Flaschenpost (4)

„Womöglich war der Sache Ursprung, daß ich als Kunststudent (vor gut 20 Jahren) öfter das Gemälde „Das Narrenschiff“ von Bosch im Louvre betrachtete und in diesem Zusammenhang von Sebastian Brant erfuhr. Das Bild konnte ich also sehen – das Buch lesen jedoch nicht. Denn eine französische Übersetzung war nicht aufzutreiben und der Originalsprache war ich damals noch viel weniger mächtig als heute.
Daß man Träumen keinerlei Glauben schenken sollte: diese Erkenntnis erlangte ich, als ich nach einem Traum den “Leichnam Christi” von Holbein d. J. im oben erwähnten Museum vergeblich zu finden suchte (um das Gemälde mit Dostojewskis Beschreibung zu vergleichen).
Als ich 2006 in Basel zu Besuch war, nutzte ich die Gelegenheit um endlich den Holbein im Kunstmuseum zu sehen und warf danach einen Blick auf Kataloge, Bücher, Postkarten. Ich kaufte zwei Holbein-Postkarten und – siehe da! Zwischen mächtigen, dicken, prachtvollen und dementsprechend teuren Veröffentlichungen lag das kleine Reclambändchen von Brant: nicht in altdeutscher Schrift (die für mich so verständlich ist wie japanische Ideogramme), sondern in lesbaren lateinischen Lettern. Auf Deutsch zwar, aber inzwischen war viel Wasser unter diversen Brücken hingeflossen und die vorherige Sprachbarriere so gut wie überwunden.
Abends nach einem Spaziergang tranken B. und ich ein paar Biere, unterhielten uns und stellten irgendwann fest, daß der Wurf eines Objekts in einen von Süd nach Nord fließenden Fluß zwangslaufig dieses Objekt, da wir im Süden saßen, nach Norden schwimmen lassen würde. Dieser Fluß war der Rhein, die Wahl des potentiellen Empfängers fiel leicht.
Das passende Objekt für das Experiment stand bereits auf dem Tisch: eine leere Bierflasche. Es fehlte nur noch die schwimmenzulassende Botschaft. Brant bot sich natürlich an. Jedoch ist es bekanntermaßen viel einfacher für ein Kamel sich durch ein Nadelöhr zu schwingen, als für ein Buch (sei es nur ein Reclamheft) in eine Flasche Bier zu gelangen. So schrieb ich das Zitat (das ich heute vergessen habe) auf eine der beiden Postkarten, welche ich dann in die leere Pulle beförderte.
Am folgenden Tag, als wir über die Eisenbahnbrücke, die parallel zur Schwarzwaldbrücke verläuft, spazierten, warf ich die zur Flaschenpost beförderte Pulle in den Rhein, und wenn sie bis heute nicht angekommen ist, dann schwimmt sie wahrscheinlich noch.“

Ein (vierteiliger illustrierter) Gastbeitrag von Roland Bergère, von Rheinsein aus dem frz-dt ins virtuell-dt transkribiert. Erwähnte und fotografisch dokumentierte Flaschenpost, die natürlich an (das damals bereits als Geist über dem Wasser schwebende) Rheinsein adressiert war, hat sich inzwischen, und das ist Anlaß für den ganzen Artikel, selbstdigitalisiert und ist solcher Gestalt (oder Pixelifikation) beim Adressaten angelangt. Für diese Wegstrecke benötigte sie gute vier Jahre und womöglich einige Transformationsprozesse, die einst als Vorstufen zwischenweltlichen Beamens betrachtet werden mögen.

