Dielhelms Hinterrhein

“Der Hintere= oder Nieder=Rhein, lateinisch Rhenus Posterior, sammlet sich in dem Vogelberge aus einem Gletscher, oder Eisberge, der sich über zwey Stunden weit erstreckt. Er fließt aber unter dem Moschelhorn / von der Alp zum Port in vielen Bächen hervor und stürzet sich in einen sehr tiefen Schlund hinab. (Anm.: es ist, als würden die Berge überschwappen, als gäbe es dort oben, hinter bzw unterhalb der sichtbaren Kante Rheinwasserbecken mit geheimen Durchstichen in die belebbare Welt. Dazu verbreitet dieses Wasser überirdisches Rauschen. Dielhelm beschreibt hier äußerst profan und vermutlich nicht aus eigener Anschauung. Wer hat je die Rheinquellen gesehen und welchen Gewährsleuten wird geglaubt?) Es läuft dieser Rhein erstlich gegen Mittag, hernach gegen Morgen, wohl drey bis vier Stunden von seinem Ursprunge bis zum ersten Dorfe Hinter=Rhein (Anm.: heuer passiert er zuvor noch die gelangweilte Schildwache der Schweizer Armee und dieses Dorf Hinterrhein, auch wenn es einen Begriff von Asfalt, Motorfahrzeugen und womöglich sogar Internet hat, strahlt etwas seltsam (da unangemessen) abgeschiedenes aus, wirkt wie hingemalt und dann in der Moderne stehengelassen, heißt, es mischen sich die natürlichen Elemente Kuhglockensinfonie, Instalgeducktsein, granitne Verwachsenheit mit den Kompositionen des Paßstraßenbaus, der Elektrizität und des Schweizer Wahlrechts); eh er aber dahin komt, fliessen von der linken Seite hinein die Theiltobelach, die Weißbach / die Marsinbach / und die Steinbach / von der rechten Seite aber die Moselbach (Anm.: oder auch andere, mehrere, anderen oder gleichen Namens). Wenn er das Dorf Hinter=Rhein oder zum Rhein zurück gelegt hat, nimmt er in einer S und Wegs davon die Kirchalpenbach, Cadariolerbach und Saltmannsbach ein (Anm.: siehe letzte Anm.). Nach Einnehmung dieser Bäche gelanget der Hinterrhein auf Nuffenen, wo ihm in Zeit von einer halben Stunde abermals die Tellenbach, Reierbach, Praschelbach, Heinisbach, und Fuchstobelbach zufliessen. Unterhalb dieser Zuflüsse, bey dem Dorfe Ebene, oder Planura / empfängt der Rhein die Böbacher Bach / zur Linken aber die Mühlbach. Hierauf fliesset er nach Medels und in einer halben Stunde nach Splügen. Splügen, lateinisch Speluca, und vor Zeiten Tarvesedun und Trinnetia genant, ist ein vornehmer Flecken und Niederlage in dem sogenanten Rheinwalde, wenn man von Chur über den Vogelberg und den Urschler Berg in Italien reisen will, und sind dessen Einwohner alle deutsche Lepontier. Allda fliesset das Splüger Wasser, und die Wüterichbach / welche oft grossen Schaden thut, in den Rhein hinein. Hierbey ist zu merken, daß das Thal, welches sich von dem Ursprunge bis hierher ziehet, der Rheinwald heisset. Unter Splügen krümmet sich der Rhein gegen Südost, und läßt auf linker Seite das zerstörte Schloß zur Burg, und das Bergdorf Suffers liegen. In der Bergenge Rufeln stürzet sich der hintere Rhein, so bis dahin durch den Rheinwald ziemlich zahm gelauffen ist, über entsetzlich jähe Felsen hinunter, und formiret mitten im Walde bey der hohen Brücke einen gar schönen Wasserfall, worinnen man einen Regenbogen siehet. Von dannen wendet sich der Rhein gegen Norden, bald aber wieder gegen Osten, eh er noch in das Schamser Thal komt. Bey dem Dorfe Ander empfängt er sodann einen Zufluß, und geht zur Rechten an dem zerstörten Schloße Bärenburg hin. In dem Schamser Thal nimt er auf jeder Seite drey Bäche zu sich, daher auch dieses Thal den Namen Vallis Sexamina bekommen. Auf der Rechten liegen darinnen die Dörfer Ander, Zillis, und auf der Linken das zerstörte Schloß Castellatsch, nebst den Dörfern Clugin und Danet. An dem Ende dieses anmuthigen Schamser Thals unter der steinernen gewölbten Brücke, fängt der böse Weg, lat. via mala an, welcher nicht allein eine beschwerliche, sondern auch eine höchst gefährliche Straße ist. Denn dieselbe geht über ein grausam wildes und hohes Gebürge, so hin und wieder an vielen Orten in die harten Felsen eingehauen, welche felsigte Berge durch unterschiedene Brücken in entsetzlicher Höhe sehr schlecht aneinander gehängt werden, unter welchen der in der Tiefe fliessende Rhein mit ganz ungestümmen Rauschen fast immer Wasserfälle machet, und an manchen Orten drey, vier, bis fünf Klaftern tief, mit grossen Gestöß sich über die wilden Felsen und Klippen hinabstürzet. Welcher Anblick von diesen liederlichen Brücken sonderlich der übermäßigen Höhe wegen, einem Reisenden Furcht und Schauer verursachet, und es währen diese Wasserfälle bis zu dem Dorfe Roncaglia / ja bis ins Domleschger Thal beständig fort. (Anm.: ja, damals, als Bouldern noch kein Trendsport war.) Nachdem der hintere Rhein in dieses Thal eingedrungen ist, begiebt er sich auf Tusis, einen schönen Marktflecken. (Anm.: und den ersten, den Dielhelm menschlich zeichnet. Immerhin sind die ersten Rheindörfer ja allesamt bewohnt, von Menschen und Tieren teils außergewöhnlicher Gestalt. Dennoch wird über die Bewohner dieser Orte kaum ein Wort verloren, bei Spescha, später, werden zu jedem Dorf wenigstens Ethnie und Konfession genannt – und vielleicht ist das ja auch tatsächlich schon alles, was über die Rheinursprungsanwohner bekannt werden sollte, denn wenn ich Tuor richtig lese, scheint einiger Wahnsinn in den Bergmenschen und der sie umhüllenden und bedrückenden Natur zu brodeln.) Er liegt in dem obern Graubündten, an der Landstraße nach Italien, und zwar an des Rheins linken Ufer fünf Stunden oberhalb Chur. Von den Lateinern wird dieser Ort Tuscia, oder Tusciana vicus, oder Tusanna, statt Toscana, genant. Er hat seinen Ursprung von den Tußciern, oder Toscanern, den alten Einwohnern des heutigen Großherzogthums Toscana, welche durch die Gallier vertrieben worden, alsdann eine sichere Wohnung in den Gebürgen gesucht, und sich anfänglich allda niedergelassen, selbigen Ort erbauet, und nach ihres verlassenen Vaterlandes Namen Tuscia genennet haben. Anfangs war der Ort vermuthlich mit Ringmauern umgeben, so aber nach der Zeit zerstöret, und nicht wieder aufgerichtet worden. Indessen findet man allda noch stattliche Gebäude, auch ist daselbst eine berühmte Niederlage von Kaufmannsgütern, und ein gewöhnlicher Wochenmarkt, so mit großem Zulauf des Volks gehalten wird. Im Jahr 1727. brannte dieser Flecken bis auf einige Häuser völlig ab. (Anm.: heute steht er bekanntlich wieder, sogar ein paar Hochhäuser hat Thusis ins Tal gepflockt, die aus dem Boden ragen wie Versuchsanordnungen, die man nach zwei drei Fehlschlägen vergessen hat wieder mitzunehmen.)”

