Der Rheinländische Hausfreund spricht mit seinen Landsleuten und Lesern, und wünscht ihnen das neue Jahr (1809)

Eigentlich aber ist nicht viel daran zu wünschen, denn es kommt wieder, wie allemal, von selbst den 31. Dezember 1808, nachts um 12 Uhr, wenn lose Vögel neben dem Durlacher Hofwirtshaus zu Karlsruhe Petarden legen, und fast sehr laut sind, die nicht wissen, daß das neue Jahr kommt wie ein Geist, der nicht gern will beschrieen sein, wenn er soll viel Gutes bringen. Andre Leute aber schlafen im Schütze Gottes und merken nicht viel davon, wenn die zwei großen Schildwachen sich ablösen in der Mitternacht und geben einander Parole, die niemand versteht. Dagegen streckt der Rheinländische Hausfreund seinen Lesern ins neue Jahr hinein, das selber kommt, die Hand entgegen, und wünscht gesunden Leib, gut Gewissen und Zufriedenheit, und sagt, daß er dies Jahr seinen Lesern einen Tag abbrechen muß, nämlich den 29. Februar, weil sonst der Zeug für diesen Monat nicht zureicht, oder aber die Tage zu kurz ausfallen könnten, wenn 29 wollten daraus gemacht werden. Dagegen verspricht er, künftig keine fernen Subtraktionsexempel mehr an der Zeit zu statuieren, sondern alle Jahre 365 Tage ungeschmälert zu liefern, und richtig einzuhalten, bis bessere Zeiten kommen, die wieder einen Schalttag ertragen können, und will von Jahr zu Jahr auf allerlei Lehrreiches zu Spaß und Ernst, auch schöne Figuren ferner bedacht sein, untereinander, wie es in der Welt auch zugeht. Einer lacht, der andere weint. Heute Regen, morgen Sonnenschein, und unaufhörlich läutet hie und da die Glocke, dem einen zur Hochzeit, dem andern ins Grab. Und so will der Rheinländische Hausfreund tun zur Erkenntlichkeit, weil er gesehen und große Freude gehabt, daß sein Kalender schon zum erstenmal und fast an allen Orten ist fleißig gelesen worden, und hat hie und da einer gesagt: „Der meint’s nicht schlimm mit uns”, und hat in einer Erzählung etwas wie ein kleines Goldkörnlein gefunden und nicht verschmäht. Denn der Rheinländische Hausfreund geht fleißig am Rheinstrom auf und ab, schaut zu manchem Fenster hinein, man sieht ihn nicht; sitzt in manchem Wirtshaus, und man kennt ihn nicht; geht mit manchem braven Mann einen Sabbaterweg oder zwei, wie es trifft, und läßt nicht merken, daß er’s ist. Zum Exempel, er hat’s wohl mit angehört und ist dabeigestanden, im letzten Herbst, als die Schwäbin, so ohne Beine auf einem Rößlein in der Welt herumreitet, herwärts der Schorenbruck, zwischen Basel und Haltingen an der Straße saß, und prophezeite einer braven Markgraferin, die von Basel kam und bei ihr stand, viel dummes Zeug, was der Komet bedeute. Die Frau hörte zwar aufmerksam zu, was die Hexe sagte, wird aber hoffentlich nichts geglaubt haben. Denn selbiger Wandelstern mit seinem silbernen Haar hatte nichts mehr zu bedeuten, sondern sollte in Berlin und Polen das große Kriegsunglück und die blutigen Schlachten ankündigen, – kam aber zu spät, wie manchmal ein Feuerreiter, wenn das Häuslein schon verbrannt ist. Denn der Kaiser Napoleon ist so schnell in seinen Unternehmungen und macht so kurzen Prozeß, daß selbst ein Komet nicht geschwind genug zur Sache tun kann, wenn er noch zu rechter Zeit will da sein, und ist dem Hausfreund auch so gangen, hat den preußischen Krieg auch erst angekündet, als er schon vorbei war. Doch wäre dies noch zu verschmerzen, wenn er nur nicht beklagen müßte, daß es mit dem andern Krieg, nämlich wo mit Äpfelküchlein geschossen, und kriegsgefangene Kronentaler eingebracht werden, noch nicht recht hat wollen in Gang kommen. Doch wird’s mit Gottes Hülfe und unserm eigenen Fleiß etwa besser werden von Jahr zu Jahr, und hat schon diesmal nicht überall gefehlt, wo viel guter Wein gewachsen ist Anno eintausendachthundertundsieben, und ein schön Stück Geld daraus gelöst worden. Der Rheinländische Hausfreund weiß auch davon zu sagen, und hat je ein Schöpplein gekauft, oder etwas zu Konstanz im Adler, zu Waldshut im Rebstock, zu Lörrach im goldnen Ochsen (hat nichts gekostet), zu Schopfheim im Pflug, zu Utzenfeld in der Mühle, zu Freiburg im Schwert, zu Offenburg in der Fortuna, zu Kehl im Lamm, zu Ulm bei Lichtenau im Adler, zu Rastatt im Kreuz, zu Durmersheim beim Herr Schlick. In dieser Landschaft ist der Vorfahrer des Hausfreunds sozusagen vogelfrei gewesen, und der Rastatter Hinkende Bot hat allein das Privilegium gehabt, den Leuten die Wahrheit zu erzählen, der arme Teufel auf seinem hölzernen Bein. Jetzt sind der Hausfreund und er rechte gute Freunde und halten friedliche Nachbarschaft, hängen in mancher Stube nebeneinander am nämlichen Nagel, und so sie sich auf der Straße begegnen oder in einer Herberge, reden sie miteinander. Aber den Reutlinger, wenn er ihnen zwischen Licht auf einem Feldweg begegnet, grüßen sie nicht sehr, sondern sagen: „Bleib du in deinem Land, wenn man nicht nach dir schickt, und komm nicht selber, sonst druckt man dir einen Stempfel auf das Brusttuch, so 12 Kreuzer kostet.” – So weit geht der Vorbericht, – und nun setzt der Rheinische Hausfreund die Betrachtungen über das Weltgebäude fort, so man aber auch ordentlich lesen muß, wenn man wissen will, was drin steht. Denn der Nürnberger Trichter ist schon vor dem 7jährigen Krieg zerbrochen.

