Vom Zitat zur Bestandsaufnahme

Das heute eingegangene Rheinzitat (s. letzter Eintrag) verleitete uns, sofort nachzuschauen wie es in Köln um den Rhein (und somit um Köln) steht. Anders als auf den Winter („Was sind das für weiße Substanzen, die aus dem Himmel niedersinken?“ (Schlagzeile im Kölner Stadt-Anzeiger vor wenigen Wochen)), scheint die Stadt auf den Wasseranstieg gut vorbereitet. Während die abgetauten Wege vor Fäkalien, sonstigem Dreck, Frostlöchern und Granulatadern strotzen, plankt der hochwassernde Strom an sorgfältig errichtete mobile Schutzwände. Das Hochwasser gibt dem Fluß etwas Urstromhaftes zurück. Unterm niedrigen Stand der nachmittäglichen Wintersonne fliehen des vielbesungenen Rheins teilgerippte nichtfarbene Oberflächen, drängen ineinander und speien sich wieder aus, teils das Himmelsblau und den 60erjahremintgrünen Anstrich der Zoobrücke – und was sich sonst noch so im Wasser spiegelt – kauend/verdauend. Das Eilen der Fluten wirkt nicht selbstgenügsam wie sonst, sondern vermittelt den Anschein einer zielgerichteten Flucht, als befürchte der Fluß, seine eigenen Wassermassen könnten am Ende so sehr in die Breite schlagen, daß er sich in ein stehendes Gewässer verwandle. Die Bastei-Statue (nochn Nepomuk?): nun freischwebend überm Wasser wie eine Gallionsfigur bei voller Fahrt. Mit Ringelnatz die Wunschvorstellung, die Bastei möge sich karussellartig drehen, in die Unendlichkeit kreiseln und uns mitnehmen.
Weiter auf dem Fahrrad durch eine graue, fast russisch anmutende Provinzstadt: wäre Köln Berlin, hätten wir in Mauenheim wenigstens den ein oder andern Dichternachbarn, der sich den „Ehrenfelder Chic“ nicht mehr würde leisten können oder mögen. Das Belgische Viertel entspräche dem Neuschwabenland Prenzlauer Berg. Das wunderbare A Lagosta hätte (als erste und einzige Attraktion Mauenheims) nicht dichtmachen müssen, sondern wäre eine für die Medien aufspürenswerte „authentische“ Intellektuellenklause. Die sensationellen Bierpreise und gratis bis günstig gereichten Durchfütterhäppchen (bolinhos de bacalhau) gelangten zu Weltruhm. Es kämen nicht nur zu den sporadisch stattfindenden Fußballweltmeisterschaften Reisebusse voller Angolaner (um Josés Schweinsohrensalat zu verkosten), sondern hippe Jungakademiker mit verrückten Brillen überschwemmten das staubige Veedel, um das art of living der neudeutschen Armut zu checken. „Rotten Cologne“ wär bei sich selbst angekommen, könnte sich innert fuffzig Jahren häuten und zu neuer Blüte aufsteigen. Sogar die Winter würden kreativ empfangen. Aber das alles ist nicht der Fall. Verhalten lächeln stattdessen schwerbemützte junge Mütter hinter winterharten Kinderwagen und hoffen, die allgemeine Trostlosigkeit möge nicht in den Karneval hineinwachsen. Präzisere Vorstellungen zur Zukunft der Stadt sind auch aus der Mitte ihrer Führung kaum zu vernehmen. Eine stille Hoffnung setzen manche auf den Rhein: Köln brauche das Meer, um sich geistig und wirtschaftlich zu regenerieren.

Bad Säckingen

Die Stadtgeschichte von Bad Säckingen ist auf der Website von Bad Säckingen „nicht vorhanden“. Durchaus vorhanden sind Informationen zu Victor von Scheffels berühmtem Verswerk „Der Trompeter von Säkkingen“ und seinen historischen Vorbildern Franz Werner Kirchhofer (Werner, der Trompeter) und seiner Geliebten, Maria Ursula von Schönau (Margaretha), die beide urkundlich nachgewiesene Säckinger des 17. Jahrhunderts waren und deren unstandesgemäße Liebe, trotz des Widerstandes der adligen Familie von Schönau, in der Ehe und auf einem gemeinsamen Grabmal im St. Fridolinsmünster mündete. 1854 erschien Scheffels Trompeter – die gereimte Liebes- und Heimatgeschichte brauchte rund 20 Jahre, um ihren Durchbruch beim Publikum zu erzielen. Mittlerweile kennt sie hunderte Auflagen. Und Bad Säckingen bedient sich reichhaltig bei Scheffels Person und Werk, nach dem Vereine, Straßennamen, Schulen und Schlösser benannt sind, ganz zu schweigen von den Büsten und Plastiken im Stadtbild, deren auffälligste der Hiddigeigei-Brunnen mit Rheinblick darstellt, gewidmet der gleichnamigen Chansonnier-Charakterkatze aus dem Trompeter. Ein Schaufenster am Münsterplatz zeigt ausdrucksstarke s/w-Aufnahmen mit opulenten Szenen der Trompeter-Festspiele von 1901. Die Benennung des Münsters hat man in Bad Säckingen, dessen Name wiederum Karl Simrock keinesfalls von des Ortes Sacklage in einer Rheinschlinge abgeleitet sehen wollte, ausnahmsweise einmal nicht dem Scheffelismus überlassen. Es heißt vielmehr nach dem Ortsheiligen St. Fridolin, einem irischen Wandermönch, der die Gegend christianisierte und das Wunder vollbrachte, für eine kirchenrelevante Gerichtsverhandlung den verstorbenen Hauptzeugen nochmal zum Leben zu erwecken. Und auch „Europas längste überdachte Holzbrücke“ wird lieber unter den Schutz der bewährten Anti-Wassergefahren-Heiligen Franz Xaver und Johann Nepomuk gestellt. Dennoch wurde sie im Laufe der Jahrhunderte xmal zerstört – und wiederaufgebaut. In der geranienbekästelten Brücke befinden sich Informationen zu ihrer Geschichte (zb von der Festnahme Gustav Struves nach der fehlgeschlagenen Revolution) und ein regional seltener Bettler mit enormer Leidensmiene.