Ils reins

Leo Tuor, der romanisch schreibende Autor aus der Surselva, hat die ganzen historischen Rheinstellen gelesen, Caesar, Seneca, Spescha, Hölderlin natürlich, nur den seltenen Dielhelm vielleicht nicht. Als Bergler versteht er in seinem Essay „Ils reins“ die gewachsene und weiter wachsende Berg-, Tal-, Bach- und Flußnomenklatur des Vorder- und Hinterrheins zu entwirren, sich gleichzeitig tief ins System der Täler zu begeben, wo bei Wetterumschwüngen jeder automatisch in die Irre gerät und, um sie zu bannen, um zu überleben, ein paar passende Worte zur Hand haben muß; denn die Natur wechselt unaufhaltsam ihre Positionen, Täler und Flüsse verschieben sich oder verschwinden, Regionen dehnen sich aus und ziehen sich zusammen, Wälder wandern und dünnen aus, erweitert um Prozesse aus Beton, also Wall- und Schanzarbeiten, und erstmals lese ich ernsthaft bestätigt, deutlich ernsthafter als bei Spescha, was ich droben bei den Quellen empfand: sie festlegen zu wollen sei grober Unfug, Wasser sei nun mal nicht festzulegen, Tuor redet beim Rhein von hunderten Flüssen, und davon, daß niemand wisse, wer der Rhein sei, weil er ein Zauberer sei, ein Meister der Verwandlung. Ich empfand die Quellszenerie als touristisch unbeachtetes Weltwunder und die prächtigen Fortbewegungsarten des entspringenden Wassers als Stilmittel der größten Erzählung überhaupt, die Zeit und Raum überbrückend im selbsterzeugten Rauschen aufgeht. Tuor gesteht dem Rhein 12000 Verlaufskilometer zu und meint vielleicht eine Addition seiner Seitentäler plus seiner historischen, wie Krampfadern aus der Landschaft gezogenen Windungen, vielleicht auch der Flüße unter dem Fluß. Tuor bezeichnet die Bergwässer als Drachen, dessen Zungen bis unter die Gletscher und weiter hinein in die Dunkelheit reichen und zitiert zur Sicherung den Engadiner Durich Chiampell mit einem Notat aus dem 16. Jahrhundert: „Obwohl unser hochgebirge mit ewigem schnee bedeckt ist, hatt dasselbe dennoch viele sonnige Felspartien, höhlen, gegen mittag geöffnet, wo der lintwurm sich gerne aufhält und nach art der schlangen und eidechsen an der sonne liegt.“ Auch berichtet Tuor von einem frühmorgendlichen Gang durchs dunkle neblige Gebirge, als er plötzlich im Schein seiner Lampe zwei gelbe Augen antraf, die (meine sofortige Vermutung: „der böse Anogl“ weder bestätigend noch verwerfend) womöglich nur einem Fantasma gehörten, das ihn immerhin an Don Cirongilio de Thracias Kampf mit der Wasserschlange erinnerte; es gibt im Dunkeln, unter Wasser und hinterm Fels diese anderen Tiere, frühe Schriften bezeugen das, und wer lange genug dem Rheinrauschen lauscht, differenziert darin auch die Botschaften solcher kryptischen Spezies. Steinige und plätschernde Elemente der romanischen Sprache bringt Tuor in seinem abschließenden Statement besonders zum Klingen: „Sco ei ha entschiet, aschia cala ei: Ina aua en pliras auas, dapertut e negliu. Inagada alvas e blauas. Sereinas ni neras els lags. Aur tgietschen ellas palius. Sgurghigliem verd e bugliadetsch. Spema, ramur, mar.“