(Johann Peter Hebel)

Die Vergänglichkeit.

(Gespräch auf der Straße nach Basel zwischen Steinen und Brombach, in der Nacht.)

Der Bub seit zum Aetti:

Fast allmol, Aetti, wenn mer’s Röttler Schloß
so vor den Auge stoht, se denki dra,
öbs üsem Hus echt au e mol so goht.
Stohts denn nit dört, so schuderig, wie der Tod
im Basler Todtetanz? Es gruset mer,
wie länger aßi ’s bschau. Und üser Hus,
es sizt jo wie ne Chilchli uffem Berg,
und d’Fenster glitzeren, es isch e Staat.
Schwetz Aetti, gohts em echterst au no so?
I mein emol, es chönn schier gar nit sy.

Der Aetti seit:

Du gute Burst, ’s cha frili sy, was meinsch?
’s chunnt alles jung und neu, und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.
Je, ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’witt.
De bisch no jung; uärsch, i bi au so gsi,
jezt würds mer änderst, ’s Alter, ’s Alter chunnt,
und woni gang, go Gresgen oder Wies,
in Feld und Wald, go Basel oder heim,
‘s isch einerley, i gang im Chilchhof zu, –
briegg, alder nit! – und bis de bisch wien ich,
e gstandene Ma, se bini nümme do,
und d’Schof und Geiße weide uf mi’m Grab.
Jo wegerli, und ’s Hus wird alt und wüst;
der Rege wäscht der’s wüster alli Nacht,
und d’Sunne bleicht der’s schwärzer alli Tag,
und im Vertäfer popperet der Wurm.
Es regnet no dur d’Bühne ab, es pfift
der Wind dur d’Chlimse. Drüber thuesch du au
no d’Auge zu; es chömme Chindes-Chind,
und pletze dra. Z’lezt fuults im Fundement,
und ’s hilft nüt me. Und wemme nootno gar
zweytusig zehlt, isch alles zsemme g’keit.
Und endli sinkt ’s ganz Dörfli in si Grab.
Wo d’Chilche stoht, wo ’s Vogts und ’s Here Hus,
goht mit der Zit der Pflug –

Der Bueb seit:

Nei, was de seisch!

Der Aetti seit:

Je, ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’witt!
Isch Basel nit e schöni tolli Stadt?
’s sin Hüser drinn, ’s isch mengi Chilche nit
so groß, und Chilche, ’s sin in mengem Dorf
nit so viel Hüser. ’s isch e Volchspiel, ’s wohnt
e Richthum drinn, und menge brave Her,
und menge, woni gchennt ha, lit scho lang
im Chrütz-Gang hinterm Münster-Platz und schloft.
’s isch eithue, Chind, es schlacht e mol e Stund,
goht Basel au ins Grab, und streckt no do
und dört e Glied zum Boden us, e Joch,
en alte Thurn, e Giebel-Wand; es wachst
do Holder druf, do Büechli, Tanne dört,
und Moos und Farn, und Reiger sitze druf –
’s isch schad derfür! – und sin bis dörthi d’Lüt
so närsch wie jez, se göhn au Gspenster um,
der Sulger, wo die arme Bettel-Lüt
vergelstert het, der Lippi Läppeli,
und was weis ich, wer meh. Was stoßisch mi?

Der Bub seit:

Schwetz lisli Aetti, bis mer über d’Bruck
do sin, und do an Berg und Wald verbey!
Dört obe jagt e wilde Jäger, weisch?
Und lueg, do niden in de Hürste seig
gwiß ’s Eyer-Meidli g’lege, halber ful,
‘s isch Johr und Tag. Hörsch, wie der Laubi schnuft?

Der Aetti seit:

Er het der Pfnüsel! Seig doch nit so närsch!
Hüst Laubi, Merz! – und loß die Todte go,
’s sin Nare-Posse! – Je, was hani gseit?
Vo Basel, aß es au emol verfallt. –
Und goht in langer Zit e Wanders-Ma
ne halbi Stund, e Stund wit dra verbey,
se luegt er dure, lit ke Nebel druf,
und seit si’m Camerad, wo mittem goht:
„Lueg, dört isch Basel gstande! Selle Thurn
isch d’ Peters-Chilche gsi, ’s isch schad derfür!“

Der Bub seit:

Nei Aetti, ischs der Ernst, es cha nit sy?

Der Aetti seit:

Je ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’ witt,
und mit der Zit verbrennt di ganzi Welt.
Es goht e Wächter us um Mitternacht,
e fremde Ma, me weiß nit, wer er isch,
er funklet, wie ne Stern, und rüeft „Wacht auf!
Wacht auf, es kommt der Tag!“ – Drob röthet si
der Himmel, und es dundert überal,
z’erst heimli; alsgmach lut, wie sellemol
wo Anno Sechsenünzgi der Franzos
so uding gschoße het. Der Bode wankt,
aß d’ Chilch-Thürn guge; d’ Glocke schlagen a,
und lüte selber Bet-Zit wit und breit,
und alles betet. Drüber chunnt der Tag;
o, bhütis Gott, me brucht ke Sunn derzu,
der Himmel stoht im Blitz, und d’ Welt im Glast.
Druf gschieht no viel, i ha jez nit der Zit;
und endli zündets a, und brennt und brennt,
wo Boden isch, und niemes löscht. Es glumst
zlezt selber ab. Wie meinsch, siehts us derno?

Der Bub seit:

O Aetti, sag mer nüt me! Zwor wie gohts
de Lüte denn, wenn alles brennt und brennt?

