Heiße Quellen

Ein plötzliches und wunderbares Quellenaufkommen bescheren Rheinsein derzeit einige, unter Zusicherung von Anonymität zugespielte Auszüge aus der mächtigen Isteiner Ortschronik. Nachdem Rheinsein bereits aus einer Schicksalslaune mit dem Ortschronisten (einem bemerkenswerten Mann, sowohl an Geist als auch an Gestalt) des Istein benachbarten Kleinkems am dortigen Dorfbrunnen zusammentraf, verschärft sich nun die Informationslage zu diesem stark an Eden erinnernden Gebiet und dringt weiter in geschichtliche Tiefen – gar bis auf Adams Zeiten und tiefer. Als frappierend erweist sich dabei sowohl die ungeheure Kenntnis der Isteiner Chronisten um lyrische und sonstwie literarische sowie bildnerische Bearbeitungen ihres Heimatfleckens, als auch solcher Werke zahlreiche und tatsächliche Existenz. (Wobei: der Isteiner Klotzen und der auf alten Stichen noch direkt an ihn langende Rhein, selbst die heutigen, harmlos wirkenden Schwellen auf dem Restrhein und die surrenden Auen – das alles steht der Loreley samt Hügel und Vorhof in nichts nach. Nur daß der hebelsche Zundelfrieder nicht ganz an der Sirene Popularität zu kratzen vermag. Und Scheffel im Vergleich mit Heine nicht ganz dessen Tiefgang und Spritzigkeit erreicht.) Wie auch immer, es riecht geradezu danach, als müßten diese Informationen ins Große Elektronische Myzel gerettet werden, bevor die letzte gedruckte Chronik als Grabbeigabe des letzten Isteiner Lesers im dortigen Heimatboden aufgeht. Die Rheinsein verfügbaren Materialien datieren auf die frühen 1960er, der Einstieg zu einer kurzen (zumindest blatt)goldenen Ära der allgemeinen Volksbildung und historischer Nachfragen, offenbar. Und beinahe zeitgleich mit dem postalisch angelangten Isteiner hot stuff schwemmt aus dem Internet ein letztes Jahr via ddp losgeschickter Artikel unseres Kölner Dichterkollegen Markus Peters, in dem der rheinisch-romantische Mord an Stemmeler aus Enno Stahls jüngstem Gastbeitrag rückwirkend zu weiten Teilen aufgeklärt wird.

Rheinradeln.

(Ein Gastbeitrag von Enno Stahl)

Dieser Pfad birgt Geheimnis: so sehr ihn des Sonntags Spaziergänger, Skater und Radfahrer bevölkern… Links und rechts nimmt sich die Natur ihr Recht, wuchert mit Farnen und Nesseln: schafft ein Dickicht aus Hinterhalt… Es ist das Jahr 1758, den 6ten Februar, und Stemmeler aus Brühl geht munter pfeifend seines Weges; viel zu sorglos durch die Düsternis, die sich ausbreitet mit dem anbrechenden Abend…

Vielleicht pfeift er (Stemmeler) auch nur, um die Beklemmung nieder zu zwingen: zu der hat er allen Grund, denn die Mordbuben lauern hinter der Kehre… Kaum dass er dort anlangt, springen sie heraus aus dem dichten Gestrüpp, machen sich über ihn her mit Messern und Knüppeln… Stemmeler will noch schreien: obwohl ihn hier doch niemand hörte… Selbst das lassen sie nicht angehen: drücken ihm die Kehle zu mit grober Faust, ein letztes Röcheln, bis er nicht mehr strampelt. So morden sie ihn hin wegen zweier oder dreier Goldstücke…

Der Wald breitet seine grünen und moosigen Decken darüber und bloß ein Wegestein gedenkt dieser Tat, die wenngleich und sicherlich hinein verwoben ist in Wachsen und Werden des Gehölzes, dieses Uferdschungels, der den Strom begleitet… Am Ende atmet man doch auf, wenn man hinaus rollt aus diesem humiden Dunkel. Man saugt die würzige Luft der Felder und Weiden tief hinein in die Lungen: und sieht wieder weit, sieht Sürth.

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Rheinradeln. ist ein Auszug aus Enno Stahls frisch erschienenem Buch “Heimat & Weltall. 2 Prosazyklen”. Mehr Informationen und direkte Bestellmöglichkeit auf der Website des Ritter Verlags.