseln als zu stürzen. Das einzige, was dem Fall dennoch immer Reize gibt, ist die blendende Weisse des Wassers, das durch die hervorguckenden Steine noch mehr in die Augen fällt.
Ich ließ mich bald zu der Stelle überfahren, wo der Eindruck an gewaltigsten ist, zu der kleinen Galerie, die man in den Hauptsturz hineingebaut hat. Ohne Schwierigkeit fuhr man jetzt hinüber, da die Wallungen und Bebungen sonst diese Ueberfahrt schwer und sogar gefährlich machen. Man konnte bequem zu den beyden grossen Felsentrümmern, die in der Mitte stehen, gelangen, die sonst ganz von Wasser umgeben sind. Eine Menge kleinerer Felsenabsätze umringten jene zwei berühmten Felsenstücke. Gleichwohl hatte der Fall auf dieser Seite immer noch eine imponierende Gewalt, und weil man näher hinzu tretten konnte, sah man vielleicht noch mehr als bey großem Wasser, und konnte alles ruhiger geniessen.
Für ein Mahler ist der Rheinfall vielleicht gerade bey kleinem Wasser am interessantesten. Es läßt sich doch eher die Möglichkeit denken ein Bild davon zu machen, indem man nicht blos Wasser, sondern die Struktur des Felsenbettes sieht. Man sieht in dem Wasser das mannigfaltigste Farbenspiel, indem die unten liegenden Felsen theils durchschimmern, teils dunkle Vertiefungen bilden, über welche die Wasserstrahlen zauberisch hinschiessen. Der Nebelstaub der den Fall im Sommer umgiebt, ist jetzt nicht so stark etwas zu verdecken, sondern breitet sich mir wie ein lieblicher Duft über das grosse Tableau, so daß man nicht nur wenn die Sonne scheint, kleine Regenbogen, sondern zugleich das magische Spiel des Sonnenlichts auf dem wallenden Wasser genau betrachten kann.
Nachdem ich lange still gestanden und unaufhörlich mit dem Bilde, das noch in meiner Seele war, das vor mir liegende verglichen hatte, fuhr ich mit meinem Schiffmann wieder auf die Schaffhauser Seite zurück, um von den Dratmühlen aus, den Fall zu betrachten. Der ganze obere Theil des Catarakts war von Felsenstücken unterbrochen. Fast in der Mitte des Stroms war eine Stange aufgerichtet, zum Zeichen wie weit man habe kommen können. Ein alter Arbeitsmann der meine Verwunderung sah, wies mir den Weg durch die Drathmühlen. Ich stieg auf den Bord des Canals herab, durch welchen das Wasser in die Mühlen geführt wird, und erreichte, ohne daß mir das Wasser in die Schuhe gedrungen wäre, den ersten Felsenvorsprung und klimmte nun weiter fort, bis ich eine Stelle erreichte, wo die beiden alten Felsenpfeiler nahe vor mir stunden, und wo rings um mich Wasser rauschte und brauste. Ich übersah den kommenden und den größten Theil des stürzenden Stroms, nur den eigentlichen Sturz in die Tiefe konnt ich nicht sehen. Eine beklemmende Empfindung ergriff mein Herz, ohngefähr wie die seyn mag, wenn man in den Crater des Vesuvs herabschaut. Seit vierzig Jahren sagt’ ich mir, saß auf dieser Stelle Niemand, und nach wenigen Tagen wird es wieder zur Unmöglichkeit, vielleicht für ein halbes oder ganzes Jahrhundert. Mein Auge hieng an den Felsentrümmern, die jetzt einmal auszuruhen schienen, nachdem sie den langen Kampf mit der Gewalt des Stromes gekämpft haben. Das ausgewaschne ihrer Formen, die Löcher die überall wie hineingebohrt sind, geben eine ziemlich lebhafte Vorstellung von dem Wühlen und Arbeiten des herabschiessenden Wassers. Es ist unbegreiflich wie diese Felsen, die meistens aus Nagelfluh bestehn, so lange Jahre hindurch einer solchen Kraft, wie der Strom hier äußert, haben wiederstehen können.
Wie sehr hätte ich gewünscht, Sie mein Freund an meiner Seite zu haben, und in der beredten Sprache des stummen Staunens Ihnen meine Einpfindungen mitzutheilen und die Ihrigen zu belauschen. Worte hätten ohnehin das schmetternde Getöse verschlungen. Gewiß hätte Sie, wie mich, auch eine gewisse Wehmuth zuletzt ergriffen. Das ewige ununterbrochene Fortströmen der Fluth hat etwas ermüdendes, das die Seele nicht aushält. Unaufhaltsam, wie der Gang der Nothwendigkeit ist ihr Lauf wie er seit Jahrhunderten war.
Diese Felsentrümmer, die nur für eine kurze Zeit einen Aufenthalt gestatten, werden für das Herz, Bilder jener süßeren Hoffnungen und Wünschen, mit denen wir uns in der Welt anzusiedeln gedenken. Eh wir uns dessen versehn, kommen die anschwellenden Fluthen der ewigen Abwechslung wieder und zwingen uns fortzueilen oder sie reissen uns mit sich in die Tiefe. – Ich hatte mich in allerhand Betrachtungen versunken, auf ein Felsenstück niedergelassen; die Sonne schien lieblich, dennoch war es eine für die Gesundheit gefährliche Stelle, Der Nordwind und der Wasserstaub mochten Ursache seyn, daß mich ein Schauder überfiel. Es war mir nicht anders, so sehr hatte das mich ringsumgebende Getöse meine Nerven erschüttert, als drohte der Strom mir den Rückweg abzuschneiden, weil ich es wagte, das Werk seiner Verheerung in der Nähe zu betrachten.
Sie können sich vorstellen wie ungewöhnlich eine solche Niedrigkeit des Wassers seyn muß, da von Schafhausen aus, wo sehr viele Personen den Rheinfall nie gesehen haben, seitdem das Wasser so klein war, täglich Wallfahrten hieher geschehen sind, welches kaum dann zu geschehen pflegt, wann der Fall am brilliantesten ist.(*) Die Ursache der geringen Wassermenge ist keine andere, als diese: daß im lezten Winter sehr wenig Schnee gefallen, und der in diesen Gegenden im Frühjahr gewöhnliche Regen fast gänzlich ausgeblieben ist; dabey hat eine solche Kälte geherrscht, daß in den Gebirgen die Auflösung des Schnees oder Eises unmöglich groß seyn konnte.
Sehr ermüdet kann ich Abends nach Schafhaufen. Das Getöse das sonst bis zur Stadt dringt, verschwand, nachdem ich mich kaum eine halbe Viertel Stunde weit entfernt hatte. So wenig auch der Rheinfall jetzt als Catarakt auffallend oder imponierend ist, so sehr freut es mich doch jetzt seine Struktur, kennen gelernt zu haben. Jene Wasserkugeln und Schaumhügel, die bey grossem Wasser so frappante Würkung machen, sind mir jetzo erklärt. – Es ist mir als hätt ich das untermalte Bild eines großen Meisters gesehn, worinn die Hauptwürkung der Ausführung geschickt vorbereitet ist. Man kommt nach einigen Tagen wieder und wird von der Schönheit des Bildes doppelt gerührt, weil man auch weiß, wie es angelegt war.
Ich wollte ich könnte Ihnen jetzt eine genaue Zeichnung von dem Rheinfall wie er sich jetzt dem Auge darstellt, schicken, und in zwey Monaten Sie selbst bey der gewaltigsten Szene, die man in der Natur sehen kann, umarmen. Sie würden dann meiner jetzigen Beschreibung keinen Glauben beymessen wollen, weil man fast gezwungen ist, zu der ungeheuren Kraft, einen außerordentlichen, unerschöpflichen Vorrath von Wasser sich vorzustellen. Aber haben Sie nie erfahren wie die Natur mit unserer Phantasie spielt? Ihr Sonnenstrahl und ihr Frühling macht uns, jetzt Sturm und Verheerungen vergessen als wären sie nie da gewesen, und ein andermal scheint es uns, der Wiederstreit der Elemente kehre nie mehr wieder zur Ruhe. Ist das derselbe Rheinfall würde ich in einigen Wochen sagen müssen, in dessen Mitte ich ruhte, und an dessen unzähligen Absätzen des fallenden Wassers sich mein Auge ergötzte? Freund! es giebt kein grösseres Bild des ewigen Umwechselns der Dinge, als dieses von dem noch meine ganze Seele voll ist, und es müßte kein seeligeres Gefühl geben, als vor diesen Bilde einen Freund zu umarmen von dessen Treue Zeit und Erfahrung uns versicherten, und seine Entzückung auf das Gefühl überzutragen: Alles ändert sich – nur das Herz des Biedermanns nicht! Leben Sie wohl.