Der Aetti seit:

Närsch, d’Lüt sin nümme do, wenns brennt, sie sin –
wo sin sie? Seig du frumm, und halt di wohl,
geb, wo de bisch, und bhalt di Gwisse rein!
Siehsch nit, wie d’Luft mit schöne Sterne prangt!
’s isch jede Stern verglichlige ne Dorf,
und witer oben isch e schöni Stadt,
me sieht sie nit vo do, und haltsch di gut,
se chunnsch in so ne Stern, und ’s isch der wohl,
und findsch der Aetti dört, wenn’s Gottswill isch,
und ’s Chüngi selig, d’ Mutter. Oebbe fahrsch
au d’ Milchstroß uf in die verborgeni Stadt,
und wenn de sitwärts abe luegsch, was siehsch?
e Röttler Schloß! Der Belche stoht verchohlt,
der Blauen au, äs wie zwee alti Thürn,
und zwische drinn isch alles use brennt,
bis tief in Boden abe. D’Wiese het
ke Wasser meh, ’s isch alles öd und schwarz,
und todtestill, so wit me luegt – das siehsch,
und seisch di’m Cammerad, wo mitder goht
„Lueg, dört isch d’Erde gsi, und selle Berg
„het Belche gheiße! Nit gar wit dervo
„isch Wisleth gsi, dört hani au scho glebt,
„und Stiere g’ wettet, Holz go Basel gführt,
„und brochet, Matte g’raust, und Liecht-Spöh’ g’macht,
„und gvätterlet, biß an mi selig End,
„und möcht jez nümme hi.“ – Hüst Laubi, Merz!

(Johan Peter Hebel)

Es ist ja schon mancher auf dem Rhein reich worden

Johann Peter Hebels Geschichten aus dem Jahreskalender „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds“ dienten zur geistreich pointierten Unterhaltung, aber auch der Volksbildung. Zu lesen sind lehrreiche Nachrichten, lustige Geschichten, abgewandelte Märchen, naturwissenschaftliche Beschreibungen, nicht selten mit kniffligen Rechenaufgaben.
In einigen Episoden, wie auch in der folgenden, spielen Juden die zentrale Rolle.
Hans Maaß, ein Hebel-Kenner beschrieb es einmal so: „Hebels Judenbild ist geprägt von den gesellschaftlichen Vorurteilen seiner Zeit, aber auch von dem aufklärerischen Ideal einer „Verbesserung“ des Menschen durch Erziehung und Bildung sowie durch Verbesserung der sozialen und rechtlichen Verhältnisse. So sind seine Judengeschichten Bilder eines verbesserungswürdigen, aber auch verbesserungsfähigen Menschentyps.“
Der bei Hebel im Original jüdische Hauptdarsteller, wurde von mir kurzer Hand durch einen Schwaben ersetzt. So ist den heutigen Lesern, insbesondere den badischen, ein politisch korrektes und Rassismus freies Schmunzeln ermöglicht.

Einträglicher Rätselhandel
von Johann Peter Hebel 2.0

Von Basel fuhren elf Personen in einem Schiffe den Rhein hinab. Ein Schwabe, der nach Schalampi wollte, bekam die Erlaubnis, sich in einen Winkel zu setzen, und auch mitzufahren, wenn er sich gut aufführen, und dem Schiffer achtzehn Kreuzer Trinkgeld geben wolle. Nun klingelte es zwar, wenn der Schwabe an die Tasche schlug, allein es war doch nur noch ein Zwölfkreuzerstück darin; denn das andere war ein messingner Knopf. Dessen ungeachtet nahm er die Erlaubnis dankbar an. Denn er dachte: „Auf dem Wasser wird sich auch noch etwas erwerben lassen. Es ist ja schon mancher auf dem Rhein reich worden.” Im Anfang und von dem Wirtshaus zum Kopf weg war man sehr gesprächig und lustig, und der Schwabe in seinem Winkel, und mit seinem Zwerchsack an der Achsel, den er ja nicht ablegte, musste viel leiden, wie man’s manchmal diesen Leuten macht und versündigt sich daran. Als sie aber schon weit an Hüningen und an der Schusterinsel vorbei waren, und an Märkt und an dem Isteiner Klotz und St. Veit vorbei, wurde einer nach dem andern stille und gähnten und schauten den langen Rhein hinunter, bis wieder einer anfing: „Maultäschle”, fing er an, „weißt du nichts, daß uns die Zeit vergeht. Deine Vorfahren müssen doch auch auf allerlei gedacht haben im Württembergischen.” – Jetzt, dachte der Schwabe, ist es Zeit das Schäflein zu scheren, und schlug vor, man sollte sich in der Reihe herum allerlei kuriose Fragen vorlegen, und er wolle mit Erlaubnis auch mithalten. Wer sie nicht beantworten kann, soll dem Aufgeber ein Zwölfkreuzerstück bezahlen, wer sie gut beantwortet, soll einen Zwölfer bekommen. Das war der ganzen Gesellschaft recht, und weil sie sich an der Dummheit oder an dem Witz des Schwaben zu belustigen hofften, fragte jeder in den Tag hinein, was ihm einfiel.
So fragte z. B. der erste: „Wie viel weich gesottene Eier konnte der Riese Goliath nüchtern essen?” – Alle sagten, das sei nicht zu erraten und bezahlten ihre Zwölfer. Aber der Schwab sagte: „Eins, denn wer ein Ei gegessen hat, ißt das zweite nimmer nüchtern.” Der Zwölfer war gewonnen.
Der andere dachte: Wart Schwabe, ich will dich aus dem Neuen Testament fragen, so soll mir dein Zwölfer nicht entgehen. „Warum hat der Apostel Paulus den zweiten Brief an die Korinther geschrieben?” Der Schwab sagte: „Er wird nicht bei ihnen gewesen sein, sonst hätt er’s ihnen mündlich sagen können.” Wieder ein Zwölfer.
Als der dritte sah, daß der Schwabe in der Bibel so gut beschlagen sei, fing er’s auf eine andere Art an: „Wer zieht sein Geschäft in die Länge, und wird doch zu rechter Zeit fertig?” Der Schwab sagte: „Der Seiler, wenn er fleißig ist.”
Der vierte. „Wer bekommt noch Geld dazu, und lässt sich dafür bezahlen, wenn er den Leuten etwas weiß macht?” Der Schwab sagte: „Der Bleicher.”
Unterdessen näherte man sich einem Dorf, und einer sagte: „Das ist Bamlach.” Da fragte der fünfte: „In welchem Monat essen die Bamlacher am wenigsten?” Der Schwabe sagte: „Im Hornung, denn der hat nur 28 Tage.” Der sechste sagt: „Es sind zwei leibliche Brüder, und doch ist nur einer davon mein Vetter.” Der Schwab sagte: „Der Vetter ist Eures Vaters Bruder. Euer Vater ist nicht Euer Vetter.”
Ein Fisch schnellte in die Höhe, so fragt der siebente: „Welche Fische haben die Augen am nächsten beisammen?” Der Schwab sagte: „Die kleinsten.”
Der achte fragt: „Wie kann einer zur Sommerzeit im Schatten von Bern nach Basel reiten, wenn auch die Sonne noch so heiß scheint?” Der Schwab sagt: „Wo kein Schatten ist, muss er absteigen und zu Fuße gehn.”
Fragt der neunte: „Wenn einer im Winter von Basel nach Bern reitet, und hat die Handschuhe vergessen, wie muss er’s angreifen, daß es ihn nicht an die Hand friert?” Der Schwab sagt: „Er muss aus der Hand eine Faust machen.”
Fragt der zehnte: „Warum schlüpfet der Küfer in die Fässer?” Der Schwab sagt: „Wenn die Fässer Türen hätten, könnte er aufrecht hineingehen.”
Nun war noch der elfte übrig. Dieser fragte: „Wie können fünf Personen fünf Eier teilen, also daß jeder eins bekomme, und doch eins in der Schüssel bleibe?” Der Schwabe sagte: „Der letzte muss die Schüssel samt dem Ei nehmen, dann kann er es darin liegen lassen, solang er will.”
Jetzt war die Reihe an ihm selber, und nun dachte er erst einen guten Fang zu machen. Mit viel Komplimenten und spitzbübischer Freundlichkeit fragte er: „Wie kann man zwei Forellen in drei Pfannen backen, also daß in jeder Pfanne eine Forelle liege.” Das brachte abermals keiner heraus und einer nach dem andern gab dem Schwaben seinen Zwölfer.

