Anna Dreisam

Tausend Meilen geradeaus. Dortnah, wo Rettung harrt. Vorbei an ruckhafter Welt. (Das ferne, aber beständige, dadurch unterschwellig vorhandene Rattern der Spielstände im Wettbüro.) Tulla, tulla, tullalah aufn Lippen: geducktes und gestrecktes Graureiherensemble, skulptural. Anhebendes Verkehrsrauschen. Beeren platzen, Laub, das fällt. Staren zetern in den Schrebern. Rektifiziertes Flutgemurmel. Treppab, treppab, plätscherts, der Rettung entgegen. Freiburg fährt Rad. Zwischen Bundesstraße und Autobahn. Vergreiste Studentenvisagen, baskenbemützt, „obbedruff stehts Zipfele“ (die „Heinrich Böll-Klitoris“ (Bdolf)). Unvermittelt aus betongefaßtem Loch, stadtherwärts: Schwall Maggiwürze. Singen soll. Singen soll total danach riechen. Einer schreit, nah am Wahn: „bin noch mit Rücktritt aufgewachsen! Glotz net so! Am Fahrrad der Rücktritt, du Laus!“ (Könnese des Würschtle bitte grad zsammelege?) Aus blau schillernden Fenstern dringt Punkrock, hocken sie bei Spieleabenden über Sigillenmagie, picheln ordentlich was weg. Obstlermuff. Aus dem Mond schwirren eiernde Lebensräder, über die geflochten unsre Ahnen dunkel käuzchenrufen. Aufs Trottoir hinschlagende Damen („ich hab mein Traumgwicht längscht überschritte, 80 Kilo, un jedes Pfund hett Geld koschtet“). Machen sich nicht verrückt. Das Alter. In den stillgelegten Erdbeerfeldern huscht (?) was (?), bläht (?), pudelführend stöckelt sie einher in Leopardenfellimitat, raucht schlanke Ladyzarette: die Vorgabe für den Satz: „so Typen finsse echt in jeder deutschen Drissstadt, eh, guck dich domma um!“ Gelehrtengrafito: Mein Name sei Unterbrücken. Tauben. (Glossiert: Du wünschst, Du hießest Tauben, wärest gern derer ein Schwarm? Nein! Allein solche Wünsche haben zu wollen, ist bei Dir nichts als linksakademische Verblendung. Dein Penner.) Ausm blau schillernden Flüßchen dringt Psycho-TV. Hallo, Herr Lang, hasch du mal en Moment, dann mach ichs Beutele. Und wenn er den Moment nicht hat, der Herr Lang? Keine Frage: machen sie sich nicht verrückt. Gilts halt, den Momenthaufen wegzuschippen. Es gibt selbst im Alter immer noch so viel Lebensqualität zu genießen. Ausm blau schillernden Mond dringt eine wohlbekannte Melodie. Die Birnen hangen tief über der Grasnarbe. Guak, tunkt Ente ihrn vorlauten Schnabel ins heilignüchterne Wasser. Im Garten hat sich ein Werwolf vergraben, gleich unter der Petunienschaukel.

