O du mein Niederrhein

“Hoiho, Jakobine …!”
Die Achterkajüte spiegelte sich in ihrer eigenen Helle, tiefrot und purpurn, als sähe der brennende Herbst durch die niedrigen Fenster. Das machten die schmucken Geranienstöcke, die hinter den schmalen Gardinen standen, das tat das warme Sonnenlicht, das mit diesen blühenden Stöcken spielte, mit ihrem satten Glanz die weißlackierten Wände austapezierte, tiefrot und purpurn, und in dieses Leuchten hinein musizierte es mit dem munteren Vortrag einer Schlegelpfeife. Der schwefelgelbe Kanarier war es, der aus der Nebenkabine seine Stimme vernehmen ließ, frisch und ungebunden, wie’s sich für den Begleiter eines Rheinkapitäns ziemte. Jedereins mit feinfühligen Ohren konnte sich daraus einen Vers vom Jungfernkranz und veilchenblauer Seide zusammenreimen.
“Hoiho, Jakobine! Mein Herzensdöchting, ich hab’ was ganz Besonderes übergeholt. Wenn’s erlaubt ist, möcht’ ich’s in der Achterkajüte verstauen. Also – wie wär’s damit?”
“Reiner …!”
Wie ein Schrei kam es hoch. Da legte Hemskerk seinen Arm in den des Angerufenen und sagte: “Soweit wären wir jetzt. Wir zwei beide sind einig geworden. All right! Durch dick und dünn bis zum letzten. Auch Edelmänner – und Adel verpflichtet, wie Riswyk behauptet. Hier endet mein Lotsenamt. Das deine beginnt. Drum ‘rin in die Koje und fröhliche Talfahrt.”
Hierauf wandte er sich, ging straff über die Riemen. Dann blieb er stehen.
Über ihm holte es aus. Hoch und dumpf kam es von einem grauen Turme herunter.
Er zählte die einzelnen Schläge.
“Neun Uhr”, sagte er schließlich. “Noch zwei Stunden, dann heißt das: Loswerfen! Abfahren! Adjüs Emmerich! Bonus! Möge bis dahin alles gerichtet sein. Auch für mich. Kein pro und contra mehr. Alles im Lot. Damit auch für mich ‘ne fröhliche Talfahrt”, und er sah den Möwen nach, die immer zutunlicher wurden… und stellte sich sein Döchting vor… und sang mit verhaltener Stimme über Deck hin, nicht schön, aber er brummelte doch:
“Es war ‘ne kapteinische Tochter,
Ein wunderschönes Weib.
Die ging des Abends spazieren,
Um sich zu delektieren
An Lust und Zeitvertreib … Hoiho!”
und die kapteinische Tochter stand inmitten der Achterkajüte, noch den Namen “Reiner” auf den blutleeren Lippen, die Augen starr auf die kleine Treppe gerichtet, die schnirkelartig deckabwärts führte.
Nach heißem Ringen und Kämpfen, nach all den Anfechtungen, die sie während der grauen Nachtstunden heimgesucht hatten, erhob sich Jakobine siegreich zwischen Dielen und Decke, gefestet in sich, von der Hoheit und Heiligkeit des eigenen Wertes durchdrungen. Keine Zweifel mehr, kein Begehren mehr nach Dingen, die nach Sünde schmeckten. Ihr Blut rauschte ganz anders, reiner und frohwilliger. Sie fühlte sich als Herrin und Königin über ihr pochendes Herz, über die verzehrenden Wahngebilde der verflossenen Heimsuchungen. (…)

(Joseph von Lauff: O du mein Niederrhein)