Der Hausfreund hätte das Herz allen seinen Lesern, von Mailand bis nach Kopenhagen die nämliche Frage aufzugeben, und wollte ein hübsches Stück Geld daran verdienen, mehr als am Kalender, der ihm nicht viel einträgt. Denn als die elfe verlangten, er sollte ihnen für ihr Geld das Rätsel auch auflösen, wand er sich lange bedenklich hin und her, zuckte die Achsel, drehte die Augen. „Ich bin ein armer Schwab”, sagte er endlich. Die andern sagten: „Was sollen diese Präambeln? Heraus mit dem Rätsel!” – „Nichts für ungut!” – war die Antwort, – „daß ich gar ein armer Schwab bin.” – Endlich nach vielem Zureden, daß er die Auflösung nur heraus sagen sollte, sie wollten ihm nichts daran übel nehmen; griff er in die Tasche, nahm einen von seinen gewonnenen Zwölfern heraus, legte ihn auf das Tischlein, so im Schiffe war, und sagte: „Dass ich’s auch nicht weiß. Hier ist mein Zwölfer!”

Als das die andern hörten, machten sie zwar große Augen, und meinten, so sei’s nicht gewettet. Weil sie aber doch das Lachen selber nicht verbeißen konnten, und waren reiche und gute Leute, und der schwäbische Reisegefährte hatte ihnen von Kleinen Kembs bis nach Schalampi die Zeit verkürzt, so ließen sie es gelten, und der Schwab hat aus dem Schiff getragen – das soll mir ein fleißiger Schüler im Kopf ausrechnen: Wie viel Gulden und Kreuzer hat der Schwab aus dem Schiff getragen? Einen Zwölfer und einen messingnen Knopf hatte er schon. Elf Zwölfer hat er mit Erraten gewonnen, elf mit seinem eigenen Rätsel, einen hat er zurückbezahlt, und dem Schiffer 18 Kreuzer Trinkgeld entrichtet.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Ein Müllheimer Original

“Aus meiner Kinderzeit erinnere ich mich des alten Bliß. Er wohnte zu jener Zeit in einer Dachkammer meines großelterlichen Hauses in Müllheim. Ich sehe ihn heute noch vor mir, den großen, breitschultrigen Alten mit seinen roten Backen mit weinroter Nase, schneeweißem Haar und ebensolchem Napoleonsbärtchen. Unter buschigen Augenbrauen schauten ein paar ganz verschmitzte Augen hervor, und wenn seine tiefe Stimme dröhnte, und seine schweren polternden Schritte Großvaters Treppe herunterkamen, packten mich Angst und Neugier gleich stark, und ich rannte klopfenden Herzens in die schützende Wohnstube, um dort mein Gesicht an eine schmale Türspalte zu drücken und neugierig hinauszugückeln.
Bliß war lange Jahre schon Witwer und hatte kein eigenes Heim mehr, sondern schusterte nur noch in den Häusern. Sein ganzer Verdienst, soweit er nicht für das Lebensnotwendigste gebraucht wurde, wanderte ins Wirtshaus, und er konnte gar oft sagen: “Freu di Gürgeli, ‘s git e Durmarsch.”
Saß er an der Arbeit, so schaffte er wie ein Junger, aber die Pause zwischen den Arbeitstagen, in denen er keinen Hammer anrührte, waren oft lange. Wenn er ein bis zwei Tage in einem Hause gearbeitet hatte, so verlangte er gewöhnlich am Feierabend einen Vorschuß, und war dann ein oder mehrere Tage unsichtbar, bis die Geister des Alkohols ihre Wirkung verloren hatten. Er konnte so treuherzig betteln, daß die Leute seinem Verlangen immer wieder nachgaben.
Bei der alten Frau Bollin in der Badgasse bat er einmal am Abend des zweiten Arbeitstages: “Bollene, gämer doch anderhalbi Mark.” Auf ihre Frage, warum nicht eine oder zwei, antwortete er immer nur: “Gämer jetzt anderhalbi Mark.” So erhielt er diese und ward zwei Tage nicht mehr gesehen. Am dritten Morgen erschien er harmlos und setzte sich auf sein Dreibein, um die Arbeit wieder aufzunehmen, wie wenn er sie am Abend zuvor erst unterbrochen hätte.
Bliß erzählte gern aus früheren Jahren, so auch aus der Zeit, als er heiraten wollte. Anfangs der sechziger Jahre bestand noch das Gesetz, daß ein Paar, daß einen Hausstand gründen wollte, zusammen ein Vermögen von 200 Gulden besitzen müsse. Er und seine Braut hatten nun beide nichts, und bekamen daher die Erlaubnis zur Heirat nicht. Darauf ließ der Oberamtmann Bliß privatim zu sich kommen, redete ihm ins Gewissen und sagte ihm unter anderem: “Bliß, jetzt ist Er doch so lange Jahre in der Fremde gewesen, da hätte Er sich doch etwas ersparen können.” Bliß sah ihn an, und der Schalk saß ihm in den Augen, als er zur Antwort gab: “Herr Oberamtmann, wo ich in d’Fremde bi, isch in mim Wanderbuech gstande, ich soll ehrlich sy un rechtschaffe, un my Handwerch recht lehre, aber vom spare, Herr Oberamtmann, vom spare isch nüt drin gstande.” Der Oberamtmann drehte sich nach dem Fenster und verbiß ein Lächeln. “Bliß, Er kann gehen.” Darauf hin wurde dem Brautpaar die Heiratserlaubnis erteilt.
Sein loses Mundwerk nahm ihm niemand übel, er war nun einmal so ein Kerl, und man konnte ihm nicht zürnen. Einmal, als er beim alten Bürgermeister Bär gearbeitet hatte, und dieser ihm seinen Lohn auszahlte, sagte Bliß: “So, das wird jetzt rumpis un stumpis versoffe, das Geld, wo me bim Bürgermeister verdient, bringt aim doch kai Glück.” (…)”

