Der Rhein. Eine europäische Flußbiografie

Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie war die größere der beiden, parallel stattfindenden Bonner Rhein-Ausstellungen betitelt. Zu besuchen war sie in der Bundeskunsthalle und erlangte reichlich Aufmerksamkeit auch in der überregionalen Presse.

Vom LVR-Landesmuseum in Bonn sind es nur wenige Straßenbahnstationen zur Museumsmeile am Rande des ehemaligen Regierungsviertels. Grauer Jännerregen plästert: eine neoromantische Deutschlandinszenierung mit tagsüber eingeschalteten Autoscheinwerfern entlang pudelesk begossener Bauten. Die Ausstellung findet in einem Rundgang wellenförmig geschnittener, großzügig mit Vitrinen ausstaffierter, thematisch geordneter Kojen statt. Dicht bei dicht hängen Wandexponate. Über Audioguide gibt die deutsche Stimme Robert De Niros kurze Erklärungen zu ausgewählten Stücken ab. Direkt in der ersten Koje Andreas Gurskys Rhein II im Original: das berühmte Foto, das wir in der bilderstrom-Ausstellung erst vermisst und dann als Laminat aus dem Besenschrank unter die Nase gehalten bekommen hatten. Gegenüber sowohl Moritz von Schwinds monumentaler, als auch Max Ernsts grünblaugrüner, surrealistischer “Vater Rhein”: hier wird auf den ersten Blick geklotzt und zugleich gekleckert. Die erstaunte Frage, was diesem Auftakt wohl folgen solle, beantwortet die zweite Koje u.a. mit einem vermüllten Landschaftsmodell Dieter Roths, unserem Lieblingsstück der Ausstellung. Auch dieser Raum wirkt chaotisch und zu 80 bis 100 Prozent dem rheinsein-Konzept entlehnt. Ein Eindruck, der sich von Koje zu Koje abschwächt. Je weiter wir schreiten, desto strenger umreißen die Kojen ihre Themen. Zunehmend sind Exponate aus dem ökonomisch-politischen Komplex zu betrachten, den rheinsein bisher weitgehend ausgespart hat.

Da wir den Besuch gemeinsam mit unserem französischen Korrespondenten Roland Bergère unternehmen, verleiten insbesondere die Darstellungen des Rheins als Grenzfluss, etabliert mit der Eroberung Galliens durch Caesar, hier ausschließlich als neuzeitliche Symbollinie deutsch-französischer Konflikte dargestellt, zu rhetorischen Fortsetzungen vergangener Kriegsakte mehr bis minder hoch angesehener Militärs und Staatsmänner. Ungefähr auf der Hälfte des Rundgangs führt ein Kino zwei oder drei kurze Dokumentarfilme in Endlosschlaufe auf. Vielleicht weil es in den Kojen bis dahin an Sitzgelegenheiten mangelt, sind die Kinoplätze stark begehrt. Ein neuer Film trägt im Titel stolz die falsche alte Rheinlänge – was wir, aufgrund Platzmangels auf dem Teppichboden Platz nehmend, zu sehen bekommen, deckt sich weitgehend mit Inhalten der jüngsten Rhein-Dokus der öffentlich-rechtlichen Sender. Zumindest soweit wir folgen können, denn aus dem Kindern vorbehaltenen Nachbarsaal ertönt in Intervallen organisiertes Gejohle, welches das Kinoprogramm übertönt.

bonn_beethoven_lüpertzBlaugesichtige Beethoven-Büste von Markus Lüpertz, aufgestellt 2014 in der Bonner Innenstadt unweit der Universität und des Rheinufers

Sitzgelegenheiten finden sich dann wieder in der letzten Koje, der größten, in der wir zu Wagnerklängen über Kopfhörer, leichten Ermüdungserscheinungen trotzend, aus sämtlichen, leider nur beschränkt zur Verfügung stehenden Blickwinkeln Joseph Beuys’ Rhein Water Polluted, eine vom Künstler signierte Glasflasche voll gefärbten Wassers, betrachten – und das zuvor Erschaute auf dieser meditativen Oberfläche Revue passieren lassen: neben viel Bekanntem und Teurem bietet die Ausstellung auch seltener beachtete Aspekte der rheinischen Geschichte in reichem Maß. Geflissentlich verliert sie sich, gleich einem Fluss, um in der nächsten Windung mit Pomp zurückkehren. Interaktionsmöglichkeiten Fehlanzeige. Die Begehung evoziert das Gefühl, die Ausstellung zu erfassen bestünde in (intensiver) Arbeit. Die sich auf zwei Stunden, ebenso gut jedoch auch auf zwei Tage verteilen ließe. Reichlich Input, der das Bewusstsein um die dazwischen klaffenden Leerstellen gleich mit befördert. Kunstlicht, Messe-Atmosfäre und ein leiser Sensationismus, der sich nicht erfüllen mag. Draußen plästert es wieder oder weiterhin. Wir schlendern durchs Regierungsviertel ans Rheinufer. Der Blick auf den Strom: selbst im Regengrau wirkt er besser, realer, tiefgehender als jede Ausstellung.

