Unerwünschte Einwanderer

Im Eintrag Neozoen in Köln beklagten wir die unzureichende öffentliche Informationslage über zeitgenössische Insektenmigranten. Jetzt ließen sich doch erste Berichte auffinden, die sich speziell mit der Asiatischen Tigermücke befassen, vor deren kurz bevorstehenden Einwanderungsgelüsten der Stern bereits Ende September 2005 mit ebenso drastischen wie vergeblichen Schilderungen warnte.

Zwar nicht über die neuen Kerbtiere in Köln, aber doch über neurheinische schrieb Dominik Bartoschek Mitte April 2011 für die “Morningshow” auf SWR3, nachdem er zuvor über die Wahrscheinlichkeit von Rheinkrokodilen räsonniert hatte: “(…) es gibt andere gefährliche Tiere, die sich am Rhein breit machen, zum Beispiel die Asiatische Tigermücke oder der Japanische Buschmoskito. Die könnten sogar Malaria übertragen, und deswegen werden sie auch bekämpft, damit sie sich erst gar nicht ausbreiten. (…)”

Über den Japanischen Buschmoskito konnten wir nichts in Erfahrung bringen, er bleibt bis auf weiteres so mysteriös wie der Buchtenkäfer, der Yachtenkäfer, der Broschenkäfer und der Groschenkäfer, deren angeblich illegale Einwanderung uns ohne nähere Erläuterung kundgetan wurde.

Ausführlich über die Asiatische Tigermücke am Rhein äußert sich Wikinews am 07. April 2008: „Die Schädlingsbekämpfer am Rhein kämpfen in diesen Tagen gegen einen neuen Feind, eine Stechmücke. Sie ist schwarz-weiß gemustert, liebt Wärme und Feuchtigkeit und reist bevorzugt in gebrauchten Autoreifen. Sie saugt gerne Blut, in dem sich Viren gut vermehren können. Diese injiziert sie beim Stich in unsere Haut. Die Rede ist von der Asiatischen Tigermücke (Aedes albopictus), einem neuen, aber eher unwillkommenen Gast, dessen Zuwanderung mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht wird. Auf einer Strecke von 300 Kilometern zwischen dem Kaiserstuhl und Bingen geht die Kommunale Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) mit einem Eiweißgranulat gegen die Larven der Tigermücke und andere Insektenlarven vor. Das Gift zerstört den Darm der Insekten. (…) Seit 1990 war sie bereits in Italien heimisch. Spätestens seit September 2007 kommt sie auch in Deutschland vor. Ihre Eier wurden zuerst von Insektenforschern auf einem Autobahnparkplatz bei Rastatt am Oberrhein entdeckt. Und mit ihr kommen neue gesundheitliche Gefahren auf die hier lebenden Menschen zu. Es geht um solche gefährliche infektiöse Viren wie das Chikungunya- und das Dengue-Virus, das auch durch die bereits länger heimische Stechmückenart Aedes aegypti übertragen wird. Die Tigermücke kann Temperaturen unter null Grad Celsius wahrscheinlich nicht überleben. Aber es gibt einige Regionen in Deutschland, wo die Temperaturen auch im Winter darüber liegen – das sind der Rhein und seine Nebenflüsse, der Kraichgau (Baden-Württemberg) und der westliche Teil der Norddeutschen Tiefebene. (…)“

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben.

