Schergenteufel (6)

(…) Als ich fragte, ob auch Arme in der Hölle zu finden seien? und der Teufel erwiderte, was ich denn unter dem Wort Arme verstünde, und ich antwortete: Ich meine denjenigen, welcher nichts hat noch besitzt von dem, was die Welt hat und hoch hält, – da rief der Geist: „O du ungelehrter Tropf, hast du denn niemals gelesen, was eurer vornehmsten Väter einer sagt: die Armuth ist ein Wegweiser auf der Straße, die zum Himmel führt? Und wenn er schon etwas zuweit greift, so heißt es doch: wer in der Noth sündigt, ist weniger schuldig. Es wäre auch unbillig, daß die Armen sollten verdammt werden, die doch nichts haben von alledem, das den Reichen die Verdammnis bringt. Daher sind die Armen nicht in unserm Staatenbuch eingeschrieben, und laß dich das nicht Wunder nehmen. Denn meiner Treu! wie könnte ein Teufel ärger sein als ein Ohrenbläser und Neidhund? Als ein falscher, untreuer Freund, den du aus Noth und Tod erlöst hast und der dich unterdrückt, wie ein gleißnerischer, scheinheiliger Schelm im Herzen? Als ein treuloser Lügner, der der einen Partei dient, damit er der andern dienen möchte? Was ist ärger, als böse, verführerische Gesellschaft, als ein ungerathenes Kind, Bruder oder Verwandter, der nichts anderes wünscht, als daß du todt seist und er dein Gut besitze, der sich stellt, deine Krankheit sei ihm leid, und dabei im Herzen wünscht, der Teufel hätte dich schon geholt? Das Alles ficht einen armen Mann nicht an; er hat keine Ohrenbläser oder Schmeichler, keinen, der ihm könnte etwas mißgönnen; er hat keine Freunde, weder böse noch gute, keine Fürsprecher, denn bei den Armen redet ein jeder für sich selbst, weil er kein Geld hat, nach dem Waidspruch der Armen: wer nichts hat, kann nichts geben. Er hat auch keine Gesellschaft; seine Kinder und Freunde haben seinen Tod weder zu wünschen noch haben sie davon zu reden: es sind Leute, die wohl leben und noch besser sterben. Einige sind in ihrem Stand so genügsam, daß sie ihr Leben, Handel und Wandel nicht gegen ein Königreich austauschen möchten, denn sie sind ein freies Volk, betteln, wo sie wollen, gehen hin, wo sie wollen zu Kriegs- und Friedenszeiten; sind frei von allen Auflagen und Zöllen, keiner Gerichtsbarkeit und Botmäßigkeit unterworfen, ohne Zank und Prozeß, kurz unangreiflich und unergreifbar. Sie sorgen nicht für den morgenden Tag und folgen darin den Geboten Gottes, wissen sich in die zukünftige Zeit zu schicken und von ihr alles zu erhoffen, die gegenwärtige gebrauchen sie, die vergangene haben sie vergessen. Wahr zwar ist es, daß die Armen ihre Hölle genugsam auf Erden haben; denn es ist so bei euch Menschen, jeder ist des andern Teufel oft mehr als der Teufel selbst.

Damit ihr nun nicht zu befürchten habt, was das Sprichwort sagt: wenn der Teufel predigen muß, so wird gewiß die Welt untergehen, so bitte ich, Herr Pater, erlöset mich von dem Schergen, in dem ich geplagt werde; dafür sollt Ihr Dank haben.“

Darauf wandte sich der Pater zu uns und sprach: „Nun kann man wohl sagen, daß auch Gott hierin seine Macht erweist; denn du böser Geist bist von Anfang ein Vater der Lüge und alles Betrugs, und nichtsdestoweniger hast du jetzt solche wahrhaften Dinge erzählt, daß wohl ein steinern Herz sich davon bewegen, erweichen und bekehren sollte.“