Der Essay „Ils reins“ findet sich im Bildband: Der Rhein – quellnah. Fotografien von Catja Rauschenbach – ein Jahreslauf, u.a. mit Essays von Wolfgang Mörth, Hansjörg Quaderer, Leo Tuor, herausgegeben vom Bündner Naturmuseum Chur, Küefer Martis Huus Ruggell und Museum Rhein-Schauen Lustenau im Alpenland Verlag

Dielhelms Vorderrhein (3)

Abschließender Blick Dielhelms auf den Vorderrhein mit weiteren, heuer eher unbekannten Heiligenfleckchen (Kirchengrundstücken?), teils rätselhaften Wassersystemen und die erste Rheinstadt Ilanz: “Unter diesem Kloster und Flecken Dissentis vermischt sich eine gewisse Bach mit dem vordern Rhein, welcher von einigen für die mittlere Rheinquelle will gehalten werden. Es entspringet dieser mittlere Rhein auf dem Lütmannierberg / so auch ein Theil von dem Adula zu oberst im Sanct Marienthal ist, wo gegen über der Tesinfluß keine Quellen hat, und zwar aus vielen beyderseits zusammenfliessenden Bächen, denen sich auf linker Seite ein anderes Wasser zugesellet, so sich von einem hohen Berg herabstürzet. Ob dieses die Frodda sey, deren Simler (Anm.: anzunehmen in wunderbarer Vagheit wohl eher Josias, der Alpenbeschreiber als Johann Wilhelm, der Verfasser der “Teutschen Gedichte”) / Tschudi und andere gedenken, oder aber ein anderes Wasser, welches aus den Corner Alpen hervorfliesset, hat Herr Johann Jacob Scheuchzer (Anm.: der berühmte Sintflutforscher, nach dem die Blumen- bzw Blasenbinse benannt ist) nicht erfahren können. Es läuft durch das Modelser Thal, welches sich gegen Mitternacht ziehet, und die Oerter, so an diesem Rhein nach einander folgen, sind Sanct Maria / allwo ein Hospital, oder Herberge für die ist, welche in das Palenser= oder Piliner=Thal reisen; ferner Sanct Gallo / Sanct Giovanni, allwo ein Wasser von den Corner Alpen hineinfliesset; Sanct Giacomo, Sanct Rocco / Curalia, Suliva / und Sanct Valentin, unter welchem er sich, wie gedacht, bey dem Kloster Dissentis / mit dem vordern Rhein vereiniget. Die Oerter, welche der vordere Rhein weiter begrüsset, sind Sonvix, Tront, das alte Schloß Rinkenberg / unter welchem zur Rechten ein Wasser hineinfliesset (Anm.: Hübner, der seinen Dielhelm gründlich kennt, berichtet über einen Voderrheinzufluß von übernatürlich heller Wasserfarbe); der Rhein aber läuft von dannen fort auf die beyden Schlösser Waltersburg und Obersax, wendet sich darauf nach Schlans, Ruvis und komt nach Ilanz / oder Iant, lateinisch Ilantium und Hilliande Villa. Dieses ist ein alter Ort und das vornehmste Städtgen in Räthien, oder in Graubündten, anbey auch das oberste und erste Städtgen, so am Rhein zu finden ist. Weil auch solches der Hauptort in dem grauen Bund (Anm.: der nicht nach den Farben der Berge, sondern nach den Hirtenwämsern, welche aus gemischter Wolle schwarzer und weißer Schafe bestanden, geheißen haben soll) ist, so pflegen sich die gesamten drey Bünde allda zu versammlen, wenn sie über wichtige Sachen rathschlagen wollen. Wie denn die Landtage des obern Graubunds ordentlich allda gehalten werden. Es haben die Einwohner in Ilanz in etlichen gemeinen Sachen ihr eigenes Burgergericht; da sie hingegen über öffentliche Angelegenheiten mit den übrigen Benachbarten ihrer Gemeinde zu Rathe gehen müssen. Im übrigen wird an diesem Orte Churwelsche Sprache (*) geredet. Alda sind im Jahr 1561. auf dem Landtag nebst andern Gesetzen, auch eines ausgemacht worden, daß die Jesuiten in Graubündten nicht solten gedultet werden, welches Verbott man im Jahr 1600. wiederholet hat. Worauf sie auf ewig (Anm.: was lang werden kann) aus diesem Land verbannet worden, damit der politische Staat in Graubündten durch solche nicht verunruhiget würde; wie Fortunatus Sprecher (Anm.: der als um Objektivität bemühter Chronist auch in Conrad Ferdinand Meyers historischem Roman Jürg Jenatsch auftaucht) in seiner Räthischen Chronick pag. 171. und 187. meldet. Dem Städtgen Ilanz gehören die Dörfer Flont und Straden. Es führt das Städtgen Ilanz in seinem Wappen eine guldene Krone, wodurch der Rhein fließt, damit anzuzeigen, daß es das erste und vornehmste Städtgen des Rheins, ja gleichsam die Krone des Rheins sey. (…) (Anm.: Dielhelm zählt in dieser Lücke auf seine akribische Art die sieben Ilanzer Markttage auf und nieder.) Alsobald unterhalb dem Städtgen Ilanz wird dieser vordere Rhein durch das kleine Glennerflüßgen (Anm.: oder Glogn, was gelogen klingt) verstärket. Auch folgen unter Ilanz la Voppa, Grub, Valendas, ein altes Schloß, und zur linken Seite Laar, Flims / welches Dorf seinen Namen von den vielen dort zusammenfliessenden, und in dem Dorfe selbst entspringenden Wasserquellen hat, welche hernach in den Rhein hinabfliessen. Von dannen streicht der Rhein fort nach Damürz / Bonaduz, und also folgends nach Reichenau / allwo sich dieser vordere Rhein mit dem hintern vermischet.

