Presserückschau (September/Oktober/November 2017)

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Etwas ganz Seltsames
“Eigentlich dürften wir den Rhein (…) natürlich nicht zu den Errungenschaften des Abendlandes zählen. Wenn, dann müsste es sich umgekehrt verhalten, denn er ist ja viel älter als dieses. Sucht man nach seinem Ursprung (was übrigens eine original abendländische Vorgehensweise ist), dann landet man im Oligozän, einem eher unromantischen und völlig menschenleeren Zeitalter vor etwa 30 Millionen Jahren. Der Rheingraben entstand damals als Randprozess brutaler Erdplattenverschiebungen, ein Faltenwurf auf dem Grund des Tethysmeers. All das klingt so bizarr, als würde es auf dem Jupiter spielen, und wirklich sind Flüsse, nüchtern betrachtet, etwas ganz Seltsames, das sich schwer festhalten oder (wie wir das im Abendland nennen) definieren lässt: Massen von Wassermolekülen, die sich linienförmig über mineralische Oberflächen hinwegbewegen und dabei, obwohl sich ihre Elemente permanent austauschen, etwas mit sich selbst Identisches bilden, das über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende hinweg besteht und mit einem Namen anrufbar ist, als wäre es ein lebendiger Mensch.” (Die Welt)

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Wasserfontänen
“Jubilare müssen zusammenhalten. Und zusammen feiern. Dieser Devise folgt der Chempark Dormagen. Das Werk am Rhein feiert in diesen Tagen sein 100-jähriges Bestehen, die Rheinschifffahrt bei Monheim mit dem Piwipper Böötchen sogar ihr 800-jähriges. Zum Festakt (…) an der Monheimer Fähranlegestelle will die die Werksfeuerwehr einen ganz besonderen Geburtstagsgruß übersenden: Die Kanonen auf ihrem Löschboot werden gigantische Wasserfontänen in die Luft schießen. Bis zu 8000 Liter pro Minute können sie auswerfen, ein beeindruckendes Schauspiel.” (Rheinische Post)

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Ryybutzete
“Über 200 Helfer tragen im und am Wasser dazu bei, dass der Rhein wieder ein grosses Stück sauberer wird. Dass dabei nicht nur der üblichen Müll der ungezogenen Sommergäste des Affenfelsens “auftaucht”, sondern auch zahlreiche kuriose, teils unerklärbare Objekte, geborgen werden, macht die Sache nicht weniger ernst, aber führt immer wieder auch zum Schmunzeln. (…) Bereits am frühen Morgen wurde heute ein vier Meter langer Stahlträger aus der Kleinbasler Rheinseite gehoben (…). Der hat wohl den Seegang auf einem Frachtschiff nicht gut überstanden. In den vergangenen Jahren kam auch einmal ein Kupferkessel voller römischer Sesterzen zum Vorschein. In Anbetracht dessen, dass die Römer nun schon einige Jahre nicht mehr in unserer Region verweilen, ein durchaus merkwürdiger Fund. Das grösste Aufsehen verursachte jedoch eine Tauchergruppe flussaufwärts in Birsfelden. Die fanden doch tatsächlich einen Kleinwagen – wohl auch ein Frachtschiff-Ausreisser.” (Barfi)

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Aliens
“Wie die Wollhandkrabbe sind heute 95 Prozent der größeren wirbellosen Fluss-Tiere des Rheins Einwanderer. Sie stammen ursprünglich aus unterschiedlichen Regionen wie dem Schwarzen Meer, Nordamerika oder Ostasien, von wo sie meist per Schiff in den Rhein gelangten. (…) Die Engländer nennen sie »Aliens« (…) – und für manche heimische Art waren die Neuankömmlinge ähnlich vernichtend wie die Weltraummonster. So haben amerikanische Flusskrebse die europäischen Arten zur Strecke gebracht, weil sie eine gefährliche Krankheit, die Krebspest, mitbrachten, gegen die die heimischen Tiere nicht gewappnet waren. Der Große Höckerflohkrebs kommt aus dem Donaudelta und frisst nun kleinere Arten im Rhein weg.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Gemälde aus Duisburg
“Die neue Ausstellung des Künstlers Michael Vogt in der Galerie Liestmann zeigt „Fluss- und Hafenbilder“. Den Rhein malt Vogt gerne in Duisburg. (…) Seine Gemälde, die den Rhein und den Duisburger Hafen zum Thema haben, sind in der Galerie Liestmann noch bis Anfang Januar zu sehen. (…) In der Galerie sind bekannte Motive wie Deichlandschaften, die Homberger Rheinbrücke, Hafenansichten und der Rhein bei Wittlaer zu sehen. Vogt malt vor Ort, setzt sich an den Rhein oder sucht sich den passenden Platz im Duisburger Hafen. Für die dort angefertigten Bilder finden schnell trocknende Farben Verwendung, großformatige Landschaftsbilder malt Vogt mit Ölfarben.” (WAZ)