„O, meinet nicht, daß das zu eurem Besten und Heil geschehen ist, sprach der Teufel nochmals; sondern es ist nur zu dem Zwecke geschehen, daß, wenn es zum Treffen kommen soll, sich eure Strafen umsomehr häufen: denn nun könnt ihr euch nicht mehr durch Unwissenheit entschuldigen, als ob es euch niemand gesagt hätte; eher müßten euch die Steine predigen, ja die Teufel selbst. Denn der Knecht, der des Herren Willen weiß, ihn aber nicht thut, der ist doppelter Streiche werth. Ihr alle aber, die ihr Zuseher und Hörer seid, seid rechte Heuchler; da stehet ihr, die meisten mit weinenden Augen, nicht weil ihr durch eure Sünde Gott erzürnt habt, sondern weil es euch Leid erweckt, daß ihr einmal aus der Welt hinweg müßt; und wenn es bisweilen auch geschieht, daß euch eure Sünden gereuen, so geschieht dies einzig und allein deswegen, weil ihr aus Mangel an Leibeskraft und in Folge des durch viele Jahre verbrauchten Leibes nicht mehr sündigen könnt oder mögt; es fehlt euch deswegen nicht an bösem Willen, den wir ebenfalls nicht ungestraft lassen, insonderheit an denen, die andere lehren und unterweisen sollten.“

„Du bist ein Betrüger! rief der Pater; zweifle nicht, es werden sich hier viele fromme Seelen an deinen Reden und deinem Thun spiegeln und sich vor dir durch den Beistand Gottes zu hüten wissen. Aber ich sehe wohl, du meinst durch dein Geschwätz Zeit zu gewinnen, um den armen Menschen desto länger zu plagen. Darum beschwöre ich dich durch die Kraft und Allmacht Gottes und durch den heiligen Namen Jesus, daß du verstummest und diesen armseligen Menschen verlassest.“

Da fuhr der Böse mit einem großen Brausen aus, und darauf wandte sich der Pater um und sagte zu uns:

„Ihr Herren Freunde und Christen, wenn es auch das Ansehen hat, als habe der Teufel durch diesen armselig geplagten Menschen wie durch ein Werkzeug zu unserm Besten geredet, so ist doch gewiß, daß aus seinem Gespräch ein nachsinnender Christ vielen und merklichen Nutzen haben kann. Darum bitte ich euch Umstehende alle, daß ihr aus gerechtem Haß wider den bösen Geist und seine Wohnung diese Rede darum nicht verachten noch in den Wind schlagen wollt. Bedenket, daß ein gottloser König einstmals die Wahrheit geredet und prophezeiet hat: denn auch Speise genug ging von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken.

Nun bewahre euch alle Gott, in dessen Namen ich euch segne, demüthig seine Allmacht bittend, daß diese traurige, schreckliche Geschichte zu eurer Besserung und Bekehrung gereichen möge!“

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Schergenteufel (3)

Während ich nun den verdammten Geist mit Verwunderung also reden hörte, fuhr indessen der Pater mit seinen Beschwörungen fort, und um den Teufel vermeintlich stumm zu machen, besprengte er den Menschen oftmals mit Weihwasser, worüber der Besessene heftig tobte, mit den Zähnen ein solches Klappern und mit den Augen eine so scheußliche Gestalt hervorbrachte, daß den Umstehenden recht angst und bange wurde und die Wände davon zitterten. “Meinet nicht,” sprach der Geist, “daß solche Kraft dem Weihwasser zuzuschreiben ist, daß ich so tobe und wüthe; das geschieht allein wegen der Natur des bloßen, puren Wassers; denn nichts fliehen die Schergen ihrer Gewohnheit nach mehr als das Wasser, so daß, wenn uns die Schergen in der Hölle nütze wären, wir sie mit Darreichung eines einzigen Glases Wein im Sprunge zu uns bringen würden. Und damit ihr ja sehet, wie die Schergen so gar nichts nach heiligen und geistlichen Dingen fragen, so wisset, daß man sie vor Jahren Gerichtsknechte genannt hat, welchen Namen sie nach ihrem Handwerk in Häscher verwandelt haben, weil sie die Leute haschen, schieren und scheeren, daß sie oft verzweifeln müssen.”

Als der Pater, sich bekreuzigend, das hörte, sagte er zu mir, daß ich mich durch des Bösewichts Spottreden nicht beirren lassen möchte, da er tausend Schelt- und Schmähworte wider die heilsame Gerichtsbarkeit und deren Diener ausstieß, weil sie die Gottlosen straft und sie dadurch auf den rechten Weg und zu ihrer Bekehrung leiten wollte, so daß viele Seelen aus des Feindes Banden, darin sie gefangen lägen, könnten erlöst werden.