Fiebrig durch Konstanz

Kaum in Konstanz angekommen, ergreift uns vom See her ein unruhiges Fieber. Der See, der ja gewölbt ist, 41,5 Meter sagen die einen, 42,5 Meter sagen die andern, zwischen Konstanz und Bregenz, der in seiner Wölbung, über welche die Katamarane gleiten, jedenfalls einiges zu bergen scheint, und nicht nur Gutes, dieser See spricht zu uns, über das Fieber; in seiner allumfassenden Feuchtigkeit, seiner Trinkwässrigkeit enthält er historische Essenzen, die er dem Besucher einflößt, da hilft auch kein Wasserabkochen, -filtern, -tablettenreinigen. Fiebrig, das ständige Seegebrabbel im Schädel, schlurfen wir über Konstanzer Pflaster und Asfalt, nehmen Fühlung auf zum lokalen Straßen- und Seewesen: die Stadt liegt in Novemberdämmer, die Menschen sammeln sich in der weitläufigen Fußgängerzone, laufen auf und ab, beantworten routiniert die abstrusen Fragen der Touristen, spiegeln sich in professionell dekorierten Schaufenstern, sitzen, in Wolldecken gewickelt, auf den winterharten Terrassen und trinken mit Karamellaroma versetzten Kaffee. Ein Hartz IV-Empfänger in abgewetzter Robe plus Zylinder bietet gegen Obulus Gedichtrezitationen: Droste, Droste, Droste. In das laufende Poesiefestival scheint er nicht integriert, kommt kaum einmal zum Einsatz. Nebenan kauert ein Tschernobylopfer und bittet um Spenden. Alle halbe Stunde knattert ein Höllengefährt von Mofa mit ca 5 km/h durch die Szene. Ein Teil der Altstadt ist aufgeschüttetes, dem See abgewonnenes Gebiet. Die alten Gebäude wurden auf Pfählen errichtet, die bis heute, Zahnwurzeln gleich, in den Grund fassen. Dort knirschen sie und scheuchen die Felchen auf, die es hoch an die gewölbte Seeoberfläche treibt, die sie als Rallen und Taucher durchdringen, die abheben, sich in Stare wandeln, die als Geschwader unter elektronischem Gefiepe das Unendliche hinter dem Weiten suchen. So träumen zumindest die Felchen. Am Hafen steht Graf Zeppelin in Stein als Ikarus stilisiert mit einer (lebendigen) Taube auf dem Kopf. Der Graf macht Anstalten abzuheben, die Taube druckst herum, läßt etwas fallen, genießt die Aussicht. Seehase, Seekuh und Seetroll entsteigen dem Dämmer, helfen beim Aufbau des Weihnachtsmarkts, der den gesamten Hafenbereich mit Bretterbuden versorgt. Menschen und Wesen aus aller Welt, auch aus erfundenen Welten, huldigen in diesen Buden vier Wochen lang, bis sich der Tag der Ankunft des Erlösers jährt, dem christlichen Kommerzgedanken. Als Zeichen der Solidarität ordern wir eine rote Wurst. Wir treffen auf Stadtführer Daniel Gross, der uns die Tore zu asiatisch engen Hintergassen aufschließt und ihren Kloakencharakter erläutert. Der Mann hat seine Stadt bis ins Detail studiert. Wir erreichen den auffällig mit Wandmalereien garnierten Hecker-Balkon und Daniel Gross relativiert sowohl das revolutionäre Potential des badischen Volkes als auch die Konstanzer Brüstung, von der Friedrich Hecker die erste deutsche Republik ausgerufen haben soll. Derartige Balkone fänden sich häufiger im Land. Wir schauen uns noch ein zwei Turmbauten an wie sie städtischen Entwicklungen vorangingen und in Konstanz erhalten sind. Dann treibt uns das Fieber aus der Innenstadt, hindurch und vorbei am imposanten Triumfbogen von Peter Lenk an der Unteren Laube, der mit seinen Bürger-Schwein-Mischlingen und Freie Fahrt für die Liebe-Motorradskulpturen auf nicht minder viel Gegenwehr stieß wie seine Imperia am Hafen. An einer Hecke pflücken wir Berberitzen gegen das Fieber und stoßen auf eine Gedenktafel für Johann Martin Schleyer, den Ersinner des Volapük, der womöglich von ähnlichem Fieber getrieben seine Plansprache gebar: „In einer mir selbst rätselhaften, ja geheimnisvollen Weise, in dunkler Nacht, im Pfarrhaus in Litzelstetten, im Eckzimmer des 2. Stockes, das in den Pfarrgarten hinausschaut, als ich über so viele Missstände, Gebrechen und Jämmerlichkeiten unserer Zeit nachdachte, stand plötzlich das Gebäude meiner Weltsprache vor meinem geistigen Auge. Meinem guten Genius verdanke ich das ganze System der Weltsprache Volapük.“ (Zitiert nach Wikipedia) Wir torkeln weiter. Dem Rhein entsteigt, unter begeistertem Beifall eines Festivaldichters, eine korpulente Schwimmerin. Die Gebhardshalle bietet Pizza Donau mit folgendem Belag: Tomaten, Käse, Sardellen, Oliven, Zwiebeln, Oregano. Aha. Mit was wäre das Äquivalent Pizza Rhein belegt? Leider fehlt eine solche Teigscheibe im Angebot.