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Kostümierte Schwimmer
“Da staunten Spaziergänger, als sie kostümierte Schwimmer im Rhein an sich vorbeiziehen sahen: Dazu eingeladen hatte der “Deutsche Unterwasserclub Köln” (DUC Köln). Die Schwimmer starteten an den Poller Wiesen und waren rund eine Stunde lang stromabwärts nach Merkenich unterwegs. Die Sicherheitsvorkehrungen waren hoch, da Schwimmen im Rhein eigentlich verboten ist. Der DUC hatte eigens ein gesondertes Sicherheitskonzept entwickelt. Die Schwimmer trugen alle Neoprenanzüge, eine Marke, Schnorchel und Flossen. Die Wasserschutzpolizei begleitete und umkreiste die Schwimmer mit vielen Booten.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Rhein im Rhein
“Die Dienstzeit der 1852 bei der Maschinenbau-Gesellschaft Emil Keßler in Karlsruhe gebauten Dampflokomotive RHEIN hatte noch gar nicht begonnen, da versank sie für nunmehr 165 Jahre bei Germersheim in den Fluten des Rheins. Als sie mit einem Segelboot über den Rhein von Karlsruhe bis Deutz transportiert werden sollte, geriet dieses in einen Sturm – die Lokomotive rutschte von der Ladefläche, und so gilt sie bis heute als verloren. Ein Forscherteam hat sich nun aufgemacht, die wohl älteste erhaltene Dampflokomotive Deutschlands wiederzufinden und hoffentlich auch bald bergen zu lassen. 2012 gelang es ihnen, den genauen Unfallort der Lokomotive mit Hilfe modernster Messtechnologien zu lokalisieren. Prof. Dr. Bernhard Forkmann, Mitautor des Buches “Lok im Rhein”, gewährt in seinem Vortrag Einblicke in die langwierige Suchaktion und die neusten Forschungsergebnisse zur Lokomotive RHEIN.” (Lok Report)

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Sanaziun cumpletta
“La renovaziun totala dals implants da las ovras electricas Hinterrhein SA è terminada. Dapi la fin d’avust èn tut ils implants puspè en funcziun ed ils custs da 300 milliuns francs èn tegnids en, uschia communitgeschan las ovras electricas Rain posteriur. Gia il 2005 han ils responsabels fatg ponderaziuns davart ina sanaziun cumpletta, il 2011 han cumenzà las emprimas lavurs. En tut eran radund 50 interpresas participadas vid il project. Dal temp cun la pli auta activitad da lavur han radund 300 persunas lavurà il medem mument vid la renovaziun.” (RTR)

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Rheinunterquerung
“Auf sieben Brücken kann man in Köln den Rhein überqueren – unterqueren kann man ihn nur an einer Stelle. Rund fünf Meter unter der Rheinsohle befindet sich ein begehbarer Tunnel (…). Zwei große Stahltüren mit mehreren Riegeln muss der Mitarbeiter der Rhein-Energie öffnen, um den Weg ins unterirdische Köln freizugeben. Es geht zu einem hochmodernen Bauwerk unter dem Rhein, der genau an Kilometer 688,6 untertunnelt ist. Der 461 Meter lange Fernwärmetunnel beginnt auf Höhe der Messe, nahe der Hohenzollernbrücke und führt auf direktem Weg auf die andere Seite unter den Musical-Dome.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Bücher als Schlüssel
“Jemanden in der Schule zu erleben, der sechs Sprachen beherrscht, das ist beeindruckend. Und dann noch jemanden zu erleben, dessen Leben in einer slumähnlichen Vorstadt von Lyon begonnen hat und der jetzt Romanautor ist und ehemaliger französischer Minister war, das ist dann richtig beeindruckend. Und so fielen dann auch die Bewertungen von Schülerinnen und Schülern der Graf-Anton-Günther Schule aus, in deren Forum Azous Begag kürzlich zu Gast war, um über sich, seine Bücher und sein Leben zu erzählen. In seinem Leben habe es eine erstaunliche Entwicklung gegeben. Und dafür seien Bücher der Schlüssel gewesen und natürlich die Möglichkeit, sich in so vielen Sprachen verständigen zu können. Sprache wird hier als Schlüssel für den sozialen Aufstieg deutlich, aber auch als Schlüssel für Integration in eine fremde Kultur. „Witzig und locker drauf“ sei er gewesen, meinten zwei Schülerinnen, und das macht wohl auch seinen Erfolg aus, wenn er auch vielleicht etwas zu wenig an seinem für das Abitur in Französisch wichtige Roman „Et tranquille, coule le Rhin“ orientiert hat.” (Nordwestzeitung)