“Untersteht euch nicht, euch mit mir in Disputationen einzulassen!” rief der Teufel; “ich habe mehr erfahren und gelernt als ein Pater. Machet nur, daß ich von diesem Schergen erlöst werde, ich bitte darum; denn so ein stattlicher Teufel, wie ich bin, sollte sich billig schämen, in eines Schergen Leibe länger zu wohnen.” “Das soll, sprach der Pater, so Gott will, bald geschehen, damit der arme Mensch von dir befreit werde. Warum, möchte ich wissen, plagst du den armen Leib so?” “Darum, sprach der Geist, weil seine Seele und ich miteinander in Streit gerathen sind, wer der ärgste Teufel von uns beiden sei, der Scherge oder ich.”

Das Geschwätz wurde dem Pater überdrüssig; ich aber bat ihn, mir zu erlauben, daß ich den Besessenen etwas fragen dürfte, vielleicht könnte es mir, dachte ich, nützlich sein, ob es schon des Teufels Meinung nicht war. Er erlaubte es mir. (…)

Hat es auch Poeten in der Hölle? fragte ich.

“Ja freilich,” antwortete der Teufel, “es wimmelt und wibbelt darin; darum hat man vor einigen Jahren ihr Quartier erweitern müssen. Allda ist zu sehen, wie, wenn ein neuer Schwärmer von ihnen ankommt, er seine Begrüßungsschreiben einhändigt in der Hoffnung, die erhabenen Gottheiten, die die Dichter begeistern, wie Charon, Cerberus, Minos, Pasiphan, Megära, Medusa, Proserpina, Pluto, Aeolus, Rhamnusia, Neptun, Bacchus, Juno, Venus, Kupido, Mercur, Jupiter, Apollo, Diana und andere zu finden und zu begrüßen.” Weil mich das ein wenig verdroß, fragte ich, was denn die Poeten in der Hölle zu gewärtigen hätten? Da antwortete der Geist: “Was darfst du viel fragen, wie es in der Hölle zugeht? Du wirst es schon erfahren, wenn du hineinkommst.” Darauf sagte ich, davor wird mich mein Herr und Heiland Jesus Christus, der den Teufel überwunden hat, wohl behüten. Darüber tobte der Geist und sprach: “Ich meinte, ihr Menschen hättet bei und an euch selbst Hölle genug, denn ihr lebt so auf der Welt, als ob kein Gott im Himmel wäre und ihr mit aller Macht in unsere Hölle wolltet. Ich will dir eure höllischen Handlungen, die ihr auf Erden verübt, sein nacheinander herzählen. Du hörst die Poeten so gern loben, weil du auch einmal einer hast sein sollen: ist es nicht so, daß ein Poet soviel Pein und Marter in seinem Herzen leidet, sovielerlei Einfälle er im Kopfe hat? Etliche werden in der Hölle zur Belohnung gepeinigt, wenn sie ihrer Mitmeister und Mitgesellen Werke und Gedichte, Grillen und Possen lesen hören: und so geschieht es auch bei den Musikanten. Etliche haben ihre Belohnung darin, daß sie nach vielen hundert und tausend Jahren nicht aushören können, ihre Verse zu revidiren und zu corrigiren. Einer giebt sich mit der Faust einen Stoß vor die Stirne; ein anderer kratzt sich hinter den Ohren; einer krabbelt sich in der Nase; ein anderer läuft neun Meilen Wegs in seinen Pantoffeln und weiß nicht, daß er aus seiner Studierstube gekommen ist; ein anderer hat keine Ader (das heißt, die Grillen wollen ihm nicht steigen), er habe denn getrunken. Ein anderer seufzt; ein anderer summt und brummt wie eine Hummel in der Trommel; ein anderer verkehrt die Augen wie eine Geiß, die geschlagen oder gestochen wird, und dennoch können sie noch heut zu Tage nicht finden und errathen, ob man sagen solle vultus oder facies, scripsit oder scribsit, sumptus oder sumtus, optimé oder óptime, sollicitus oder solicitus, und ob diese oder jene Silbe lang oder kurz ist. Einige, um ja nicht neben die Schnur zu hauen, gehen, rennen auf und ab, nagen sich die Nägel an den Fingern ab bis aufs Blut, wie Unsinnige, und bei diesem tiefen Nachsinnen fallen sie in verdeckte Gruben, daraus man sie nur mit großer Mühe bekommen kann. Die komischen Dichter aber sind die ärgsten und haben gerechte Strafe zu erwarten, weil sie so manche Königin, Prinzessin und Göttin ihrer Ehre beraubt, so viele ungleiche Heirathen gekuppelt und so viele rechtschaffene Cavaliere – bei diesem Worte forschte ich von dem Geist, ob es einen Edelmann, einen Soldaten, einen Junker oder Knecht benamsete? Worauf er antwortete: “Wir haben in der Hölle schon manchmal deswegen Rath gehalten, aber kein Teufel hat noch das Richtige finden können” – ihrem Vorgeben nach so schimpflich und treulos angeführt haben, wie es im Amadis, den Schäferspielen, der Diana des Monte Major, im Löwenritter, Tristram, Peter mit den silbernen Schlüsseln und andern gleichen Geschichten zu sehen ist. Und diese Poeten sind ärger als die andern, weil sie so viel List und Ränke, so viele Künste und Schelmenstückchen erdacht haben, weswegen man ihnen in der Hölle ihr Quartier bei den gewissenlosen Procuratoren und Prozeßmachern angewiesen hat, als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren sind.

