Erinnerung an Basel

Z`Basel an mym Rhii,
jo, dört möcht i sii!
Wäiht nit d`Luft so mild und lau,
und der Himmel isch so blau,
an mym liebe Rhii.

In der Münschterschuel
uf mym herte Stuehl
mag i zwor jetzt nüt meh ha;
d`Tööpli stöhn mer nümmen a
in der Basler Schuel.

Aber uf der Pfalz
alle Lüte gfallt`s.
O, wie wechsle Berg un Tal,
Land un Wasser überal,
vor der Basler Pfalz!

Uf dr braite Bruck,
fürsi hi und zruck,
nai, was siht me Heere stoh,
nai, was siht me Jumpfere goh,
uf dr Basler Bruck!

Ais isch nimme do,
wo isch`s ane choo?
`s Scholers Nase, wäje weh,
gitt der Bruck kai Schatte meh.
Wo bisch anechoo?

Wie ne freie Spatz
uf em Petersplatz
flieg i um, un`s wird mer wohl
wie im Buebe-Kamisol
uf em Petersplatz.

Uf dr grüene Schanz,
in dr Sunne Glanz,
wo n i Sinn un Auge ha,
lacht`s mi nit so lieblich a,
bis go Sante Hans.

`s Sailers Rädli springt;
loos, der Vogel singt!
Summervögeli, jung un froh,
ziehn de blaue Blueme noo.
alles singt un springt.

Un e bravi Frau
wohnt dört ussen au.
Gunn ich Gott e frohe Muet!
Nehm ich Gott in treui Huet,
liebi Basler Frau.

(Johann Peter Hebel. Der Text, um 1806 entstanden, kursiert in einigen leicht unterschiedlichen Dialektschreibweisen und Liedbearbeitungen.)

Duddelsheim-Billingen (2)

Billingen, vormals ein in die Rheintalschneise geducktes, sich stets duldsam gegen die Offenheit der freien Talebene stemmendes, mehrfach geschleiftes und gebrandschatztes Obstdorf, wurde das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht und zwar so vollständig (samt seiner Zwetschgenbestände), daß es erst Ende der 60er Jahre als an den Kanten gerundetes Wohn- und Gewerbeareal wiederrichtet wurde. Obstanbau wird seitdem überwiegend hobbymäßig betrieben, der lokale Zwetschebilli, ein, wie Johann Peter Hebel in seinen Kalendergeschichten zu berichten weiß, formidabler Obstler von einiger Antriebskraft, gilt quasi als ausgestorben. Das neue Wohnviertel (die Einheimischen sagen: Wobi) ist gestaltet als Mischung aus Haufendorf und amerikanischer Vorortsiedlung, die Einfamilienhäuser hinter heckenlosen Vorgärten wirken entindividualisiert und spiegeln im Grundriß, in kleinerem Maßstab, die Anlage des Gewerbe- und Industriegebiets (Gebi, bei den Einheimischen). Die offiziellen Bezeichnungen lauten Billingen-Ost (für die Wohngegend) und Billingen-West (für Industrie und Gewerbe), dazwischen verläuft die Bundesstraße mit heftigem Lkw-Verkehr. Das Wohngebiet trotzt der oberflächlichen Betrachtung, an seiner Glätte prallt sämtliche Beschreibenslust ab, womöglich ein perfekter Schutzmechanismus, ein Sichunsichtbarmachen im Alltag als Reaktion auf die historischen Zerstörungen. Dennoch (oder gerade deshalb) dürfen hinter den Fassaden vereinzelt Schicksale vermutet werden, wie sie etwa David Lynch mit Vorliebe verfilmt. Zweimal pro Tag queren die Leute aus Billingen die Bundesstraße, um vom Wobi ins Gebi „zum Schaffe“ zu gehen – und wieder zurück. Nebst verschiedenen Firmen (deren bekannteste: Badische Bappfest, ein auf Klebmittel spezialisierter Kleinchemiebetrieb, welcher zuletzt u.a. den Naturklebstoff Ranarin aus Ochsenfröschen entwickelte) beherbergt das Gebi eine sehenswerte Kantinenmeile, mit garagenartigen, zur Straßenseite vollverglasten Imbissen, die von badischer bis taiwanesischer Küche eine breitgefächerte Mittagsmahlzeitkultur bieten. Weiter fallen die Brünnele auf, die in für derartige Zonen seltener Häufigkeit anzutreffen sind, und die vom klassischen Greifen-Speibrunnen über Wasserorgel-Plätscherflächen bis hin zu tinguelyscher Wackeldruckrobotik einige Augenweide bieten, welche ursprünglich der Arbeiter- und Angestelltenmotivation zugedacht war, seit Jahren aber auch von den dörflichen Abhängern in Anspruch genommen wird, die als Brünnelehocker karikiert mittlerweile Eingang in die lokalen Faschingsbräuche fanden. Als eigenständigstes Werk gilt das Zwischt- und Friedensbrünnele von Martin Schwarzwälder, das die Ortsbruderschaft mit Duddelsheim mittels extensiver, teils gewalttätiger und nicht immer jugendfreier Kerweszenen ironisierend in eine Menge Stein und Eisen bannt. Anders als in Duddelsheim, wo sich solches Brauchtum wohl aufgrund der abseitigen Lage nicht durchsetzen konnte, wird in Billingen mit Herzblut Fasching gefeiert, die Gesellschaften heißen Luschtige Bappeheimer (gegründet von Klebstoffarbeitern), Greifenanbeter (eine Splittergruppe der Freiwilligen Ortsfeuerwehr) und Duddelmer Schlappedeeze (eine Spöttergruppe, welche die Duddelsheimer Nachbarn mit ihren Kostümen als Kopffüßer darstellt).

