Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß (2)

(…) An Steuerbord entdeckte Julien einen Haufen fast mannshoch aufgeschichteter Kisten, daneben setzte er sich auf die Planken, vor sich die Weite des Tals.
Von diesem Platz aus überblickte er die gesamte Breite des Flusses und das Rheintal, bis hin zu einem Kirchturm; es mußte der von Bacharach sein. Noch stand Lorch, wo kurz angelegt worden war, vor seinem inneren Auge: freundliche Fachwerkhäuser, herrliche Blumenpracht, Rosen, an denen noch Regentropfen glitzerten. (…)
Nach einer Verengung des Rheinbetts, das die sich gegenüberliegenden Trümmer der Burg Nollig und der Burg Fürstenberg von einem Ufer zum anderen zu überwachen schienen, verbreiterte sich der Strom in einer stattlichen Krümmung um auf Kaub zuzufließen. Man sah das Städtchen nicht, da das rechte Ufer zu sehr in den Rhein vorstieß. Aber eine Inselburg inmitten der Flußwasser zog den Blick auf sich. Auf einem von weißem Sand umsäumten Felssockel warf ein monumentales Ungetüm, frisch aufgeweißt, seinen Reflex in die Fluten, der es doppelt so groß erschienen ließ. Die Burg war von einem hohen fünfeckigen Schieferturm überragt, den zahlreiche Dachfahnen und Schießscharten zur Seite wie Igelborsten umrundeten. (…)
“Guten Tag, Julien. Du siehst, ich halte mein Versprechen.“
„Ich sehe es, Gunther.“ (…)
„Das ist doch die Pfalz, dieses scheinbar gepanzerte Fort.“
“Sie ist es“, sagte Gunther lachend. „Was für ein Sperriegel, nicht wahr? Zusammen mit der Burg Gutenfels da oben in der Höhe dürften seinerzeit die Chancen, die Durchfahrt umsonst zu bekommen, minimal gewesen sein. Weißt du, daß es wenig weiter, ziemlich nahe der Lorelei, Felsriffe in der Tiefe gibt? Man sieht sie bei niedrigem Wasserstand unter sich liegen. Durch wen kommst du lieber um? Durch die Raubritter oder die Nixe?“ (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Entscheidung auf dem Fluß

Bei der Einschiffung in Mainz drohte ein Gewitter im Nordwesten. Es ging auf die Mittagsstunde zu. (…)
Der Rhein war ihnen bereits an der Anlegestelle enorm breit vorgekommen; wie in Kehl fuhren gedrungene Schleppkähne auf dem Strom, und weiße Raddampfer durchpflügten, schäumenden Strudel erzeugend, seine Wasser. Aber der Fluß wälzte sich hier um vieles breiter als im Elsaß fort, er trieb seine Wellen herrscherlich zwischen bewaldeten Inseln hindurch, entlang den Hängen, an denen sich bis zur Uferböschung herab die Rüdesheimer Rebpflanzungen aneinanderreihten, die nun langsam unter ihren Augen vorüberglitten. Seine Farbe war mittlerweile unter der zur Rechten fahl aufsteigenden Gewitterwolke bleiern geworden; er floß, eine träge Wassermasse, gleichmäßig, geräuschlos und zu Zeiten wie stagnierend dahin. (…)
Hinter Bingen bog der bis dahin in westlicher Richtung fließende Rhein in nahezu rechtem Winkel nach Lorch ab. Kaum hatte das Dampfschiff den Mäuseturm hinter sich gelassen, schlugen von wilden Böen aufgewühlte Wasser in rascher Folge klatschend an den Bug. (…)
Die Grenze zwischen Fluß und Himmel wurde fließend; zuweilen ragten ein spitzer Kirchturm, die Mauerreste einer alten Burg hoch über dem Strom empor und tauchten sogleich wieder ins Nichts. (…)
