Rheinleichen

Im Schnitt rund zwei Dutzend im Rhein aufgefundene Leichen pro Jahr, zwei pro Monat, entnahmen wir in den vergangenen drei Jahren den Meldungen der Presse. Weil davon auszugehen ist, daß nicht jede im Rhein gefundene Leiche es in die Presse schafft und nicht jeder Presseartikel, der eine Rheinleiche enthält, bei uns einlangt, dürfte die reale Zahl der Rheintoten höher liegen. Die Tragik hinter einigen Meldungen ist erheblich und erreicht bisweilen literarische Dimension wie die Geschichte Ali Kurts, der im Jahr 2014 beim Versuch zwei kleine Mädchen aus den Fluten zu retten vom Rhein verschluckt wurde. Während der breit angelegten Suche nach seinem Leichnam wurden zunächst zwei andere Tote aus dem Fluß geborgen. Auch Prominente spült der Rhein auf ihren letzten Weg. So den Basler Schriftsteller Jürg Federspiel von dem es in einem Nachruf hieß: ”Störrisch blieb er bis zuletzt, als sein Verschwinden im kalten Januar 2007 die ganze Stadt bewegte. Nach Wochen erst kam die Gewissheit: Federspiel hatte sich vom Rhein forttragen lassen.” Ein sprechendes Beispiel für den Blick der Gesellschaft auf ihre Schriftsteller. Für den Freitod im Rhein gibt es, wie könnte es anders sein, ein literarisches Vorbild, den Bundestagsabgeordneten Felix Keetenheuve aus Wolfgang Koeppens Roman Das Treibhaus, der sich aus Verzweiflung über seine eigene Persönlichkeit ertränkt. Auch die jüngste Todesmeldung betrifft einen Prominenten, den Fußballprofi und ehemaligen Nationalspieler der Elfenbeinküste Steve Gohouri, dessen Leichnam an Silvester bei Krefeld im Rhein gefunden wurde und den bei Prominenten einsetzenden Pressereflex auslöste, Spekulationen und Gerüchte zu den Umständen ins Kraut schießen zu lassen, ein Wortgeschimmer, das für den nahtlosen Übergang des alten in das neue Jahr stehen mag.