geburtstag am rhein

oh, angeohter rhein, in kies & muscheln
knirsch ich dein linkes ufer lang zu meinen
fueszen ziehst du dich tief zurueck in
deine innerste rinne bewacht von einem
nepomuk
schwappst du was schlapp in farben
die man besser nicht beschreibt ob
ihrer mischgetoenten haeszlichkeit
die bruecke zaubert sound wie steinschlag
& wie autobahn. die frachter kommen
walhaft angeschwommen, brummen
& sind schon vorbeigefahren. ein nasser
tag im februar, moewen machen spoekes
krumme manoever in der regenluft
die schnarrt & ruft mit elstern & mit kraehen
selbstportrait mit flusz & digicam: ich kann mein
haupthaar schraeg im wind rumflattern sehen
& wellen wie fixiert sie mitten in dem stroemen
sich mit ihrem auf & ab von selbst versoehnen
vers oehnen vers oehnen oehnen oehnen

Nepomuk

Der Kölner Nepomuk wirkt leicht versetzt unter der Mülheimer Brücke über der flußzugewandten Mauerbrüstung von St. Clemens und Liebfrauen, dem Dreh- und Angelpunkt der berühmten Mülheimer Gottestracht, die mannsgroße Statue aus Belgisch Granit hat etwas von einer Gallionsfigur, Einsamkeit umweht den heimatfernen Heiligen an steinerner Reling, man kommt nicht recht an ihn heran, er bleibt ganz bei sich, im Windzug der Rheinschneise, unter seinen Anti-Grafitti-Imprägnierschichten, seine Nase trennt alle Himmel, er starrt fotogen in die Ferne. Dieser hiesige Nepomuk ist kein Einzeltäter, sondern nur einer aus einer ganzen Reihe von Klonen, wie sie die katholische Kirche seit der Erfindung ihrer Heiligen bekanntermaßen mit voller Absicht und ohne bestimmbares Limit produziert. Vage meine ich mich zu erinnern, woanders am Rheinlauf durchaus und immer wieder auf weitere Nepomuks gestoßen zu sein, und sei es nur im Traum. Die Vorlage des kühlen Mülheimer Götzen, ein bärtiger Kerl namens Johann Nepomuk aus dem 14. Jahrhundert, ursprünglich Böhme mit angeblich deutschen Wurzeln, wurde, kurz zusammengefaßt, nachdem er sich in einem kircheninternen Konflikt gegen den Bischof auflehnte, nach den seinerzeit üblichen Folterungen von der Karlsbrücke in die Moldau gestürzt, was er zunächst nicht überlebte. Seine Katholiken sprachen ihn später dann heilig, setzten ihn sinnigerweise als Schutzpatron der Brücken ein und riefen seinen wohlklingenden Namen seitdem an bei jeglichen Wassergefahren. (Sie sollen das bis heute tun.) Die Bewohner der rechtsrheinischen Stadtteile heißen dem linksrheinischen Kölner auf klassisch-verniedlichend-ausgrenzende Weise Pimokken (Polen) und so steht der heilige Pomukke schließlich auch sprachbasiert auf der gebührenden Seite. Zu den herkömmlichen Wassergefahren gehörten natürlich die vorchristlichen Rheinbewohner wie Nixe und Nixen – hier liegt einiges Potential für wagnerianische Verfilmungen zur heimatlichen Sagenwelt offen (Nepomuk vs. Wellgunde, Woglinde und Flußhilde), wie überhaupt die Kolonialisierung der Rheinvölker durch die Römer und ihre Christianisierung durch Iren noch jener bombastischen Aufarbeitung in den modernen Medien harren, die ausländische bis außerirdische Monster (King Kong, Godzilla, Predator, Alien) so populär gemacht und das deutsche Urviech derzeit klar ins Abseits gestellt haben.