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Rheinspange
“Wenn irgendwo im Land NRW ein neues Stück Straße eröffnet wird, bleibt selten der Hinweis auf die lange Planungsdauer aus. Oft sind 20 Jahre, 30 Jahre, gar 40 Jahre vergangen. Das soll sich ändern – ausgerechnet beim größten Neubauprojekt, das seit Jahrzehnten in der Region ansteht. Die Rede ist von der Rheinquerung, die nun offiziell „Rheinspange“ heißt und als neue Autobahn die A 59 bei Spich mit der A 555 bei Godorf verbinden soll. Die Beteiligung der Öffentlichkeit begann (…), ohne dass die Planer auch nur eine Skizze vorweisen konnten. Genau das ist der neue Ansatz, den das Landesverkehrsministerium und der Landesbetrieb Straßen NRW erstmalig verfolgen: erst reden, dann planen.” (General-Anzeiger)

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Alleinstellungsmerkmal Maislabyrinth
“Aus einer ursprünglich dünnen Tagesordnung ergab sich im Dalheimer Gemeinderat eine grundsätzliche Debatte darüber, wie sich die Gemeinde künftig in Sachen Tourismus ausrichten soll. Vor einem Jahr hatte man, zunächst für zwölf Monate auf Probe, den Beitritt zum Verein Rhein-Selz Tourismus beschlossen. Nun schob Ortsbürgermeister Willhard Leib (FWG) nachträglich die Diskussion über die Fortsetzung der Mitgliedschaft in den Sitzungsplan. Die Mitgliedschaft kostet 50 Cent pro Einwohner, im Falle Dalheims also rund 500 Euro. Dass dafür eine hinreichende Gegenleistung erbracht wird, war im Rat umstritten. Außer dem Maislabyrinth habe man, so Gertrud Henning (BfD), eigentlich wenig zu bieten. „Ich kann den Nutzen für Dalheim nicht erkennen, 500 Euro auszugeben, um einen Hochglanz-Flyer für die Rheinfront zu finanzieren“, hielt René Muth (CDU) fest. Da die Gemeinde nicht allzu solvent sei, tue dieser Betrag bereits weh. „Unser Angebot ist nicht überreich“, stieß der Erste Beigeordnete Engelbert Sauter (CDU) zunächst ins selbe Horn, verwies dann aber neben dem „Alleinstellungsmerkmal“ Maislabyrinth auch auf die Weinbergsrundfahrten, das für den gesamten Landkreis bedeutsame Germania-Denkmal sowie den Multifunktionsplatz. Das alles über die Gemeindegrenzen hinaus zu bewerben, könne durchaus nützlich sein.” (Allgemeine Zeitung)

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Little Britain
“Viele Wanderer im Kasbachtal in der Nähe von Koblenz sind verblüfft. Aus heiterem Himmel kommen sie an roten Telefonzellen, einer lebensgroßen Queen-Figur, einer vollbusigen Hexe mit Wildschweinen an der Leine und einem britischen 52-Tonnen-Panzer vorbei. Das spleenige Privatgelände “Little Britain” in Linz am Rhein, hat schon Landtag und Innenministerium von Rheinland-Pfalz beschäftigt. Nachbarn sind erbost.(…) Der nach Deutschland eingewanderte Brite Gary Blackburn (…) ist 2016 “not amused” bei der Brexit-Entscheidung in seiner Heimat. Als Antwort darauf beginnt er, sein kleines kostenloses Freilichtmuseum auf seinem Betriebsgelände an einem Wanderweg zum Rheinsteig aufzubauen. Die Hütte des legendären Räubers Robin Hood, Palast-Wachsoldaten, ein roter Briefkasten, Ritterrüstungen und alte englische Autos zeugen vom britisch-skurrilen Humor des 53-jährigen Baumchirurgen aus dem Hinterland.” (T-Online)

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R3
“Der Rheinhafen Lauterbourg ist mit einem etwa 40 Hektar großem Gewerbegebiet und neuen Hafenanlagen Standort der neuen trimodalen Logistikplattform R3FLEX des Straßburger Hafens. (…) Diese Investition trägt der steigenden Nachfrage vor allem durch den wachsenden Containerverkehr am Standort Straßburg Rechnung. (…) Am Oberrhein gilt die Erweiterung des Lauterbourger Hafens als eine der letzten Möglichkeiten zum Ausbau von Arealen am Rheinufer. 40 Stunden Schifffahrt von Rotterdam und Antwerpen entfernt haben sich bereits Unternehmen wie Dow Chemicals France, Comptoir Agricole de Hochfelden, Béton Fehr oder auch Eiffage Métal in Lauterbourg angesiedelt. (…) Die Marke R3FLEX unterstreicht durch ihre Namensgebung und die Abkürzung R3 (Rhine, Rail, Road) die Multimodalität des Hafenareals durch die parallele Anbindung an Rhein, Schiene und Straße.” (Pressebox)

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Tender Rhein
“Fünf Monate ist der Tender “Rhein” im Mittelmeer vor der libyschen Küste im Einsatz gewesen – um Menschen zu retten und Schleuserkriminalität zu bekämpfen. (…) 25.000 Seemeilen legte das Schiff während seiner Mission zurück – das entspricht einer Erdumrundung. Die “Rhein” war Teil der humanitären Operation “Sophia”. Die 67-köpfige Besatzung der “Rhein” rettete 2.100 Menschen aus dem Mittelmeer. (…) Die Deutsche Marine hat mit ihren Schiffen in den vergangenen zwei Jahren nach eigenen Angaben mehr als 22.000 Flüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot gerettet.” (NDR)

