Vadutz (2)

Längere Zeit hielt ich mich und eine meiner Schwestern für die privatisirenden Besitzer von Vadutz, und wir erzählten uns jeden Morgen die Tugenden, welche wir in den Träumen der letzten Nacht an Land und Leuten inkognito ausgeübt hatten. Unsere Verdienste häuften sich dermaßen, daß wir sie in Bataillone eintheilen und außer den Revuen in den Feldbau entlassen mußten. Es reicht hin, wenn ich sage, daß wir die Akazienbäume, den Erdmandel-Caffee, den Schlüsselblumen-Champagner, die Uebung des Körpers durch Tanzen für alle drei christlichen Religionspartheien, das Gichtpapier, die Toleranzpomade, die Beruhigungs-Schawls à 2 fl. 24 kr., die Käppchen aus Freundschaft à 12 kr., die Kuhpocken, die Kunst ein guter Jüngling, ein edles Mädchen zu werden, und Elise, das Weib, wie es seyn soll, und Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird, und die wasserdichten Lobzettel in Vadutz einführten. Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier. Unsre Gnadengeschenke bestanden aus Abschnitten von Zuckerpapier, welches noch die Fußtapfen der darauf gebackenen Bisquits trug. – So machten wir Alles und vor Allem uns höchst glücklich. – Da nun eine Kaiserkrönung nahte und oft von den Reichskleinodien und allerlei Belehnungen gesprochen wurde, dachten wir uns auch Reichskleinodien von Vadutz aus. Wir regierten inkognito, die Kleinodien mußten also versteckt getragen werden. Nie hatte ich etwas blinkenderes gesehen, als die Epaulets eines ungarischen Magnaten, und so verfertigte ich dann aus Goldpapier und allerlei Flittern Achselbänder, als die Reichskleinodien von Vadutz, die ich versteckt unter meiner Weste tragen konnte. Da nun alle Reichskleinodien eine sehr alte Geschichte haben, und ich keine ältere Geschichte von Kleinodien wußte, als daß Abrahams Knecht der Rebecka Armringe angelegt, so ließ ich die Reichskleinodien von Vadutz, die Schulterbänder der Rebecka seyn; und weil die ältern Geschwister, wenn ich mich bei dem Bilder-Anschauen ihnen über die Schultern lehnte, mehrmals gesagt: »du meinst wohl, du seyst der Kaiser, daß du mich belehnen willst?« so nannte ich auch diese Schulterbänder die Lehnskleinode von Vadutz. – Aber kein Glück besteht auf Erden! – und jetzt, liebes Großmütterchen, ist endlich die Zeit gekommen, da ich dich mit dem Ursprung vieler Thränen bekannt machen kann, welche ich aller Welt zum Räthsel vergossen habe. – Ich träumerischer Knabe hielt mich bei der Kaiserkrönung für nichts mehr und nichts weniger, als den verkannten privatisirenden Regenten von Vadutz, und würde es nach jener größten Ungerechtigkeit, daß der Hauptmann von Capernaum noch immer nicht Major geworden ist, für die allergrößte gehalten haben, wenn beim Ritterschlag nach der Frage: “ist kein Dalberg da?” nicht die Frage gefolgt seyn würde: “ist kein edler Dynast von Vadutz da, daß er das Lehnskleinod auf seine Schultern empfange?” – So standen meine Hoffnungen, als nun am Vorabende ihrer Erfüllung mich ein alter Diener des Hauses, Herr Schwab, der Buchhalter, an dessen Originalitäts-Staketen alle Reben, Geisblatt- und Bohnenlauben unsrer Fantasie hinan gerankt waren, enttäuschte. Dieser seltne Mann setzte dem goldnen Kopf bald die Amalia, bald die Liesel (so hießen seine zwei Haarbeutelperücken) über die Frisuren, à la Taubenflügel, Ninon, Sevigné, Rhinozeros, Elephant, Cagliostro, Montgolfier, Heloise, Siegwart, Werther, Titus, Caracalla und Incroyable, ohne irgend eine dieser Pantomimen der Zeit, welche dem goldnen Kopf zugleich durch die Haare fuhren, zu stören. Er beugte sich wie der immer blühende und fruchtende Christbaum einer derben sachlichen Vorzeit über einen gähnenden Abgrund und über den von Seufzern zerrissenen Zaun der Gegenwart bis zu der sehnsüchtigen Jasminlaube der Pfarrerstochter von Taubenheim hin, welche beschäftigt war, den kaum verbleichten himmelblauen Frack Werthers und dessen strohgelbe Beinkleider auf dem Grabe Siegwarts gegen Mottenfraß auszuklopfen und abwechselnd den bei der Urne seiner Geliebten verfrorenen Kapuziner nach den Methoden des Miltenberger Noth- und Hilfbüchleins auf zu thauen, während Karl Moor seine bleichgehärmte Wange an einen Aschenkrug lehnend ihr Mathisons Elegie in den Ruinen eines alten Bergschlosses vorlas und seitwärts ein Verbrecher aus Ehrsucht mit Lida Hand in Hand im Mondenschimmer am Unkenteich Irrlichter weidete und nimmer vergaß, was er alda empfand. – Ein so großes Stück von der Geschichtskarte der Phantasie umfaßte jener Herr Schwab, daß