De Rynstroom (6)

Maer, och! ick schrey mijn oogen uit,
En sal noch in een` vliet verkeeren,
Om datter sulck een Hydra spruit
Wt kerckgeschil en haet van Heeren;
Een helsche Hydra vol vergift,
Die `s Rijns gesonde en soete boorden
Vergiftight, en gants Duitsland schift,
En groeit in onversoenbre moorden.
Een lang gewenst Verlosser vaegh
Het Rijck van `s Rijcks vervloeckte plaegh.

Hoe moedigh sal de Rijnsche Leck
Al schuimend bruisen langs Vianen,
Wen Wolphard, wachter van ons heck,
En d` eere der Nassausche vaenen,
Een jongen Soon geboren word,
In wiens gemoed de goude seden
Der overoudren zyn gestort,
En `s Vaders strenge dapperheden;
Een telgh, die weder bloeien doe
Den grysen stam van Brederoe.

De Rynsche Leck, die teere ranck,
Daer na met sachter tong sal lecken,
En vrolijck wiegen sonder dwanck;
Om met haer schaduw te bedecken
De Moeder, die nu met een schaer
Van schoone dochtren desen zegen
Verbeit, en wenscht om `t blyde jaer,
Gelijck een roosengaerd om regen.
De Hemel bouw dien vruchtbren hof,
En hellep my aen Wiegestof.

(Joost van den Vondel)

De Rynstroom

aen Johan Wolphard, Heer te Brederode, Vryheer te Vianen.

Doorluchte Rijn, mijn soete droom,
Van waer sal ick u lof toesingen?
Mijn treckende geboortestroom
Ghy koomt uit Zwitsersche Alpes springen,
Als hoofdaêr der begaefde Euroop.
De Donau, uw afkeerigh broeder,
Nam oostwaert op syn` snellen loop,
Ghy Noordwaert; doen een selve moeder,
Begort van regen, ys en sneeuw,
U baerde voor soo menige eeuw.

Germanjen lagh noch wild begroeit
Van syn Hyrcynsche wilde wouden,
Tot dat het namaels werd besnoeit,
En door de tucht in toom gehouden.
Ten leste dorst ghy, strijdbre Rijn,
Den Tiber op syn feest bestoken;
Die voor u neegh, doen Constantijn,
Van uwen oever opgebroken,
Ging strijcken met den ouden roof
Van Rome en `t Heidensch bygeloof.

Ghy naemt het juck van Christus aen,
Men hoorde uw vrolijcke oevers schatren,
En scheent de heilige Jordaen
Te tarten met gedoopte watren.
Het Christen kruis en viel uw` rugh
Soo swaer niet, als weleer te draegen
Den last van Cesars legerbrugh,
En Drusus, die u dede klaegen
Om vijftigh sloten, swaer van steen,
Gebouwt langs uwe kanten heen.

Zillis (2)