MJt was grosser müh vnd arbeit / ia kosten vnd verlust die Römer vorzeiten haben gestritten wider das Teütsch land / ist niemand on wissen der echter gelesen hat die alte historien. Es ist jnen gering gewesen vnder jren gewalt zubringen Hispaniam / Galliam / Britanniam / Greciam / Asiam / Egypten / Macedoniam vn ander villänder / aber Teütsch land wolt sich nit also liederlich ergeben / besunder das Teütsch land das der Rhein von occident / vnnd die Tonaw gegen mittag als starcke rinckmauren beschleüßt. Es hat manch tausent man müssen darüber zu grund ghan zu beiden seiten / wie du hören wirst. Dan die Teütschen theten solichen gewaltigen widerstand den Römern vnd allen jren fyenden / das vnder jren nachbauren ein solich sprichwort auß gieng. Will einer übel streiten / so reib er sich an die. Teütschen. Vnd wil einer streich lösen / so fahe er an ein zäck mit den Teütschen. Es habe die grausamme vnnd stäte überfäl der Teütsche gegen jren nachbauren den Römern so vil zu schaffen geben / das sie an eroberug Germanien offtermals verzweifflet / allein understünden jre prouintzen gegen den Teütschen vor überfal zu beschirmen / deshalb sie beide flüß Rhein vnd Tonaw auff jrer seiten mit vil trefflichen stetten vnd befestigungen verwaretend / als dan seind am Rhein / Bingen / Bopparten / Jngelheim / Mentz / Wormß / Speier / Rheinzabern / Seltz / Straßburg / Augst ob Basel / Keyserstul / Costentz / Arbon / vnd an der Tonaw / Augspurg / Regenspurg / Passaw / etc. Durch dies stett habe die Römer verhütet / das die Teütschen mit den jren / noch sie hinwider mit den Teütschen kein gemeinschafft dorffte haben. Der starck vnd namhafftig held Julius der erst keyser / legt sich zum ersten wider die Teütschen / vnd nam jnen die stett so an dem Rhein gelegen waren / die vor zeiten vnder den Galliern waren gewesen / aber durch die Teütsche erobert vnnd den Galliern ab getrungen / alsdann fürhin gemeldet ist / wie die Teütschen mit grossen scharen über den Rhein gefaren / die besten länder yngenommen vnd besessen haben. Do nun die Römer begerten des Rheinstroms vn den mit gewalt jnen zuziehen wolten / haben sich die Teütsche nit gesaumpt / sunder jnen fräuenlichen widerstand gethan. Doch mochte sie den Rheinstrom vo Basel an biß ghen Mentz nit behalten / sunder die Römer brachte jn zeitlich vnder jren gewalt / vnd besetzten alle stett vnd vn wärhafftige flecken mit haupleüten vnd kriegern. Die machten prouintzen darauß vnd vogteien / vnnd gaben den eroberten Teütschen ländern herzliche tittel vnd setzten grauen vnd hertzogen daryn. Die erst vnd gröst prouintz begreifft in jr Heluetiam / Sequanos vnd Rauracos/ das ist / Schweytzerland gegen Burgud / das Sunggöw biß ghen Bisantz vnd Baßler ladschafft biß ghen Colmar. Der hauptman diser prouintz hielt sich zu Bisantz / vnnd der vnder jm ander hauptleüt / vnder welchen einer sich hielt / bey Basel im Hole / der wartet das die Teütschen nitt über Rhein kämen / vnd den Römern in das land fielen. Nach diser prouintz kam Tractus Argentoratensis / das ist der Straßburger strich / vnd fieng an ob Schletstatt vnd gieng biß vnder Straßburg / wölche landschafft wir ietz zumal das vnder Elsaß nennen. Jr vorweser hieß der Straßburger graue / vnd was dem hertzogen zu Mentz vnderworffen. Do gieng an das erst Germania vnd begriff vnder jm das Straßburger land / Speirer land / Wormsser land vn Mentzer land. Die andern nennen es das ober Germaniam / vnd strecket sich biß in Lothringen. Ptolemäus streckt es biß an die Mosel / die er Obrincam nent. Sein oberster vorweser oder hauptman saß zu Mentz / vn her vnder jm eylff vögt / die hatten jre sitz / einer zu Salerion / das ist Seltz / einer zu Zabern / einer zu Vico Julio / jch acht es sey Weyssenburg oder Landaw / einer zu Speier / einer zu Alta ripa vnder Speier / das jetz heißt Altrip / einer zu Worms / einer zu Mentz / einer zu Bingen / einer zu Bodobriga / jetzunt Boppart / einer zu Confluentz oder Cobolentz / vn einer zu Antonaco / jetzunt Andernach. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Die Bäder zu Baden