(*) Die Churwelsche Sprache wird zwar, in Vergleichung mit der lateinischen und florentinischen Mundart, für etwas grob gehalten, gleichwohl hat sie nichts destoweniger ihre Vollkommenheit und Zierlichkeit. Sie wird nur um die Gegend der Stadt Chur geredet, doch befleißigen sich die Einwohner auch der deutschen.”

Dielhelms Vorderrhein (2)

Über frühere Tage des ersten Rheinklosters Disentis weiß der Rheinische Antiquarius die eine und andere Anekdote (- nichts für schwache Nerven!): “Dies Dissentis / lateinisch Disertina, oder Desertum, genannt, ist eine uralte berühmte Benedictiner Mönchs=Abtey, dessen erster Ursprung von dem heiligen Siegbert / einem Schottländer und Jünger Sanct Columbanus hergehohlet wird, welcher im Anfang des siebenden Jahrhunderts nebst Sanct Gallus in die Schweitzerische Lande gekommen seyn, und allda den christlichen Glauben unter den noch meistentheils dem abgöttischen Heydenthum anhangenden Leuten zu predigen und zu pflanzen angefangen haben soll. (Anm.: und wie überall in Berg- und Kluftgegenden stehen jede Menge vermeintlicher, geraunter Kultstätten, Vorstellungen von blutig-orgiastischem Triefen evozierend, eigentlich ganz grau und harmlos im Gelände. Fortschritt durch Christentum.) Dieser Siegbert war ein Liebhaber des Einsiedlerlebens, derohalben er im Jahr 614. sich im Urseler Thal am Gotthardsberge in einer Zelle aufgehalten, und weil es ihm da nicht einsam genug zu seyn schiene, so begab er sich über den Crispaltenberg in die Räthische Gegend, und baute sich eine Zelle an dem Orte, wo jetzt das Kloster Dissentis stehet. Er wurde, sowohl seiner lehrreichen Predigten, als auch seines frommen und strengen Lebens halber, gar bald unter dem herum wohnenden Volke bekannt, bekam auch Jünger, die in seine Fußtappen zu treten verlangten, unter welchen sonderlich Placitus, ein zu Thrums (Anm.: wo immer das sei; womöglich verschwunden) wohnhafter Ritter und Oberherr dieser Landesgegend, war. Von diesem melden die Mönchshistorien und Legenden, daß, als er auf Befehl seines Landsherrn Victors (dessen Tyranney und ärgerliches Leben er gestraft habe) enthauptet worden, das abgeschlagene Haupt aufgehoben, in eine Tuch gewickelt habe, damit fort gewandert sey, solches einer ihm ohngefehr begegnenden Frauen zugeworfen (Anm.: oha, gegen die Damen impulsiv noch dazu, der fromme, strenge Herr!), und also ohne Kopf zu seinem Lehrmeister gekommen sey, welcher ihn mit grossem Schrecken und Herzeleid empfangen, und bey seiner Zelle begraben, eben an dem Orte, wo er, Siegbert / hernach auch hingelegt worden. (Anm.: verwundert nicht übermäßig, vor solcher Kulisse, ein derart freakiger letzter Gang, die Alpen stecken voller ziehendem Nachtvolk, Widergängern, Aufhockern und Kopflosen. Der Rhein als Gespensterrhein auf klösterlichem Terrain.) Lange Zeit darauf wurde alldorten eine Kirche zu Ehren des heiligen Placitus samt einem Kloster erbauet, welches endlich durch Mildthätigkeiten und Beysteuren vermöglicher Leute an Reichthum, und dessen Aebte an Ansehen angewachsen, und in den heutigen blühenden Stand gelanget ist. Der dasige Prälat führet den Titel eines Reichsfürsten, jedoch ohne Sitz und Stimme auf dem Reichstage; Den Bundstägen des obern Grauenbunds wohnet er gemeiniglich in Person bey, und hat bey der Wahl der Aemter und Behandlung der Polizeysachen die erste Stimme, auch das Recht, alle drey Jahre aus dem Hochgerichte Dissentis, den Boten des Grauenbunds drey Personen vorzuschlagen, aus welchen sie einen zum Landrichter und Haupt des Bundes erwählen können; allein auf dem allgemeinen Bundestage der Graubündter hat er keinen Sitz und Stimme, stehet anbey im Graubündtner Land in besonderm Ansehen und Gewalt, und hat die Münzgerechtigkeit. Im übrigen aber besitzet das Kloster vortrefliche Einkünfte, und genieset herrlicher Rechte und Freyheiten. Sonst giebt es in dasiger Gegend große Gebürge, worinnen unterschiedene Kupfer= Eisen= und Kießbergwerke anzutreffen sind, so dem dortigen Abt zuständig, und eine Zeit her fleißig sind gebauet worden. Von dem gemeldeten dasigen großen Gebürge sagt man: Montes hic celsissimi, Valles vero miserrimae, Beati, qui non vident & tamen credunt! Das ist: Hier sind die Berge am höchsten, die Thäler aber am elendesten. Seelig sind, die nichts sehen und doch glauben!” (Ob Spescha den Dielhelm kannte; ähnliche Beschreibungssystematik.)