Von weit unten im Tal kam ein Donnern, rollte über die Flußwasser, nahte heran, drohte sich über ihnen zu entladen. Sie schreckten auf: ein Zug fuhr am Ufer vorüber, ein Geisterzug, aus dem Nebel geboren und von ihm wieder verschluckt. Da lachten sie, trotzig, mokierten sich über die Täuschung, über sich und ihre sinnlose Hartnäckigkeit. (…)
Auf dem hinteren Oberdeck befand sich der Speisesaal; er war fast besetzt, aber durch Zufall bekamen sie noch einen freien Tisch. Die Fenster waren beschlagen und verwehrten die Sicht. (…) Aber die lauwarme, weiche Luft im Lokal, das Stimmengewirr, überdies der gegen die Scheiben prasselnde Regen, der in Hagelkörner überging, vermochten Mutter und Tochter in gehobene Stimmung zu versetzen. (…)
Abermals stand er draußen in der frischen Luft, umweht vom ungestümen Wind. Seine Stöße waren nicht schwächer geworden. Wassergarben platschten Julien mit solcher Heftigkeit mitten ins Gesicht, daß ihn die Tropfen wie Schloßen trafen. Er eilte an einer Laufbrücke entlang, die Stirn gesenkt, unter Aufgebot aller seiner Kräfte. Zwischen jeder Bö drang das vibrierende, den Schiffsrumpf erschütternde Stampfen zu ihm herauf; zuweilen vernahm er auch das Anschlagen der Wellen an die Bordwand, die ein rheinaufwärts fahrender Schleppkahn verursacht hatte. Das Wasser, für einen winzigen Augenblick hellfarben und in wechselndem Glanz plänkernd, sah alsbald wieder stumpf und grau aus und trieb unterm Himmel träge dahin, eine riesige dunkle Strömung, bis sich unter dem neu aufkommenden Wind blaßweiße, schuppenartige Schaumkronen kräuselten, von so unerwartet herrlichem Leuchten, als seien sie von anderen Welten herabgefallen.
In Lorch legte das Schiff an. (…)

(aus: Maurice Genevoix – Lorelei)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Loreley und Zabern-Affäre

„Lorelei“ heißt ein später Roman von Maurice Genevoix, der eine französisch-deutsche Jugendbegegnung in Offenbach am Main im Jahre 1905, zwischen den Kriegen, schildert. Es geht ums Erwachsenwerden, um Kulturaustausch mit Worten und Fäusten, eingebettet in den intellektuellen Heroismus des Bildungsbürgertums. Der 17jährige Protagonist Julien bricht auf aus seinem beschaulichen Chasseneuil „Reisen! Wir sind auf Reisen!“ und trifft dabei erstmals auf Rhein und Mosel: „(…) Und er sah alles vor sich: die blaue Linie der Vogesen, Grenzpfähle, den alten Rhein der Erckmann-Chatrian, Storchennester auf Fachwerkhäusern, Elsaß-Lothringen in violetter Trauer, den Tatsachen zum Trotz französisch auf den Wandkarten in den Schulen. (…) Vom braunen Land steigt jetzt ein Schimmer auf. Jener Fluß… Julien steht auf. Der Fluß biegt ab, deutet unter dem Himmel eine weite umfassende Schleife an. Julien ruft Halleluja: „Die Mosel!“ (…)“ Die jugendliche Euforie wird alsbald in verschiedene Regungen umgewandelt, noch bevor Julien den Rhein überquert. Denn Autor Genevoix, ein großer Freund eingeflochtener Ortssymbolik, nimmt Lorelei und Zabern-Affäre bei einem kurzen Zwischenstop der Reisegesellschaft um Julien „in Zabern, ach so, nein, in Saverne“ vorweg: „(…) Sie hatten noch immer das leuchtende Band des Flusses – der französischen Moselle – vor sich. Sie waren dann in ein oben auf einem sanften Abhang gelegenes Restaurant gegangen. (…) An der anderen Seite verlief der Abhang in ein Tälchen und in dem tat sich (…) eine (…) von einer Reihe von Bäumen umsäumte Esplanade in einem Chaos von Dächern auf: offenbar ein Kasernenhof, gottverlassen zu dieser Mittagsstunde. (…) Nachdem sie sich gesetzt hatten, trat eine Frau auf sie zu: groß, majestätisch, ein wenig blaß, ein wenig unnahbar. Julien fielen ihre wehen und schönen Augen auf; auch wie sie gekleidet ging, erstaunte ihn nicht gering: ein weißes Kleid trug sie so körpernah, daß der weiche Stoff durchfeuchtet wirkte. Unter dem mächtigen Busen zog ein breiter Gürtel, eine Art goldenes Wehrgehänge, die Taille eng zusammen. Sie reichte die Speisekarte und nahm die Bestellung stumm entgegen. „Da kann man nur staunen“, sagte Britte, kaum daß die Frau weg war. „Eine Nixe, eine Erscheinung aus der Vergangenheit. Die ist für uns aus den Fluten aufgetaucht; für dich, Julien, als sei sie dir bestimmt… Habt ihr diese Augen gesehen? Zwei flußfarbene Wasserschlünde, faszinierend. Man könnte sie für eine Lorelei von einst halten. Ihr „goldnes Geschmeide“, ihr „goldner Kamm“… Ich habe wirklich und wahrhaftig das Haar auf ihre Schultern herabfließen sehen. Nimm dich in acht, Bübchen! An deiner Stelle bekäm` ich`s mit der Angst zu tun.“ Alles lachte, wie so oft. Die Vorspeise war köstlich, der Rüdesheimer fruchtig nach Wunsch. (…) Aber dann fielen, mitten in diese Friedlichkeit, jene Schreie, ertönten jene rauhe, ehrverletzende Stimme, jene Schmäh- und Schimpfreden, die sich wie Schläge anhörten. Der Lärm kam vom Kasernenhof herauf, traf sie mit voller Wucht. (…) Die von oben im Restaurant konnten, der Entfernung wegen, die Gesichter auf dem Hof nicht unterscheiden, bloß diese zwei auf so pathetische Weise entgegengesetzten Silhouetten. Obwohl die Uniformen von derselben grünlichen Farbe waren, kontrastierten auch diese noch, denn die eine saß lose und unscheinbar, die andere elegant und akkurat, von der Schirmmütze bis zu den gut geputzten Reitstiefeln. (…) Das belfernde Gebrüll hörte keineswegs auf, es zerriß die Stille. (…) Julien, sehr blaß geworden, war aufgestanden (…). Ekel schüttelte ihn. Der Offizier hatte den Arm erhoben: einmal, zweimal zog er dem Mann mit der Reitpeitsche eins über. Und jedesmal unterstützte er den Hieb, indem er brüllte: „Wackes! Wackes!“ (…) Kurz danach (…) sah ihnen die Frau beim Aufbruch zu. Julien, noch blaß und zitternd, ging als letzter an ihr vorüber und streifte ihr Kleid dabei. Sie zeigte zum erstenmal eine Regung, blickte ihm mitten ins Gesicht. Lächelte sie? Der Jüngling hielt den Schritt an, überrascht, peinlich berührt von der dunkeln Unruhe, die sich seines Körpers bemächtigte. Unversehens, als sei das Kleid von ihr zu Boden geglitten, hatte er diesen anderen Körper ganz nah, in seiner fleischlichen Wirklichkeit, gesehen. Nichtsdestoweniger hielt er mit glutroten Wangen dem Blick der Frau stand. Aus welchen Fernen kam ihr Lächeln? Sie sprach. Mit gemessener, melodischer Stimme drückte sie sich in einem geläufigen Französisch aus, hatte jedoch einen betont deutschen Akzent: „Ich kenne diesen Offizier. Er nimmt seine Mahlzeiten in diesem Restaurant ein. Er ist höflich, aber er kann die elsässischen Wackes nicht leiden. Habt eine glückliche Zeit, lieber französischer Chevalier. Aber vergessen Sie nicht: von jetzt an befinden Sie sich in Deutschland.““