Die Lee(h)re der Flüsse

Derzeit schwimmt der Musiker und Dichter Heinz Ratz durch verschiedene deutsche Flüsse, auch den Rhein. In insgesamt 52 Städten gibt er von Mai bis August 2009, gemeinsam mit bekannten Künstlern, Konzerte zugunsten von regionalen Artenschutzprojekten. Heinz schreibt auf seiner Website www.flussprojekt.de:
„Der Rhein ist mit einer Länge von 1324 km der längste Nordseezufluss. Seine Quellen in den Schweizer Alpen werden ganzjährig durch Gletscherwasser gespeist. Zusammen mit seinen Nebenflüssen hat der Rhein ein Einzugsgebiet von fast 200.000 Quadratkilometern. Sagen und Mythen ranken sich um den Rhein und seine Landschaft – so ist die Loreley überall in Deutschland bekannt. Legendär ist auch die Rheinkorrektur nach Tulla – dabei wurde der Rhein mit Durchstichen verkürzt, um die Bedingungen für die Schifffahrt zu verbessern, anliegende Flächen besser nutzen zu können und die Hochwassergefahr zu bannen. Anfangs wurden die Errungenschaften dieser Ingenieurkunst enthusiastisch gefeiert. Erst nach und nach wurden auch die Nachteile sichtbar: typische Lebensräume wie Auwälder verschwanden fast völlig, die Hochwassergefahr für die Unterlieger nahm deutlich zu. An einigen Stellen hat sich der Rhein inzwischen bis 15 Meter eingetieft, die Grundwasserstände sind drastisch gesunken – die ehemaligen artenreichen Auen sind zu trockenen Nadelwäldern verkommen und selbst der Landwirtschaft fehlt das Wasser.
Während die Fischfauna in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit nur etwa 30 Arten stark dezimiert war, können inzwischen wieder mehr als 60 Fischarten nachgewiesen werden.
Der intensive Ausbau der Abwasserreinigung, gezielte Besatzmaßnahmen und der Bau von Fischwanderhilfen zeigten erste erfreuliche Ergebnisse: seit mehreren Jahren kann der ursprünglich im Rhein heimische Lachs (früher wegen seiner großen Bestände Nahrung für Arme und Dienstboten!) wieder bis in den Oberrhein und in die Nebenflüsse aufsteigen und dort laichen. (…)
1986 führte der Eintrag von etwa 20 Tonnen Giftstoffen aus dem Brand einer Chemieanlage von Sandoz in Basel mit dem Löschwasser zu einem massiven Fischsterben über Hunderte von Kilometern. Im Ergebnis hat der Gewässerschutz am Rhein einen höheren Stellenwert bekommen. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) bestand zwar schon vorher, aber erst durch den öffentlichen Druck bekam sie größere Bedeutung und wurde in der Folge auch Vorbild für weitere Flussschutzkommissionen.
Der Rhein ist eine der meistbefahrenen „Wasserstraßen“ der Welt – über die Rheinhäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen (ARA-Häfen) wird ein großer Teil der Güter umgeschlagen, die die Beneluxstaaten, Frankreich, Deutschland und die Schweiz erreichen sollen. Schiffbar ist der Rhein bis Basel, der untere Teil – ab der Staustufe Iffezheim (oberhalb von Karlsruhe) blieb trotz intensiver wasserbaulicher Eingriffe frei von Staustufen. In der sog. „Gebirgsstrecke“ zwischen Bingen und Koblenz (mit den früher berüchtigten Schifffahrtshindernissen an der „Loreley“) treten daher deutliche Niedrigwasserphasen auf. An vielen Stellen wurde der Rhein mit hohem Aufwand verbaut – Spundwände und Schotterungen am Ufer und teilweise sogar Betonierungen der Sohle haben ihn streckenweise in einen naturfernen Zustand versetzt.
Wie sich z.B. im Trockenjahr 2003 gezeigt hat, werden sich Schifffahrt und Natur im Zuge des Klimawandels zunehmend auf extreme Pegelstände einstellen müssen. In Niedrigwasserphasen gerät der Fluss durch den Wärmeeintrag aus Kraftwerken und Industrie an seine Belastungsgrenzen. Der zunehmende Wärmestress tritt möglicherweise an die Stelle von früheren Katastrophen wie z.B. dem Unfall in der Chemieanlage in Basel.
Auch heute noch besteht in der viel befahrenen Wasserstraße allerdings stets auch das Risiko der Havarie eines mit Gefahrgut oder Mineralöl beladenen Schiffes, so wurde z.B. am 25. 02. 2009 ein Öltanker bei Königswinter von einem Containerschiff gerammt. Nur knapp entging der Rhein dabei einer Katastrophe: der Tanker war zum Glück fast unbeladen.
Die Wasserwirtschaftsverwaltungen versuchen am gesamten Flusslauf Überschwemmungsraum zurückzugewinnen – vor allem zugunsten von durch Hochwasser gefährdeten Millionenstädten wie Köln. Zum Teil werden hierzu (problematische) Polder, d.h. Becken, in die Hochwasser geleitet wird, angelegt; zum Teil entstehen aber auch wertvolle Aueflächen mit der vollen Niedrig- und Hochwasserdynamik neu. (…)“

Heinz schwimmt im Rhein:
am 25.05.09 (Karlsruhe / Konzert im Jubez)
am 06.06.09 (Köln / Konzert im Underground)
am 07.06.09 (Bonn / Konzert im Pantheon)

