Sélestat – Bibliothèque humaniste

Die Humanistische Bibliothek in Sélestat hatte Rheinsein sich „irgendwie anders vorgestellt“: menschenleer, grau in grau, im Grunde wohl wie einen seit Jahrhunderten nicht mehr gefegten, von Papierstapeln überlasteten Speicher. Tatsächlich trifft der willige Bibliotheks-Besucher in einem etwas kuriosen Vorraum ein, der einiges Gerümpel beherbergt, das sich bei näherer Betrachtung als lokalhistorische Ausstellungsgegenstände entpuppt, auf wie grad nicht benötigte Wäscheständer beiseitegeschobenen Klappstellwänden tut die aktuelle Sonderausstellung mit Illustrationen des Genji Monogatari ihr bestes, mit den einheimischen Werken zu korrespondieren, zwischendrin hocken auf kirchenbankartigen Studiervorrichtungen mit Kameras bewehrte Wissenschaftler und filmen die nackten Innereien alter Bücher. Der gemeine Besucher wird auf samttuchbedeckte Vitrinen im Hauptsaal verwiesen. Darin befinden sich die aufgeschlagenen Schmuckstücke der Sammlung, welche großteils dem Lokalhumanisten Beatus Rhenanus zu verdanken ist: Merowingisches Lektionar (7. Jh.), ein liturgisches Werk mit Texten aus dem Alten Testament, der Apostelgeschichte sowie einer apokryfen Schrift, das Kapitularbuch Kaiser Karls des Großen (9. Jh.), Vitruvs de architectura libri X (also der zehnte Band über Baumaschinen, mit Bauzeichnungen, 10. Jh.), das Wunderbuch der heiligen Fides (karolingische Minuskel, 11./12. Jh.), Pergament-Abschriften der Werke Ovids und Horaz mit Leserglossen aus dem Mittelalter, Macrobius In Somnium Scipionis (13. Jh.), eine illustrierte lateinische Bibel (13. Jh.), Otto von Passaus Die minnende Seele, 1430 vom Schlettstädter Schuhmacher Jakob Leistenmacher (!) abgeschrieben und selber illustriert. Dem Heute inadäquat bis konträr: der Schreiber Versenkung in der Aufgabe (Selbstaufgabe), ablesbar an der überwältigenden Ausstrahlung über hunderte und tausende Seiten gestochener, dem Werk gebührender Schönschrift, während Briefe etwa deutlich nachlässiger verfaßt daherkommen. Ab den 1450 Jahren betrieb Mentel dann seine Druckerei in Straßburg: auch diese Inkunabeln zeichnen sich, ganz in der Tradition der Handschriften, durch eine geradezu anmaßende Schönheit des Satzes aus. Darunter: die Constitutiones von Papst Clemens V. (1471). Jakob Wimpfeling, Vertreter des Humanistendramas, Adolescentia (1500). Die Cosmographiae introductio von Matthias Ringmann und Martin Waldseemüller mit der ersten schriftlichen Erwähnung der neuen Welt als „America“ nach Vespucci (1507). Erasmus Lobgedicht auf Schlettstadt „Encomium Selestadii Carmine Elegiaco per Erasmum Roterodamum“ (1515) und desselben Opera Omnia, geschätzte zwanzig Kilo schwer (1540). Sebastian Münsters Kalendarium Hebraicum, aufgeschlagen mit Holzschnitten zu den Fasen der Sonnenfinsternis (1527). Jakob Spiegels Zivillexikon (1538). Johannes de Sacroboscos Allstudien de Sphera, mit Glossen von Beatus Rhenanus. Dessen Rerum germani carum und Kollegheft an der Sorbonne (das von äußerster Disziplin beim und Achtung gegenüber dem Schreibvorgang zeugt). Die unglaubliche Cosmographia Universalis von Münster, ein wahrer Brocken vor dem Herrn (1554). Natürlich enthält die Bibliothek auch die seinerzeit wichtigsten Schriften etwa von Augustinus oder Thomas von Aquin, sowie Meßbücher, Karten und ein Dokument, das die erste schriftliche Erwähnung des Weihnachtsbaums enthält. Eine besonders hübsche Zeichnung des Wald-Sanikels (als Sanickel). Gerahmt das ganze von Heiligenkrust und alten Stadtmodellen, sowie Zellen, in denen ehrfurchtsgebietend dunkel eingebundene Folianten in Regalen schnarchen, hin und wieder geweckt vom schrillen, und wie das Sicherheitspersonal jovial versichert, selbstauslösenden Alarm. Nur vordergründig erstaunlich, daß so viele Menschen sich Bücher hinter Glas anschauen wie in der Humanistischen Bibliothek von Schlettstadt, denn wer diese Bücher einmal gesehen hat, weiß fortab um ihre Attraktivität, und kaum auszudenken, was passieren könnte, falls die Stadt einmal zu einer Größe heranwächst, welche U-Bahn-Baupläne aufs Tablett bringen könnte.