Die Markgrafschaft war in den fünfziger Jahren die Monatsschrift des Hebelbundes. Mit Anekdotensammlungen und Gedichten suchte das Blatt den Geist Johann Peter Hebels aufrecht zu erhalten. Der Text über das Original “Der alte Bliß” (auch bekannt als “Pascha Bliß”) stammt von der Müllheimer Heimatdichterin Ida Preusch-Müller. Die Markgrafschaft ist Geschichte, der Hebelbund scheint sich trotz anderslautender Gerüchte bis heute zu halten. Und auch auf rheinsein steht dem hebelschen Geist stets die ein oder andere Zufluchtsecke offen, sich primär, sekundär oder tertiär herumzutreiben bzw zu verweilen.

Erinnerung an Basel

Z`Basel an mym Rhii,
jo, dört möcht i sii!
Wäiht nit d`Luft so mild und lau,
und der Himmel isch so blau,
an mym liebe Rhii.

In der Münschterschuel
uf mym herte Stuehl
mag i zwor jetzt nüt meh ha;
d`Tööpli stöhn mer nümmen a
in der Basler Schuel.

Aber uf der Pfalz
alle Lüte gfallt`s.
O, wie wechsle Berg un Tal,
Land un Wasser überal,
vor der Basler Pfalz!

Uf dr braite Bruck,
fürsi hi und zruck,
nai, was siht me Heere stoh,
nai, was siht me Jumpfere goh,
uf dr Basler Bruck!

Ais isch nimme do,
wo isch`s ane choo?
`s Scholers Nase, wäje weh,
gitt der Bruck kai Schatte meh.
Wo bisch anechoo?

Wie ne freie Spatz
uf em Petersplatz
flieg i um, un`s wird mer wohl
wie im Buebe-Kamisol
uf em Petersplatz.

Uf dr grüene Schanz,
in dr Sunne Glanz,
wo n i Sinn un Auge ha,
lacht`s mi nit so lieblich a,
bis go Sante Hans.

`s Sailers Rädli springt;
loos, der Vogel singt!
Summervögeli, jung un froh,
ziehn de blaue Blueme noo.
alles singt un springt.

Un e bravi Frau
wohnt dört ussen au.
Gunn ich Gott e frohe Muet!
Nehm ich Gott in treui Huet,
liebi Basler Frau.

(Johann Peter Hebel. Der Text, um 1806 entstanden, kursiert in einigen leicht unterschiedlichen Dialektschreibweisen und Liedbearbeitungen.)

Duddelsheim-Billingen (2)