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Maghrebiner am Rhein
“Maghrebiner stellten römische Kaiser, frühchristliche Denker und waren Wegbereiter eines Wissenstransfers, an dessen Ende die Zeit der Aufklärung in Europa stand. Die scheinbar zusammenhangslos ausgewählten Exponate der Ausstellung (Anm.: „Drucke und Handschriften aus fünf Jahrhunderten. Die Sammlung der Gesellschaft für Kultur und Wissenschaft des Maghreb” im Romaneum zu Neuss) – wertvolle alte Handschriften und Drucke, in lateinischer, deutscher, französischer und arabischer Sprache – stehen in einem großen Sinnzusammenhang: Sie spiegeln den offenen und durchlässigen Kulturraum Maghreb wider, der vermeintlich fremde Elemente absorbierte und dabei in der Lage war, sich selbst neu zu erfinden. Auch in Neuss hat der Maghreb Spuren hinterlassen: Vor fast 2.000 Jahren errichten die ersten Maghrebiner die Erftmündung am Rhein. Die Ala Afrorum, eine ursprünglich aus Nordafrikanern aufgestellte römische Kavallerieeinheit, war Ende des 1. Jahrhunderts im römischen Novaesium stationiert und hatte ihre Wurzeln in Africa proconsularis, dem heutigen Algerien, Tunesien und Libyen.” (neuss.de)

17
Archäologische Sensation
“Eine 9,7 Millionen Jahre alte Entdeckung sorgt für Kopfzerbrechen bei deutschen Wissenschaftlern. (…) Wie das Mainzer Naturhistorische Museum (…) mitgeteilt hat, entdeckten ein Team deutscher Archäologen im ehemaligen Flussbett des Rheins ein rätselhaftes Gebiss. Die Zähne scheinen keiner in Europa oder Asien entdeckten Art zu gehören. Sie ähneln am ehesten denen der frühen Homininskelette von Lucy (Australopithecus afarensis) und Ardi (Ardipithecus ramidus), die in Äthiopien entdeckt wurden. Doch der neue Fund aus Eppelsheim bei Mainz ist mindestens vier Millionen Jahre älter als die afrikanischen Skelette. Diese Tatsache irritierte die deutschen Wissenschaftler dermaßen, dass sie die Veröffentlichung des Fundes zunächst für ein Jahr zurückhielten.” (RT Deutsch)

18
Notlandung
“Es hätte ein kurzer Rundflug zur Loreley werden sollen – und wurde ein ziemliches Abenteuer. Ein vom Flughafen in Finthen gestartetes Klein-Flugzeug mit drei Insassen ist (…) aufgrund eines Defekts auf dem Rhein bei St. Goar notgelandet.” (Allgemeine Zeitung)

19
Irre Verfolgungsjagd
“Auf der Flucht vor der Polizei ist ein 24 Jahre alter Mann in den Rhein gesprungen, um von Frankreich nach Deutschland zu schwimmen. Während ihm ein französischer Polizist in der Dunkelheit nachschwamm, verfolgte ihn ein zweiter Beamter mit einem Kanu, das er am Ufer entdeckt hatte (…). Als die Kräfte des 24-Jährigen nachließen, fasste ihn ein Beamter und brachte ihn auf deutscher Seite bei Weil am Rhein ans Ufer. Dort wurde der unterkühlte Mann vom Notarzt versorgt und danach in eine Klinik nach Frankreich gebracht.” (Berliner Kurier)

20
Jamaika am Rhein
“Am Bonner Hauptbahnhof haben sie das Schild „Bundesstadt Bonn“ durch eines ersetzt, auf dem „Stadt der Vereinten Nationen“ steht. Das bringt mehr fürs Bonner Selbstbewusstsein. Im November findet am Rhein der Klimagipfel statt. Danach aber wäre es höchste Zeit, wieder mal ein neues Schild anzubringen: „Bonn – Hauptstadt von Jamaika“. Wenn im 600 Kilometer entfernten Berlin wirklich eine Koalition aus Union, FDP und Grünen zustande kommt, hat das viel mit der alten Hauptstadt am Rhein zu tun. In der saturierten Bürger- und Studentenstadt haben alle drei Jamaika-Parteien ihre gefestigten Milieus: Grüne und FDP sammelten bei der Bundestagswahl 16 und 14 Prozent der Zweitstimmen, für die CDU blieben da noch 30 Prozent. Im Bonner Rathaus regiert seit 2014 eine Jamaika-Koalition, die ein schwarz-grünes Bündnis ersetzt hat.” (Neue Presse)