ich wohl sagen kann: in den Zweigen dieses Baumes plauderten noch die Legenden, Gespenstergeschichten und Mährchen in nächtlicher Rockenstube, als schon Lenore ums Morgenroth aus schweren Träumen emporfuhr; – in seinen Zweigen hielten noch die asiatischen Banisen, die Simplizissimi, die Aventüriers, die Felsenbürger, die Robinsonen, die Seeräuber, die Cartouche, die Finanziers und deren Jude, Süß Oppenheimer, Gespräche im Reich der Todten bis tief in die Sternennacht, da unter seinem Schatten Götz von Berlichingen nebst Suite vereint mit Schillers Räubern der Zukunft bereits auf den Dienst lauerten, und dicht neben diesen die heilige Vehme und alle geheimen Ordensritter bis zur Dya-Na-Sore Loge hielten. Es ward ein kunterbunter Polterabend der alten und neuen Zeit unter diesem Baume gefeiert, da wetteiferte Theophrastus Bombastus Paracelsus mit Cagliostro in Theriack und Lebensäther, da lehrten Christian Weisens drei Erznarren den Naturmenschen Basedows Latein aus dem Orbis pictus Comenii, da sperrte der höfliche Schüler den Magister Philotecknos in das Magasin des enfans der Frau von Beaumont, bis er Knigges Umgang mit Menschen auswendig konnte; da deklamirte Pater Cochem aus Eckartshausens “Gott ist die reinste Liebe” und meditirte der Letztere aus des Ersten vier letzten Dingen, da that Siegfried von Lindenberg die genealogische Frage “was thuen die Fürsten von Hohenloh?” und antwortete Hübner: “sie theilen sich in drei Linien.” – Da las Eulenspiegel die Correkturbogen der neuen Heloise und sang Donquixote: “Freude schöner Götterfunken,” und endlich – hier tanzte der Reifrock mit der chemise grecque den Cotillon auf der Hochzeit des Kehrauses bei einem umfassenden Orchester von der alten Laute Scheidlers, der Glasharmonicka und Harfe der blinden Jungfer Paradies, einigen Maultrommeln, Papagenopfeifen und modernen Guitarren. – Ja um den Paradeplatz aller Leistungen unter dem Kommando des Herrn Schwab zu umspannen, reichte kaum das Gespinnst der alten Base Cordula zu, deren reiner Faden doch von dem Taufhemde der Fräulein von Sternheim bis zur Jakobinermüze um die Spule gelaufen war. – Dieser Janus, dieser Proteus, dieser Centaur von Scherz und Ernst, dieser mir ewig theure Herr Schwab also stellte mich bei der Kaiser Krönung sehr ernsthaft zur Rede und ermahnte mich, im Stillen meine Ansprüche auf das Ländchen Vadutz fallen und Gras über diese kahlen Phantasien wachsen zu lassen, wenn ich nicht wolle auf die Mehlwage gesetzt werden, denn unter den vielen bei der Krönung anwesenden Potentaten sey auch ein Fürst Lichtenstein, und dieser sey der wahre Besitzer des Ländchen Vadutz, welches nebst der Herrschaft Schellenberg seit 1719 das Fürstenthum Lichtenstein ausmache. Er ermahne mich im Guten meine seltsamen Prätensionen aufzugeben, denn das Fürstenthum müße jährlich einen Reichsmatrikularanschlag von 19 fl. und 18 Rthl. 60 kr. zu einem Kammerziele bezahlen, da werde es um so schlechter mit meiner Sparbüchse aussehen, als ich ihm ja ohnedies noch 6 kr. Briefporto schuldig sey. – Da diese Ermahnungen mich noch immer nicht zu einem schönen Bilde der Resignation machen konnten, mußte mir der größte Geograph der Familie, den Artikel Vadutz aus Hübners Zeitungslexikon vorlesen, wo Alles Obige gedruckt stand; wobei es mich am tiefsten kränkte, die Lage meiner Ländereien so veröffentlicht zu hören. – Mir war, als einem, dem das Paradies und das Butterbrod mit der fetten Seite auf die Erde gefallen sind. – Aber ich erkannte Alles nicht an – ich hielt mich zäh und kraus und erwiederte: “das Papier ist geduldig und läßt viel auf sich drucken, was darum doch nicht wahr ist.” – Meine Hartnäckigkeit machte den Geographen sehr bedenklich, so daß er mir im Katechismus zeigte, der anerkannten Wahrheit hartnäckig zu wiederstreben, sey eine unverzeihliche Sünde. Das machte mich sehr wirr, und ich war lange Zeit gar traurig, als habe sich das Paradies in meinen Händen in ein goldenes Wart ein Weilchen und ein silbernes Nichtschen in einem niemaligen Büchschen verwandelt. – Da man mich nun oft mit dem Verlust von Vadutz aufzog, und es mir sogar unter den verlornen Sachen im Wochenblättchen vorlas, sagte die Hausfreundin, die Frau Rath mir mitleidig ins Ohr: “Laß dich nicht irr machen, glaub du mir, dein Vadutz ist dein und liegt auf keiner Landkarte, und alle Frankfurter Stadtsoldaten und selbst die Geleitsreiter mit dem Antichrist an der Spitze können dir es nicht wegnehmen; es liegt, wo dein Geist, dein Herz auf die Weide geht;