Im Winter bleibt die St. Martinskirche von Zillis unbeheizt, um die mittelalterlichen Deckengemälde zu schützen – die Gemeinde versieht ihre beheizten Gottesdienste an einem Ausweichort. Schiffmittig finden sich zwei Kisten mit Handspiegeln aus der Zeit der Erfindung der Kunststoffeinfassung. Die Spiegel sollen dazu dienen, die Decke ohne Nackenstarre bestaunen zu können. Eine schöne, schlichte Idee mit dem sanften Effekt der Spiegelverkehrtheit. Die Zilliser Decke umfaßt 153 (in Reihen angeordnete) Tafeln, unterspurt von einem labyrinthischen Mäanderfries mit darin eingekästelten Sibyllen. Die 48 Randfelder zeigen vornehmlich Fischmischwesen, stets solche mit gespaltenen Schwänzen, stets wellenentstiegene. Die Wellenlinien sollen angeblich das ferne Meer symbolisieren – warum eigentlich nicht den nahen Rhein? Als Heim und Herberge für die krudesten, gazellösen, elefantösen, gefiederten, beschnäuzerten und gehörnten, bisweilen einfach nur blödsinnig in den Tag blickenden Chimären taugt der mindestens ebenso gut. Die Innentafeln zeigen die Geschichte Jesu, mit derart verknappter Passion, daß der Eindruck entsteht, die Meister-Kalkulation des zur Verfügung stehenden Platzes könnte nach hinten hinaus einige Patzer aufgewiesen haben. Die sieben letzten Binnentafeln schließlich schildern Episoden aus der Mantelteiler-Vita des Namenspatrons, des Heiligen Martin von Tours. Insgesamt liest sich der Zyklus von Zillis wie ein monumentaler, rundum gelungener, mit feinen Irritationen reichlich versehener Comic mit einzeln herausragenden Szenenbildern: so fahren dem Besesssenen von Gerasa in einer Zweibilderszene als Zeichen seiner Heilung kleine Rauchteufelchen aus dem Mund. Das nächste Bild zeigt sechs Schweine am (Rhein?)Strand, vier davon übereinanderstehend wie die Bremer Stadtmusikanten, ein fünftes springt, ein ockerfarbenes Teufelchen im Maul, per elegantem Köpper in die Fluten. Entgegen der Überlieferung scheinen die Teufel hier jedoch nicht in die Schweine einzufahren, sondern vielmehr umgekehrt die Schweine mit den Teufelchen zu spielen, sie ins Maul zu fassen, mit ihnen Witze auszutauschen. Eins der Schweine wandelt gar übers Wasser, überhaupt drängt sich die lehrferne Interpretation auf, Schweine und Teufel hätten auf Tafel 108 einen Heiden(bade)spaß, anstatt auf Jesu Machtwort im See/Meer(?) Suizid zu begehen. Mit wenigen Strichen setzt der Meister seinen Gesichtern ausdrucksvolle Mienen auf, und erinnert auch hierin an die hohe Kunst des Comics. Beheizt, im Gegensatz zur Kirche, erweist sich die Gaststube zur Alten Post, überm Stammtisch hängt dominant menetekelnd das Schwarzweißportrait einer wohlgestalten Kuh, hinterm Tresen äugt aufmerksam die schweigsame Wirtin bei einem Glas feuerfarbenen Weins, in den Ecken stapeln sich die berühmten Bündner Nußtorten, darüber episch angeschlagen die „Zehn Gebote“, beginnend mit: „Du sollst Deiner Wirtin nicht widersprechen, Du sollst sie nicht schänden…“