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Rheintote
“Nachdem Ende August Arbeiter im Rhein Teile einer verstorbenen Person gefunden haben, ist die Identität der Toten nun mithilfe eines DNA-Vergleichs geklärt. Die Arbeiter hatten die Leichenteile bei Baggerarbeiten im Rhein bei Rees gefunden.
Wie die Polizei mitteilt, handelt es sich bei der Frau um eine 72-jährige, in Köln geborene Frau. Die Seniorin war am am 22. Dezember 2016 aus einem Krankenhaus in Dormagen verschwunden war und galt seitdem als vermisst.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Eine Joggerin hat (…) eine Person entdeckt, die im Rhein trieb. Sie löste einen Großalarm aus, bei dem auch ein Hubschrauber zum Einsatz kam. Doch jede Hilfe kam zu spät. Um 7.35 Uhr habe die Joggerin eine leblose Person im Rhein entdeckt, als sie über die Theodor-Heuss-Brücke lief. Am linken Rheinufer treibe ein Körper im Wasser. Wenig später sei sie aus einem Polizeihubschrauber heraus lokalisiert worden. In Höhe der Rotterdamer Straße sei die Leiche dann auf der linksrheinischen Seite von Feuerwehrleuten in Spezialanzügen aus dem Wasser gezogen worden. Es handelte sich um einen 66-Jährigen aus Düsseldorf. “Er war bekleidet und hatte einen Ausweis dabei”, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage. Ein Notarzt habe dann um 8.20 Uhr versuchte, den Mann wiederzubeleben. Doch der Arzt konnte nur noch dessen Tod feststellen.” (NRZ)

“Die 91-Jährige Senioren aus Rheinberg, die (…) vermisst wurde, ist (…) im Rhein tot aufgefunden worden. (…) Die Leiche wurde im Rhein bei Ossenberg gefunden. Angaben zur Todesursache konnte die Polizei (…) noch nicht machen. Die Polizei hatte (…) unter anderem mit einem Hubschrauber nach ihr gesucht.” (NRZ)

“Duisburg. Ein Arbeiter (43) ist (…) auf dem Gelände der Hüttenwerke Krupp Mannesmann mit einem Minibagger in den Rhein gestürzt. Zunächst fehlte jede Spur von dem Mann, jetzt ist er tot geborgen worden. Wie die Polizei berichtet sei der Arbeiter der Firma „Buss Imperial“ ins Hafenbecken gestürzt.” (Der Westen)

Gewitter-Idiot

gewitteridiot
Beim allsonntäglich-gemütlichen Scrollen durch die unter der Woche angefallenen Rheinmeldungen schreckte uns heute mit einmal die drastische Schlagzeilensprache der Boulevardpresse auf. Im zugehörigen Artikel, der kaum mehr Zeichen als die Überschrift besitzt, bleibt dann allerdings ungeklärt, ob der offenbar nicht gänzlich nackte, sondern mit Shorts bekleidete Mann von der Brücke gesprungen war (was die Wortwahl “Stunt” nahelegt) oder in Höhe der Brücke  ein Bad genommen hatte. Wie auch immer: “Gewitter-Idiot” könnte als Wortneuschöpfung in den Mythenschatz eingehen, eine Verbindungslinie zur germanischen Gottheit Thor läßt sich ebenso denken wie zur griechisch-römischen Linie (Zeus und Jupiter), worauf letztere der Idiotenbegriff (ἰδιώτης) besonders gut passen würde, der im antiken Griechenland den Menschen schlechthin bezeichnete (wie unser Lateinlehrer zu sagen pflegte), bzw. etwas spezifischer: der in der altgriechischen Polis Personen bezeichnete “die sich aus öffentlichen-politischen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen, auch wenn ihnen das möglich war” (wie Wikipedia ausführt), mithin ein schöner Kontrast zur Götterwelt: der dauerbreite Donner-Depp in Gummistiefeln, der Bikini-Blitzbaddel in der Hochwasser-Pfütze, der sockentragende Starkregen-Schwachkopf auf dem Schiffsanleger wären denkbare Brudergestalten des Gewitter-Idioten, den kölschen Mythos fortzuschreiben.