Blutbad in Neuburg am Rhein

“Als im Dreißigjährigen Krieg der Schwed am Rhein war, stachen einmal die Neuburger eine schwedische Patrouille tot, und sagten: „Wenn wir nach Schweden kommen, macht`s uns auch so.” Darob entrüstete sich der schwedische General, dergestalt, daß er einen hohen und teuren Schwur tat. „Auch kein Hund soll am Leben bleiben”, schwur er hoch und teuer, und hatte etwas im Kopf, ein Gläslein Norschinger zuviel. Als solches die Neuburger hörten, schlossen sie die Tore zu. Aber am andern Tag als der Zorn und der Wein von dem General gewichen war, da reute es ihn, denn er war vormittags ein gar menschlicher Herr, und bekam fast große Anfechtung in seinem Gewissen, daß er mit viel unschuldigem Blut sein Wort und seinen Eid sollt lösen. Also ließ er den Feldprediger kommen und klagte ihm seine Not. Der Feldprediger meinte zwar, maßen der Feldhauptmann einen Schwur getan hätte, der Gott leid sei, so sei brechen besser als halten. Das glaubte der Feldhauptmann nicht, denn er hielt sein Wort und seinen Schwur über alles teuer. Aber nach langem Besinnen kam`s auf einmal wie Sonnenschein in sein Angesicht, und sagte: „Was ich geschworen habe, das will ich auch halten, Punktum!” Als aber die schwedischen Zimmerleute das Stadttor hatten eingehauen, und der Feldhauptmann ritt selber mit drei Fähnlein hinein, befahl er alle Hunde im Städtlein zu töten, aber die Menschen ließ er leben, und wurden selbigen Tages neunzehn große Metzgerhunde, drei Schäferhunde, vierundsechzig Pudel, acht Windspiele, zwölf Dachshunde und zwei gar feine Möpperlein jämmerlich teils zusammengehauen, teils mit Büchsen zu Tod geschossen. Also hat der Feldhauptmann das menschliche Blut verschont, und doch seinen Eid gehalten. Denn er hatte den Schwur getan: kein Hund soll am Leben bleiben, und ist auch keiner daran geblieben.”

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund 1812)