(*) Der Rheinfall ist wirklich seit vielen, vielleicht seit mehr als hundert Jahren, selbst auch in dem so langwierigen kalten Winter von 1784, auf 1785, nicht so klein gewesen wie dermahlen.

(Karl Gotthard Graß: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797)

Der Rheinfall (2)

(…) Ihr Pilger eilt zu heiligen Altären?
Zertrümmert Marmor und Granit!
Sie können sich nicht neu gebähren,
und ihrer Lampen Oehl verglüht.
Hier, wo ein ewges Feuer sprüht,
hier lernt den Unbekannten ehren,
hier ist ein heiliges Gebieth.
Der Abend ist herab gesunken,
an dieses Lichtquells hohem Rand,
am Felsen lieg ich feuertrunken,
seh Berge knien im Nachtgewand,
und seh sie tiefer hingesunken,
zu tragen diese Silberwand.
Ringsum ist Ruh der Kräfte, Stille
im sanftgekrümmten Felsenthal,
das Leben schlummert überal
aus seiner dunkeln Wolkenhülle
blickt einsam nur der Nächte Strahl.
Doch rastlos tönet fort des Rheines starke Stimme,
es wälzt sich immer neu die nie erschöpfte Fluth.
Ob auch von seinem wilden Grimme
des Sturmwinds müder Fittig ruht,
erlahmen nicht der Wellenhydra Flügel.
Ermatten ist der Kräfte Loos,
nur dieses Bild, der Gottheit Spiegel,
lebt immer, wirket immer groß.
Nie brach das stolze Wasserschloß,
ob schneller auch als Pfeilgeschoß
die Zeit mit unverhängtem Zügel
ein Wassermeer durch diese Felsen goß,
ob in Jahrhunderten, die hier vorüber wallten,
auch tausend Stimmen durch einander schallten,
ward ihrer keine athemlos.