Dielhelms Vorderrhein

Kiloschwer ist der Rheinische Antiquarius und paßt doch in meinen Laptop: “Was unsers so weitberühmten Rheinstroms Urquellen, oder dessen Ursprung betrift, welcher von einigen für doppelt, von andern für drey= und noch von andern für vierfach gehalten wird ((Anm.: von wieder anderen gar für hundert- oder tausendfach, auch für garnicht genau benennbar, für wechsel- und lückenhaft, sowie für spekulativ (wer bitte hat den Rhein mit eigenen Augen wo genau entspringen sehen? Rheinsein freut sich über Augenzeugenberichte!), jedenfalls aber so gut wie immer, auch wenn keine Belege für Quelltempel existieren, für heilig, kräftig, besonders.)); So entspringet derselbe in dem hohen und unzugänglichen Alpengebürge (*) bey den alten Räthiern oder den heutigen Graubündtnern, auf demjenigen Gebürge, so Cäsar / Strabo und Ptolomäus / Adula, die neuern Schriftsteller den Vogel heissen (Anm.: die allerneuesten grübeln noch über weiteren Poetisierungen); heutiges Tags aber von den dasigen Einwohnern der Sanct Gotthardsberg genennet wird, vielleicht dem Hildesheimischen Bischof Sanct Gotthard zu Ehren, welcher im Jahr 1131. vom Pabst Innocentius dem II. canonisiret ward. Insgemein werden von den meisten nur zwey Hauptquellen angegeben, welche der hintere und vordere Rhein genennet werden. (Anm.: auf diese Weise setzen sich Meinungen fest, werden mögliche Irrtümer canonisieret, dh eingeebnet in Zeitgeist, der Ableger wirft, “das Recht des Stärkeren”, auch wenn den Quellpilgernden das trügerische Gefühl für die Bergwässer eines Komplexeren, im Fluß befindlicheren lehrt.) Der eine Arm davon, so der Vorderrhein oder Oberrhein / lateinisch Rhenus Anterior, heißt, quillt auf dem Gipfel des Crispaltenberges aus einem steinharten Felsen ganz nahe bey den unersteiglichsten Alpen des Gotthardsbergs und der Urslerischen Einöde hervor, ohngefehr drey Meilen von dem Ursprunge der Rhone und zweene von der Gegend des Rheinwalds. Der besondere Theil des Bergs, wo dieser Fluß entspringt, wird von den Einwohnern Cima del Badur (Anm.: und nicht etwa: Lai da Tuma! Oder etwa doch?) genannt. Allda vermischen sich bald hier und dar andere Bergwasser mit diesem Rheinarm, als welche aus den Alpen Mugels und Cornera hervorkommen. Es fliesset dieser vordere Rhein von dannen zu erst auf die Dörfer Chiamuth / Juf / Sanct Jacob / Sanct Anna (Anm.: von welchen, auch nachfolgenden Heiligenfleckchen auf Google Maps nix mehr übrig ist) und zum Flecken Tavetsch / lateinisch Aeruarium benannt, welcher Ort von lauter welschen Graubündtnern bewohnet wird. Nachdem er von dannen zweene Meilen zurück geleget hat, und bis dahin Nordostwärts geflossen ist, richtet er seinen Lauf gegen Osten auf Sanct Agatha / und an dem Kloster Dissentis vorbey.

