Linie 18

Von Köln, heißt es, fährt die Stadtbahnlinie 18 zur Karnevalszeit (also praktisch fast ganzjährig) bis nach Istanbul. Diese Behauptung ist nicht neu, wir erfuhren davon jedoch erst vor wenigen Wochen. Das kam so: ein Mann, der sich Jürgen nennt (und einst erhebliche Popularität erlangt hat, indem er sich mit einigen anderen in einen Wohncontainer sperren und dabei für einen Privatsender filmen ließ), verkündete Mitte Januar mitten in unserem schönsten Feldforschungsareal, der Rückseite der Stadt, gleichsam als entrückter KVB-Muezzin, die wertvolle Information in einer Art Brüllgesang. Jürgens Gebrüll überraschte uns bei einem Routinecheck. Es drang durch die massiven Butzenscheiben einer Kölsch-Kaschemme auf die Straße und machte uns stutzen: “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” Dieser Jürgen (auf den Butzenscheiben klebte ein Plakat mit seinem studiogebräunten Konterfei und Namen) schien sich drinnen in der Kölsch-Kaschemme in Trance zu befinden: immer wieder und wieder erscholl aus seiner Kehle derselbe Satz: “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!” Unterlegt von einem Rhythmus wie Stampfen und Schenkelklopfen erreichte das Gebrüll eine kaum zu beschreibende Penetranz. Schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen. Nicht gerade angenehm. Und unbedingt inhaltlich zu überprüfen.

Wir hatten seit dieser Begegnung – die eigentlich gar keine war, sondern nur die zufällige Aufnahme einer intensiven akustischen Absonderung – noch keine Gelegenheit, besagte Bahnstrecke auszuprobieren. Falls jedoch nur annähernd stimmt, was dieser Jürgen so energetisch herausbrüllte, als müsse noch der letzte Mensch davon erfahren, dürfte der Kölner Stadtbahnlinie 18, die wir, nachdem sie uns vor ein paar Jahren sozusagen von der Haustür wegverlegt wurde, lange nicht mehr benutzt haben, mittlerweile etwas Sagenhaftes, Mythisches anhaften, vergleichbar etwa der Route 66, der Seidenstraße oder der Panamericana – und ergo eine Probefahrt ein absolutes Muß für rheinsein darstellen. Natürlich lassen wir uns da nicht lumpen.

Morgen wird es soweit sein: wir begeben uns mit offenem Ticket und der eindeutigen Zielvorgabe Istanbul in die Linie 18. Die Fahrt dürfte eine Weile dauern und in Gefilde führen, die wir bisher noch nicht betreten haben. Natürlich: genau wie Köln ist auch Istanbul eine von einem nicht nur geschichtlich bedeutenden Wasserlauf zweigeteilte Stadt mit hohem türkischen Bevölkerungsanteil. Westliche und östliche Stadtteile bilden hier wie dort jeweils recht unterschiedliche Eigenschaften aus. Kongruenzen über Kongruenzen, die einzeln aufzulisten wir besser unterlassen, denn schließlich müssen wir morgen aus dem Haus. Da Istanbul trotzdem nicht ganz am Rhein liegt, wird rheinsein für die Zeit unserer Abwesenheit aus primärrheinischen Territorien auf nurmehr sehr wenige Neueinträge gedimmt: so ca jeden Montag dürfte hier ein neuer Eintrag zu erblicken sein. Leser mit Entzugssymptomen verweisen wir auf das Archiv. Güle güle und auf bald!