Sélestat

Mindestens zwei Eckpfeiler des modernen Christentums gehen auf Schlettstadt zurück: die Tradition des Weihnachtsbaums und die erste, vom Schlettstädter „Erfinder des Buchdrucks“ Mentel zurechtgeletterte Bibel in deutscher Sprache. Entsprechend gigantisch fällt die (Ganzjahres?)Weihnachtstanne am Ortseingang aus, dessen äußerst chaotische Straßenführung allerdings die Aufmerksamkeit vom Baum auf das surreale Asfaltrhizom mit seinen zur optischen Zierde applizierten Zebrastreifen lenkt – alles in allem ein Gesamtkunstwerk von Ortseingang, das den Fremden nicht nur zum Nachdenken anstiftet, sondern auch zu äußerster Vorsicht bei der Straßenquerung animiert. Sélestat selbst entpuppt sich als hübsches, kleines, leicht verwirrend organisiertes Städtchen, dessen Architekturen erfreulich organisch miteinander verkehren, Fachwerk findet seine Fortsetzung und Multiplikation im Spiegelglas, Sandsteintöne sorgen für die richtigen Schwingungen, der dem Elsaß immanente und hochnotwendige Anschein von Abnutzung bleibt somit auch an jüngsten Gebäuden gewahrt, welche älteren Scharten wiederum den Schrecken nehmen, nichtmal Vaubans Tätigkeiten brechen das Stadtbild, treibende Rockmusik dringt aus Modeboutiquen und offenen Fensterluken der sympathisch-schmuddeligen Gassen, eingeglaste Pot-au-feus, in schwierigen Schraubfiguren gougelnde Houpfs und klobige Fleischpasteten im Brotmantel beherrschen die Schaufenster, verwaiste Storchennestpräparate tun ihr übriges, das Elsaß verwirft sich einmal mehr auf sich selbst in Sélestat und macht das an dieser Stelle ganz, ganz prima. Plus Illidyll: mit künstlichen Hindernissen versehen fungiert ein Abschnitt als fleißig genutzte Wildwassertrainingsstrecke, auf Les Tanzmatten zu rauscht und glupschert das Flüßchen, Perlenschnur der Region, Richtung Vollnatur, schmücken treibende Inseln aus Pappellaub das klare huschende Naß, ob`s Fische sind oder Schatten von Weidenzweigen, mit denen der freundliche Lauf parliert, gen Norden geht’s, in Milde flankiert von champignonbestandnen Wiesen, in größtmöglicher Unschuld dem Rhein zu. Îles flottantes gibt’s auch als Dessert zu den Fleischkrautmittagstischen auf den sonnenbestrahlten Terrassen des tarteflambierten Altstadtpflasters, die Restaurants und Bistrots tragen Traditionsnamen wie „Zur Rippe eines prähistorischen Tiers“ – kein Wunder, daß sich Europas größte Humanisten in diesem Städtchen einst pudelwohl gefühlt haben mußten.