Übers Wasser gehn

Mit der Viafier retica hoch nach Reichenau. Die Sonne blendet als 200 Watt-Birne ins Tal. In Reichenau ist nicht viel außer Rheinzusammenfluß, was nicht wenig ist, aber niemand interessiert sich für den heiligen Ort. Ich suche den Einstieg in die Ruinaulta, die Schilder weisen auf Tamins, streng bergan. Die Pfeilspitzen der Schilder verlieren sich schließlich im Grau der Autostraße, zu unangenehm zum Weiterwandern, die Einheimischen kennen keinen Fußweg in die Schlucht „so etwas gibt es wohl nicht“, „so etwas soll wohl mal kommen“, „man kann bis da und dort zu Fuß gehen, dann aber endet man im Wald“. Im letzteren gähnt das Gutschaloch. Wenn es aus Reichenau-Tamins nicht recht hinaus geht, wird die Ortschaft schnell zum bedrückend-gebuckelten Kaff. Die nächste Bahn in die Schlucht geht in einer Stunde. Doch da!: führt ein Fußweg hinaus, auf Bonaduz. Hinterrhein also, statt Vorderrhein. Und: aufgetaute Schmetterlinge üben das Flügelklappen auf noch und schon entfalteten Alpenblüten, die haarige Kugel einer schwebenden Hummel wirkt um diese Jahreszeit wie ein Miniaturufo über den bleichen Halmen. Unter der Eisenbahnbrücke durch, unter der südlichen Autobrücke, an die „BÖHS“ gesprayt steht, unter der ein Zaunkönig huscht. Nach einer Viertelstunde verabschiedet sich der Wanderweg von der Fernstraße, der Fluß fließt plötzlich durch selbstaufgeworfene Inseln und übernimmt die Geräuschhoheit. Obgleich streng vorm Betreten des Flußbetts gewarnt, steige ich hinab in die Kiesel, sammle grüne, rote, gelbe, glimmernde derselben, darunter den berühmten Verde Andeer, schreite über den Rhein, der durchs Profil meiner Sohlen rinnt, Jesus muß sich ganz ähnlich gefühlt haben, am See Genezareth. Einige Minuten geht’s durch ein Schluchtidyll, wilder als in der Hauptromantik, und voller Schwirr-, Schmier-, Brumm- und Stechzwirren, mit ihren 17 Unterarten die lästigsten und verbreitetsten aller Schweizer Insekten, dann taucht, kurz vor Bonaduz, mit der Brücke auch der Verkehr wieder auf und überschwemmt die Lage mit seinem Rauschen.

Triesenberg

Triesenberg, Walsersiedlung, aus Gottes Handgelenk übern Hang gesät. Im Dunkel zeichnet die Straßenbeleuchtung, heißts, vom Tal betrachtet die Silhouette eines springenden Fuchses. (Insofern befände ich mich direkt in seinem Magen.) Es gibt in Liechtenstein Dörfer mit kaum Verkehr (und bevorzugt in Wiesen endenden Straßen) und solche, in denen er, auf kleinerem Areal zwar, dem großstädtischen in seiner oberflächlichen Anmutung zu vertaner Zeit gepressten Willens in nichts nachsteht: irgendwer hat einst eine unübersichtliche Kreuzung verantwortet; bis heute wird sie gesucht und gefunden. Die Straße zu Fuß zu queren, außer für Damen jenseits der 80 und kinderwagenschiebende Mütter im ganzen Lande ein recht absurder Gedanke, sind gelbe Zebrastreifen an mehr oder minder passende Stellen gepinselt. In Triesenbergs Mitte befindet sich ein geleckter, beinahe ebener Platz, mit Post, Walsermuseum, Supermarkt und Restaurant, die restliche Ortschaft liegt organisch zerstreut am Hang, in den die Häuser sich an namenlosen Straßen beißen; numeriert sind sie nach Alter. Zentraler als der zentrale Platz, also mit Sinn für experimentelle Geometrie, ragt die Kirche mit ihrer bauchigen Zwiebelkuppe direkt aus Triesenbergs Eingeweiden. An der Hauptstraße trägt, als Reklame- und Ausweisschild, der Teufel persönlich, auch hier mit den Hörnern des Steinbocks dargestellt, die Kirchglocke davon, wie`s scheint, denn es scheint nur so, in Wirklichkeit nämlich schleppt er sie den Berg empor, unterm strengen Einfluß der Walser. (Tretmühle der bildlichen (nicht nur der bildlichen!) Darstellungen, die sich seit jeher in alle gewünschten Richtungen interpretieren lassen.) Das ist mein Fleisch, das ist mein Blut – Jesus hat sich unterdessen mithilfe starker Sätze in Triesenberg manifestiert, was selbstredend abfärbt: sogar die Brunnen mahnen: haltet ein! Der fremden Seele ist die gefährdete Heiligkeit der Ortschaft im kalten Wind kaum spürbar, die Triesenberger jedoch fühlen sich so heimelig darin, daß sie selten andernorts erblickt werden. Aber: der Hang soll rutschen, die Schule ebenfalls, mögliche Aufbruchszeichen des Großen Autors? Aus der Höhe siehts aus als flöße der Rhein in eckigen Wendungen herbei und dann recht unmelodiös davon. Viel fließt da ohnehin gerade nicht, das Bett bietet mehr Kies als Wasser.