Tulla – der Herkules vom Oberrhein

Von Dielhelms Listen beeinflußt zeigt sich Paul Hübner in seiner Passage über den Oberrheinbegradiger Johann Gottfried Tulla, dessen nachhaltiges Werk die Landschaft zwischen Basel und Mannheim bis heute prägt: „(…) Kein Herkules hat fertiggebracht, was Tulla in seinem Lebenswerk gelungen ist. Ohne die heutigen technischen Mittel hat er den Oberrhein in seinem Lauf fast um die Hälfte verkürzt und ihn gezwungen, in einem festen Bett, nicht mehr nach Belieben, durch den oberrheinischen Graben zu fließen. Ein karges Leben führte der für seine Verdienste nur gering besoldete Junggeselle Tulla. Als er als Hauptmann zum Oberingenieur ernannt wurde, erhielt er als jährliche Besoldung: fünfhundert Gulden Geld, acht Malter Korn, sechzehn Malter Dinkel, zwei Malter Gerste, fünfzehn Malter Hafer, sechsunddreißig Zentner Heu, hundert Bund Stroh, zwölf Ohm Wein erster Klasse, zwei Klafter Buchen- und zwei Klafter Tannenholz.“ Das hätte ich gern mal auf heutige Verhältnisse gebracht. Die Wichtigkeit des Sprits. Für Mensch, Tier, Gefährt. Tulla selbst schrieb zu seinem Projekt, das zwischen 1817 und 1876 umgesetzt wurde: „Wird der Rhein rektifiziert, so wird alles längs diesem Strom anders werden, der Mut und die Tätigkeit der Rheinuferbewohner wird in dem Verhältnisse steigen, in welchem ihre Wohnungen, ihre Güter und der Ertrag mehr geschützt sein werden. Das Klima längs des Rheins wird durch die Verdunstung der Wasserfläche auf beinahe ein Drittel, durch das Verschwinden der Sümpfe und die damit im Verhältnis stehende Verminderung der Nebel wärmer und angenehmer und die Luft reiner werden.“ Wo jetzt das Paradies liegt, lag einst die Hölle? Der in seiner Behäbigkeit so fleißige und tapfere Badener von heute einst nichts weiter als ein fauler mutloser Sack in den Sümpfen? Tullas Geburtsstadt Karlsruhe, in der sein Name allgegenwärtig ist, wirbt immerhin mit dem anspielungsreichen Claim: „Viel vor. Viel dahinter.“ Beigesetzt wurde Tulla auf dem Cimetière de Montmartre, wo auch Heines Überreste rotten und Wikipedia und Hübner sind sich nicht ganz einig darüber, was auf seinem Grabstein zu sehen ist: „Sein Grabstein zeigt das so genannte Altriper Eck, einen der technisch schwierigsten Abschnitte der Rheinbegradigung nahe dem pfälzischen Dorf Altrip.“ (Wikipedia) „Auf seinem Grabstein ist ein aufgerollter Rheinplan mit dem ursprünglichen Lauf und der neuen Linie abgebildet.“ (Hübner) Vielleicht wurde aber auch der Grabstein zwischen den Quellenlagen ausgetauscht.

Karlsruhe und Umgebung (2)

Bei Rheinkilometer 375 läuft der Strom mit starkem Sog in die Auwälder aus. Schauflug und Schautauchen der Kormorane werden begleitet von Pappelrauschen und silberreinem Rotkehlchensang. Hin und wieder ruft der wilde Kuckuck auf Selbstfindung seinen bezeichnenden Namen durch Gestrüpp und Wipfel. Alt-Dettenheim wurde mitsamt seinen Malariasümpfen im Zuge von Tullas Rheinbegradigung so gut wie ausgelöscht, dh, es besteht noch aus zwei Häusern und einigen ringgebundenen Infotafeln, die von lokalen Fröschen berichten, die sich zur Paarungszeit aus unbekannten Gründen blau verfärben. In Rußheim, das sich im tiefen Tal voll grüner Au hinter einem teichrosenbestandenen Wasserlauf auftut, gibt es eine Herrgottstraße sowie äußerst schmackhafte Himbeer-Zitronenquark-Flechtteilchen, für die sich sicherlich ein schöner Name erfinden ließe, und um Mittag ein plötzliches, fantomartiges Mutterkindaufkommen, das die leergefegten, in eine trügerische Staubdunstschicht gehüllten Straßen für einen halluzinatorischen Moment belebt. Ein somnambuler Flecken, ganz und gar kontrolliert von seiner zeitlupenhaft tickenden, einzig aufs Unterbewußtsein wirkenden Kirchturmuhr. Und auch ich gerate in diesen Rußheimer Zeitstrudel, der sich ganz in der Nähe sogar zu einem Bunkermuseum verdickt, dh in seine abnehmende Quirlbewegung, die auf Stocken und Verharren weist, Speyer werde ich aufgrund dieser Verzögerung nicht mehr erreichen, ein seltsamer Zwang das Krabbeln der Feuerwanzen zu betrachten trägt dazu bei, auch die empfundene Notwendigkeit die Flugkurven gelegentlich und einzeln anfliegender Insekten zu berechnen, nicht wenige steuern direkt auf meinen Mund; dann geht ein Ruck oder ein Riß durch solche Rußheimsche Gefangenschaft, ich finde mich außerhalb Rußheims auf dem Sattel wieder und den Gießgraben querend erreicht Rheinsein das bereits im Lorscher Codex erwähnte Rheinsheim mit seinem Kleintierzuchtverein, seinen gefallenen Weltkriegshelden, seiner auffälligen Sandstein-Muttergottes-mit-dem-Kind vor der domartigen St. Vitus-Kirche, seinem aus scharfen, unübersichtlichen Kurven dringenden Durchfahrtsstraßenlärm und seinen sacht im Wind wippenden Kastanienblüten. Früher Nachmittag dümpelt über dem Ort, ich suche nach Anzeichen für das nahe Kernkraftwerk Philippsburg, ein paar Anwohner streicheln ihre Autos – nichts Besonderes.