Wo dein Himmel, ist dein Vadutz,
Ein Land auf Erden ist dir nichts nutz.

Dein Reich ist in den Wolken und nicht von dieser Erde, und so oft es sich mit derselben berührt, wird’s Thränen regnen. – Ich wünsche einen gesegneten Regenbogen. Bis dahin baue deine Feenschlösser nicht auf die schimmernden Höhen unter den Gletschern, denn die Lavinen werden sie verschütten, nicht auf die wandelbaren Herzen der Menschen unter den Klätschern, denn die Launen werden sie verwüsten, nein, baue sie auf die geflügelten Schultern der Fantasie.” – So war mir nun von meiner Herrschaft in Vadutz nichts geblieben, als die Reichskleinodien auf den Schultern der Phantasie, die mir wie Links und Rechts, bald Friede und Freude gaben, als sey ich glücklich wie Salomo, bald so viel Kummer und Hunger, daß ich den Ugolino beneidete. – Endlich aber degradirte sich die Phantasie selbst; weil ich ihr den Abschied nicht geben wollte, riß sie sich die Epaulets vor der Fronte der Philister selbst von den Schultern und warf sie mir und so mit mich sich vor die Füße, nahm achselzuckend all das Meine auf die leichte Achsel und kehrte mir den Rücken, ohne gute Nacht, noch Abschied zu geben oder zu nehmen. – Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. – Da war es ganz um mein Reich geschehen, und meine Trauer zappelte an Widerhacken. So ist die Erfindung der Achselbänder von Vadutz entstanden. – Als ich und meine Betrübniß so herangewachsen, daß die Frau Rath uns nicht mehr Du, sondern Er nannte, sagte sie einstens: “wenn ich Ihn ansehe, geht mir es schier, wie jenem alten General, der sah einmal einen höchst kummervollen Menschen in den Schloßhof hereinschleichen und als dessen elendes Aussehen sein starkes Herz rührte, zeigte er einem Bedienten den Armen und sprach: “prügle er mir den Menschen dort vom Hofe hinweg, denn der Kerl erbarmt mich.” – Steht es denn so gar schlecht mit seinen Ländereien, Er sieht ja drein, als sey der Scepter von Juda gewichen und der Herrscher von seinen Lenden. – Komme Er heute Abend mit mir, es soll Ihm das schönste Spektakel gezeigt werden, das je in Vadutz aufs Tapet gekommen ist.” – Ich gieng mit und ich sah etwas ganz Allerliebstes, nehmlich, ein kleiner Harlekin kroch aus einem Ei und machte die zierlichsten Sprünge. “Nicht wahr,” sprach sie, “das thut seinen Effekt?” – Ich bejahte es, und schrieb nachher ein paar tausend ernsthafter Verse über diese Begebenheit, die du auch kennst. – “Nu,” sagte sie, “ist Ihm das nicht eine saubere Bescherung?” – “Allerdings,” erwiederte ich, “aber sie ist mir nicht beschert, mir gebührt ein Steckenpferd, keine Puppe.” – Da sprach die Frau Rath: “erstens ist es auch keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur, und wenn Er dann so gewiß meint, daß sie Ihm nicht gebühre, so hüte Er sich vor allen Kunstfiguren, denn sie sollen ihm als Ruthen beschert werden, das prophezeihe ich Ihm.” – Sieh, liebes Großmütterchen, da hast du nun auch die Quelle des so oft im Mährchen wiederkehrenden Reims: “Keine Puppe, sondern nur eine schöne Kunstfigur.” – Als ich der Frau Rath sagte: “Wenn der Osterhaas solche Eier legen würde, möchten die Hasen und die Eier gewaltig im Preise steigen,” erwiederte sie: “ja und wenn man mit den Eiern kippte, würde man behutsamer seyn, um dem Harlekin nicht ein Loch in das allerliebste Köpfchen zu stoßen. Hätte nur Wolfgang diesen Harlekin im Ei gekannt, was hätte der für schöne Mährchen von ihm erzählt, denn, wenn er seine Kameraden am Osterfest die Ostereier im Garten suchen ließ, bewirthete er sie immer mit einem ganzen Eierkuchen von Mährchen aus dem großen Weltei, das über dem Brüten zerbrochen, so daß aus dem obern Theil der Schale der Himmel, aus dem untern die Erde entstanden ist.” – Hiemit weißt du nun auch, wie die vielen Eierhändel und Eierorden in das Mährchen kommen, das ist Alles mit dem Harlekin aus dem Weltei gekrochen. – Danke du Gott, daß in der inkompleten Encyklopädie von Krünitz, welche ich aus der Verlassenschaft des erlauchten Salathiel Salaboni, genannt Picktus, Salzgraf von Orbis erstanden habe, unter andern acht und fünfzig Bänden, auch der eilfte und also der Artikel Ei fehlt, sonst würde ich dir noch weit mehr Eierspeisen vorgesetzt haben; – und somit habe ich dir auch eingestanden, woher ich meist Alles habe, was dieses Mährchen so langweilig macht, nehmlich aus Krünitz Encyklopädie, und wer es nicht darin findet, bedenke doch nur, daß alle Exemplare inkomplett sind.  (…)

(Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia)

Rheinbesing

Liguster, (der) des — s, im Plur. ungebräuchlich, oder man sagt die Liguster=Arten oder Bäume, von dem Lat. Ligustrum, ursprünglich der Nahme eines Baumes, Ligustrum vulgare Linn., der in den mehrsten europäischen Ländern wächst, und der besonders im Deutschen, wie es gleich unten berührt werden wird, noch eine Menge anderer Nahmen hat. Unter den letztern sind sonst auch Hartriegel und Rheinweide ziemlich bekannt, und der seel. Krünitz hat Rheinweide oder vielmehr Rainweide wählen wollen, wie man es bey Hartriegel sieht. Da die neueren Botanisten jetzt indessen den Nahmen Liguster vorziehen, der unmittelbar an Ligustrum erinnert, um den ewigen Verwirrungen, die aus der großen Menge der Synonymen entstehen, so viel es seyn kann, ein Ende zu machen: so halte ich es für billig, diesen zu folgen.

Liguster und Ligustrum, welches sich sonst nur auf eine Art bezog, die durch abweichende Kennzeichen von den übrigen Gewächsen getrennt war, und eine eigne Gattung ausmachte, begreift jetzt wenigstens zwey Arten unter sich. Die Gattungs=Charaktere dieser Gewächse sind folgende:
Der Kelch ist einblättrig, röhrenförmig, sehr klein: seine Mündung vierzähnig, aufgerichtet, stumpf.
Die Blumenkrone einblättrig, trichterförmig. Die Röhre walzenförmig, länger als der Kelch. Der Rand derselben viertheilig, offen; die Einschnitte eyförmig.
Die zwey Staubfaden gegenüberstehend, einfach. Die Staubbeutel aufgerichtet, beynahe von der Länge der Blumenkrone.
Der Fruchtknoten rundlich. Der Griffel sehr kurz. Die Narbe zweytheilig, stumpf, etwas dick.
Die Beere kugelförmig, glatt, zweyfächerich.
Linné nennt sie einfächerig, welches aber gegen die Wahrnehmung der neueren Pflanzenforscher ist.
Die Samen 4 an der Zahl, auf der einen Seite erhaben, auf der andern eckig.
Als einen wesentlichen Auszug davon kann man folgenden Charakter ansehen:
Der Kelch vierzähnig. Die Blumenkrone trichterförmig, mit viermahl getheiltem Rande. Die fleischichte Fruchthöhle etwas kugelförmig, zweyfächerig; die Fächerchen zweysamig.