Den ersten Tag kam ich zu Schiff auf dem Rhein nach Schafhausen, sechs kleine Meilen von Kostanz. Wegen des hohen Falles, den der Fluß von Schafhausen aus, über abgerißene, schroffe Felsen macht, mußte ich hernach anderthalb Meilen zu Fuße gehen, und stieg bey einem festen Schloß an der andern Seite aus, welches Kaiserstul genannt wird. Ehedem, vermuthe ich aus dem Namen, ist dieser Ort ein römisches Lager gewesen, wenigstens kan die Lage nicht besser seyn; denn der Strom drängt sich hier unter einem hohen Hügel zusammen, und eine kleine Brücke vereiniget Germanien mit Gallien.
Auf diesem Wege sah ich den Rhein von einem hohen Berg, über dazwischen stehende Klippen, mit einer Wuth und einem Getöse sich herabstürzen, daß man glauben sollte, er klage und bejammere selbst seinen Fall. Hier fiel mir ein, was man von den Katarakten des Nils erzählet, und mich wundert nicht, daß die daran wohnenden Menschen von dem Geräusch und Geprassel taub werden, da man das von diesem Fluße, der gegen jenem nicht vielmehr ist als ein Regenbach, fast eine halbe Stunde weit höret.
Dann kömmt man nach Baden, in der Sprache des Landes von den Bädern so genannt, einer ziemlich wohlhabenden Stadt, die in einem mit Bergen rundum besetzten Thal, an einem großen reissenden Fluße, liegt, der sich anderthalb Meilen davon in den Rhein ergießt. (…)
Die Zahl der öffentlichen sowohl als der Privatbäder beläuft sich auf dreyßig. Für die niedrigste Klasse des Volks aber hat man zwey von allen Seiten offene Plätze, wo Männer, Weiber, Jünglinge und unverheurathete Mädchen, kurz alles, was von Pöbel hier zusammenströmt, sich zugleich baden.
Eine bis an den Boden herabhangende Scheidewand, die jedoch nur Friedfertige abhalten könnte, sondert in diesem die Männer von den Weibern. Lächerlich ist es anzusehen, wie beides alte Mütterchen und junge Mädchen vor den Augen Aller hinabsteigen, und sich, nackt wie sie sind, den Blicken der Männer Preis geben. Oft hat mich dieser sonderbare Auftritt belustigt und mir die Floratischen Spiele ins Gedächtniß gebracht, voll Verwunderung über die Einfalt der Leute, die so wenig die Augen dahin wenden, als sie Arges davon denken, oder reden.
Die Bäder in den Privathäusern sind überaus schön, aber auch diese sind beyden Geschlechtern gemein. Gewisse Scheidungen von Brettern trennen sie zwar, allein es sind in denselben viele niedergelassene Fensterchen angebracht, durch welche man zusammen trinken und reden, von beyden Seiten sich sehen und berühren kann, wie dieses denn häufig geschieht. Ueber denselben hat man Gallerien gebauet, wo sich Mannspersonen zum Zuschauen und Plaudern einfinden. Jeder nämlich, der einen Besuch machen, einen Scherz haben, sich erheitern will, darf in fremde Bäder gehen, und sich in denselben aufhalten, und beym Hereintritt in das Bad und beym Aussteigen das Frauenzimmer, an dem größten Theil des Leibes, nackend sehen.

(aus: Gianfrancesco Poggio Bracciolini – Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen, Florenz 1780)

Ins Elsaß

Fahles Licht, als sei`s aus der Gutedel-Rebe gekeltert. Wie ein kleines, der Region vorbehaltenes Weltwunder buckelt der Kaiserstuhl in grüngoldner Beleuchtung. Um ihn rum ziehn flache Bodennebelfelder in bedeutsamer Prozession. Eigentlich existiern solche Landschaften nur in christlich motivierter altmeisterlicher Lasur oder weltflüchtigen Airbrush-Fabelwelten. Fehlte noch, daß hündchengroße Einhörner umhertollten. Übern Rhein, übern Grand Canal ins gleichnamige Elsaß. Neuf-Brisach hat sich zum Herbst hin deutlich tiefer als sonst in die Erde gegraben, mühsam, doch gleichmäßig atmen die Häuser aus ihren knapp über Bodenlevel befindlichen Dachluken, der Überlandbus kreuzt die von Vauban symmetrisch im (benebelten?) Sinne einer Rosenblüte angelegten Straßen, niemand steigt ein und schon gar keiner aus – bis zum Frühjahr, wenn die derzeit so angegriffenen Häuser wieder selbstvergessen aus dem Erdreich lugen, wird es das letzte Linienfahrzeug gewesen sein, das, gleichsam touristisch, in die unnützeste aller Festungsstädte eindrungen ist. Schöner Kontrast: Raben picken das Weiß ausm Mittelstreifen, es geht auf Colmar zu, vorbei an Dörfern mit totalitär klingenden Namen (Wolfgantzen), die von den Namen ihrer Einwohner (Chertzinger) jedoch mindestens wieder neutralisiert werden. Das Farbempfinden des Elsässers sei eben ein anderes, weiß eine Dame aus der hintersten Sitzreihe: strohiger die Felder, brauner die abgeerntete Ackerkrume, goldner die sonnengesättigte Luft als auf der badischen Seite, den perwollgewaschnen Himmel schmücken ausflockende Kondensstreifen, von rostigem Wein und wohlgestalten Burgen bestanden die Vogesen, vermitteln sie „von den blauen Bergen kommen wir“ den Eindruck des Tors zum wilden Westen, „singing yeah, yeah, jippie, jippie yeah“!