Die Allemannen am Rheinstrom

„(…) Eigentlich weiß niemand recht zu sagen, wer diese berühmten Allemannen waren, noch wo sie auf einmal hergekommen sind, wiewohl es sind dem zahlreichen geneigten Leser am Oberrhein seine wahren Stammväter und Altvordern, von deren Blut er abstammt, große grobgliederige Menschen mit blauen Augen, krausen roten Haaren, voll Kraft und Mut und Trutz, fröhliche Trinker und Spieler, ohne Kenntnisse. Es geht noch manchem ein wenig nach. Wenn einem von ihnen ein zehnjähriges Büblein, wie sie heutzutag in die Schule gehn, ein Additionsexempel angesetzt, oder ein Abc-Büchlein vorgelegt hätte, oder eine achtzehnjährige Tochter des geneigten Lesers hätte einer Frau Mehl und Eier und Butter gegeben, „da, Mütterlein backe Sträublein draus”, sie hätten nichts wissen damit anzufangen. Noch wurde kein Vaterunser, noch kein Ave Maria gebetet. In die Kirche gingen sie nach Schaffhausen an den Rheinfall, oder in die dichtesten Wälder, oder auf den Belchen. Denn sie beteten unsichtbare Götter an, wenn nicht Sonne und Mond oder den Rhein, und opferten ihnen Pferde. Sonst war ihre liebste Beschäftigung der Müßiggang, dann die Jagd und der Krieg. Zweihundert Jahre lang kämpften sie mit den Römern in unversöhnlichen Kriegen zuerst um die Landschaften zwischen dem Rhein, der Donau und dem Main, aber oft auch, wenn die Gelegenheit günstig schien, fielen sie in das römische Gebiet jenseits der Flüsse ein, und spannen meist wenig Seide dabei, bis gegen das Ende.
Dem geneigten Leser müßte es wohl ein wenig bange werden, ob es möglich sei, daß er nach anderthalbtausend Jahren noch von diesem Heldenvolk abstammen und auf die Welt kommen werde, wenn er erfahren sollte, was es von einem Feldzug zum andern für schreckliche Niederlagen gelitten hat. Wo ein Tal des Schwarzwaldes sich auftut, fluteten Mann an Mann und Schild an Schild jetzt die Allemannen siegeslustig hinaus, jetzt die Römer racheschnaubend mit Feuer und Schwert hinein. In alle Bäche floß allemannisches Blut. Mehr als einmal gingen nach römischen Berichten, die Allemannen hunderttausendweise in einem Feldzug zugrunde. Mehr als einmal brannte der Schwarzwald an allen Ecken und Enden. Manchmal machten wir auch gute Geschäfte bis nach Italien hinein und in die Champagne. Aber wer zuletzt mit blutigen Köpfen wieder heimkam, waren eben wir. In der Champagne ließen wir auf einmal nicht mehr als 60000 liegen. Denn die nackte deutsche Tapferkeit und Kraft ohne die Kunst des Krieges vermochte nie auszuhalten in die Länge gegen die geharnischten Reihen und Glieder der Römer, gegen ihre Schwenkungen und andere Kriegskünste, mitunter auch Schelmenstücklein. Mit 60 bis 80 000 Mann über den Rhein oder über die Donau zu gehen, und die Römer anzugreifen, wo wir sie fanden, war uns ein Leichtes. Aber wieder heimzukommen, und die Feinde abzuhalten, daß sie nicht über den Fluß hinüber nachsetzten, war oft etwas Schweres. Die Geschichte erwähnt eines mannhaften deutschen Fürsten und Heerführers mit Namen Chnodomar, sie erwähnt auch eines Fürsten und Helden mit Namen Vadomar der im Breisgau und Oberland ein Herr war, und nach der Vermutung eines achtungswerten Gelehrten seinen Sitz hatte, wo itzt Thumeringen steht im Wiesenkreis, also daß dieses Ort zuerst geheißen hatte Vadomaringen. Der ist manchmal auf seinem Hengst durch die Wiese geritten, oder im Käferhölzlein auf der Jagd gewesen und hat mit lüsternem Auge hinübergeschaut in das Gebiet der Römer jenseits Rheins. Chnodomar und Vadomar und andre deutsche Fürsten als Uri, Ursiz, Vestralp und mehrere gingen mit ihren Heerscharen über den Rhein, griffen bei Straßburg, bei Hausbergen den römischen Feldherrn Julianus an, nicht zu guter Stunde. Als die Schlacht gewonnen schien, war sie verloren. Chnodomar wurde gefangen, der gereizte Feind kam über den Rhein, und hauste heidnisch mit den Leuten. Aber Vadomar, der König von Thumringen, rettete sich und sein Land. Nachgehends bekamen ihn die Römer durch List und schändlichen Verrat in ihre Gefangenschaft und schleppten ihn nach Spanien. Später wurde auch sein Sohn Vitigab ein gar feines und kluges Herrlein auf Anstiften der Römer von seinem Bedienten heimlich ermordet. Was denkt der geneigte Leser zu einer solchen schlechten Aufführung? Viele tausend biedere Allemannen wurden auch als Gefangene nach Rom transportiert, und man hat von den wenigsten mehr erfahren, was aus ihnen geworden ist, ausgenommen ein Mägdlein von Doneschingen namens Bißlein, das hernachmals in Rom gute Tage bekommen hat. Der Herr Römer, der es gefangen bekommen hat, hat er sich nicht nachher in dasselbe verliebt, und laut gesagt, es sei in ganz Rom kein Mädchen mit diesem allemannischen Töchterlein zu vergleichen. – Wenn er itzt erst käme, und eins aussuchen dürfte. Aber in der Tat man weiß nicht zu sagen, wo die vielen Menschen hergekommen sind, die nach einem hundertjährigen Krieg und nach allen blutigen Niederlagen und grausamen Landesverwüstungen noch übrig waren, kraftvoll und rüstig, als die Macht der Römer im Land und daheim anfing zu zerbrechen. War nicht auf einmal selbst das ganze jenseitige Rheinland von Basel bis nach Mainz und bis an die jenseitigen Gebirge Untertan der allemannischen Macht? Alles schien sich wieder zu erheben, bis ein neues kriegerisches Schauspiel begann.
Draußen über dem Schwarzen Meer, wo Europa ein Ende hat, und seltsame Völkerschaften eines andern Weltteils ihren Anfang nahmen, wohnten damals, fremden Blutes und fremder Sitten die Hunnen ein wildes räuberisches Gesindel, und es wird nicht viel gefehlt sein, so war ihr Oberhaupt, genannt Attila, der Schlimmste unter allen. Attila brach um das Jahr 451 mit seinem Volk aus ihren Wohnsitzen auf, um in Europa, soweit es geht und guttut, zu erobern, zu plündern, zu sengen und zu brennen und zu morden, und wo er hinkam, in den ersten 24 Stunden war alles verwüstet und verödet, und je weiter er zog je furchtbarer vermehrte sich sein Heer, denn alles zog mit, wie ein Heerstrom in seinem Lauf größer und größer wird, durch die Waldströme die sich rechts und links her in seine Fluten ergießen. Jetzt ist der Hunnenkönig schon am Saustrom in Ungarland, jetzt schon an der Donau, jetzt schon in der Gegend von Ulm, und wie Reihen der Franken wichen auf allen Seiten, bis in der Herzensangst und Verzweiflung der fränkische König Chlodewig die Hand zum Himmel aufhob, und den Schwur tat, wenn ihm Gott den Sieg verleihe, so wolle er ja gerne ein Christ werden, seine Frau sei es ohnehin schon. Es waren aber damals schon ganze christliche Regimenter unter dem fränkischen Heer, und einer rief dem andern zu: „Du, wenn wir dem König den Sieg erkämpfen, so will er sich taufen lassen.” Also schlugen die Christen unbarmherzig auf die Heiden drein, die Allemannen werden in Unordnung gebracht und verlieren die Schlacht für diesmal, und ihre teuer errungene Freiheit und Herrschaft auf immer. (…)“

