Bleulers Rheinfall

Bleuler_RheinfallDer Baldachin über dem Känzeli auf Bleulers Rheinfallgouache ist Geschichte – wie auch die gesamte Plattform heuer nicht mehr aus Holz, sondern Beton besteht und spektakulär freischwebend beinahe bis auf Armlänge (so wollte es uns zumindest scheinen) an den Wassersturz herangebaut zum einen psychedelische Blickwinkel, zum anderen Hechtsprünge in das Becken unterhalb der Fälle ermöglicht. Bleulers Eindruck des sonnenbelichteten stürzenden Schaumes läßt sich im Jahr 2014 zudem problemlos mit ausgewählten Webcam-Standbildern der jeweils letzten 24 Stunden (auch der Nachtstunden) abgleichen, welche die Infoseite rheinfall.ch anbietet.

rheinsein unterwegs im September

rheinsein war im September als Gast bei drei Abendveranstaltungen auf der Bühne, zwei davon in Museen im liechtensteinischen Vaduz.

Im sehenswerten Kunstmuseum Liechtenstein fand zu Monatsbeginn unser erster Gemeinschaftsauftritt mit Helena Becker statt, die für Das Lachen der Hühner die Dorfansichten (hier ein Beispiel) geschnitten hatte. Mithilfe projizierter Screenshots der Website stellten wir rheinsein als multiple Projektform vor, moderierten unsere kleine, randseitige, von den Postkartenständern der Vaduzer Innenstadt jedenfalls deutlich abweichende liechtensteinische Fotokollektion – und brachten Texte zum Vortrag, welche die nicht allzufernen Quellregionen und das Fürstentum selbst betrafen, darunter natürlich auch Gedichte aus Das Lachen der Hühner, zu denen Helena eine neue Papierschnittserie angefertigt hatte, welche nun Motive aus den Sonetten auf- und sich an den Museumswänden prächtig ausnahm.
Das Lachen der Hühner, vor anderthalb Jahren bei der parasitenpresse herausgekommen, befindet sich mittlerweile in der dritten Auflage; derzeit laufen Verhandlungen über eine limitierte Sonderedition mit Helenas im Kunstmuseum erstmals präsentierten neuen Schnitten an. Der Auftritt fand anderntags Niederschlag in der Printausgabe des Liechtensteiner Vaterlands.

Schräg gegenüber des Kunstmuseums Liechtenstein befindet sich das ebenfalls sehenswerte Liechtensteinische Landesmuseum. Während der Termin im Kunstmuseum ein gutes halbes Jahr im voraus feststand, ergab sich der Termin im Landesmuseum vorort ganz kurzfristig zwischen zwei Gläsern Wein. Über die Vernissage zur Bleuler-Ausstellung hatten wir seinerzeit kurz berichtet, nun kamen wir im Gespräch mit Rainer Vollkommer, dem neuen Direktor des Landesmuseums überein, rheinsein mit dem Bleuler-Konvolut des Museums zu kombinieren: nicht mit den Originalen, denn die sind derzeit in Baden-Baden zu sehen, sondern mit Diaprojektionen, die Bleulersche Spätromantik in einer textlichen Zeitreise zu spiegeln, von präromantischen Ausschnitten über damals zeitgenössische bis hin zu aktuellen, über Städte wie Leverkusen etwa, die es zu Bleulers Zeit noch garnicht gab. Vlado Franjević kreierte aus unserem Auftritt drei kurze Videos für das Museum: ein Interview vor der Veranstaltung, sowie Mitschnitte eines seefiebrigen Textes über Konstanz und eines Rhein-Gedichts aus Das Lachen der Hühner, die nun auf Youtube zu finden sind. Sehenswert für alle Liechtensteininteressierten ist sicherlich Vlados Interviewserie mit Besuchern aus aller Welt, zu finden in der Verwandtschaftsspalte.

