Essen

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Wieweit Essen rheinische Identität besitzt (nämlich nahezu keine) hatten wir zum Anlaß der Präsentation eines Gedichts von José Oliver geklärt. Nun stießen wir in Essen, einer angenehm gesichtslosen Stadt mit beachtlicher Flächenausdehnung und breiten Autotrassen im Zentrum, deren historische Bauten von Industrieverwaltung und Kaufhäusern überwuchert wurden und die am Bahnhof mit dem Slogan “Einkaufsstadt” für sich wirbt, auf einige Berührungspunkte mit rheinischer Kultur wie etwa den augenfälligen Rheinischen Platz mit seinem U-Bahn-Zugang im Amfitheaterstil.

Einst wurde uns eine Theorie unbekannter Herkunft zugetragen, derzufolge Orte (Straßen und Plätze), die nach Willy Brandt benannt wurden, stets für trostlose Anblicke stünden. Der Willy-Brandt-Platz in Essen bestätigt diese Theorie. Als wir ihn passierten, begann dort gerade die Präsentation eines BMW-Modells. Promoter beschallten über Lautsprecher die öffentliche Fläche mit einstudierten Werbedialogen (“Schauen Sie mal, was wir Ihnen Neues aus München mitgebracht haben!”), addierten ihre mitgebrachte heruntergeleierte gleichsam der lokalen in situ-Trostlosigkeit, welche Passanten und Leute, die am Platzrand im Sonnenschein ihre Arbeitslosigkeit diskutierten mit einem breit angelegten Gleichmut ignorierten, der langjähriger Gewohnheit zu entspringen schien.

brasserie, Basel SBB, vormittags an einem februar

(1 fluchtentwurf mit einem dichter sprechend)

das verlorene, verborgene gedicht im kaffee-
satz auf
gelesen das mündel sprache & 1 mund-
harmon harmonikaverspielt er wand- wie zaungast / die atemmelodie
der sanfteren kälte
draußen
vor der tasse in seinen händen schnee-
restrythmen & schneeton-
stille
1 schneeverlust 1 wörter-
schnee dem ungereimten fingerpaar 1 schnee
rest
schnee : die übrig gebliebenen schneemannkugelweisen
aus poesie & kindsillusioniertem & von der wärme tau-
verschluckt / & dennoch

noch die sehnsucht nach dem w:ort, den an die hand genommenen ort das
in die hand genommene wort & aufgegriffen die fernen
spiele
die traumbehausten wege & noch 1 liedfein der atlantenkrieger
1 fingerauf
bruch seinerzeit/ fingerfahren & bereiste abenteurer, nicht
das immerher, das nimmermehr neu zu bereisen heuer
nicht zu besingen der RHEIN, der irgendwo kaum & doch

für Rolf Hermann

(Ein Gastbeitrag von José F.A. Oliver. rheinsein dankt!)

Essen, Kopstadtplatz, mittagsschwere

1 nieselpalaver & abblätternder rost‐
punkpelz, eigentlich ausfärbendes strähnenhaar
& an den haaren nicht herbeigezogen die dumpfe lautlosigkeit

des himmels & wie ein frustgebet vom himmel fällt
1 wolkenszenarisches vorm aprilverregneten & vom himmel fällt
das wort nicht fällt / ist

aufzulesen am namedroping der grau‐in­‐grau­‐auslagen
das pfeifengeschäft & das billiglohnlandgetränkte ROT &
BLAU, nicht vom HIMMEL & grün wird heuer das frühjahr & pink

orange & stemmen sich ein paar HARTZLER kapuzenbehauptet &
in trainingshosen kippe inne hand zwischen den fingern so
daherrinnt daherschweigt & davon-

bröselt das lebensfieber aus der kälte gehobene stummstille, ganz
anders die frage der kettungsweite so angekettet beim gehen beim
sich kreuzen 1 coitusKIK zwischen straßenbett & bettelgebet, hopps!

(José F.A. Oliver)

februarnotat in Essen, Hbf.

1 taschentuch in taubennähe
des reisens müde
auf dem bahnsteig not-­

gewürfelt mensch & koffer
die spuren aufgerieben
aus den augen wiederwährend, welch

w:ort und welche worte noch die über rom
die redensarten führten
wer´s glaubt wird abschied, wurm-­

beatmet. Es schlängelt sich, es raupt
das altbild „Zeit“, einst tempus fugit, & das memento
reimt sich doch auf den entwurfsballast des todes.

(José F.A. Oliver)

Inwiefern Städte als “rheinisch” oder “rheinländisch” zu charakterisieren sind, bleibt eine an den Rändern offene Frage. Die Einzugsgebiete des Rheins reichen bis in Länder, die sein Lauf nicht berührt und es gibt Städte mit rheinischem Selbstverständnis, die seinen Ufern deutlich ferner liegen als andere Städte wie Essen, deren Selbstverständnis kaum auf rheinischen Gegebenheiten beruht. Dennoch sind die ehemaligen Kohle- und Stahlstädte des Ruhrgebiets ohne ihre Kanäle und Zuflüsse zum Rhein als Transportweg undenkbar. Letztlich lassen sich, zumindest von Rheinländern, an beinahe allen Orten, die von einem Wasserlauf durchzogen sind, “rheinische” Elemente entdecken. Essen gehört gegenwärtig zur am Verwaltungsschreibtisch ersonnenen Metropolregion Rhein-Ruhr, klassischerweise mit deutlich prägnanterem Ruhranteil. Wir wollten Materialien zu Städten des Ruhrgebiets, die nicht direkt an den Rhein grenzen, ursprünglich von rheinsein aussparen, bis uns José Oliver seine wunderbaren Essen-Gedichte schickte; das zweite folgt morgen. Mehr von José Oliver gibt es unter anderem in der edition suhrkamp, wo seine Bände Mein andalusisches Schwarzwalddorf und fahrtenschreiber erschienen sind.