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund, 1814)

Rheinischer Humor, rheinische Moral: J. P. Hebels Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes

in der Betrachtung Walter Benjamins:
„Das Buch, dessen Prosa so ursprünglich wie durchgebildet, dessen Haltung so vornehm wie vernünftig, dessen Inhalt so weltweit wie handgreiflich ist, erweist seinen unschätzbaren Wert heute von einer neuen Seite. In Tagen, in denen mehr zu einer kurzen Kameradschaft gehört als früher zu lebenslangen Freundschaften, in denen das Mißtrauen eine notwendige und Verläßlichkeit die höchste Tugend geworden ist, zeigt Hebel besser als sonst einer, wonach man messen soll. Nämlich nach dem Maß des Humors, d. i. nach der angewandten Gerechtigkeit. Die »reine« Humanität der Aufklärung hat bei Hebel sich mit Humor gesättigt. Wohl denen unter seinen Geschöpfen – mögen es Spitzbuben oder Juden sein -, die ihn in ihm erwecken; wehe denen, vor welchen er ihm versagt. Hebel ist einer der größten Moralisten aller Zeiten gewesen. Seine Moral ist die Fortführung der Erzählung mit anderen Mitteln; sein Humor ist urteilslose Vollstreckung: angewandte Gerechtigkeit, welche jenen mit ganz anderem Maße mißt als die übrigen. Nicht umsonst war das Schatzkästlein ein Lieblingsbuch von Franz Kafka.“
(aus: Walter Benjamin – Schriften B II.2)

Zundelfrieder

Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich, und glücklich über die Grenzen kam

Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte, und dachte: „Ich will so früh den Zuchtmeister nicht wecken“, und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voranflogen, gelangte er abends noch unbeschrieen an ein Städtlein an der Grenze. Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei, und wie er hieße, und was er im Schilde führe; „könnt Ihr Polnisch?“ fragte herzhaft der Frieder die Schildwache. Die Schildwache sagt: „Ausländisch kann ich ein wenig, ja! Aber Polnisches bin ich noch nicht darunter gewahr worden.“ „Wenn das ist“, sagte der Frieder, „so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren können.“ Ob kein Offizier oder Wachtmeister am Tor sei? Die Schildwache holt den Torwächter, es sei ein Polak an dem Schlagbaum, gegen den sie sich schlecht explizieren könne. Der Torwächter kam zwar, entschuldigte sich aber zum voraus, viel Polnisch verstehe er auch nicht. „Es geht hiezuland nicht stark ab“, sagte er, „und es wird im ganzen Städtel schwerlich jemand sein, der kapabel wäre, es zu dolmetschen.“ „Wenn ich das wüßte“, sagte der Frieder, und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, „so wollte ich ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kömmt der Mond.“ Der Torhüter sagte: „Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet, ohne Euch aufzuhalten, das Städtel ist ja nicht groß“, und war froh, daß er seiner los ward. Also kam der Frieder glücklich durch das Tor hinein. Im Städtlein hielt er sich nicht länger auf, als nötig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben. „In euch Gänse“, sagte er, „ist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenn’s Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht.“ Und so packte er sie mit sicherm Griff am Hals, und mir nichts dir nichts unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekannten geliehen hatte. Als er aber an das andere Tor gelangte, und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Söldner rührte, schrie der Frieder mit herzhafter Stimme: „Wer da!“ Der Söldner antwortete in aller Gutmütigkeit: „Gut Freund!“ Also kam der Frieder glücklich wieder zum Städtlein hinaus, und über die Grenzen.

(aus: Johann Peter Hebel – Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes; Hebel traf laut Isteiner Chronik einst am Klotzen auf den Zundelfrieder, wo selbiger dem großen Dichter in felsenhohen Waldestiefen einige seiner besten Anekdoten gesteckt haben mag.)

Heiße Quellen

Ein plötzliches und wunderbares Quellenaufkommen bescheren Rheinsein derzeit einige, unter Zusicherung von Anonymität zugespielte Auszüge aus der mächtigen Isteiner Ortschronik. Nachdem Rheinsein bereits aus einer Schicksalslaune mit dem Ortschronisten (einem bemerkenswerten Mann, sowohl an Geist als auch an Gestalt) des Istein benachbarten Kleinkems am dortigen Dorfbrunnen zusammentraf, verschärft sich nun die Informationslage zu diesem stark an Eden erinnernden Gebiet und dringt weiter in geschichtliche Tiefen – gar bis auf Adams Zeiten und tiefer. Als frappierend erweist sich dabei sowohl die ungeheure Kenntnis der Isteiner Chronisten um lyrische und sonstwie literarische sowie bildnerische Bearbeitungen ihres Heimatfleckens, als auch solcher Werke zahlreiche und tatsächliche Existenz. (Wobei: der Isteiner Klotzen und der auf alten Stichen noch direkt an ihn langende Rhein, selbst die heutigen, harmlos wirkenden Schwellen auf dem Restrhein und die surrenden Auen – das alles steht der Loreley samt Hügel und Vorhof in nichts nach. Nur daß der hebelsche Zundelfrieder nicht ganz an der Sirene Popularität zu kratzen vermag. Und Scheffel im Vergleich mit Heine nicht ganz dessen Tiefgang und Spritzigkeit erreicht.) Wie auch immer, es riecht geradezu danach, als müßten diese Informationen ins Große Elektronische Myzel gerettet werden, bevor die letzte gedruckte Chronik als Grabbeigabe des letzten Isteiner Lesers im dortigen Heimatboden aufgeht. Die Rheinsein verfügbaren Materialien datieren auf die frühen 1960er, der Einstieg zu einer kurzen (zumindest blatt)goldenen Ära der allgemeinen Volksbildung und historischer Nachfragen, offenbar. Und beinahe zeitgleich mit dem postalisch angelangten Isteiner hot stuff schwemmt aus dem Internet ein letztes Jahr via ddp losgeschickter Artikel unseres Kölner Dichterkollegen Markus Peters, in dem der rheinisch-romantische Mord an Stemmeler aus Enno Stahls jüngstem Gastbeitrag rückwirkend zu weiten Teilen aufgeklärt wird.