Die Arten sind folgende:
1) Ligustrum vulgare. Gemeiner Liguster. (Auch Rainweide, Rheinweide, Rheinbesing, Rheinbeerbaum, Rheinwunder, Rainwunder, Rheinholz; Hartriegel, weißer Hartriegel, unächter Hartriegel, Zaunriegel, Hartreder, Härtern; Beinweide, Beinholz, Beinhölzle, Beinhülsen, Bauholz, Geisholz, Geißhülsen; Glashülse, Haushülse; Hollholz, Heckholz, Heckenbaum, Kehlholz; Kerngerten, Kiengerten, Kengerten, Kerngerste; Klingertenholz; Mundweide, Röhrweide, Schulweide, spanische Weide, wilde Weide, Zaunweide, Casselische Weide; Weidenhülse, Röhrenhülse, Gaishülse; Grünbaum, Grünselbaum; grüner Faulbaum, Eisenbeerbaum; Gümpelbeerstaude; Tintenbeere, Hundsbeere, Hennebeere, Scheißbeere; Bräunholz, Kehlholz, Mundholz; deutsches Braunheil; Kleinweidenholz, Weinbeinholz. In der Schweitz Chingert, Holländisch Liguster; Rynwilgen; Keelkruid; Mondhout. Dän. Liguster. Schwed. Ligusten. Engl. The common Privet; Prim; Primprint; primeprint. Wälsch. Gwyros; Cwyros. Franz. Troëne commun; Fresillon; Puine blanche. Ital. Ligustro; Rovistico, Ruistico; Otivello. Venet. Conestrela. Bresc. Cambrosen, Camprosel. Span. Alhena; Alhena jermanica. Port. Altena; Alfeneiro; Ligustro. Russ. Schost. Am Terk. Birjutschina. Pohln. Ptasza zab. Böhm. ptacj zoba. Ungr. Faggal-sa; Madar hur. Georg. Kankara. Japan. Ibata.) (…)

(aus: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 1773-1858)

Wellen über Wellen: der ausführliche Rheinfall (mit Meiners) im Krünitz (2)

„Schon eine halbe Stunde Weges vor dem Fall, nähmlich vor der prächtigen Rheinbrücke bey Schafhausen, wird das Bett des Rheins so abschüssig, und der Fluß selbst so reißend, daß alle Schiffe ausgeladen werden müssen. Nahe vor dem großen Sturze aber werden seine Gewässer durch unzählige, theils verborgene, theils hervorragende, Klippen in fürchterliche Strudel und schäumende Wellen zerspalten, bis er endlich von einer Höhe von etwa 75 Schuh an einer steilen, aber unebenen Felswand herunterschießt. Gerade an der Stelle, wo die herabstürzenden Fluthen sich mit dem Flusse wieder vereinigen, steigen zwey Felsen hervor, unter welchen der zweyte der größte, der erste aber, den man von der Zürcher Seite sieht, der kleinste und gebrechlichste ist. Sein Fuß ist durch die Gewalt der Wellen größtentheils verzehrt, und es scheint, als wenn eine jede, ihn von neuem angreifende, Wassersäule denselben umwerfen könnte. Dieser Fels macht, daß man nur einen Theil des Wasserfalls, denjenigen nähmlich, übersehen kann, der zwischen ihm und dem Ufer ist, auf welchem man steht. Dieser Theil ist aber unstreitig der wichtigste, und läßt sich wieder in vier Absätze zerlegen. Beym ersten stürzen die Wellen mit einer solchen Gewalt herab, daß es fast unmöglich ist, mit sterblichen Augen einen stärkern sinnlichen Ausdruck von Kraft zu sehen. Schon von diesem ersten Sturze steigen unaufhörlich Wolken über das obere Bett des Flusses empor, und es ist, als wenn man in die Spitze einer mächtigen Wassersäule hineinsähe, die durch künstliche Triebwerke in die Höhe gehoben, und zuletzt in Nebel und feinen Regen zerstäubt würde. Die drey übrigen Fälle sind weniger hoch, allein die Wuth der Wellen ist gerade da am größten, wo sie sich selbst ausgehöhlt haben. Diese Abgründe werfen ohne Unterlaß Strahlen von milchweißem Wasser und dicke Staubwolken aus, deren Gestalten und Wälzungen eben so mannigfaltig als die der Wellen sind, aus denen sie entstehen, und die sichtbar und langsam dem entgegengesetzten Ufer zugetragen werden.”