J. Beuys überquert den Rheinfall

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Joseph Beuys`Düsseldorfer Rheinüberquerung im Oktober 1973 im Einbaum ist als Aktion “Die Heimholung des Joseph Beuys” in die Kunstgeschichte eingegangen. Weit weniger bekannt ist Beuys` Überquerung des Rheinfalls. Emil Spatz ließ uns per Briefpost diese äußerst rare Aufnahme zukommen.

Hier ein Ausschnitt aus Herrn Spatz` Begleitschreiben:
“(…) Jüngst stieß ich auf Ihre Serie mit so verschiedenen “Kunstmomenten”. Als ich dann Bilder vom Rheinfall erblickte, fiel mir sogleich eine unvergeßliche Begebenheit aus dem Juni 1973 ein. Zusammen mit Joseph Beuys und Freunden besichtigte ich damals die tosenden Wasser des Rheinfalls. Der Meister war an diesem fröhlichen Tag bestens gelaunt und zum Scherzen aufgelegt. (…) Die Möwe, die Beuys beim Posieren garnicht wahrgenommen hatte, erinnerte ihn später, beim Betrachten der Aufnahme, an seine Zeit als Stukaflieger. (…) Beuys hatte den Rheinfall damals nicht überquert, sondern sich nur für eine handvoll Photos an seinem Fuße in Szene gesetzt. In späteren Gesprächen redete er gerne davon. “Emil”, sagte er dann, “weißt du noch wie wir barfuß den großen Rheinfall überquert haben?”"

HEL über Köln

Fixpoetry bringt diese Woche unter dem Titel Apocalypso Ausschnitte aus einem Briefwechsel zwischen HEL (Herbert Laschet-Toussaint) und Ulrich Bergmann. Beide unterhalten sich darin achtzehn Jahre lang über Deutschland und Europa, dh, den Unter- und Wiederaufgang des Abendlands inkl. Kapitalismus, Sozialismus, Faschismus, Katholizismus, 68ern, Türken, Literatur (Thomas Mann, Günter Grass, Bertolt Brecht, Social Beat) und natürlich Beuys. Das alles sind rheinische Themen, Bergmann lebt in Bonn und HEL schleicht als genuin belgischer Rheinländer nur deswegen allnächtlich über Berliner Endmoränen, weil dort seit den späten 80ern das offizielle deutsche Dichterreservat eingerichtet ist. Dabei denkt HEL auch an seine früheren Wirkungsstätten und kommt zu erstaunlichen Schlüssen über eine verkannte Stadt: “(…) Meinhofs analysen stimmen bis heute: äußere wie innere verelendung und die krankheiten daraus, von straßenkindern schleppe genannt; wir haben die Auschwitzimaschleppe: das ist ein krater, den man noch in einer million jahren vom weltall aus sehn wird, wie das Nördlinger Ries, und wir gehn auf dünner lavakruste .. na Sie verstehn schon: Köln mag einen schuß zivilisierter sein aus römischer zeit, luperkalisch, ubisch, druidisch, dafür hat’s 2000 jahre katholenterror aufm buckel. (…)” Der Briefwechsel über sieben Web-Etappen ist hier nachzulesen.