Urrhein

Sehr zurückhaltend beging Rheinsein vor rund drei Wochen den zehnmillionsten Geburtstag des Rheins – nicht zuletzt, weil die Quellenlage (so z.B. Ernst Probst in „Rekorde der Urzeit“) u.a. auch von mindestens zwölf Millionen Jahren Rhein spricht. Damit wäre der Rhein nicht der älteste deutsche Fluß, wilde erste Ströme ohne Namen schossen, soweit bekannt bis behauptet, bereits im Kambrium (vor ungefähr 570 bis 510 Millionen Jahren) durch Süddeutschland und Mecklenburg. Ein Großteil des heutigen Deutschland lag damals noch unter Wasser. Im Gebiet des heutigen Oberrheins verlief das Gefälle im Eozän (vor ungefähr 45 Millionen Jahren) von Norden nach Süden. Ein Vor-Urrhein floß dort hinab, wo wir heute zu sagen hätten: hinauf. (Landschaften sind schon unzuverlässige Gebilde/Gebolde/Täuschkörper.) Die Grube Messel mit ihren fossilen Funden wie Prachtkäfern, Ibissen, Schwanzprimaten, der Messelralle oder dem Propalaeotherium (einem Zwergpferdchen) gehört zu den Seen seines Systems. Wie die meisten großen der gegenwärtig verfügbaren Flüße der Alten Welt bildete sich der Rhein im Miozän. An seinen Ufern tranken, grasten und rissen Bärenhunde, krallenfüßige Huftiere, Prägorrhoiden, Riesenrüßler, Säbelzahntiger, großäugige Insekten, Panzergnarle und die vorgeblich letzten Menschenaffen Deutschlands, das freilich noch nicht so hieß. Als Urrhein soll er am Kaiserstuhl entsprungen sein, dieweil die Alpen wie eh und je fleißig mit Falten beschäftigt ihre Wasser bevorzugt gen Thetys sandten. Die Urmosel mochte, so schwer vorstellbar das auch klingt, bis vor gut zwei Millionen Jahren sogar mächtiger als der Rhein gewesen sein. In den Warmzeiten des frühen Eiszeitalters beherbergte der Rhein Flußpferde – wo sind sie gebliehieben? Die Donau wurde als des Rheins jüngere Schwester übrigens erst fünf Millionen Jahre später kreationistisch designt. Ebenfalls natürlich mit ganz anderen Quellen und Verläufen als den heutigen. So wurde die Donau zwischen Miozän und Pliozän von der Aare gespeist, die gerne da und dort als der „eigentliche“ Rhein angepriesen wird, weil sie diesen so kräftig bezuschußt, was die Donau deutlich dezenter und unterirdisch erledigt. Ein brüllender Inzest unter Flußgottheiten ist es dennoch. Und wohin mit dem ganzen Wasser? Ernst Probst: „Das größte Flußdelta der letzten Eiszeit vor etwa 115.000 bis 10.000 Jahren lag östlich von Südengland. In dieser Gegend mündeten damals der Rhein, die Maas und die Themse ins Meer.“