(*) Alpen, ist ein celtisches Wort, welches soviel als Weydberge heisset, weil sie nämlich den alten Celten größten theils als Viehweyde dienen musten. Es bestehen aber dieselben aus einem erschrecklich hohen, breiten, und langen, dabey fruchtbaren Gebürge, das Italien, Frankreich und Ungarn von Deutschland scheidet (Anm.: zu Dielhelms Zeit allesamt führende Fußballnationen). Ihre oberste Gipfel sind die meiste Zeit mit Schnee bedeckt, und es erstreckt sich ihre Länge von dem Ligustischen / oder Genuesischen Meer über 150. Meilen in einer Reihe fort bis Thracien. Während dieser ihrer Länge bekommen sie der Lage nach unterschiedliche Namen und werden eingetheilet 1) in Alpes Maritimas, oder Meeralpen, bey der mittelländischen See, und der Genuesischen Stadt Savona (Anm.: Erinnerung an halluzinatorische Begebenheiten zwischen exakt jenen Alpen und dem Mittelmeer ca im Sommer 1988, als zwischen sehr vielen schlaflosen Stunden besagtes Savona ans Rotieren und Taumeln geriet, sich aber wieder fing und dennoch irgendwie anders dastand, aus dem Boden brachen damals deutschsprechende, in fatalistischem Chic gekleidete Damen mit fürchterlichen, sich im sonnendurchweichten Panorama lösenden Kriegserinnerungen), 2) in Alpes Cotties, oder Cottianas, das ist, Cottische Alpen, die Piemont von Dauphin scheiden; 3) in Alpes Grajas, oder Griechische Alpen, so Savoyen vom Thal Aosta absondert; 4) in Alpes Penninas, Apenninas, oder Penninische / so Mayland von Savoyen und Ober=Wallis abtheilen; 5) in Alpes Summas, oder höchste Alpen / so die Schweitz vom Mayländischen trennen, und unter allen die höchsten und eigentlich diejenigen sind, daraus der Rhein seinen Ursprung hat; in Alpes Lepontinas, oder Lepontinische und 7) in Alpes Rheticas, oder Rhätische Alpen / welche Mayland von der Schweitz und Graubündten unterscheiden; 8) (Anm.: etc. etc.)”

Rheinelefant

Aus der Abteilung Zwischen- und Mischwesen, säuberlich protokolliert von Dielhelm, der selber allmählich mystische Gestalt annimmt: “Andere Merkwürdigkeiten der Naturgeschichte hat man in Gestalt verschiedener Glieder von fremden und ungeheuren grossen Thieren aus dem Grunde des Rheins hervorgebracht und gehören insonderheit dahin zweene grosse Fischzähne, welche in der Pfalz bei Roxheim in der Nachbarschaft von Worms / von den Fischern herausgezogen und von D. Joh. Pincer an den Grafen von Solms geschickt worden, der sie in dem Schloß zu Lich an einer eisernen Kette aufhängen lassen. Es waren solches Backenzähne, die sich in viele Wurzeln vertheilten und noch in einem Stücke des oberen Kienbackens fest sassen. Der Doct. Pincer will an jetzt gedachtem Kienbacken zwey grosse Löcher oder Röhren beobachtet haben, durch welche der Fisch das eingeschluckte Wasser wieder in die Höhe geworfen habe. Allein, weil er selbst gestehet, daß diese Röhren nicht mehr ganz gewesen, so kan es wohl seyn, daß sie dasjenige nicht waren, wofür man sie angesehen, und daß besagte Backenzähne eigentlich einem Elephanten zuzuschreiben sind. Wie man denn von diesem Thier hier und dar um selbige Gegenden im Rhein Gliedmassen gefunden hat. Bey dem Apothecker Gmelin in Tübingen befindet sich auch noch ein Unterkiefer eines Elephanten, der zwey Stunden von Mannheim aus dem Rhein gebracht worden, und dem Unicornu fossili gleichet. Er ist sehr mörb und wiegt fünf und dreysig Pfund. Ein dabei gefundenes Horn ist ganz porös oder löchericht, und mithin leicht, dergestalt, daß es nur achthalb Pfund wiegt, ob es gleich eine Länge von ohngefehr zwey Schuhen hat.” Es geht noch ein wenig weiter mit der Beschreibung eines Elefantenschädels aus dem Neckar unter Zuhilfenahme veterinärmedizinischer Fachtermini. In Dielhelms spätbarockem Bericht steckt, trotz wissenschaftlicher Ansätze, die ganze Ungeheuerlichkeit einer vergessenen Spezies. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang unbedingt auf Andreas Louis Seyerleins Seeelefantenforschungen resp. -betrachtungen, die zwar (noch) keinen direkten Bezug zwischen Seeelefanten und Rheinelefanten nachweisen, der Wunderlichkeit des Wesens an sich jedoch hier und an weiteren Stellen in Seyerleins unikem Blog particles in hohem poetischen Maße gerecht werden.

Rheinische Wildschweinjagd

Barocke und moderne Jagdmethoden, dh ein weiteres Juwel aus dem Antiquarius vs. zeitgenössischer Pressebericht, jeweils zum raren Thema Wildschweinjagd am und auf dem Wasser: „Im Breißgau und sonderlich in den morastigen Gegenden des Rheins giebt es viele wilde Schweine, die sich stark allda aufzuhalten pflegen, und ehedessen sehr schwer herauszubringen waren, bis man endlich vor etlichen Jahren auf das Mittel gerathen ist, daß man auf derjenigen Seite, wo der Wind herkommt, an zehen bis zwölf Stangen, die etwas weit von einander stehen, Schwefel anzündet, indessen daß sich die Schützen und Jäger auf der gegen über liegenden Seite mit ihrem Gewehr anstellen. Weil nun die Schweine diesen Geruch nicht vertragen können, so wollen sie sich davon entfernen, und auf der andern Seite des Morastes herausbrechen, da sie denn ihren Feinden also in den Schuß kommen. Sonst haben die Bauern in selbiger Gegend auch noch eine andere Jagd, wobey es gar still zugehet. Sie wissen nämlich, daß die wilden Schweine öfters des Nachts über den Rhein schwimmen, daher lauren sie mit ihren Nachen im Strom auf, heben sie mit den hindern Beinen in die Höhe, daß sie mit dem Kopf untertauchen und ersaufen müssen, worauf sie das Wildpret in ihre Kähne oder Nachen bringen, und ans Ufer schleppen.“ Hingegen berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger vom November 2008: “Auf der Flucht vor Jägern hat sich (…) in Koblenz ein Wildschwein durch einen Sprung in den Rhein gerettet. Nach Angaben der Polizei durchquerte die Wildsau zügig den Fluss und entkam so den Polizisten, die bereits Maschinenpistolen für die Treibjagd bereitgestellt hatten. Auf der anderen Seite des Ufers wurde das Tier von mehreren Streifenwagen empfangen. Die Beamten sicherten den Verkehr und blieben dem Wildschwein auf den Fersen, bis es schließlich in den Wald zurückkehrte.”