(aus: Johann Michael Moscherosch – Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte, Erster Teil, Erstes Gesicht)

Du Camp am Rhein

Die französischen Literaten des 19. Jahrhunderts hatten ihre je eigenen, nicht selten amüsanten Beziehungen zum Rhein. Während Flaubert fast am Fluß seines Begehrens vorbeireiste (wie bereits hier kundgetan), bewegte sich Du Camp hübsch darauf – was ihm zuvor auf der Donau, auf der er persona non grata war, weil er auf Seiten der Italiener gegen Österreich gekämpft hatte, versagt blieb. Doch am Rhein herrschte zweifellos das größere Heiligkeitsgedränge:

“Baden-Baden, 5 Août 1861

Je suis venu m’échouer ici, mon vieux, après avoir été faire un tour sur le Rhin à défaut du Danube qui est fermé cette année pour ton ami. (…)
A Aix et à Cologne, il y a dans le trésor des cathédrales, de belles orfévreries qui feraient très bien dans nos cabinets de travail; j’ai touché de ma main les vrais crânes des vrais mages, le vrai bras du vrai Christ, etc., etc. Tu aurais pu, avec Bouilhet, te livrer à ta rage contre les ecclésiastiques, rage que je partage et à laquelle je me livre souvent; à Cologne, dans la cathédrale, je me suis écrié, comme Agénor: Des Pontifs maudits l’hypocrite délire!*”

* Das Zitat entstammt „Jenner ou la découverte de la vaccine“, einer burlesken Tragödie, welche Flaubert und Bouilhet um 1846 schreiben wollten.

(aus: Flaubert – Correspondance 3, Maxime Du Camp à Flaubert)

Niehler Himmelfahrt

rheinblauer Rhein, das ist selten und
gut zu beobachten das Strömen seiner
Mündungsausläufe in den Himmel

der von ufersäumenden Hochbauten
komplett für aufsteigende Christusse
freigesperrt wurde. Gottes Geschöpfe

halten inne, selbst die elektronischen
Vögel verstummen auf Wegweisern
als ihre eigenen Drosseldenkmäler

Lamm an Lamm an Lamm performt
im Pappelschatten wallende Gospels
auf den Kammerton Ä. spalierfahrende

Frachter, rempelnde Passanten, eine
vom Heiland besessene dickliche Frau
erklärt, daß sich stets noch etwas ändern

läßt und segnet die verzerrten Massen
bevor sie überwältigt von der Tiefe des
Nachmittags ganz im Rheinblau aufgeht

Jesus am Rhein

Google kennt aktuell ungefähr 2,5 Millionen Artikel-Vorschläge für die Stichwortsuche nach Jesus am Rhein – darunter jede Menge irrelevanter Schmonzes. Setzen wir die Anfrage einschränkend in Gänsefüßchen, bleibt ein einziger Treffer übrig, der mitten in eine Forumsdiskussion einer randständigen Jugendgruppierung führt. Optimierbar scheinen da sowohl die Suchmaschinenauslese, als auch die rheinische Präsenz des Nazareners. Welch letztere bei Alexandre Dumas immerhin ganz ordentlich durchscheint, in seinem mittelrheinisch-gesamtbiblischen Stimmungsbild aus den Excursions sur les bords du Rhin von 1838:

„Il est difficile, à nous autres Français, de comprendre quelle vénération profonde les Allemands ont pour le Rhin. C`est pour eux une espèce de divinité protectrice qui, outre ses carpes et ses saumons, renferme dans ses eaux une quantité des naïades, d`ondines, de génies bons ou mauvais, que l`imagination poétique des habitants, voit le jour, à travers le voile de ses eaux bleues, et la nuit, tantôt assises, tantôt errantes sur ses rives. Pour eux le Rhin est l`emblème universel; le Rhin c`est la force; le Rhin c`est l’indépendance; le Rhin c`est la liberté.
Le Rhin a des passions comme un homme ou plutôt comme un Dieu. Le Rhin aime et hait, caresse et brise, protège et maudit. Pour l`un, ses eaux sont un doux lit d`algues et de roses, où le vieux père des fleuves, tout couronné de roseaux, et tenant son urne renversée, comme un dieu païen, l`attend pour lui faire fête. Pour l`autre, c`est un abîme sans fond, peuplé de monstres hideux à voir, et pareil au gouffre qui engloutit le pêcheur de Schiller. Pour celui-ci, ses eaux sont un miroir poli, sur lequel il peut marcher comme le Christ, pourvu qu`il ait plus de foi que saint Pierre; pour celui-là, son cours est tumultueux et irrité comme celui de la mer Rouge engloutissant Pharaon. Mais, de quelque façon qu`il soit envisagé, c’est un objet de crainte ou d’espérance; symbole de haine ou d`amour, principe de vie et de mort. Pour tous c`est une source de poésie.
C`est surtout entre Coblence et Mayence que ses plus nombreuses traditions sont rassemblées, c`est que dans l`espace compris entre ces deux villes, le Rhin renferme, en effet, ses contrastes les plus opposés, ses points de vue les plus gracieux et les plus terribles, c`est que là tantôt vainqueur de ses collines qui semblent se tenir respectueusement loin de lui, il s`étend insouciant et paresseux comme un lac: c`est que tantôt vaincu, resserré, et comme enchaîné par ses montagnes, grâce aux cuirasses de granit contre lesquelles se brisent inutilement ses flots, il se tord, se roule, se replie comme un serpent qui lutte, et dans son impuissance bien reconnue, pressé de fuir, menace en fuyant. Alors on comprend que, selon qu`ils habitent tel ou tel endroit de ses rivages, les pêcheurs, dont il caresse ou dont il brise les barques, le regardent comme un dieu tutélaire ou comme un mauvais génie, et le remercient comme un père ou l`implorent comme un ennemi.“

Daß solche aus der Landschaft gekratzte Stimmung auf die beschriebene Gegend tatsächlich bis heute anwendbar ist, mag ein rund zehn Jahre alter kurzer Text bezeugen, den wir während eines Mittelrhein-Besuchs verfaßten.

Die Chinesen am Rhein

Max Horkheimer erkannte bereits vor über 40 Jahren, wenngleich nicht als erster, die gelbe Gefahr bei gleichzeitigem Niedergang unserer Kulturwerte, wie ein Spiegelzitat der Ausgabe 12/1969, als der gemeine China-Imbiss an der Straßenecke noch, je nach Haltung, utopisches Schreckens- oder Sehnensszenario war, wunderbar zusammenfaßt:

“Mit Kaiser Wilhelm II., Chruschtschow und Breschnew teilt Horkheimer die Furcht vor den Chinesen. Er begründete sie den Italienern damit, daß Europas Kulturgüter weder Ansehen noch Bedeutung mehr besitzen. Deshalb, so meint er, würden die Länder der Dritten Welt “schnell expandieren”, und “deswegen habe ich Furcht und sehe ich die Chinesen sich den Ufern des Rheins nähern”.”

An den Ufern des Rheins sind die Chinesen längst angekommen und unterwandern die deutsche Schnitzellandschaft mit poetisch benamten Fusionsküche-Imbissen wie “Guten Tag”, “Schöne Welt” oder “China-Wok”. Die tatsächlichen Angriffe auf unser Wertesystem, wird gemunkelt und selten sogar veröffentlicht, führten die Chinesen vorwiegend im Internet: Hacken, Beviren, Spionage, copy and paste. In der Echtwelt entstanden unterdessen verwirrende Rückkopplungseffekte per Wirtschaftsdynamik, nicht schlecht für ein System, das sich als kommunistisch ausweist. Die von kaum wahrnehmbaren östlichen Druckwellen und westlich-eingeborener Globalisierungsgewinnsucht aufgebaute Chinesisierung unseres Denkens ist auf dem Wege zur Hoffähigkeit teils bereits am Ziel angelangt, konfuzianische Anwandlungen da und dorten, die Laotsekapuze erobert den Bekleidungsmarkt. Gewinn oder Verlust? Horkheimers Furcht jedenfalls war die vor einer Kultur, die weit länger besteht als seine Aufklärung und ganz Europa zusammen. Jesus aber sprach: “Fürchtet euch nicht!” Denn schon zu Zeiten des Nazareners war über Jahrtausende bekannt, daß die Chinesen niemals militärisch expandieren.