Beuys überquert den Rhein

„Schwimmweste, Erste-Hilfe-Kenntnisse, “Schöpfgerät und Fangeleine”: So lauteten einige der Bedingungen, unter denen das Wasserschifffahrtsamt Duisburg 1973 dem Antrag des Künstlers Anatol auf eine “Demonstrations- und Übersetzfahrt mit Kleinfahrzeug” stattgab. Im Oktober des Jahres setzte Anatol seinen Lehrer Joseph Beuys im Einbaum “Blaues Wunder” über den Rhein – eine symbolische Aktion, die als Rückführung des Professors in Amt und Würden gedacht war. Im Vorjahr war Beuys von der Kunstakademie Düsseldorf fristlos entlassen worden.“
(Antje Lorscheider im Tagesspiegel vom 27. September 2007)

„Anatol hatte Beuys (…) am 20. Oktober 1973 ein Denkmal gesetzt, als er den fristlos aus der Kunstakademie entlassenen Professor im Einbaum über den Rhein fuhr. „Ich wollte ihn in die Altstadt heimholen. In Höhe des „Blauen Hauses“ am Kaiser-Wilhelm-Ring ging das zwölf Meter lange Pappelboot ins Wasser. Vorn saß Beuys, dahinter ich, dann kamen der Beuys-Schüler Don Lenzen, danach Bäckermeister Addi Wecke, der über den Bottnischen Meerbusen gepaddelt war. Eigentlich sollte der Beuys-Kopf an der Oberkasseler Abfahrtsstelle stehen, in Höhe des Kirmesplatzes. Bei Hochwasser wäre er im Wasser gewesen und bei niedrigem Wasser wieder aufgetaucht. Die Strombehörde fand das viel zu gefährlich für die Schiffe.“”
(Helga Meister in der Westdeutschen Zeitung vom 14. April 2009 über den Bildhauer Anatol, Beuys` (Anti-)Charon, der Jahre nach besagter Überfahrt nach wiederum langem politisch-behördlichen Hin und Her im Sommer 2009 seinen Beuyskopf am Rhein installiert hat.)

Es gibt ein berühmtes Foto von des Einbaums Ankunft am rechten Rheinufer, begleitet von zwei Froschmännern und einem Motorboot. Beuys streckt dabei den rechten Arm aus, wohl um sein Begrüßungskommitee zu grüßen. Gleichfalls berühmt ist die Geschichte seiner Entlassung letzten Endes durch Johannes Rau, einem kunstsinnigen Politiker, angetrieben durch kunstsinnige Kunstprofessoren der Düsseldorfer Akademie.

Niederrheinische Kulturpflanze

Mitte September, just als wir nach Material zu Joseph Beuys` Rheinquerung mit dem Einbaum suchen, widmet Christof Siemes, selbst niederrheinischer Herkunft, in der Zeit dem „Jahrhundertkünstler“ einen Retrospektivartikel, der Beuys als typisch niederrheinisches Heimatgewächs zeichnet. Die Recherchestrategie erinnert uns an eine unserer eigenen: Aufsuchen von Tatorten, Abgleich ihrer historischen und heutigen Nutzung, vulgo: Wirklichkeit. Die Kunsttatorte findet der Autor meist umfunktioniert, andere tun noch ihre beuysschen Schnaufer: „Loch entstand 1981 für die Ausstellung Schwarz: Beuys trieb einfach ein rußiges Ofenrohr durch die brutalistische Waschbetonwand der (Düsseldorfer; Anm. Rheinsein) Kunsthalle. Außen reckt es sich keck zum Himmel und verwandelt das gesichtslose Monstrum in ein Hexenhäuschen. Folgt man dieser Assoziation (und Niederrheiner wie Beuys denken fortwährend in Assoziationen), brodelt im Innern die Alchemistenküche der Kunst, hier wird das Nachdenken über Sinn und Unsinn des Lochs zur sozialen Plastik aufgekocht. Dabei ist in der Halle nichts als das andere Ende des Rohrs zu sehen, eine nachtdunkle Öffnung von 20 Zentimeter Durchmesser knapp über Kopfhöhe, eine Mischung aus Abgrund und Ausguck, ein Symbol des Alls und des Nichts, das die ganzen Ausstellungshalle in Bann schlägt.“ An einer Stelle wird das Ohme Jupp erwähnt, vor dessen Tür, doch einige Schritte vom Ufer entfernt, besagter Einbaum nach erfolgreicher Überfahrt im Oktober 1973 geparkt wurde. Mehr Raum mißt der Artikel der Rheinquerung nicht bei. Dafür fördert er noch ein schönes, wenngleich diskussionswürdiges Zitat Franz Joseph van der Grintens über das Wesen des Niederrhein(er)s zutage: „Man sieht nach allen Seiten über den Horizont hinaus. Das Denken wird durch diese Landschaft sehr begünstigt.“