Rheinfische (2)

Gefunden im Vorbericht des Rheinischen Antiquarius: „Es hegt sonst dieser Strom allerhand Arten von Fischen in großem Ueberfluß, und man fängt darinnen unter andern leckerhaften Gattungen die wohlschmeckende Salmen / welche, wenn sie im Frühling aus der See, allwo sie klein und mager sind, heraufkommen, Lachse / hernach aber, wenn sie sich gegen den Herbst zu nach dem Meer wieder zuruckbegeben, erst Salmen genennet werden. So bald diese Fische in den Rheinstrom einlauffen, nehmen sie auch zu, und je höher sie steigen, je größer und zärter pflegen sie zu werden, so, daß ein Cöllnischer Lachs vor einem Dordrechtischen, und ein Maynzer vor einem Cöllnischen leicht zu erkennen, diesen allen aber ein Baßler vorzuziehen ist. Auch sind die Rheinstöre nicht unbekannt. Wie denn Marquart Freher schreibt, daß diese in der Pfalz nur auf die Fürstentafel gehörten. Zu Rom wurden diese Störe, welche man zu latein Acipenseres nennet, ehemals als eine sehr seltsame, dabey aber kostbare Speise, wie Athenäus und Macrobius bezeugen, nicht anders, als im Gepränge mit Pfeiffen und Kränzen auf die Kayserliche Tafel getragen. Sie werden sonderlich in Holland ohngefehr vom ersten April an, ein ganzes viertel Jahr hindurch, so häufig gefangen, daß man sie theils in Pückel schlägt und einsalzt, theils frisch an nahgelegene Nationen, insonderheit nach Engelland, verhandelt. Wenn der große Störfang aufhört, so geht es nochmals das ganze Jahr hindurch über die kleinen Störgen her, welche so schmackhaft sind, daß auch die Italiäner, wie ein gewisser Verfasser meldet, die Finger darnach lecken. Nebst diesen liefert der Rhein noch viele niedliche Fische auf der reichen Leute Tafel, worunter die namhaftesten zweyerley Arten Neunaugen sind, die man eingemacht in Deutschland Bricken und in Holland Muräl nennet. Die erste Art davon ist sehr groß und schön, die andere klein, nichts destoweniger aber von gutem Geschmack. Eigene Arten Rheinfische sind die stachelichten Hechte / die herrlichen Rheinkarpfen / deren einige mehrmalen wohl bey zwanzig Pfund schwer gefangen worden; ferner die gar großen, mittelmäßigen und kleinen köstlichen Barben oder Rothbärte, die starken und großen Aale, die Forellen / Schwalen, Weißfische, Bersing oder Persen / Nößling / Aalruppen, Schleyen / Grundeln, Kressen / Kroppen / Bißgurren oder Meergrundeln, Stinden / Zauen, u. d. gl. Aeschen oder Aschen hat der Rheinstrom sehr wenige, und zwar daher, weil diese Fische lieber in harten, frischen und felsigten Wassern gehen, so kalt sind und aus hohen Felsengebürgen herab fliessen. Dieweil auch dieser Fisch das ganze Jahr hindurch gesund und gut zu speisen ist; So soll daher das Sprüchwort von ihm entsprungen seyn: Der Aesch ist ein Rheingraf.“ Soweit der Antiquarius, der weiters von kommenden und gehenden Krebsen im Rhein berichtet, von Bibern und Fischottern, Schildkröten und sogar verirrten Wunderfischen aus weit entlegenen Meeren, auch Seehunde (die nicht etwa “Roggen oder Eyergen” legen, sondern anlande Welpen werfen, welche im Safte ihrer Jugend ein Achttagegeheul starten) und junge Meerschweine werden als Flußbewohner verzeichnet, bevor Dielhelm aufs rheinische Federwildbret kommt.