Zurück in Köln präparierten wir uns sogleich für einen alpinen Abend mit Hartmut Abendschein und Egon Zähringer im überaus netten kleinen kunstraum dellbrück weit draußen auf der Bergisch-Gladbacher-Straße (also fast schon in Polen), welche alles in allem eine der sehenswertesten Straßen Deutschlands, wenn nicht der ganzen Welt vorstellt. Der Abend stand unter dem Motto „es ist fast gar keine Stimmung vorhanden“ – eine Zeile aus unserem Nendeln-Gedicht. Die Markgräfler Weinbatterien des Kunstraums jedoch schufen zunehmend Stimmung, Hartmut zeigte seine Flooksbooks, las aus seiner Neuerscheinung Dranmor über Dranmor, einen Berner Randgänger, Egon Zähringer jodelte und sang deutsch-schweizer Wirtschaftsnachrichten zum Örgeli, das für den Abend geborgte Murmeltier unseres Sohnes sorgte für Ordnung im Stall und alles in allem ging wieder einmal eine knappe halbe Auflage über den Tresen. Ein paar Bilder der Veranstaltung gibt es bei Hartmut Abendschein.

Der Deutschlandfunk am Rheinfall

Der Deutschlandfunk brachte heute ein zwanzigminütiges Rheinfallportrait, auf das uns einer unserer zahlreichen Schwarzwald-Korrespondenten aufmerksam machte. Wir schalteten gleich ein und bekamen zu hören: Ende des 18. Jahrhunderts wurde dort die erste hölzerne Schaubrücke erbaut. Es folgten Bleulers Veduten, Fabriken, Kaiser Franz Josef I. samt Sissi, schließlich zwei Millionen Besucher pro Jahr, stabilisierte Felsennadeln und das neue Historama. Ansonsten war das Portrait geprägt von Goethe, Goethe und nochmals Goethe. Wer auf rheinsein das Stichwort Rheinfall anklickt bekommt derzeit über 20 Artikelvorschläge, Tendenz: stetig steigend.

Bleuler-Ausstellung zu Vaduz

Nahezu unvermeidlich, in den Kulturinstitutionen der Alpenrheinregionen auf Johann Ludwig Bleulers, selbige Landschaften einfangende, Rheinveduten zu stoßen. Neu war Rheinsein allerdings bis gestern, daß Bleuler weit über Graubünden hinaus den gesamten Rhein bereist und dabei die üblichen (plus ein paar weniger übliche) Ansichten unter dem Titel „Les vues les plus pittoresques des bords du Rhin depuis ses sources jusqu`à son embouchure dans la mer“ in Gouache- und Aquatintatechnik als sein Hauptwerk niedergelegt hat. So geschehen zwischen 1827 und 1843, zu je 80 Motiven, die z.B. heuer begradigte Rheinpassagen noch unbegradigt und einen Dampf- und Segelschiffbetrieb von teils bestürzender Heimeligkeit zeigen, dies wiederum gezeigt in einer frisch eröffneten und bis Januar 2011 laufenden Ausstellung im Landesmuseum des Fürstentums Liechtenstein, welches selbst über einen begradigten Rhein verfügt, dessen Sosein in der Gegenwart sich mit Bleulers Blick beinah (nur beinah!) aus dem Museumsfenster abgleichen läßt. Zur Eröffnung gibt es, wie für solche Anlässe weltweit typisch, steif vom Blatt gelesene Dankesworte an den Leihgeber, Schicksalsdaten des Künstlers und einen stellvertretenen, aber herzerfrischenden Gruß der auch für Kultur zuständigen Außenministerin (Gruß zurück!). Die Bilder selbst sind nicht zu sehen, bis es endlich Schnittchen gibt, für die das Vernissagevolk aus dem von ihm selbst beengten und mit Sichtblockaden staffierten Ausstellungsraum zurück in den Vortragssaal strömt. Die Schnittchen wirken glasiert (mit Haarspray gestylt?), der Wein schmeckt (laut Aussage einer Expertin gar nach einer seltenen, angenehm leichten Note alpengekräuterten Kuhdungs – was den roten anbelangt), alternativ gibt’s das berühmte Brauhaus-Bier und nebenan sind noch ein paar Wiegendrucke aus der Anna-Amalia-Bibliothek Weimar zu besichtigen: Bibeln natürlich, das Narrenschiff, aber auch Shakespeare und die vorgeblich erste Dracula-Geschichte aller Zeiten. Ein wohlmeinender Vernissage-Besucher weist Rheinsein auf Bracciolini: Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen – hin und wir werden nachschauen, was es damit auf sich hat, wo die Bezüge zum Rhein stecken mögen und wie nützlich und lustig die Chose aus Ausländersicht tatsächlich ist.