Mainz, wie es schunkelt

Als Netzfund der Kategorie “semi-bizarrer Beifang” möchten wir das Lied Mainz, wie es schunkelt bezeichnen, das im Dritten Reich als “Schunkelschlager mit militärischen Bläsereinsätzen” offenbar zum Karnevalsrepertoire des Mainzer Lokalmatadors Ernst Neger gehörte. (Nebenbei: welch großartiger Name: Ernst Neger! Dazu kommt uns unvermittelt die jüngste Diskussion um den Austausch vorgeblich diskriminierender Begriffe in Kinderbuchklassikern von Otfried Preußler und Astrid Lindgren vermittels modernerer, vorgeblich wertneutraler Formulierungen in den Sinn. Sollte die political correctness einst auf breiter Front siegen, wird dann auch Ernst Neger umbenannt werden müssen/dürfen? Und was ist mit dem noch viel berühmteren Fall Arnold Schwarzenegger? Anfang der 90er machten uns ghanaische Kommilitonen und Fans des testosterongeladenen Actiontrashs freudestrahlend auf dessen “Pseudonym” aufmerksam: “Weißt du, warum der sich “Schwarz-Neger” nennt? Wow, ist das cool!” Schwarzeneggers Name wurde von unseren Freunden, nicht ohne einen kräftigen Spritzer Humor, als Anbiederung an sein afrikanisches Publikum aufgefaßt. Diskriminierung scheint immer eine Frage der Perspektive, die selbstredend wechseln kann, sei es, z.B., durch gesellschaftlichen Auf- oder Abstieg, Nationalitätenwechsel oder Umpigmentierung. Quod licet Iovi non licet bovi, läßt sich die wohlmeinende Perspektive der Korrektheitsmahner zusammenfassen, die zumeist von einer mißgeleiteten und somit zu brechenden männlich-weiß-europäischen Mehrheits- und Machtperspektive ausgehen, deren Sinn für einseitige Filisterei kein geringer und deren Humorverständnis bisweilen komplexen, selbst erstellten Paragrafenwerken zu folgen scheint. Die Debatte lasen wir ergo, einmal mehr, als eine, die in erster Linie der Deutungshoheit und erst in zweiter, dritter oder garnicht schwerwiegenden persönlichen Erfahrungen, die nach Wandel schrieen, gewidmet war.) Unsere Quelle datiert das Lied, um das es hier eigentlich, wenngleich nur als Beifangausstellung geht, drei Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Im Text, der grob mit dem “Der Wacht am Rhein” verquirlt wurde, heißt es in einer für den Landstrich typischen Melange aus rheinischem Fatalismus und zugleich einer mitläuferisch-subtilen Anpassung an tausendjährige Ideen:

“Die Welt, die geht rauf und geht runter
Es knallt und es kracht auch mitunter
Wenn alle die Nerven verliern
Uns kann doch gar nix passiern!

Die Lorelei hält immer noch jahraus, jahrein
Die Wacht am Rhein, die Wacht am Rhein!
Den großen Fels, den kriegen die auch niemals klein
Die Wacht am Rhein, der Wacht am Rhein!

Der Stein der Lorelei wird nie im Rhein versinken
Das wird in tausend Jahren noch wie heute sein”

Nicolas Boileau: Le passage du Rhin

En vain, pour te louer, ma muse toujours prête,
Vingt fois de la Hollande a tenté la conquête:
Ce pays, où cent murs n’ont pu te résister,
Grand roi, n’est pas en vers si facile à dompter.
Des villes que tu prends les noms durs et barbares
N’offrent de toutes parts que syllabes bizarres;
Et, l’oreille effrayée, il faut depuis l’Issel,
Pour trouver un beau mot courir jusqu’au Tessel.
Oui, partout de son nom chaque place munie
Tient bon contre le vers, en détruit l’harmonie.
Et qui peut sans frémir aborder Voèrden?
Quel vers ne tomberait au seul nom de Heusden?
Quelle muse à rimer en tous lieux disposée
Oserait approcher des bords du Zuiderzée?
Comment en vers heureux assiéger Doèsbourg,
Zutphen, Wageninghen, Harderwic, Knotzembourg?
Il n’est fort, entre ceux que tu prends par centaines,
Qui ne puisse arrêter un rimeur six semaines:
Et partout sur le Whal, ainsi que sur le Leck,
Le vers est en déroute, et le poète à sec.

Encor si tes exploits, moins grands et moins rapides,
Laissaient prendre courage à nos muses timides,
Peut-être avec le temps, à force d’y rêver,
Par quelque coup de l’art nous pourrions nous sauver.
Mais, dès qu’on veut tenter cette vaste carrière,
Pégase s’effarouche et recule en arrière;
Mon Apollon s’étonne; et Nimégue est à toi,
Que ma muse est encore au camp devant Orsoi.
Aujourd’hui toutefois mon zèle m’encourage:
Il faut au moins du Rhin tenter l’heureux passage.
Un trop juste devoir veut que nous l’essayons.
Muses, pour le tracer, cherchez tous vos crayons:
Car, puisqu’en cet exploit tout paraît incroyable,
Que la vérité pure y ressemble à la fable,
De tous vos ornements vous pouvez l’égayer.
Venez donc, et sur-tout gardez bien d’ennuyer:
Vous savez des grands vers les disgrâces tragiques;
Et souvent on ennuie en termes magnifiques.

