Am Niederrhein (von Rainer Vogel)

Am Sonntag kamen noch Freunde zum Kaffee und Kartenspielen, inklusive Spaziergang zum Biergarten am Rhein in Wittlaer, „Aschlöksken“ im Volksmund genannt, früher sei dort die Asche gelöscht worden. Eine andere Erklärung für den Namen lautet: dass dort der Ort seit jeher sein Ende hat. Gegenüber vom Biergarten, auf der Meerbuscher/Krefelder Rheinseite sah ich immer Sandstrände und Auwälder, wo auch abends Leute an Lagerfeuern saßen. Da ich gestern frei hatte, fuhr ich mit dem Rad zur Kaiserswerther Rheinfähre, setzte dort über, hielt mich rechts, am dortigen Camperidyll vorbei, und fuhr auf holprigen Treckerspuren, Weidenalleen und vergessenen Reitwegen zu den gesuchten Buchten und Rheinstränden. In eine Bucht, in die man durch einen schmalen Pfad zwischen mannshohen Schilf gelangte, trat ich ein, um einen vorgelagerten Tümpel, Weiden mit freistehenden Wurzeln, eine Art Wilden Flieder, Löwenmäulchen zu entdecken, und das gegenüberliegende Ufer und in der Nähe lagernde Wildgänse zu fotografieren. Der Schweiß floss mir in Strömen herunter, meine Haut juckte aufgrund einer heftigen Sommerallergie, und ich fuhr weiter mit dem Rad, um die Bucht gegenüber dem Biergarten am Ende von Wittlaer zu finden, und mir ein mitgeführtes Alt am Strand zu genehmigen. Ich fand einen seitlich einströmenden Zufluss oder See, mit einer Unzahl von Jungfischen, die in Schwärmen vor meinem Schatten flüchteten, ein Graureiher stob krächzend auf, wer stört in seinem Revier? Keine Menschenseele weit und breit, bis auf einen Mann im Liegestuhl am Strand, die paar Angler am Ufer und auf den aufgeschütteten Felsbrocken im Rhein, unzählige Mücken und Bremsen. Ich fotografierte einen Korbstuhl ohne Beine im Sand, ein bis zwei rostige, im Sand verschüttete Öltonnen, auf einer lag eine längst geleerte, verlorene Geldbörse. Über die Mündung des Zuflusses am Rhein hatte jemand dicke Steine gelegt, sah fast wie ein Dammbau aus, bis auf einen riesigen Stein, den eigentlich keine Menschenhand bewegt haben konnte. Zwischen den Steinen die bleichen Schalen toter Krebse. Mir fiel der Roman ein, den ich in meiner Pubertät eigentlich hatte schreiben wollen, eine Geschichte über einen Wanderer, der am Strand der Ostsee entlang zieht, den magischen Feuerstein, den er sammelt, knirschend unter seinen Sohlen, am Ende seiner Wanderung ist er nicht mehr allein, reitet auf einem Wildpferd und hat eine junge Frau mit schwarzem Haar und braunen Augen an seiner Seite. Teile meines Traums haben sich wohl verwirklicht, jedenfalls habe ich auch jemanden gefunden. Der Held des Romans baut ein Haus, zeugt Kinder, geht in seinem Stamm auf. Parallelhandlung in einem Raumschiff, irgendwo im All. Die Erde ist mittlerweile von einer unkontrollierbaren Technologie beherrscht. Dann trinke ich nahe einer erloschenen Feuerstelle das Bier, auf einem Stein im Sand sitzend. In der Nähe ist ein Angler mit zwei von der Leine gelassenen Schäferhunden, weswegen ich mich ein wenig unwohl fühle. Drüben sitzen die Leute im Biergarten in Plastikstühlen am Weidenzaun, Galloway- Rinder grasen friedlich. Als der weiße Ausflugsdampfer der KD rheinaufwärts vorbeifährt, winken einige Leute den Menschen auf Deck zu. Später schlage ich mich in die Büsche, um eine Abkürzung zur nächsten Straße zu finden, und lande im undurchdringlichen Dickicht, wo ich mir die Schienbeine mit Brennnesseln verbrenne. Stiele wuchernder Riesenpflanzen knacken hohl unter meinen Füßen, als ich die Orientierung verliere. Endlich erreiche ich das Ufer wieder, wohin ich nach einer Kurve im Urwald wieder zurückfinde, und schiebe das Rad über den Sand, finde später eine Zufahrt. Doch erst nehme ich noch ein Bad im Rhein, um die Haut zu kühlen und den Juckreiz zu lindern. Als ich mich wieder anziehe finde ich ein bearbeitetes Stück braunen Feuerstein im Sand, in Form einer Pfeilspitze, und nehme den Stein in meinem Rucksack mit. Auf dem Rückweg fahre ich über Felder, Landstraßen, an dem großen Hafenbecken im Industriegebiet des Krefelder Rheinhafens vorbei, über die im Krieg gesprengte, wieder aufgebaute Uerdinger Brücke mit den schweren, genieteten Stahlträgern, erreiche ich die andere Rheinseite.

