Rhein vs Ganges

Eine Menge rheinischer Gedanken machte sich zeitlebens der (rheinische) Germanist, Sagensammler und Dichter Karl Simrock – wie zb die folgenden in der Einleitung zu seinem Buch “Das malerische und romantische Deutschland. Der Rhein” in der Mitte des 19. Jahrhunderts: “Den Namen Rhein (hrên, Rhenus) führte der Strom schon, ehe deutsche Völker seine Ufer in Besitz nahmen. Es hat so wenig gelingen wollen, ihn aus dem gleichlautenden deutschen Wort (rein) als aus einem griechischen, welches fließen bedeutet, abzuleiten. Mag aber sein Name in seiner ältesten Form keltisch sein, der Strom selbst ist seit fast zwei Jahrtausenden deutsch wie seine Anwohner, die mit den Kelten selbst auch jenes keltische “hrên” verdrängten und durch eine ähnliche klingende appellative Flußbenennung ersetzten. Uns hieß also der Rhein der Fluß überhaupt, gleichsam der Fluß aller Flüsse. Und von jeher war dieser Name ein süßer Klang in einem deutschen Ohr. Wie oft und gern flochten die Minnesänger ihr sehnsüchtiges “alumbe den rîn” ihren schönsten Liedern ein, zuweilen ohne weiteren Grund, nur des lieben Namens willen. (…) Ja, der Rhein ist uns ein heiliger Strom, und seine Ufer sind die wahre Heimat der Deutschen, der ehrwürdige Herd aller deutschen Kultur. Was dem Inder der Ganges, das ist dem Deutschen der Rhein. Religion, Recht, Kunst und Sitte haben sich von ihm aus über die Gaue unseres Vaterlands verbreitet. Dies allein gibt uns ein Licht über die geheimnisvolle Wirkung seines Namens. (…) Nach der indischen Legende, die wir durch Goethe kennen, schöpft die reine, schöne Frau des Brahmanen täglich aus dem heiligen Ganges ohne Krug und Eimer, weil sich dem seligen Herzen, den frommen Händen die bewegte Welle zu kristallener Kugel gestaltet. Aber nur solange sie rein bleibt: sobald der leichteste Schatten auf sie fällt, nur ein verwirrendes Gefühl die heilige Ruhe ihres Busens trübt, rinnt ihr das Wasser durch die Finger nieder. Auf ganz übereinstimmenden Begriffen beruht die schöne Sage von der heiligen Ritza zu Koblenz, die trockenen Fußes über den Strom ging, der sie aber gleich zu tragen weigerte, als ein Zweifel die Heiterkeit ihres gläubigen Bewußtseins störte. Beide Überlieferungen setzen die Heiligkeit des Flusses voraus. (…)”

Rheinsingsang

durch eine zielrohrähnliche Tunnelanlage
von einer vielflügeligen Fräse getrieben
die wahwahlastige Musik der Weißfische
kommt in auslaufenden Druckwellen
mit splitternden kleinen Grätenpfeilen
Wildlife abseits der Genfer Konvention
die ewigen formschönen Kiesel über
die Goethe schon schritt, schon Heine
das schönste Vermächtnis der Nation
besteht aus Wellen, Aufbau und Zerfall
Altare im zeitlosen Dämmer des Gerölls
in den Jahresringen riesiger Welse
freigelegt von Schiffsschrauben und
der Tiefenschärfe des Fachjournalismus
im Gries der Strömung lauern Grauwerte
auf Grauwerte, das stumme Dröhnen
der Jahrmillionen, wie easy es schwingt
und dann die Einschläge der Kormorane
als Filmsequenz ein Stückchen Ewigkeit
sie wachsen dem Fluß aus den Ohren
aus dem Mund, überlagert von einer
nur äußerlich blond wirkenden Melodie