Au pied du mont Adule, entre mille roseaux,
Le Rhin tranquille, et fier du progrès de ses eaux,
Appuyé d’une main sur son urne penchante,
Dormait au bruit flatteur de son onde naissante:
Lorsqu’un cri tout-à-coup suivi de mille cris.
Vient d’un calme si doux retirer ses esprits.
Il se trouble, il regarde, et par-tout sur ses rives
Il voit fuir à grands pas ses naïades craintives,
Qui toutes accourant vers leur humide roi,
Par un récit affreux redoublent son effroi.
Il apprend qu’un héros, conduit par la victoire,
A de ses bords fameux flétri l’antique gloire;
Que Rhinberg et Wesel, terrassés en deux jours,
D’un joug déjà prochain menacent tout son cours.
Nous l’avons vu, dit l’une, affronter la tempête
De cent foudres d’airain tournés contre sa tête.
Il marche vers Tholus, et tes flots en courroux
Au prix de sa fureur sont tranquilles et doux.
Il a de Jupiter la taille et le visage;
Et, depuis ce Romain, dont l’insolent passage
Sur un pont en deux jours trompa tous tes efforts,
Jamais rien de si grand n’a paru sur tes bords.

Le Rhin tremble et frémit à ces tristes nouvelles;
Le feu sort à travers ses humides prunelles.
C’est donc trop peu, dit-il, que l’Escaut en deux mois
Ait appris à couler sous de nouvelles lois;
Et de mille remparts mon onde environnée
De ces fleuves sans nom suivra la destinée!
Ah! périssent mes eaux! ou par d’illustres coups
Montrons qui doit céder des mortels ou de nous.

A ces mots, essuyant sa barbe limoneuse,
Il prend d’un vieux guerrier la figure poudreuse.
Son front cicatrisé rend son air furieux;
Et l’ardeur du combat étincelle en ses yeux.
En ce moment il part; et, couvert d’une nue,
Du fameux fort de Skink prend la route connue.
Là, contemplant son cours, il voit de toutes parts
Ses pâles défenseurs par la frayeur épars:
Il voit cent bataillons qui, loin de se défendre,
Attendent sur des murs l’ennemi pour se rendre.
Confus, il les aborde; et renforçant sa voix:
Grands arbitres, dit-il, des querelles des rois,
Est-ce ainsi que votre âme, aux périls aguerrie,
Soutient sur ces remparts l’honneur et la patrie?
Votre ennemi superbe, en cet instant fameux,
Du Rhin, près de Tholus, fend les flots écumeux:
Du moins en vous montrant sur la rive opposée,
N’oseriez-vous saisir une victoire aisée?
Allez, vils combattants, inutiles soldats;
Laissez là ces mousquets trop pesants pour vos bras:
Et, la faux à la main, parmi vos marécages,
Allez couper vos joncs et presser vos laitages;
Ou, gardant les seuls bords qui vous peuvent couvrir,
Avec moi, de ce pas, venez vaincre ou mourir.

Nicolas Boileau (1636-1711)
Le passage du Rhin, Teil 1, Fortsetzung folgt

Schergenteufel (3)

Während ich nun den verdammten Geist mit Verwunderung also reden hörte, fuhr indessen der Pater mit seinen Beschwörungen fort, und um den Teufel vermeintlich stumm zu machen, besprengte er den Menschen oftmals mit Weihwasser, worüber der Besessene heftig tobte, mit den Zähnen ein solches Klappern und mit den Augen eine so scheußliche Gestalt hervorbrachte, daß den Umstehenden recht angst und bange wurde und die Wände davon zitterten. “Meinet nicht,” sprach der Geist, “daß solche Kraft dem Weihwasser zuzuschreiben ist, daß ich so tobe und wüthe; das geschieht allein wegen der Natur des bloßen, puren Wassers; denn nichts fliehen die Schergen ihrer Gewohnheit nach mehr als das Wasser, so daß, wenn uns die Schergen in der Hölle nütze wären, wir sie mit Darreichung eines einzigen Glases Wein im Sprunge zu uns bringen würden. Und damit ihr ja sehet, wie die Schergen so gar nichts nach heiligen und geistlichen Dingen fragen, so wisset, daß man sie vor Jahren Gerichtsknechte genannt hat, welchen Namen sie nach ihrem Handwerk in Häscher verwandelt haben, weil sie die Leute haschen, schieren und scheeren, daß sie oft verzweifeln müssen.”

Als der Pater, sich bekreuzigend, das hörte, sagte er zu mir, daß ich mich durch des Bösewichts Spottreden nicht beirren lassen möchte, da er tausend Schelt- und Schmähworte wider die heilsame Gerichtsbarkeit und deren Diener ausstieß, weil sie die Gottlosen straft und sie dadurch auf den rechten Weg und zu ihrer Bekehrung leiten wollte, so daß viele Seelen aus des Feindes Banden, darin sie gefangen lägen, könnten erlöst werden.

“Untersteht euch nicht, euch mit mir in Disputationen einzulassen!” rief der Teufel; “ich habe mehr erfahren und gelernt als ein Pater. Machet nur, daß ich von diesem Schergen erlöst werde, ich bitte darum; denn so ein stattlicher Teufel, wie ich bin, sollte sich billig schämen, in eines Schergen Leibe länger zu wohnen.” “Das soll, sprach der Pater, so Gott will, bald geschehen, damit der arme Mensch von dir befreit werde. Warum, möchte ich wissen, plagst du den armen Leib so?” “Darum, sprach der Geist, weil seine Seele und ich miteinander in Streit gerathen sind, wer der ärgste Teufel von uns beiden sei, der Scherge oder ich.”