„Als wir den Wasserfall von der interessantesten Seite betrachtet hatten, stiegen wir wieder zur obern Laube hinauf, entschlossen uns aber sogleich, uns an das andere Ufer des Rheins übersetzen zu lassen. Wir kletterten einen fast unwegsamen und in der That gefährlichen Fußsteig hinab, der an eine der ersten Stellen führt, wo man ohne Gefahr über den Fluß setzen kann. Gefährlich ist dieser Fußsteig deswegen, weil man gar nichts hat, woran man sich halten kann, und er fast durchgehends mit kleinen, glatten und beweglichen Kieseln bedeckt ist, die bey einem unvorsichtigen Tritte unter dem Fuße verschwinden. Der leichte Kahn, in den wir uns setzten, tanzte auf den Wellen des Flusses, der von seinem gräslichen Falle noch heftige unnatürliche Bewegungen und gleichsam Zuckungen litt. Ich gestehe aufrichtig, daß ich nicht ganz ohne Furcht war, ungeachtet ich mehrmahls viel wildere Wellen und heftigere Bewegungen von Schiffen erfahren hatte. Der Führer unsers Kahns war ein junger Bube, der zwar kurz vorher einen guten Freund glücklich hinübergebracht hatte, von dem ich aber doch nicht wußte, wie geübt er war, und ob er nicht durch eine einzige ungeschickte Bewegung unsern kleinen Nachen umwerfen könnte. Eben dieß konnte auch geschehen, wenn einer von uns sich vor einem unvorhergesehenen Schrecken zu sehr auf die eine oder andre Seite neigte. Die größte Gefahr, in die wir wirklich kamen, hatte ich gar nicht einmahl geahndet, daß wir nähmlich mitten auf dem Strome von einem heftigen Windstoße getroffen werden konnten. Wir erreichten aber glücklich das andere Ufer, und übersahen nun freylich die ganze Breite, und alle Abtheilungen des Wasserfalls mit einem Blick; allein dieß Schauspiel war doch noch mehr neu und seltsam, als groß und Bewunderung erregend, indem man schon zu weit entfernt ist, als daß man die Kraft und Geschwindigkeit der Wellen recht wahrnehmen könnte. Wir gingen in den Drathzug, der im Wasserfalle selbst angelegt ist, und durch die gebändigten Wellen des Rheins getrieben wird. Ungeachtet es regnete, und ich mich durch nasses Gras und Buschwerk durcharbeiten mußte, so stieg ich doch an dem Rande des Katarakts hinab, welchem ich jetzt am nächsten war. Hier ist der Sturz des Wassers immer noch heftig, aber doch so weit unter dem entsetzlichen Falle an der entgegengesetzten Seite, daß ich meine Mühe gar nicht belohnt glaubte. Auf der Rückfahrt sahen wir die Majestät des ganzen Falls viel besser, als von dem Ufer, das wir zuletzt verlassen hatten. Die ganze Scene wurde auf einen Augenblick von der Sonne erleuchtet, durch welche Erleuchtung uns alles viel näher gebracht, und sowohl die weiße Farbe der Wellen und Staubwolken, als die bläulichen und grünlichen Streifen, die man hin und wieder in dem herabstürzenden Wasser sieht, sehr gehoben wurden. Regenbogen sahen wir nicht; allein diese entbehrte ich am leichtesten, weil man sie eben so gut bey künstlichen Cascaden, und doch bey keinem Wasserfalle so schön und prächtig, als am Himmel selbst sehen kann. Auf der Rückfahrt schien es uns immer, als wenn wir dem Wasserfalle viel näher kämen, als wir ihm bey der Abfahrt vom Zürcher Ufer gewesen waren: eine Täuschung, die unstreitig daher entstand, daß wir das ganze furchtbare Schauspiel jetzt gerade vor Augen hatten.”

„Im Anfange oder in der Mitte des Julius, da wir ihn sahen, ist der Fall am schönsten, weil der Rhein alsdann am wasserreichsten ist. Früher schmilzt der Schnee noch nicht recht auf den hohen Gebirgen, und einige Wochen später ist das meiste weggeschmolzen, was sich den letzten Winter von schmelzbarem Schnee gesammelt hat. Im Winter sind alle Seen und Flüsse in der Schweiz am kleinsten, und alsdann ist der Rhein unmittelbar unter dem Falle so ruhig, das man bis an den zweyten und größten Felsen hinanfahren kann, welches jetzt eine durchaus unmögliche Unternehmung wäre. So ungeheuer aber auch die Gewalt des herabstürzenden Stroms und so hoch das Felsenbett ist, von welchem er herunterfällt, so versichern doch glaubwürdige Leute, daß die Lachse es oft versuchen, gegen den Fall hinanzuspringen. Sie sollen gleichsam auf oder an den hervorstehenden Klippen Ruhepunkte nehmen, und zuweilen in mehreren Absätzen das höhere Bett erreichen, öfters aber zurückgetrieben und verwundet, oder gar zerschmettert werden.”

