Geschichte eines Auswanderers

“(…) Unsere Reise richtete sich zuerst gegen Mannheim. Dort sollten sich noch mehrere Auswanderer aus Würtemberg und Baden anschließen. Wir glaubten dort am wohlfeilsten auf dem Schiffe zu Schiffe auf dem Rhein nach Amsterdam kommen zu können.
Allein schon hierin betrog uns unsre Rechnung. Denn die Fahrt auf dem Rhein ging so langsam, das Fahrzeug mußte so oft anlegen, daß wir den Weg von Mannheim nach Amsterdam erst nach drei Wochen zurücklegten, während wir zu Fuß weniger Zeit und Geld würden gebraucht haben. Das eben ist häufig der traurige Fall bei Auswanderern, daß sie durch ungeschickte Maßregeln sich unnöthige Kosten und Zeitverlust verursachen. Sie haben die Reise noch nie, vielleicht überhaupt noch nie eine Reise von Bedeutung gemacht, und für ihre kühnen Einbildungen, für ihre ungeduldigen Erwartungen ist selbst fremder Schaden keine Lehre.
Den 8ten Mai fuhren wir von Mannheim ab. Schon auf diesem Wege begegnete uns der Schrecken, daß in unserm Schiffe in der Nähe von Wesel, während eines stürmischen Ungewitters, Feuer ausging. Schnelle und geschickte Hülfe wußte es noch glücklich zu unterdrücken. Von preußischer Seite machte man uns während unserer Durchreise mehr als ein Mal Vorschläge, uns in Preußen unterzubringen. Wir fuhren in zwei Schiffen. Bereits waren wir im Kanal (Zuyder=See.) Jedes unsrer Schiffe wurde am Ufer hin von Pferden gezogen. Unvermuthet bricht das Seil, an welchem ein Pferd das vordere Schiff zieht. Das zweite Schiff, in raschem Zuge vorwärts, ist schon im Begriff, auf das erste zu stoßen; ohne eine schnelle und glückliche Wendung hätten sie beide zerschmettert werden können.
Den 1sten Juni 1817 kamen wir in Amsterdam an und schon dieser Zug hatte unsre Kasse angegriffen; aber es war nur das Vorspiel zu noch grßeren Opfern. (…)”

(Johann Jakob Butsch: Geschichte eines Auswanderers. In Joseph von Hefner: Deutsche Chrestomathie für den Schul- und Privatgebrauch, enthaltend: Fabeln, Erzählungen, Beschreibungen und Schilderungen, nebst Sach- und Worterklärungen, München 1830)