Was für ein Bild ergreift die bange Seele!
Des Grabes aufgerißne Höhle,
worinn die Vorwelt sich verlor,
schwebt meinem düstern Blicke vor.
Erbauen seh ich und zerstören,
Geschlechter immer neu entstehn,
einander drängen und vergehn,
und fortgehn ohne Wiederkehren.
Nicht Heldenruhm, nicht Würdenglanz
nicht des Verdienstes Siegeskranz
entriß sie dem gewissen Falle,
im Sturz der Zeiten sanken alle!
Bleibst du allein in ewig gleichem Gleis,
du weißgelockter Wellengreis?
Ob Felsen unter dir zerbrechen,
fühlst du doch nicht des Alters Schwächen,
und badest deine Stirn in Eis.
Es hörten deine Woogensprache
schon Völker, als noch keine Wache
auf Felsen keine Hochwacht stand,
und spät noch lauscht vom steilen Rand
die Traubensichel in der Hand,
der Schweitzer deinen Wellenchören,
hört ferner Waffen dumpfen Klang,
wie Rauschen von Burgunderspeeren,
und ihn ergreifet Thatendrang.

(Karl Gotthard Graß: Der Rheinfall, in: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797; zuvor auch erschienen in: Neue Thalia unter Herausgabe Friedrich Schillers 1792.)

Der Rheinfall

von einem jungen Mahler.

Wo dich mein Aug zuerst empfand,
Helvetien – wo aus der Felsenwiege
ein stolzer Strom zum Woogenkriege
sich stürzt von hoher Felsen Rand,
wo nie gefühltes Wonnefeuer
die Brust durchdrang, die Seele freyer
zu neuen Welten sich entschwang,
wo jeder Ton auf ihren Saiten
harmonischer zum andern klang,
dahin soll mich des Liedes Flug begleiten,
auf Laufens jähen Felsenhang.

Hinweg von dieser Zauberstelle
ihr Loutherburge, Hackerte,
ihr Schütze und ihr Rheinhardte
ihr mahlt die Scene nicht. Ihr Könige
hervor aus eurer Marmorzelle,
zu schaun die Woogenpracht des Königes der Fälle!
Wie sich in silberlichtes Helle,
vom Glanz des Wassergotts umstrahlt,
(versuchts, wer dieses Bild euch mahlt!)
von ihrer hohen Felsenschwelle
herabstürzt diese Wasserhölle!

Umsonst! des Künstlers Hand erbebt,
dem kühnern Dichter sinkt die Leyer.
Er sieht ein Heer von Kräften hier belebt,
sieht Leben und Verderben eng verwebt,
er sieht aus grauem Nebelschleyer,
wie wallend Fluth aus Fluth sich hebt,
wie, tausendmal im Augenblicke,
sich bauet eine Wasserbrücke,
und in den Abgrund sich begräbt.
Er sieht ein schäumend Ungeheuer,
das sich zersprengt und wieder schlürft,
und aus dem Schlund im Sternenfeuer
ein Heer von Strahlenlichtern wirft,
wie wenn am Fels sich Blitze splittern.
Er sieht, wie Masse Masse schnellt,
sieht einen Silberberg von Furien erschüttern,
daß aufgelöst in eine Tropfenwelt
er aufspringt und zusammenfällt.

Welch ein Getös! Welch weit verworrnes Sausen!
gleich Eichen, die der Sturmwind trillt,
gleich der Orkane wildem Brausen,
das fern den Wanderer mit Grausen,
und nah ihn mit Entsetzen füllt.
Lauteilendes Verderben brüllt
aus seinem weiten Woogenrachen
des Bernhards eisgebohrner Sohn,
bang flüchten sich erschrockne Nachen,
vor seines Zornes wildem Drohn.
Die Ufer dröhnen rings davon,
zerrißne Felsenreste zittern
vor des Zermalmers Donnerton,
wie wenn auf seinem Wolkenthron,
geführt von rollenden Gewittern
der Weltgebiether furchtbar naht,
wie wenn des Zeitenstromes Rad,
vom Sturz der Jahre umgeschwungen,
hier wälzte und mit tausend Zungen
des Lebens Eile predigte. (…)

(Karl Gotthard Graß: Der Rheinfall, in: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797; zuvor auch erschienen in: Neue Thalia unter Herausgabe Friedrich Schillers 1792. Die zweite Gedichthälfte folgt!)