Das Geschwätz wurde dem Pater überdrüssig; ich aber bat ihn, mir zu erlauben, daß ich den Besessenen etwas fragen dürfte, vielleicht könnte es mir, dachte ich, nützlich sein, ob es schon des Teufels Meinung nicht war. Er erlaubte es mir. (…)

Hat es auch Poeten in der Hölle? fragte ich.

“Ja freilich,” antwortete der Teufel, “es wimmelt und wibbelt darin; darum hat man vor einigen Jahren ihr Quartier erweitern müssen. Allda ist zu sehen, wie, wenn ein neuer Schwärmer von ihnen ankommt, er seine Begrüßungsschreiben einhändigt in der Hoffnung, die erhabenen Gottheiten, die die Dichter begeistern, wie Charon, Cerberus, Minos, Pasiphan, Megära, Medusa, Proserpina, Pluto, Aeolus, Rhamnusia, Neptun, Bacchus, Juno, Venus, Kupido, Mercur, Jupiter, Apollo, Diana und andere zu finden und zu begrüßen.” Weil mich das ein wenig verdroß, fragte ich, was denn die Poeten in der Hölle zu gewärtigen hätten? Da antwortete der Geist: “Was darfst du viel fragen, wie es in der Hölle zugeht? Du wirst es schon erfahren, wenn du hineinkommst.” Darauf sagte ich, davor wird mich mein Herr und Heiland Jesus Christus, der den Teufel überwunden hat, wohl behüten. Darüber tobte der Geist und sprach: “Ich meinte, ihr Menschen hättet bei und an euch selbst Hölle genug, denn ihr lebt so auf der Welt, als ob kein Gott im Himmel wäre und ihr mit aller Macht in unsere Hölle wolltet. Ich will dir eure höllischen Handlungen, die ihr auf Erden verübt, sein nacheinander herzählen. Du hörst die Poeten so gern loben, weil du auch einmal einer hast sein sollen: ist es nicht so, daß ein Poet soviel Pein und Marter in seinem Herzen leidet, sovielerlei Einfälle er im Kopfe hat? Etliche werden in der Hölle zur Belohnung gepeinigt, wenn sie ihrer Mitmeister und Mitgesellen Werke und Gedichte, Grillen und Possen lesen hören: und so geschieht es auch bei den Musikanten. Etliche haben ihre Belohnung darin, daß sie nach vielen hundert und tausend Jahren nicht aushören können, ihre Verse zu revidiren und zu corrigiren. Einer giebt sich mit der Faust einen Stoß vor die Stirne; ein anderer kratzt sich hinter den Ohren; einer krabbelt sich in der Nase; ein anderer läuft neun Meilen Wegs in seinen Pantoffeln und weiß nicht, daß er aus seiner Studierstube gekommen ist; ein anderer hat keine Ader (das heißt, die Grillen wollen ihm nicht steigen), er habe denn getrunken. Ein anderer seufzt; ein anderer summt und brummt wie eine Hummel in der Trommel; ein anderer verkehrt die Augen wie eine Geiß, die geschlagen oder gestochen wird, und dennoch können sie noch heut zu Tage nicht finden und errathen, ob man sagen solle vultus oder facies, scripsit oder scribsit, sumptus oder sumtus, optimé oder óptime, sollicitus oder solicitus, und ob diese oder jene Silbe lang oder kurz ist. Einige, um ja nicht neben die Schnur zu hauen, gehen, rennen auf und ab, nagen sich die Nägel an den Fingern ab bis aufs Blut, wie Unsinnige, und bei diesem tiefen Nachsinnen fallen sie in verdeckte Gruben, daraus man sie nur mit großer Mühe bekommen kann. Die komischen Dichter aber sind die ärgsten und haben gerechte Strafe zu erwarten, weil sie so manche Königin, Prinzessin und Göttin ihrer Ehre beraubt, so viele ungleiche Heirathen gekuppelt und so viele rechtschaffene Cavaliere – bei diesem Worte forschte ich von dem Geist, ob es einen Edelmann, einen Soldaten, einen Junker oder Knecht benamsete? Worauf er antwortete: “Wir haben in der Hölle schon manchmal deswegen Rath gehalten, aber kein Teufel hat noch das Richtige finden können” – ihrem Vorgeben nach so schimpflich und treulos angeführt haben, wie es im Amadis, den Schäferspielen, der Diana des Monte Major, im Löwenritter, Tristram, Peter mit den silbernen Schlüsseln und andern gleichen Geschichten zu sehen ist. Und diese Poeten sind ärger als die andern, weil sie so viel List und Ränke, so viele Künste und Schelmenstückchen erdacht haben, weswegen man ihnen in der Hölle ihr Quartier bei den gewissenlosen Procuratoren und Prozeßmachern angewiesen hat, als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren sind.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)