Montaigne am Rheinfall

“Nous vinsmes passer le Rhin à la ville de Keyserstoul qui est des alliées des Souisses, & catholique, & delà suivimes ladite riviere par un très-beau plat pais, jusques à ce que nous rencontrâmes des saults, où elle se rompt contre des rochiers, qu ils appellent les catharactes, comme celle du Nil. C´est que audessoubs de Schaffouse le Rhin rencontre un fond plein de gros rochiers, où il se rompt, & audessoubs, dans ces mesmes rochiers, il rencontre une pante d`environ deux piques de haut, où il faict un grand sault, escumant & bruiant estrangement. Cela arreste le cours des basteaus & interrompt la navigation de la ditte riviere. Nous vinsmes souper d`une trete à SCHAFFOUSE, quatre lieues. Ville capitale de l`un des cantons des Souisses (…); on (…) rapporta que la peste y estoit. A Schaffouse nous ne vismes rien de rare. Ils y font faire une citadelle qui sera assés belle. Il y a une bute à tirer de l`arbalestre, & une place pour ce service, la plus belle, grande & accommodée d´ombrage, de sieges, de galeries & de logis, qu`il est possible; & y en a une pareille à l`hacquebute. Il y a des moulins d`eau à sier bois, comme nous en avions veu plusieurs ailleurs, & à broyer du lin & à piller du mil. Il y a aussi un abre de la facon duquel nous en avions veu d`autres, mesme à Bade, mais non pas pareil de grandeur. Des premieres branches, & plus basses, ils se servent à faire le planchier d`une galerie ronde, qui a vint pas de diametre; ces branches, ils les replient contre-mont, & leur font embrasser le rond de cette galerie, & se hausser à-mont, autant qu`elles peuvent. Ils tondent après l`abre, & le gardent de jetter jusques à la hauteur qu´ils veulent donner à cette galerie, qui est environ de dix pieds. Ils prennent là les autres branches qui viennent à l`abre, lesqueles ils couchent sur certennes clisses pour faire la couverture du cabinet, & depuis les plient en bas, pour les faire joindre à celles qui montent contre-mont, & remplissent de verdure tous ce vuide. Ils retondent encore après cela l`abre jusques à sa reste, où ils y laissent espandre ses branches en liberté. Cela rend une très belle forme & est un très bel abre.”

Ihringen

Am Fuße des Kaiserstuhls liegt das von zahlreichen Weinetiketten bekannte Weindorf Ihringen mit seinen Weinstuben und Gartengaststätten mit Weinausschank, mit seinen Winzergenossenschaften und weinverkaufenden Schuhhändlern und Weinfesten (die selbst von gestandenen Bayern unverhohlen mit dem Münchner Oktoberfest verglichen werden), mit seiner tausendjährigen Geschichte als Uringa, und seiner abgegangenen Ortschaft Wolptal, deren Existenz nurmehr vermutet wird. Auf Ihringens Straßen stehen, kurz vor dem nächsten Weinfest, überall nicht etwa Weinflaschen oder schlotzbereite Viertele, sondern Pappschälchen mit saftigsüßen Kirschen – gegen Hinterlassen einer Münze darf sich jeder selbst bedienen. Die Sonne teilt mit: Ihringen gilt als der heißeste Flecken Deutschlands (nunja, was die Durchschnittstemperaturen anlangt). Und dann der Weinort Ihringen als Lyrikort Ihringen: an den Ihringer Häusern hängen stilisierte Faßdeckel bzw -böden mit darauf gepinselten Versen und Sinnsprüchen zum ganz Ihringen beherrschenden Thema: „Im Wein sind / Wahrheit, Leben, Tod, / Im Wein sind Nacht und Morgenrot / und Jugend und Vergänglichkeit, / Im Wein ist Pendelschlag der Zeit. / Wir selbst sind Teil von Wein und Reben, / im Weine spiegelt sich das Leben“ Aufmunternde Blicke einer Weinkönigin, als sie bemerkt, daß ich mir die Verse an ihrer Hauswand einzuprägen versuche. Kurz darauf finde ich in unmittelbarer Nachbarschaft sogar noch stärkere: „Wer dich verschmäht, du edler Wein, / der ist nicht wert, ein Mensch zu sein“