Unterlinden

Während die Schlettstädter Humanistenbibliothek deutlich stärker frequentiert war als erwartet, herrscht im Musée d`Unterlinden, nach dem Louvre angeblich das am häufigsten besuchte Museum Frankreichs, vergleichsweise wenig Rummel. Obwohl ich diesmal aus einer gänzlich anderen, nämlich der Bahnhofsperspektive an Colmar herantrete, erscheint die Stadt, beim letzten Besuch noch ein mittelalterliches Labyrinth, diesmal recht übersichtlich. Im Westen gießt die Sonne ihren Goldschmelz über die Vogesen, dringt in deren Mulden ein, in deren Tiefen wiederum sie sich dem Magma verschwistert; in der Stadt färbt sie, wie eine übereitle Mutter ihrer Tochter den eigenen Stil aufzwängt, das Blattwerk der Pappeln. Zwischen Bahnhof und Musée weist General Rapp heroisch auf die rhythmisierten, von herkunftslosen Slidegitarren unterlegten Wasserspiele der Departementshauptstadt Haut-Rhin samt Präfektur. Im Musée interessiert zunächst der Isenheimer Altar, ein monumentales Flügelgebilde, so monumental, daß es in Originalzusammensetzung garnicht in die Räumlichkeiten paßt, weswegen es nun, veraudioguidet, in vier Reihen umsortiert, großzügig doppelseitig beäugbar, zerzupft zwar, darob jedoch nicht weniger imposant, vor den Kunsttouristen posiert. Ein wenig enttäuschend zunächst, daß die Farben, selbst jene der Auferstehungsszene, deutlich weniger knallen als im Internet. Dargestellt sind Stationen aus den Lebensgeschichten Jesu und des heiligen Antonius. Extrem die Versuchung des letzteren, umstellt von allerlei Monstren (darunter ein knüppelbewehrter Habicht mit menschlichen Oberarmen, Panzerdronte, Zahnkröte, Pestgnom, Schweinepriester, Trolpertinger und Reptilbock). Antonius selbst mit Anzeichen von Brandiger Hautrose (dem durch Mutterkornverzehr ausgelösten „Antoniusfeuer“), Syfilis und Beulenpest, eine ziemlich kräftige Mischung. Aus Mutterkorn synthetisierte unweit Colmars Albert Hofmann in einer ganz anderen Zeit Lysergsäurediäthylamid, dessen Bilder dem jener Versuchungsszene, wie es gern heißt: gleichen. Gleich nebenan knallen (nun wirklich) die Farben Martin Schongauers, der in seinen biblischen Szenen nicht mit umzäunten Gärten, Einhörnern, Folterpunks und Arschgesichtern spart, ein reicher Fundus an oberrheinischer Kunst vom Neolithikum bis zur Humanistenperiode, erweitert um das düstere „Le char de la mort“ von Schuler stehen Ankäufen von weiter her (in der Moderne) gegenüber, und draußen tut Colmar, von seiner anhaltenden Schönheit linde dauerberauscht, als sei nichts geschehen.

Schaan (2)