Riehler Ufer

Leere Videohülle, Slaughter II, niederländische Version, angeschwemmt Höhe Riehler Heimstätten, nebst Küchenabfällen, parasitäre Pilze (Hirnbefall), Saurierstapfen (Fafnirs return), Rottweilerstapfen, Goethestapfen, überblendete Fischaugen, Millionen von denen (montierte Groppenblicke), sternklare Himmel, Rösten im Blitz-Delta schrecklicher Gewitternächte, Kinderträume, Wetter wechselt im Millisekundentakt, komprimierte Zeitalter, tiefschwarze Ewigkeit als farbloses randloses Loch, ach was, letztlich doch nur reparable Schäden an der Synapsenverschalung, lückenhaftes Eindringen sinnleerer Neutrinos, für bloße Nerven ist das alles garnicht wahrnehmbar, Rundumsicht, 16:9-Format, unsere besten Jahre im Internet. Infolgedessen (immer wenn du grad wegguckst): Außerirdische hangeln sich an elektrischen Schlingleinen herab, potenzierte Helices, materialisieren als Wegleuchten, Schummern, Wummern, Brummen, pro Stern da draußen krähts sonstwoher. Yeah! Cruising the river: “Ich hatte den Rhein auf einem Tagesausflug im Winter trotzdem, und der Fluss war gerade so schön wie ich in Erinnerung. Die meisten der Passagiere erhöhten sich im oberen Deck. Der Morgen konnte nicht mehr entspannen, und ich liebte mündliche Geschichten an den alten Festungen.” Weckschnapp, jaja. Ausgeglichene Fettärsche beim Landgang. Ein Lüftchen weht durch die Schneise, greift in lichtes Haar. Im Weißlicht blinkende Schuppen. Sublimierter Fliegeralarm. Das Wandern der Domtürme auf verspiegelten Sonnenbrillen. “Was kostet eine Loreley?” Soviele leere Hüllen und außer Nippes nix reinzutun. Egal, ganz egal. Das wahre Souvenir ist immer ein Mensch: Zwei steifgefrorene Frühlingsboten (”Bis daheeme sindse jewiss schon völlich uffjetaut”). Plus Prachtbildband: Der Rhein wird ca 25 Kilometer südlich von Köln in einem auch architektonisch beachtlichen Walzwerk produziert. Das Hauptprodukt wird nach Westen hin ausgeschüttet und wirft ordentlich Dividende ab. Die Deutschen haben das teilverstaatlicht und ihre guten Ingenieure. Sogar Schlacken werden als Viehfutter (fürs Hausschwein) vertrieben und bringen ebenfalls etwas ein. Das regionale Schwein kommt, nachdem es sich unzählige Male multipliziert hat, auf den Tisch. Etwas seltsam und daher nur am Rande: Die jungen Rheinländer bewerfen sich zu Neujahr mit naßgepökelten Zungen, eine Tradition, deren ursprüngliche Bedeutung nicht bekannt ist, die aber umso hartnäckiger aufrecht erhalten wird. In dieser Jahreszeit ist es gefährlich die Mittelrheingegend zu bereisen, der Hirnkern wird zerstört, es gelingen sehr wenige Aufnahmen. Schöner Kontrast wiederum: Im Dämmer des Spätnachmittags tröten Wildgänse, wahlweise in Mono, Stereo und neuerdings auch 5.1-Surround, sie verlassen sich auf innere Notwendigkeiten, ihre Routen können mit Ultraleichtflugzeugen nachvollzogen werden. Der sich windende Silberstreif dort unten ist als Weltkulturerbe klassifiziert, dient zur Orientierung und bietet Nahrung für die harten Wintermonate. Zusätzliche touristische Hinweise: Lassen Sie sich völlig gehen und schießen Sie auf die Brut am Ufer! 25 Punkte für jeden Erwachsenen, 50 Punkte für jedes Kind! Hunde 100 Punkte. Erhalten Sie die Öko-Balance aufrecht. Verhindern Sie übermäßige Ausbreitung und Kommunikation der Rheinlinge! Besetzen Sie ein schönes Stück! Die Villa in den Weinbergen. Mit einem echten Turner überm offenen Kamin. Noch besser mit Domblick. Aber Vorsicht: In den Kasematten hocken Ihre betrunkenen Feinde und zielen auf den Sinn des Lebens: Ein feuriges Glas grünen Weins, gottgetunkt. Eins zwei eins zwei, Stiefelstapfen klingt im Uferkies, jahrhundertelang, aufgefangen, um den Hals gebunden, als grauwertiges Granulat, Rauschen auf Basis gedämmter Zischlaute, es ist diese traurige, zugleich wundersame Melodie, welche die Epochen überdauert und immer wieder von Neuem erstaunt: “Angedockt in Köln neben der Hohenzollern-Brücke in der Mitte-Nachmittag, gingen wir beim Rauschen die kurze Entfernung von dem Schiff auf die Kathedrale mit einem lokalen Führer. Danach in einen Kölsch-Biersalon. Das blasse Bier war perfekt. Unsere Zeit in Köln war zu kurz, und wir segelten nach Amsterdam nach dem Abendessen.”