Billingen, vormals ein in die Rheintalschneise geducktes, sich stets duldsam gegen die Offenheit der freien Talebene stemmendes, mehrfach geschleiftes und gebrandschatztes Obstdorf, wurde das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht und zwar so vollständig (samt seiner Zwetschgenbestände), daß es erst Ende der 60er Jahre als an den Kanten gerundetes Wohn- und Gewerbeareal wiederrichtet wurde. Obstanbau wird seitdem überwiegend hobbymäßig betrieben, der lokale Zwetschebilli, ein, wie Johann Peter Hebel in seinen Kalendergeschichten zu berichten weiß, formidabler Obstler von einiger Antriebskraft, gilt quasi als ausgestorben. Das neue Wohnviertel (die Einheimischen sagen: Wobi) ist gestaltet als Mischung aus Haufendorf und amerikanischer Vorortsiedlung, die Einfamilienhäuser hinter heckenlosen Vorgärten wirken entindividualisiert und spiegeln im Grundriß, in kleinerem Maßstab, die Anlage des Gewerbe- und Industriegebiets (Gebi, bei den Einheimischen). Die offiziellen Bezeichnungen lauten Billingen-Ost (für die Wohngegend) und Billingen-West (für Industrie und Gewerbe), dazwischen verläuft die Bundesstraße mit heftigem Lkw-Verkehr. Das Wohngebiet trotzt der oberflächlichen Betrachtung, an seiner Glätte prallt sämtliche Beschreibenslust ab, womöglich ein perfekter Schutzmechanismus, ein Sichunsichtbarmachen im Alltag als Reaktion auf die historischen Zerstörungen. Dennoch (oder gerade deshalb) dürfen hinter den Fassaden vereinzelt Schicksale vermutet werden, wie sie etwa David Lynch mit Vorliebe verfilmt. Zweimal pro Tag queren die Leute aus Billingen die Bundesstraße, um vom Wobi ins Gebi „zum Schaffe“ zu gehen – und wieder zurück. Nebst verschiedenen Firmen (deren bekannteste: Badische Bappfest, ein auf Klebmittel spezialisierter Kleinchemiebetrieb, welcher zuletzt u.a. den Naturklebstoff Ranarin aus Ochsenfröschen entwickelte) beherbergt das Gebi eine sehenswerte Kantinenmeile, mit garagenartigen, zur Straßenseite vollverglasten Imbissen, die von badischer bis taiwanesischer Küche eine breitgefächerte Mittagsmahlzeitkultur bieten. Weiter fallen die Brünnele auf, die in für derartige Zonen seltener Häufigkeit anzutreffen sind, und die vom klassischen Greifen-Speibrunnen über Wasserorgel-Plätscherflächen bis hin zu tinguelyscher Wackeldruckrobotik einige Augenweide bieten, welche ursprünglich der Arbeiter- und Angestelltenmotivation zugedacht war, seit Jahren aber auch von den dörflichen Abhängern in Anspruch genommen wird, die als Brünnelehocker karikiert mittlerweile Eingang in die lokalen Faschingsbräuche fanden. Als eigenständigstes Werk gilt das Zwischt- und Friedensbrünnele von Martin Schwarzwälder, das die Ortsbruderschaft mit Duddelsheim mittels extensiver, teils gewalttätiger und nicht immer jugendfreier Kerweszenen ironisierend in eine Menge Stein und Eisen bannt. Anders als in Duddelsheim, wo sich solches Brauchtum wohl aufgrund der abseitigen Lage nicht durchsetzen konnte, wird in Billingen mit Herzblut Fasching gefeiert, die Gesellschaften heißen Luschtige Bappeheimer (gegründet von Klebstoffarbeitern), Greifenanbeter (eine Splittergruppe der Freiwilligen Ortsfeuerwehr) und Duddelmer Schlappedeeze (eine Spöttergruppe, welche die Duddelsheimer Nachbarn mit ihren Kostümen als Kopffüßer darstellt).

Blutbad in Neuenburg am Rhein

“Als im Dreißigjährigen Krieg der Schwed’ am Rhein war, stachen einmal die Neuenburger eine schwedische Patrouille tot, und sagten: „Wenn wir nach Schweden kommen, macht’s uns auch so.” Darob entrüstete sich der schwedische General, dergestalt, daß er einen hohen und teuren Schwur tat. „Auch kein Hund soll am Leben bleiben”, schwur er hoch und teuer, und hatte etwas im Kopf, ein Gläslein Norschinger zuviel. Als solches die Neuenburger hörten, schlossen sie die Tore zu. Aber am andern Tag als der Zorn und der Wein von dem General gewichen war, da reute es ihn, denn er war vormittags ein gar menschlicher Herr, und bekam fast große Anfechtung in seinem Gewissen, daß er mit viel unschuldigem Blut sein Wort und seinen Eid sollt’ lösen. Also ließ er den Feldprediger kommen und klagte ihm seine Not. Der Feldprediger meinte zwar, maßen der Feldhauptmann einen Schwur getan hätte, der Gott leid sei, so sei brechen besser als halten. Das glaubte der Feldhauptmann nicht, denn er hielt sein Wort und seinen Schwur über alles teuer. Aber nach langem Besinnen kam’s auf einmal wie Sonnenschein in sein Angesicht, und sagte: „Was ich geschworen habe, das will ich auch halten, Punktum!” Als aber die schwedischen Zimmerleute das Stadttor hatten eingehauen, und der Feldhauptmann ritt selber mit drei Fähnlein hinein, befahl er alle Hunde im Städtlein zu töten, aber die Menschen ließ er leben, und wurden selbigen Tages neunzehn große Metzgerhunde, drei Schäferhunde, vierundsechzig Pudel, acht Windspiele, zwölf Dachshunde und zwei gar feine Möpperlein jämmerlich teils zusammengehauen, teils mit Büchsen zu Tod geschossen. Also hat der Feldhauptmann das menschliche Blut verschont, und doch seinen Eid gehalten. Denn er hatte den Schwur getan: kein Hund soll am Leben bleiben, und ist auch keiner daran geblieben.”

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund 1812)