Rheinmägen

Weise Vorausschau ist oft Rückschau, z.B. in den Rheinischen Antiquarius von Dielhelm, der sich bei Google Books sogar nach einzelnen Suchbegriffen durchforsten läßt. Doch die Suche nach Burg Rolandseck bzw Rolandsbogen zeitigt kein Ergebnis. Vor der Romantik hatten romantische Burgruinen offenbar so etwas wie landschaftlich-kulturhistorischen Müllhaldenstatus und als solche, weit vor der Ära des Trash, noch keinen literarischen Mehrwert. Immerhin gibt es ein paar schwungvolle Passagen über die Gegend: „Von Linz rauschet der Rhein fort auf Rheinmägen, Rymagen oder Rimögen, einen Flecken so unter andern zu den jülichischen Landen gerechnet wird. Er liegt gleich unterhalb Zinzig auf einem Hügel am Rhein, und wie M. Freher in Orig. Palat. Part II. C. 8. p. 32. berichtet, soll Rheinmägen oder Regiomagum mit der Zeit auf verketzerte Art Regiomagium seyn genennet worden. Desgleichen sagt man, daß bey diesem Städtgen noch verschiedene alte römische Ueberbleibsel an Häusern, Steinen und Säulen mit unterschiedlichen Figuren gezieret hin und wieder zu sehen wären. Es werden auch von den Einwohnern noch allerhand guldene und eherne Münzen, so allda gefunden worden, ausgewiesen, wie erwähnter Freher berichtet. Das Kloster bey diesem Orte steht auf einem Felsen, und ist mit vier starken Thürnen versehen. Dieses Rheinmägen hält auch zwey Märkte, den ersten montags nach Oculi, und den zweyten auf St. Barbarä. Gleich unterhalb Rheinmägen am Rhein liegt der sogenante St. Apollinarisberg, auf welchem im Kloster das Haupt gedachten Heiligen verwahret wird, welches, der Catholiken Vorgeben nach, wider die fallende Seuche helfen soll. Nebst diesem wird auch der S. Chuno, so Bischof zu Regenspurg und Abt zu Siegeberg gewesen, darinnen verehret. Bey diesem Orte zwischen dem Gebürge heißt man es in der Arsbrücke, welches ein schlimmer und gefährlicher Paß ist. Von Rheinmägen begiebt sich der Rhein auf das ohnweit von dannen liegende churcölnische Städtgen Erpel, allwo zu oberst auf dem Berge das Hochgerichte zu sehen ist. So dann benätzet er das auf einer Insel gelegene Nonnenkloster Nonnenwerth, cisterzienser Ordens, und ohnweit diesem das churcölnische Städtgen Unkel, von dem weiter nichts merkwürdiges zu melden ist, als daß sich unterhalb demselben im Rhein ein Felsen zeigt, auf welchen oftermals ein in einer lustigen Gesellschaft munterer Reisender vornen aus dem Schif springt, ein Glaswein auf Gesundheit der Reisegefehrten darauf ausleeret, und sodann hinten ins Schif wieder hineinsteigt. Es wird dieser Felsen von der Stadt, weil er nahe dabeyliegt, gemeiniglich der Unkelstein benamet.“ Marquard Frehers Origines Palatinae allerdings sind leider nicht verfügbar.

Tulla – der Herkules vom Oberrhein

Von Dielhelms Listen beeinflußt zeigt sich Paul Hübner in seiner Passage über den Oberrheinbegradiger Johann Gottfried Tulla, dessen nachhaltiges Werk die Landschaft zwischen Basel und Mannheim bis heute prägt: „(…) Kein Herkules hat fertiggebracht, was Tulla in seinem Lebenswerk gelungen ist. Ohne die heutigen technischen Mittel hat er den Oberrhein in seinem Lauf fast um die Hälfte verkürzt und ihn gezwungen, in einem festen Bett, nicht mehr nach Belieben, durch den oberrheinischen Graben zu fließen. Ein karges Leben führte der für seine Verdienste nur gering besoldete Junggeselle Tulla. Als er als Hauptmann zum Oberingenieur ernannt wurde, erhielt er als jährliche Besoldung: fünfhundert Gulden Geld, acht Malter Korn, sechzehn Malter Dinkel, zwei Malter Gerste, fünfzehn Malter Hafer, sechsunddreißig Zentner Heu, hundert Bund Stroh, zwölf Ohm Wein erster Klasse, zwei Klafter Buchen- und zwei Klafter Tannenholz.“ Das hätte ich gern mal auf heutige Verhältnisse gebracht. Die Wichtigkeit des Sprits. Für Mensch, Tier, Gefährt. Tulla selbst schrieb zu seinem Projekt, das zwischen 1817 und 1876 umgesetzt wurde: „Wird der Rhein rektifiziert, so wird alles längs diesem Strom anders werden, der Mut und die Tätigkeit der Rheinuferbewohner wird in dem Verhältnisse steigen, in welchem ihre Wohnungen, ihre Güter und der Ertrag mehr geschützt sein werden. Das Klima längs des Rheins wird durch die Verdunstung der Wasserfläche auf beinahe ein Drittel, durch das Verschwinden der Sümpfe und die damit im Verhältnis stehende Verminderung der Nebel wärmer und angenehmer und die Luft reiner werden.“ Wo jetzt das Paradies liegt, lag einst die Hölle? Der in seiner Behäbigkeit so fleißige und tapfere Badener von heute einst nichts weiter als ein fauler mutloser Sack in den Sümpfen? Tullas Geburtsstadt Karlsruhe, in der sein Name allgegenwärtig ist, wirbt immerhin mit dem anspielungsreichen Claim: „Viel vor. Viel dahinter.“ Beigesetzt wurde Tulla auf dem Cimetière de Montmartre, wo auch Heines Überreste rotten und Wikipedia und Hübner sind sich nicht ganz einig darüber, was auf seinem Grabstein zu sehen ist: „Sein Grabstein zeigt das so genannte Altriper Eck, einen der technisch schwierigsten Abschnitte der Rheinbegradigung nahe dem pfälzischen Dorf Altrip.“ (Wikipedia) „Auf seinem Grabstein ist ein aufgerollter Rheinplan mit dem ursprünglichen Lauf und der neuen Linie abgebildet.“ (Hübner) Vielleicht wurde aber auch der Grabstein zwischen den Quellenlagen ausgetauscht.