Via Mala

Um an die Silberne Via Mala-Besucherehrennadel mit eingefaßtem Tobelhocker zu gelangen, sind 25 nachgewiesene Schluchtvisiten vonnöten. Die Algordanza AG zu Chur bietet diese 25 Visiten momentan auf einen Schlag. Es geht in eines dieser klobigen Gebäude an der Churer Ringstraße. Blankpolierte Schilder weisen diverse Nutzer aus. Kaum ist man drin, läßt sich, das muß an der Architektur liegen, nur schwer des Eindrucks erwehren, daß hier in inversiver Weise, nämlich mit vergleichsweise wenig Arbeit vergleichsweise viel Geld gemacht wird. Man kann es sozusagen leise im Keller wachsen hören (die zeitlupenhaft schwerfällig wirkende Arbeit, die dort zu Essenzen abgefüllt in Metall-Regalen steht, das unverdorben dem Himmel entgegenwachsende Geld mit seinem Geruch von jungem Papier). Die Massivität des Gebäudes verschluckt oder zerdrängt gleichzeitig jeglich in seinen Weiten auftauchende Menschen wie ein schwarzes Loch in Grau. Erst denkt man noch, da käme jemand, der sich grüßen ließe, doch bevor man sich auf 20 Meter angenähert hat wird die betreffende Person immer kleiner und kleiner und verschwindet stufenlos an irgendeiner Wand. Wie weggezappt, -gezoomt, nie ernsthaft da gewesen. Mysteriös, sollte man meinen. Hier aber scheints völlig normal. Die einzige fysische Begebenheit von Bestand ist die Putzfrau. Es muß sich um die ewige Putzfrau handeln, sie verleiht dem Gebäude seinen Glanz (einen gräulichen) und wird dafür vermutlich klassisch entlohnt (relativ viel Arbeit für relativ wenig Geld). Im ersten Stock logiert die Algordanza. Auf den Fluren und im „Meeting Room“ der Büroetage hängen 25 Via Mala-Gemälde aus den letzten beiden Jahrhunderten. Die Zeitung schrieb, sie seien zum Anschauen für alle gedacht. In der Sitzecke des Eingangsbereichs liegen einige Diamanten auf dem Tisch. Sie sehen aus wie zum Mitnehmen gedacht. Die Zeitung hatte sich über dieses irritierende Detail völlig ausgeschwiegen. (Ein wenig eifersüchtig auf die Klunker, weil sie ja des Meitlis bester Freund sein sollen; was andererseits auch wieder nicht einzig erstrebenswert wie auch immer.) Es hängen also lauter Viae Malae an den Wänden. Die Künstler haben sich dabei auf düstere Farben verständigt, sie gewinnen der Schlucht einige ihrer langweiligsten Aspekte ab, während die kleinen Farbabbildungen der Originale auf den Erklärungstafeln durchaus interessante Koloration besitzen. Lauter berühmte Maler haben sich mit der Via Mala beschäftigt, ich würde behaupten: die meisten haben amtlich versagt. Zu den drei vier besseren Arbeiten gehören Bleulers unvermeidliche Vedute, zwei sich küssende Felsen, ein paar vom Eis bedrohte napoleonische Soldaten und eine Tunnelansicht, so verschroben gewählt und ausgeführt, daß die Erfindung des Trash mal wieder umdatiert werden sollte. Ansonsten ein paar versteckte Geister und einige Kirchners, Breughels, Segantinis – allesamt von anderen gemalt. Warum diese Sammlung an diesen Ort zur Ausstellung gelangt ist, muß einen Sinn besitzen, der sich meinem Verstand entzieht. Nichtmal Nachweise für die Silberne Ehrennadel sind zu erwerben. Vielleicht handelt es sich um eine hochkomplexe psychologische Sache für die Angestellten. Ich entziehe mich mit einem Ruck den 25 Abgründen, indem ich beinahe über die feudelnde Putzfrau falle, ja, auch das Treppenhaus hat seine Tiefe, draußen, im grauen Chur, geht der Verkehr, die graue Plessur, es hat schon alles Sinn, auch wenn es sinnlos scheint, irgendwie geht letztlich alles immer zusammen.