Uhland vom Rheinfall

Schaffhausen, Samstag, 15. October 1853.

Liebste Emma!

Meine Reise ist bis jetzt gut abgelaufen. Daß ich in Rottweil bis Dienstag Abend verweilen mußte, habe ich nicht zu bedauern. Unter der Leitung des Stadtpfarrers Wolf, eines Freundes von Prof. Keller, besuchte ich den ältesten Sänger in Schwaben, Orpheus, und andere römische Alterthümer, dann besonders auch die in der Lorenzkapelle ein eigenes Museum bildende Sammlung alter Holzschnitzwerke. In Donaueschingen wurde ich wieder überall freundlich aufgenommen und eine handschriftliche Chronik voll Mährchen, Sagen, Schwänke und alter Volksgebräuche hätte mich vielleicht noch den vierten Tag festgehalten, wenn ich nicht hier in Schaffhausen an dem für meine Nachfragen ungünstigen Sonntag anzulangen gefürchtet hätte. So schiffte ich mich in strömendem Regen gestern Abend 10 Uhr auf dem Eilwagen nach Schaffhausen ein, kam hier zwischen 3 und 4 Uhr frühe an, begab mich dann im einfachen aber mir wohl zusagenden Gasthof zum Schwan noch auf mehrere Stunden zur Ruhe und verspürte am Morgen, der freundlich aufgieng, nichts mehr von der Nachtfahrt. Frauer ist in den Ferien abwesend. Aber sein Amtsvorgänger Götzinger, ein Bekannter von früherer Zeit, geleitete mich diesen Vormittag bei warmem, hellem Sonnenschein zum Rheinfall, an dessen Anblick ich Herz und Auge weidete. Götzinger gab sein Lehramt am Gymnasium auf, weil er auf der rechten Seite des Oberleibs gelähmt ist, geht jedoch rüstig und scheint gerne sich zu bewegen. Er will sich mir auch diesen Nachmittag und Abend widmen und seine Mittheilungen werden auch für meine Studien nicht unergiebig sein. Morgen um 8 Uhr fährt das Rheindampfboot von hier nach Konstanz ab, von wo ich dann Nachmittags werde nach Meersburg überfahren können. Ob ich dann am Dienstag, Mittwoch oder gar noch später mit der Eisenbahn nach Stuttgart fahre, wird davon abhängen, wie ich es bei Laßberg treffe. Er soll sich recht erfreulich erholt haben. Am wahrscheinlichsten wird der Dienstag mich nach Stuttgart bringen, ein späterer Tag nur, wenn ich besonderen Anlaß fände, mich länger zu verweilen. Ich freue mich innig darauf, Dich dort wiederzusehen, und je früher ich ankomme, werde ich um so eher auch für den Stuttgarter Aufenthalt zugeben können.

Lebewohl, sei mit Wilhelm und Mayer herzlich gegrüßt von

Deinem

L.

In Donaueschingen, wo ich den größten Theil des Tags auf dem Archiv zubrachte, hättest Du wenig Kurzweil gehabt, aber am Rheinfall hättest Du bei mir sein sollen.