Kaiserstuhl

Wenn der Kaiserstuhl den Rheinblick vom Freiburger Münster blockiert, vielleicht bietet er ja selbst einen? Der höchste Gipfel trägt den attraktiven Namen Totenkopf, erreichbar über ein gewisses Liliental, in dem der Wanderer sich angeblich mit Schneckensuppe stärken kann. Mit einem passenden Song der Vietnam Veterans („sweet little girl, lily of the valley“) zwischen den Synapsen stapfe ich los, durch sanft ansteigende Weinlagen, an schwer behangenen, verheißungsvoll glühenden Kirschbäumen vorbei, begleitet von dunklen rotgeränderten Faltern, während die Sonne an den Härtegraden von Kopf und Schuhsohlen feilt. Schon bald bietet sich eine feine Aussicht auf das Breisacher Münster, Vogesen und Schwarzwald, das Band des Rheines läßt sich hinter Baumreihen jedoch nur ahnen. Vor mir öffnet sich ein Hohlweg im Löß, der per äolischem Transport auf den Vulkangrund gelangt tatsächlich aus Rheinschlamm besteht, dh, der Rhein ist akut präsent, ich bewege mich durch einen Trockenfluß mit halluzinogener Lichtgestaltung und psychedelischem Vogelgezwitscher, der Bienenfresser soll diese Gegend bevölkern, die Gottesanbeterin und aus den Lößhöhlen gurrt und knurrt der Wolpertinger bzw sein Fernsehprogramm. Hin und wieder ein Weinbauer, der seine Rebstöcke streichelt und sie mit magischen Formeln bespricht. Gelegentlich Baumschatten beim selbstischen Tanz. Fernes Aufscheinen von Feen mit Mützen und zügiges Fadeout derselben. Seltsam gebaute Insekten mit noch seltsamerer Flugmethodik zu allerseltsamsten Brummlauten, friedlich gestimmt. Im Liliental plötzliches Seniorenaufkommen. Die Schneckensuppe gibt es nur im Internet. Dafür gibt es hier bereits den Wein, der rundherum noch reift und wächst. Bergab nehme ich die Straße. Auf Wasenweiler zu kirschts, beerts und obsts in gelungener Pracht, fröhliche Nixen bevölkern kleine Seerosen-Teiche, in Wiese und Gehölz verstecken sich Affen-, Helm-, Mädchen- und Brand-Knabenkraut vor dem Schwertblättrigen Waldvögelein, Wasenweiler selbst ist dafür eine typische von der Sonne erschlagene Neubausiedlung am Nachmittag.

Freiburger Notizen (2)

Der Rhein ist in Freiburg keine führende Marke, das Selbstverständnis der Stadt stützt sich trotz Rheintallage vornehmlich auf andere Begriffe als konkret rheinische. Vage Erinnerung: ein begeisterter Kirchturmtreppenstürmer und Rheinmensch vermißte einst seinen sonst überall entlang des Stroms geliebten Kirchenrheinblick vom Turm des Freiburger Münsters aus. Der sei leider vom Kaiserstuhl blockiert, notierte er.  Die Freiburger Innenstadt bietet neben vielen anderen Sehenswürdigkeiten derzeit noch einen Karstadt (inklusive Migros, dessen fein säuberlich angeordnete Lebensmittel-Verpackungen das raumgreifendste und  beeindruckendste 3d-Mosaik darstellen, das ich bis dato zu Gesicht bekommen habe), den ich kurz aus nostalgischen Gründen und nicht etwa mit Kaufabsichten betrete.  Vor dem Gebäude engagieren sich Mitarbeiter für die Konzernrettung. Wenige Meter entfernt, im Eingangsbereich des Regierungspräsidiums, findet die Ausstellung „Flusslandschaften in Südbaden“ des Malers Hans-Joachim Paul statt. Sie besteht aus rund zwanzig auf den ersten Blick eher mäßig beeindruckenden Portraits einzelner Flüßchen, die, wie etwa die hübsche Alb meiner Kindheit und Jugend, nicht zwangsläufig durch Südbaden verlaufen. Die Bilder sind, ganz zurecht, auf randseitigen Stellwänden angebracht, damit der Betrieb im Foyer des Regierungspräsidiums keine Rücksicht auf die Ausstellung nehmen muß. Der freundliche Portier stöbert mich in einer der Stellwandnischen auf, und erklärt mir sua sponte, daß es durchaus auch Sinn und Zweck der Ausstellung sei, die Bilder an mögliche Interessenten zu verkaufen. Ein weiterer (der weitere), ca 70jähriger Besucher mutmaßt daraufhin, daß sich die kaufmännische Wertsteigerung solcher Bilder über einen Zeiraum von mindestens 50 Jahren erstrecken dürfte, eine Spanne, innert der er seinen eigenen Tod für wahrscheinlich erachte – eine Überlegung, die ihn letztlich vom Kauf abhielte. Ein bodenständiges, zahlengewohntes und -gewandtes Völkchen, diese Badener. Ich schau mir alle Bilder an, einige Stellen sind mir bekannt, und erblicke einen Teil von Rheinsein, mit anderen Augen gesehen, von anderer Hand manifestiert. Dem Künstler geht es offenbar um Idyllenrettung fürs heimatliche Wohnzimmer, vielleicht auch um ein wenig Meditation. Ehrenwerte Absichten. Auf dem Rückweg in der Straßenbahn, ummantelt von einem Platzkonzert monotoner Polizeisirenen, das gelegentliche, an- und abflauende Röhren eines unsichtbaren Hirschen.