Die Allemannen am Rheinstrom

„(…) Eigentlich weiß niemand recht zu sagen, wer diese berühmten Allemannen waren, noch wo sie auf einmal hergekommen sind, wiewohl es sind dem zahlreichen geneigten Leser am Oberrhein seine wahren Stammväter und Altvordern, von deren Blut er abstammt, große grobgliederige Menschen mit blauen Augen, krausen roten Haaren, voll Kraft und Mut und Trutz, fröhliche Trinker und Spieler, ohne Kenntnisse. Es geht noch manchem ein wenig nach. Wenn einem von ihnen ein zehnjähriges Büblein, wie sie heutzutag in die Schule gehn, ein Additionsexempel angesetzt, oder ein Abc-Büchlein vorgelegt hätte, oder eine achtzehnjährige Tochter des geneigten Lesers hätte einer Frau Mehl und Eier und Butter gegeben, „da, Mütterlein backe Sträublein draus”, sie hätten nichts wissen damit anzufangen. Noch wurde kein Vaterunser, noch kein Ave Maria gebetet. In die Kirche gingen sie nach Schaffhausen an den Rheinfall, oder in die dichtesten Wälder, oder auf den Belchen. Denn sie beteten unsichtbare Götter an, wenn nicht Sonne und Mond oder den Rhein, und opferten ihnen Pferde. Sonst war ihre liebste Beschäftigung der Müßiggang, dann die Jagd und der Krieg. Zweihundert Jahre lang kämpften sie mit den Römern in unversöhnlichen Kriegen zuerst um die Landschaften zwischen dem Rhein, der Donau und dem Main, aber oft auch, wenn die Gelegenheit günstig schien, fielen sie in das römische Gebiet jenseits der Flüsse ein, und spannen meist wenig Seide dabei, bis gegen das Ende.
Dem geneigten Leser müßte es wohl ein wenig bange werden, ob es möglich sei, daß er nach anderthalbtausend Jahren noch von diesem Heldenvolk abstammen und auf die Welt kommen werde, wenn er erfahren sollte, was es von einem Feldzug zum andern für schreckliche Niederlagen gelitten hat. Wo ein Tal des Schwarzwaldes sich auftut, fluteten Mann an Mann und Schild an Schild jetzt die Allemannen siegeslustig hinaus, jetzt die Römer racheschnaubend mit Feuer und Schwert hinein. In alle Bäche floß allemannisches Blut. Mehr als einmal gingen nach römischen Berichten, die Allemannen hunderttausendweise in einem Feldzug zugrunde. Mehr als einmal brannte der Schwarzwald an allen Ecken und Enden. Manchmal machten wir auch gute Geschäfte bis nach Italien hinein und in die Champagne. Aber wer zuletzt mit blutigen Köpfen wieder heimkam, waren eben wir. In der Champagne ließen wir auf einmal nicht mehr als 60000 liegen. Denn die nackte deutsche Tapferkeit und Kraft ohne die Kunst des Krieges vermochte nie auszuhalten in die Länge gegen die geharnischten Reihen und Glieder der Römer, gegen ihre Schwenkungen und andere Kriegskünste, mitunter auch Schelmenstücklein. Mit 60 bis 80 000 Mann über den Rhein oder über die Donau zu gehen, und die Römer anzugreifen, wo wir sie fanden, war uns ein Leichtes. Aber wieder heimzukommen, und die Feinde abzuhalten, daß sie nicht über den Fluß hinüber nachsetzten, war oft etwas Schweres. Die Geschichte erwähnt eines mannhaften deutschen Fürsten und Heerführers mit Namen Chnodomar, sie erwähnt auch eines Fürsten und Helden mit Namen Vadomar der im Breisgau und Oberland ein Herr war, und nach der Vermutung eines achtungswerten Gelehrten seinen Sitz hatte, wo itzt Thumeringen steht im Wiesenkreis, also daß dieses Ort zuerst geheißen hatte Vadomaringen. Der ist manchmal auf seinem Hengst durch die Wiese geritten, oder im Käferhölzlein auf der Jagd gewesen und hat mit lüsternem Auge hinübergeschaut in das Gebiet der Römer jenseits Rheins. Chnodomar und Vadomar und andre deutsche Fürsten als Uri, Ursiz, Vestralp und mehrere gingen mit ihren Heerscharen über den Rhein, griffen bei Straßburg, bei Hausbergen den römischen Feldherrn Julianus an, nicht zu guter Stunde. Als die Schlacht gewonnen schien, war sie verloren. Chnodomar wurde gefangen, der gereizte Feind kam über den Rhein, und hauste heidnisch mit den Leuten. Aber Vadomar, der König von Thumringen, rettete sich und sein Land. Nachgehends bekamen ihn die Römer durch List und schändlichen Verrat in ihre Gefangenschaft und schleppten ihn nach Spanien. Später wurde auch sein Sohn Vitigab ein gar feines und kluges Herrlein auf Anstiften der Römer von seinem Bedienten heimlich ermordet. Was denkt der geneigte Leser zu einer solchen schlechten Aufführung? Viele tausend biedere Allemannen wurden auch als Gefangene nach Rom transportiert, und man hat von den wenigsten mehr erfahren, was aus ihnen geworden ist, ausgenommen ein Mägdlein von Doneschingen namens Bißlein, das hernachmals in Rom gute Tage bekommen hat. Der Herr Römer, der es gefangen bekommen hat, hat er sich nicht nachher in dasselbe verliebt, und laut gesagt, es sei in ganz Rom kein Mädchen mit diesem allemannischen Töchterlein zu vergleichen. – Wenn er itzt erst käme, und eins aussuchen dürfte. Aber in der Tat man weiß nicht zu sagen, wo die vielen Menschen hergekommen sind, die nach einem hundertjährigen Krieg und nach allen blutigen Niederlagen und grausamen Landesverwüstungen noch übrig waren, kraftvoll und rüstig, als die Macht der Römer im Land und daheim anfing zu zerbrechen. War nicht auf einmal selbst das ganze jenseitige Rheinland von Basel bis nach Mainz und bis an die jenseitigen Gebirge Untertan der allemannischen Macht? Alles schien sich wieder zu erheben, bis ein neues kriegerisches Schauspiel begann.
Draußen über dem Schwarzen Meer, wo Europa ein Ende hat, und seltsame Völkerschaften eines andern Weltteils ihren Anfang nahmen, wohnten damals, fremden Blutes und fremder Sitten die Hunnen ein wildes räuberisches Gesindel, und es wird nicht viel gefehlt sein, so war ihr Oberhaupt, genannt Attila, der Schlimmste unter allen. Attila brach um das Jahr 451 mit seinem Volk aus ihren Wohnsitzen auf, um in Europa, soweit es geht und guttut, zu erobern, zu plündern, zu sengen und zu brennen und zu morden, und wo er hinkam, in den ersten 24 Stunden war alles verwüstet und verödet, und je weiter er zog je furchtbarer vermehrte sich sein Heer, denn alles zog mit, wie ein Heerstrom in seinem Lauf größer und größer wird, durch die Waldströme die sich rechts und links her in seine Fluten ergießen. Jetzt ist der Hunnenkönig schon am Saustrom in Ungarland, jetzt schon an der Donau, jetzt schon in der Gegend von Ulm, und wie Reihen der Franken wichen auf allen Seiten, bis in der Herzensangst und Verzweiflung der fränkische König Chlodewig die Hand zum Himmel aufhob, und den Schwur tat, wenn ihm Gott den Sieg verleihe, so wolle er ja gerne ein Christ werden, seine Frau sei es ohnehin schon. Es waren aber damals schon ganze christliche Regimenter unter dem fränkischen Heer, und einer rief dem andern zu: „Du, wenn wir dem König den Sieg erkämpfen, so will er sich taufen lassen.” Also schlugen die Christen unbarmherzig auf die Heiden drein, die Allemannen werden in Unordnung gebracht und verlieren die Schlacht für diesmal, und ihre teuer errungene Freiheit und Herrschaft auf immer. (…)“

