Elegie

An mein Vaterland.

Paris 1785.

Ueber trennende Thäler und Hügel und fluthende Ströme
Leite mich, wehenden Flugs, hohe Begeisterung hin!
Wonne! Dort hebt sich die Kette der eisbepanzerten Alpen,
Meine Locken umweht reinere, himmlische Luft!
Unter mir spiegelt sich Zürich in bläulich versilberten Wassern,
Ihre Mauern bespühlt plätschernd die Wallung des Sees.
Kähne, mit schneidendem Ruder, durchgleiten die schimmernde Fläche,
Von des Traubengestads schrägen Geländern umragt.
Weiter schwebet mein Geist! schon dämmert in schwindlichter Tiefe,
Zwischen Felsen gepreßt, Wallenstadt’s grünlicher See.
Eschen und bräunliche Tannen umdunkeln sein einsames Ufer,
Und im öden Geklüft bauet der Reiger sein Nest.
Schneller wehet mein Flug! Dort schimmern die rhätischen Alpen,
Und wie durch purpurnen Flor leuchtet ihr ewiges Eis.
Vaterland, sei mir gegrüßt! Der hehren Scenen so manche
Steigt in der großen Natur schrecklicher Schönheit empor;
Ragende Felsenzinken mit wolkenumlagerter Spitze,
Welche kein Jäger erklomm, welche kein Adler erflog,
Blendender Gletscher starre, kristallene Wogen mit scharfen
Eisigen Klippen bepflanzt, wo, durch umnebelte Luft,
Schneidenden Zuges, die Gähe hinunter die wälzende Lauwe
Rollet den frostigen Tod; wo im Wirbel des Nords
Und im krachenden Donner der tiefaufberstenden Spalten
Kaltes Entsetzen und Graun lauschende Wandrer ergreift;
Dort die Hirtenthale, von silbernen Bächlein bewässert,
Und vom Schellengeläut’ weidender Kühe durchtönt;
Aecker, wo stachligte Gersten bei bebendem Roggen dahinwogt,
Lichter Haber begrenzt bräunliches Furchengestreif.
Welch’ ein frohes Gemisch! Es sprießen die herrlichen Bilder
Zahllos, wie Blumen im Lenz, vor der Erinnerung Hauch.
Doch, mich weckt das Donnergetöse der spritzenden Räder,
Und des raschen Gespanns dumpfig erklappernder Huf,
Der geschwungenen Geißel Knall, des treibenden Kärrners
Drohender Fluch, und des Markts heiseres Krämergeschrei.
Ha! mich umschlingen weit Luteziens kreuzende Gassen;
Mancher Zauberpalast, voll des Goldes und Grams,
Hebt die thürmenden Giebel, von stockenden Dünsten umbrütet,
Welche mit stumpferem Strahl mühsam die Sonne durchwühlt
Lebet nun wohl, ihr Thäler der Heimath! ihr heiligen Alpen!
Fernher tönt mein Gesang Segen und Frieden Euch zu.
Heil dir und dauernde Freiheit, du Land der Einfalt und Treue!
Deiner Befreier Geist ruh’ auf dir, glückliches Volk!
Bleib’ durch Genügsamkeit reich und groß durch Strenge der Sitten;
Rauh sei, wie Gletscher, dein Muth; kalt, wenn Gefahr dich umblitzt!
Fest, wie Felsengebirge, und stark, wie der donnernde Rheinsturz,
Würdig deiner Natur, würdig der Väter, und frei!

(Johann Gaudenz von Salis-Seewis)

Den Quellen zu

Wiißtsiiwüschp(ch)aatdaßesühsch? Na dann aber mal los! Eh sind die Berge fort, im abendgeschwärzten Regendunst verschwunden. Unterm Regendunst der Regen als hochgradig inszenierter Klassiker, das regenbringtsegenergebene Tal mit seinen elektrischen Leuchtpünktli (seltene Schreibstübli, in denens Licht brennt zu dieser unchristlichen Zeit), klaffende Tastatur der Nacht, die nur mit Benzin vernäht werden kann, auf Chur zu, in einem Tempo, das Salis-Seewis selig gewiß als teuflisch empfunden hätte, Vorgriff auf die Serpentinen überm schnell erreichten Albularhein. Der Mittelstreifen pfeilt gen Himmel. Dorthin! Der Regen wäscht`s Bewußtsein mit Klarol, die Nacht plättet`s hernach mit allergrößtem Selbstverständnis. Am Wegrand, kaum bis garnicht erkennbar, laut Reiseführer aber unbedingt vorhanden: sirpesüffelnde Bartgestalten, flüssige Schatten, unter Felsüberhänge geduckt. Sternäugige Anógl sprühen auf der Hochalp matte Funken, fröhlich fallen die Ohren zu. So wie`s hier schifft, könnte man glatt meinen, der Rhein sei ein heimlicher, regennächtiger Himmelsentspringer, doch dreht sich Regen in Schnee, auf der Höh und kristalliner Basis, kleines alpines Hochsommerwunder und wenn wir fortkommen wollen, müssen wir so lange auf das Klima einschwätzen, bis es weich wird und Taulaune bekommt.