(Besten Dank für diesen Bericht an Rainer Vogel, Buchhändler in Kaiserswerth.)

Herr K. aus D.

Soeben rief mich ein Herr Klose aus Düsseldorf an, um mir seine Rheingeschichte zu erzählen. Die Verbindung wackelte, immer wieder wurden einzelne Buchstaben bis ganze Silben des Gesprächs zerschossen, aber ich traue mir zu, Herrn Kloses Ausführungen halbwegs sinngemäß zu rekonstruieren: „Vor einigen Jahren kaufte ich auf dem Flohmarkt am Aachener Platz von einem Polen um kleines Geld ein ziemlich rares Doppelalbum der Band Neu! – das ist, nach Kraftwerk, eine der Bands von Klaus Dinger gewesen, der sich in letzter Zeit für seine zahlreichen Soloprojekte auch Nikolaus van Rijn oder so ähnlich genannt hat. Ein Wochenende drauf habe ich mir tüchtig einen weggequarzt und habe dann diese Platte aufgelegt. Das war sehr psychedelisch, so Krautrock, das ging mir ganz schön an die Nieren, da fangen plötzlich die Synapsen an zu kreiseln, die Augen drehen sich langsam aus den Höhlen, man denkt, man ist ganz nah dran am endgültigen Verstehen, d.h. am Durchdrehen, es wurde also etwas zuviel und so bin ich, um dieser Stimmung zu entkommen, mit dem Fahrrad immer schön am Rhein entlang nach Norden bis nach Kaiserswerth. Und was meinen Sie, wer mir da entgegenkommt? Klaus Dinger. Mit seinem weißen Rauschebart, einer Riesensonnenbrille auf der Nase und einem japanischen Hippiemädchen dabei. Erkannt habe ich ihn nur, weil genau am Vorabend eine Sendung über ihn im Fernsehen lief, sonst hätte ich garnicht gewußt wie der aussieht. Ich sprech ihn also an und sag, Sie sind doch der Herr Dinger von Neu! und er sagt einfach: jo, das bin ich. Ich hab ihm gesagt, wie toll ich seine Musik finde und das wars, aber der eigentliche Wahnsinn ist doch: ich kaufe von einem Polen Klaus Dingers Musik und seh ihn dann urplötzlich im Fernsehen und einen Tag später treffe ich ihn am Rhein, und er hat dieses Rheinpseudonym und ich heiße ja Klose, das kommt aus Schlesien, jetzt also Polen, und ist eine Kurzform für Nikolaus. Das ist doch Wahnsinn, oder? Das hat mich damals jedenfalls ganz schön mitgenommen, ich meine, das gibt’s doch eigentlich garnicht. Und Klaus Dinger, der lebt ja heut nicht mehr. Was sagen Sie dazu?“ Danke, Herr Klose, ich habe ihre Geschichte notiert. Sie wissen ja, ich bin Literat und werde sie daher mit Sicherheit verfälschen.