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund, 1814)

Rheinischer Humor, rheinische Moral: J. P. Hebels Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes

in der Betrachtung Walter Benjamins:
„Das Buch, dessen Prosa so ursprünglich wie durchgebildet, dessen Haltung so vornehm wie vernünftig, dessen Inhalt so weltweit wie handgreiflich ist, erweist seinen unschätzbaren Wert heute von einer neuen Seite. In Tagen, in denen mehr zu einer kurzen Kameradschaft gehört als früher zu lebenslangen Freundschaften, in denen das Mißtrauen eine notwendige und Verläßlichkeit die höchste Tugend geworden ist, zeigt Hebel besser als sonst einer, wonach man messen soll. Nämlich nach dem Maß des Humors, d. i. nach der angewandten Gerechtigkeit. Die »reine« Humanität der Aufklärung hat bei Hebel sich mit Humor gesättigt. Wohl denen unter seinen Geschöpfen – mögen es Spitzbuben oder Juden sein -, die ihn in ihm erwecken; wehe denen, vor welchen er ihm versagt. Hebel ist einer der größten Moralisten aller Zeiten gewesen. Seine Moral ist die Fortführung der Erzählung mit anderen Mitteln; sein Humor ist urteilslose Vollstreckung: angewandte Gerechtigkeit, welche jenen mit ganz anderem Maße mißt als die übrigen. Nicht umsonst war das Schatzkästlein ein Lieblingsbuch von Franz Kafka.“
(aus: Walter Benjamin – Schriften B II.2)

Zundelfrieder

Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich, und glücklich über die Grenzen kam

Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte, und dachte: „Ich will so früh den Zuchtmeister nicht wecken“, und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voranflogen, gelangte er abends noch unbeschrieen an ein Städtlein an der Grenze. Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei, und wie er hieße, und was er im Schilde führe; „könnt Ihr Polnisch?“ fragte herzhaft der Frieder die Schildwache. Die Schildwache sagt: „Ausländisch kann ich ein wenig, ja! Aber Polnisches bin ich noch nicht darunter gewahr worden.“ „Wenn das ist“, sagte der Frieder, „so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren können.“ Ob kein Offizier oder Wachtmeister am Tor sei? Die Schildwache holt den Torwächter, es sei ein Polak an dem Schlagbaum, gegen den sie sich schlecht explizieren könne. Der Torwächter kam zwar, entschuldigte sich aber zum voraus, viel Polnisch verstehe er auch nicht. „Es geht hiezuland nicht stark ab“, sagte er, „und es wird im ganzen Städtel schwerlich jemand sein, der kapabel wäre, es zu dolmetschen.“ „Wenn ich das wüßte“, sagte der Frieder, und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, „so wollte ich ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kömmt der Mond.“ Der Torhüter sagte: „Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet, ohne Euch aufzuhalten, das Städtel ist ja nicht groß“, und war froh, daß er seiner los ward. Also kam der Frieder glücklich durch das Tor hinein. Im Städtlein hielt er sich nicht länger auf, als nötig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben. „In euch Gänse“, sagte er, „ist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenn’s Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht.“ Und so packte er sie mit sicherm Griff am Hals, und mir nichts dir nichts unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekannten geliehen hatte. Als er aber an das andere Tor gelangte, und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Söldner rührte, schrie der Frieder mit herzhafter Stimme: „Wer da!“ Der Söldner antwortete in aller Gutmütigkeit: „Gut Freund!“ Also kam der Frieder glücklich wieder zum Städtlein hinaus, und über die Grenzen.

(aus: Johann Peter Hebel – Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes; Hebel traf laut Isteiner Chronik einst am Klotzen auf den Zundelfrieder, wo selbiger dem großen Dichter in felsenhohen Waldestiefen einige seiner besten Anekdoten gesteckt haben mag.)

Heiße Quellen

Ein plötzliches und wunderbares Quellenaufkommen bescheren Rheinsein derzeit einige, unter Zusicherung von Anonymität zugespielte Auszüge aus der mächtigen Isteiner Ortschronik. Nachdem Rheinsein bereits aus einer Schicksalslaune mit dem Ortschronisten (einem bemerkenswerten Mann, sowohl an Geist als auch an Gestalt) des Istein benachbarten Kleinkems am dortigen Dorfbrunnen zusammentraf, verschärft sich nun die Informationslage zu diesem stark an Eden erinnernden Gebiet und dringt weiter in geschichtliche Tiefen – gar bis auf Adams Zeiten und tiefer. Als frappierend erweist sich dabei sowohl die ungeheure Kenntnis der Isteiner Chronisten um lyrische und sonstwie literarische sowie bildnerische Bearbeitungen ihres Heimatfleckens, als auch solcher Werke zahlreiche und tatsächliche Existenz. (Wobei: der Isteiner Klotzen und der auf alten Stichen noch direkt an ihn langende Rhein, selbst die heutigen, harmlos wirkenden Schwellen auf dem Restrhein und die surrenden Auen – das alles steht der Loreley samt Hügel und Vorhof in nichts nach. Nur daß der hebelsche Zundelfrieder nicht ganz an der Sirene Popularität zu kratzen vermag. Und Scheffel im Vergleich mit Heine nicht ganz dessen Tiefgang und Spritzigkeit erreicht.) Wie auch immer, es riecht geradezu danach, als müßten diese Informationen ins Große Elektronische Myzel gerettet werden, bevor die letzte gedruckte Chronik als Grabbeigabe des letzten Isteiner Lesers im dortigen Heimatboden aufgeht. Die Rheinsein verfügbaren Materialien datieren auf die frühen 1960er, der Einstieg zu einer kurzen (zumindest blatt)goldenen Ära der allgemeinen Volksbildung und historischer Nachfragen, offenbar. Und beinahe zeitgleich mit dem postalisch angelangten Isteiner hot stuff schwemmt aus dem Internet ein letztes Jahr via ddp losgeschickter Artikel unseres Kölner Dichterkollegen Markus Peters, in dem der rheinisch-romantische Mord an Stemmeler aus Enno Stahls jüngstem Gastbeitrag rückwirkend zu weiten Teilen aufgeklärt wird.