„Wenn man den Rheinfall in der Jahreszeit sieht, worin wir ihn sahen, so muß man nothwendig den Wahn einiger Engländer belachen, welche glaubten und darauf wetteten, daß ein kleines Boot oder Schiff, ohne umgeworfen oder zerschmettert zu werden, auf den herabschießenden Wellen hinuntergleiten könnte. Das Fahrzeug, womit man den seltsamen Versuch anstellte, wurde in so viele Trümmer zerschlagen, daß man in ihnen kaum die Ueberbleibsel eines Kahns erkennen konnte.”

„Viele Reisende sind der Meinung, daß der Rheinfall viel mehr Eindruck haben würde, wenn das Wasser sich nicht an einer schiefen Wand herunterwälzte, sondern von dem obersten Rande einer senkrechten Felswand in den leeren Luftraum fiele, und sich alsdann in Staub oder feine Tropfen auflösete. So viel ich aber urtheilen kann, würde der Rheinfall durch diese gewünschte Verwandlung alles Große verlieren, weil man alsdann nicht mehr die Kraft und Geschwindigkeit des fallenden Flusses bemerken könnte, die jetzt in ein so hohes Erstaunen setzt. Es würde eine zwar kostbare, aber gar nicht unmögliche, oder die Kräfte des Cantons übersteigende Unternehmung seyn, die Felsen im Rheinbette so weit zu sprengen, daß der Fluß schiffbar würde; allein so etwas wird vermuthlich niemahls ausgeführt werden, weil dadurch eine Menge von Personen, die jetzt vom Ein= und Ausladen und dem Transporte der vorbeygehenden Waaren leben, auf einmahl ihre Nahrung verlieren würden.”

(aus: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 1773-1858)

Wellen über Wellen: der ausführliche Rheinfall (mit Meiners) im Krünitz

Rheinfall,
1) ein Fall in dem Rheinstrome, ein Ort, wo sich derselbe in seinem Laufe von einem höheren Orte herunter stürzet, dergleichen Fälle derselbe in der Schweitz mehrere hat, von denen aber der bey Schaffhausen vorzüglich merkwürdig ist, und uns weiterhin noch etwas beschäftigen wird.
2) Ein sehr angenehmer und gesunder Wein, welcher in dem Rheinthale in Graubünden wächst, und auch Velteliner genannt wird, und der eigentlich Rheinvall, von dem Lat. Vallis, Thal, geschrieben werden sollte. — In Friaul, unweit des Schlosses Proseck, wächst ein Wein, welchen man gleichfalls Rheinfall nennt, vielleicht, weil er dem in Graubünden ähnlich ist. Er wird auch Prosecker Wein genannt. Bey den Griechen hieß er Pyctanon, und bey den Römern Vinum Pucinum. Die Alten schätzten ihn sehr hoch, und Julia, August’ s Gemahlinn, schrieb ihm ihr hohes Alter von 82 Jahren zu.

Was den vorhin erwähnten Fall des Rheins bey Schaffhausen betrifft, so verdient dieser große Naturgegenstand, der schon so viele Reisende mit Staunen erfüllt hat, daß wir ihm noch einige Aufmerksamkeit schenken. Meiners hat ihn in seinen Briefen über die Schweitz musterhaft geschildert. „Nachdem wir die berühmte Brücke über den Rhein, die vornehmsten Straßen der Stadt, und die Stadt selbst von der Anhöhe, wo vormahls eine Burg stand, besehen hatten, sagt er, fuhren wir nach dem Rheinfalle, um ihn von der Zürcher Seite zu betrachten. Als wir bey dem Schlosse Laufen ankamen, und auf die erste Laube geführt wurden, wo man dieses Schauspiel der Natur übersieht, erstaunten wir, nicht über die Größe der Erscheinung, sondern darüber, daß sie so weit unter unserer Erwartung war. Wir sahen Ströme von weißem, schäumendem Wasser queer durchs ganze Bett des Flusses herabfallen, und hörten ein heftiges Getöse; allein weder Augen noch Ohren wurden so überrascht, daß wir nicht einen heimlichen Unwillen gegen diejenigen hätten empfinden sollen, die so viele Erwartungen von dem, was wir vor uns sahen, rege gemacht hatten.”

