Erinnerung an ein Erlebnis am Rhein

Ja, ja! – Ich weiß. – Du weißt. -
Vor neunundzwanzig Jahren -
Wie zärtlich grün wir waren! -
Damals. – Wie dankbar dreist! -
Und brauchte gar nicht mal am Rhein -
Es konnte irgend anderswo,
Vor schwarzen Mauern und auf Stroh
Gewesen sein. -
Weil wir doch wir, und weil wir so -
So waren. -
Vor neunundzwanzig Jahren.

Weil man nicht suchte, was man fand. -
Nun klingt das rührsam hell
Wie “Ade, du, mein lieb Heimatland”
Aus einem Karussell.

(Joachim Ringelnatz)

Köln von der Bastei gesehen

Es schlägt der Leuchtturm durch die Nacht
Seine unermüdlichen Strahlen.
Es schleichen Schiffe überwacht,
Die lassen sich bezahlen.

Wie Perlenreihen und Geschmeid
Lichtern die Ufer am Rheine.
Ein Mädchen weint ihr Herzeleid
Am Kai auf steile Steine.

Sie trägt ein helles Wiesenkleid
Und steht sonst ganz im Dunkel.
Das Wasser spiegelt kein Herzeleid,
Es spiegelt nur Gefunkel.

Ich rufe schmatzend den Ober herbei.
Er will mich nicht verstehen.
Ich wünsche: Es möchte sich die Bastei
Jetzt karussellartig drehen.

(Joachim Ringelnatz, 1932)

Vom Zitat zur Bestandsaufnahme

Das heute eingegangene Rheinzitat (s. letzter Eintrag) verleitete uns, sofort nachzuschauen wie es in Köln um den Rhein (und somit um Köln) steht. Anders als auf den Winter („Was sind das für weiße Substanzen, die aus dem Himmel niedersinken?“ (Schlagzeile im Kölner Stadt-Anzeiger vor wenigen Wochen)), scheint die Stadt auf den Wasseranstieg gut vorbereitet. Während die abgetauten Wege vor Fäkalien, sonstigem Dreck, Frostlöchern und Granulatadern strotzen, plankt der hochwassernde Strom an sorgfältig errichtete mobile Schutzwände. Das Hochwasser gibt dem Fluß etwas Urstromhaftes zurück. Unterm niedrigen Stand der nachmittäglichen Wintersonne fliehen des vielbesungenen Rheins teilgerippte nichtfarbene Oberflächen, drängen ineinander und speien sich wieder aus, teils das Himmelsblau und den 60erjahremintgrünen Anstrich der Zoobrücke – und was sich sonst noch so im Wasser spiegelt – kauend/verdauend. Das Eilen der Fluten wirkt nicht selbstgenügsam wie sonst, sondern vermittelt den Anschein einer zielgerichteten Flucht, als befürchte der Fluß, seine eigenen Wassermassen könnten am Ende so sehr in die Breite schlagen, daß er sich in ein stehendes Gewässer verwandle. Die Bastei-Statue (nochn Nepomuk?): nun freischwebend überm Wasser wie eine Gallionsfigur bei voller Fahrt. Mit Ringelnatz die Wunschvorstellung, die Bastei möge sich karussellartig drehen, in die Unendlichkeit kreiseln und uns mitnehmen.
Weiter auf dem Fahrrad durch eine graue, fast russisch anmutende Provinzstadt: wäre Köln Berlin, hätten wir in Mauenheim wenigstens den ein oder andern Dichternachbarn, der sich den „Ehrenfelder Chic“ nicht mehr würde leisten können oder mögen. Das Belgische Viertel entspräche dem Neuschwabenland Prenzlauer Berg. Das wunderbare A Lagosta hätte (als erste und einzige Attraktion Mauenheims) nicht dichtmachen müssen, sondern wäre eine für die Medien aufspürenswerte „authentische“ Intellektuellenklause. Die sensationellen Bierpreise und gratis bis günstig gereichten Durchfütterhäppchen (bolinhos de bacalhau) gelangten zu Weltruhm. Es kämen nicht nur zu den sporadisch stattfindenden Fußballweltmeisterschaften Reisebusse voller Angolaner (um Josés Schweinsohrensalat zu verkosten), sondern hippe Jungakademiker mit verrückten Brillen überschwemmten das staubige Veedel, um das art of living der neudeutschen Armut zu checken. „Rotten Cologne“ wär bei sich selbst angekommen, könnte sich innert fuffzig Jahren häuten und zu neuer Blüte aufsteigen. Sogar die Winter würden kreativ empfangen. Aber das alles ist nicht der Fall. Verhalten lächeln stattdessen schwerbemützte junge Mütter hinter winterharten Kinderwagen und hoffen, die allgemeine Trostlosigkeit möge nicht in den Karneval hineinwachsen. Präzisere Vorstellungen zur Zukunft der Stadt sind auch aus der Mitte ihrer Führung kaum zu vernehmen. Eine stille Hoffnung setzen manche auf den Rhein: Köln brauche das Meer, um sich geistig und wirtschaftlich zu regenerieren.