Siedlungsgeschichte besitzt Schaan wie soviele rheinische Flecken seit über 6000 Jahren. Die Kelten und andres sinistres Volk: die Römer errichteten ihrerzeit auf Schaaner Grund einen antialemannischen Schutzwall. Die heutigen Römer und Alemannen ficht das nurmehr archäologisch. Vom römischen Scana rührt der gleichnamige Konservenkonzern aus der geniösen Hilti-Familie, die mit ihren elektropneumatischen, auf Baustellen „religiös verehrten“ (Harald Schmidt) Bohrhämmern an der weltweit progredierenden Abrißgeschichte schreibt. Die neugotische St. Laurentiuskirche mit ihrem schlanken 81 Meter hohen Turm geht vektoriell konform mit den dahinterliegenden Bergspitzen, auf die sie weist, bis und damit diese wiederum auf den Himmel weisen, eine Bahn nachdeutend, die Gottes Sohn zu Christi Himmelfahrt und unser aller Heil vorgeflogen haben mag. Dem Vater des Volkes, dem Helfer der Armen, dem Freunde des Friedens, dem Hirten der Kunst, kurz: Fürst Johann dem Guten (1840 – 1858 – 1929) ist ein an sozialistischen Realismus erinnerndes Relief an der talzugewandten Westseite gewidmet, daß der wenigen guten Leute gedacht werde, im Himmel wie auf Erden. Sechs Kilometer lang ist der Schaaner Kulturweg mit einigen dreißig Stationen, das Rheindenkmal eine Felstafel-Erinnerung an die große nationale Überflutungs-Katastrofe von 1927 mit Danksagung an die edlen Helfer und Spender in der Not plus Höchstwassermarkierung. Am Rheinhof künden skulpturierte Wasserspiele von der genauen Lage Schaans nach heute gängigen Vorgaben (*), der Zollimbiss offeriert „Echte Döner Kebap!!! Nur von Kalbs Plätzli“. 1943 notwasserte ein US-Kampfflieger im Schaaner Rhein, um Zentimeter auf der Schweizer Grenze, also im Buchser Rhein. Die Umbauten im Schaaner Zentrum erinnern an jene vom Potsdamer Platz, während sich von Süden her mit einigem Selbstbewußtsein die Ortschaft Triesen der Schaan-Vaduzer Megalopolis (Schaduz? Vaaan?) nähert, während sich die imposanten Holzhäuser nach und nach in der Mischarchitektur verkrümeln. Ich habe mitten im Ort ein flüchtiges Wesen mit rheinblauen Augen erkannt und mir ist es gelungen, einen Schnellzug den Schaan-Vaduzer Bahnhof passieren zu sehen.

(*) Schweizer und deutscher Nullpunkt sollen sich bei einem rheinüberschreitenden Brückenbau verhindernd ausgewirkt haben: ersterer liegt am Mittelmeer, letzterer an der Nordsee und dazwischen entscheidende Höhenzentimeter.

Mulhouse sémantique (3)

In den Citroën-Werken wird die Krise verdrängt. Der Himmel verliert eine kaum nachweisbare pappig-feuchte Substanz, die sich an Abgase, Straßenstaub und Stadtpegel bindet, zunächst macht sichs in Hautfurchen und -rillen bemerkbar, später wird auch die Hirnaura bedeckt, viele Leute sitzen und stehen einfach nur glotzend herum, managen auf diese Weise den Tag. PUB FICTION. Vierseitenbeschriftet die Lambertsäule am Hàfelemàrkt (dt: Töpfermarkt): „Dem durch Selbstthatigkeit entwickelten grossen Geiste. Die Mitburger.“ (Die Umlaut-Punkte wurden bei einem aufsehenerregenden Diebstahl zwischen den Zeiten entwendet, das ß ersetzten die Diebe spaßeshalber durch ein Doppel-s.) „Sa cendre repose à Berlin. Son nom est ecrit dans les fastes d`Uranie.“ Finster Gàsslà. HIP HOP BLING BLING SHOP. Jesus Christus, gestern und heute und derselbige auch in Ewigkeit. GRUNGE BOUTIK. Aufs Alte Rathaus sind in goldwallenden Gewändern auf goldfarbener Haut jede Menge Tugenden (oder was dafür gehalten wird) gepinselt. Davor dreht sich das mit feinstem Fin de siècle-Kitsch ausgestattete CARROUSEL1900. Grüne, basketballkorbähnliche Müllständer, mit Klarsichttüten bestückt. Café Miam Miam Friterie. Ceci n`est pas un sparkle pom. Dem gehört die Straße, der sie beschriftet? Dem gehört die Straße, der sie beschreibt? Langsam wächst der Morgen über sich hinaus und dringt in die Rue Schlumberger (vorerst nicht rauszufinden, welchem der zahlreichen Schlumberger sie gewidmet ist), in der ungelesen aufgeschlagene Autobiografien im Schatten ruhen: „Mein Leben als Hydrant“, „Erinnerungen an mein schwaches Fleisch rund um den Dönerspieß“, „Wenn ich das gewußt hätt“ und „Morgen ist auch noch ein Tag“.