„Als wir aber an dem steilen Ufer des Rheins auf den kleinen hölzernen Treppen zu der Brücke oder hölzernen Gallerie hinabstiegen, die an den Rand, und man kann sagen, in den Katarakt selbst, hineingebaut ist, da hörten und sahen wir Dinge, die unsre Ohren nie gehört, unsre Augen nie gesehen hatten, die keine menschliche Zunge auszusprechen, keine Kunst darzustellen vermag, die endlich solche Empfindungen hervorbringen, von denen man in Lesern oder Hörern nicht einmahl Annäherungen erwecken kann.”

„Ungeachtet wir alle Augenblicke, besonders wenn ein Windstoß die Dünste auf uns zutrieb, mit ganzen Wolken von feinem Staubregen bedeckt wurden; ungeachtet der Boden, auf welchem wir standen, auf eine so furchtbare Art zitterte, als wenn er von heftigen Erdbeben erschüttert würde; ungeachtet wir stets in Gefahr waren, von einem Gewitterschauer überfallen zu werden: so konnte ich mich doch nicht eher losreißen, als bis ich alles genossen und gleichsam erschöpft hatte. In den ersten Augenblicken standen wir voll stummen, anbetenden Erstaunens da, und in der Folge konnten wir uns unsre Bewunderung nur durch Geberden, Mienen und Blicke zu verstehen geben, weil Worte und Geschrei selbst vor dem Donnern des Wasserfalls nicht würden gehört worden seyn.”

„Als ich mich nachgerade von dem ersten betäubenden, nahe an Entsetzen gränzenden, Erstaunen erhohlte, und das, was ich sah und hörte, und die in mir vorgehenden Bewegungen unterscheiden konnte, versuchte ich es, von dem erhabenen Schauspiele, was mich so tief gerührt hatte, gleichsam eine schwache Zeichnung in Worten zu entwerfen, weil ich fühlte, daß, wenn ich es nicht gleich auf der Stelle thäte, ich eine Stunde nachher nicht den hundertsten Theil von dem, was ich jetzt mit meinen Sinnen wahrnahm, mit meiner Phantasie wieder erreichen würde. Allein ich unterlag bald diesem ersten Versuche und fand, daß die Kunst ihre eigenen Werke und auch die schönen Werke der Natur nachahmen könne, daß es ihr aber unmöglich sey, erhabene Gegenstände und Scenen in Worten oder andern Zeichen treu darzustellen, und dasjenige nur einigermaßen auszudrücken, was den Rheinfall zu einer der größten Erscheinungen in der Natur macht. Denn gerade die, eine jede andre sichtbare Bewegung und selbst die Schnelligkeit unsrer Gedanken, übersteigende Geschwindigkeit, womit man unaufhörlich Wellen über Wellen herstürzen sieht, als wenn sie von der Hand des Allmächtigen herabgeschleudert würden, ferner die unglaubliche Kraft, womit diese Wellen die, aus ihrem, schon Jahrtausende geschlagenen, Bett hervorragenden Felsen zersprengen, und sich selbst zernichten zu wollen scheinen; dann die unendliche Mannigfaltigkeit von ganz neuen Tönen, Getösen und Gestalten, womit die Wellen in sich selbst hinein und wieder herausstrudeln; gerade dieses, was am meisten Bewunderung und Erstaunen hervorbringt, läßt sich weder durch Worte, noch durch Zeichnungen, und durch diese noch weniger, als durch jene, ausdrücken. Zwar ist kein Mensch im Stande, in Worten die Größe dessen, was er gesehen hat, nach Würden zu beschreiben; allein man kann doch bemerken, was man nicht auszudrücken vermag, und einigermaßen andeuten, was man dabey empfunden hat. Dieß alles kann der Mahler und Zeichner nicht, und es bleibt ihm weiter nichts übrig, als die umliegende Gegend des Rheinfalls, die Formen der Felsen, von und an welchen der Rhein herabstürtzt, die Gestalt und Farbe der Wellen u. s. w., also nur das, was da seyn könnte, ohne den Rheinfall zu einem so seltenen Phänomen zu machen, in einem verstümmelnden oder doch bis zur Unkenntlichkeit verkleinernden Bilde darzustellen. Auch die glücklichsten Zeichnungen liefern demjenigen, der nicht eben das beobachtete, was der Künstler beobachtet hat, keine treue Darstellung des hinreißenden Schauspiels, sondern nur einen schwachen Schattenriß, der höchstens dazu dienen kann, das, was man vormahls sah, von Zeit zu Zeit aufzufrischen und zu erneuern.” –

(aus: Johann Georg Krünitz, Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft, 1773-1858)