Duddelsheim-Billingen

An der Badischen Riviera* zwischen Herrstetten und Zupfingen gelegen wartet diese Doppelgemeinde mit zwei völlig unterschiedlichen Ortsteilen auf. Das deutlich ältere Duddelsheim ist bis heute zu drei Vierteln von Auwald umgeben. Steinzeitliche Besiedlung wird angenommen. Auf der Duddelsheimer Gemarkung findet sich das sogenannte Römeräckerle mit Münz- und Scherbenfunden aus der römischen Besatzungszeit. Reste einer römischen Villa zerstörte wahrscheinlich der Kornbauer Fritz Eggerle, als er die Gefahr erkannte, Teile seines Grundstücks an die Landesarchäologie zu verlieren. Das vermutete Sprengloch dient heute als Karpfenteich. Aufgrund seiner versteckten Lage ist Duddelsheim nicht nur historisch gewachsen, sondern wurde auch bei allfälligen Kriegszerstörungen übersehen. Der Dorfkern könnte generell als erhalten betrachtet werden, jedoch wird in Duddelsheim traditionell schlecht gebaut, sodaß kaum ein Haus eine Haltbarkeit von mehr als 50 Jahren aufweist. In etwa im Zentrum steht die etwas windschiefe Kirche mit angeschlossener Hobbitinerabtei. Um die Kirche herum gruppieren sich Wohnhäuser, die in unterschiedlichen Abständen zur Straße stehen, was letzten Endes das Problem unübersichtlicher Kreuzungen und eine entsprechende Unfallhäufigkeit nach sich zieht. Durch die schlechte Bauqualität ist das Dorf sozusagen ständig im Wandel, in Duddelsheim selbst spricht man von „nervöse Häusle“. Zudem setzt kaum ein Neubau auf den Grundmauern des Vorgängers auf. Wichtigstes Ereignis in Duddelsheim ist fraglos die alljährliche Kerwe, die auf die erste Juniwoche fällt. Bei Riesling und Rheinfischen herrscht für drei Tage der Ausnahmezustand, der in besonders heftigen Jahren zum berüchtigten Kerwezorn führen kann, unter dessen Einfluß die Einwohnerschaft schon mehrmals größere Dorfteile zerstört haben soll. Bei der Kerwe kommt es traditionell auch zu Rivalitäten mit Besuchern aus der Brudergemeinde Billingen, insbesondere beim sonntäglichen Schweinerennen, das stets mit hohem Konsum von Knollenschnaps einhergeht. Der berühmte badische Satz „der isch uff der Sau ausm Dorf naus g`ritte“ geht direkt auf das Duddelsheimer Schweinerennen zurück. Der nicht aus Duddelsheim-Billingen stammende badische Heimatdichter H. Binkele hat eine Ballade über die Strapazen und Gefahren dieses Rennens verfaßt. Der Duddelsheimer Dialekt wiederum hat sich, ebenfalls aufgrund der versteckten Lage, sehr abseitig entwickelt und kennt zahlreiche eigene Wörter, die außerhalb Duddelsheims unbekannt sind. Auf den Straßen Duddelsheims sind wenige Menschen anzutreffen. Diese wenigen wirken von herzlicher, rotwangig-grobschlächtiger Art, was ihnen bewußt ist, sie sagen sogar, es seien niemals feinere zugezogen und ihre Kinder, die in Herrstetten oder Zupfingen zur Schule gingen, müßten heute noch denselben Spott erdulden, den auch sie und ihre Vorväter schon zu erdulden hatten, was man aber nicht übel nähme, denn zum Ausgleich besäße man, anders als Herrstetten oder Zupfingen, eine herrliche Kerwe und guten Zugang zum Rhein und dessen alten Armen, über die man ein paar Dinge wisse, vor denen die aus Herrstetten und Zupfingen, obgleich das ja deutlich größere, weltzugewandte Ortschaften seien, sich abgründig fürchteten. So sei Duddelsheim auch eine der wenigen Ortschaften im gesamten Rheingraben, deren Bauern noch nicht auf Konzernmais umgestellt hätten, man hätte da einen Vertrag mit der Natur, der schon in die Zeiten vor Christus zurückginge. Genau in der Mitte zwischen Duddelsheim und Billingen liegt der Nahkauf-Supermarkt, der beide Ortschaften versorgt und allgemein als Nahkampf bezeichnet wird.

* Badische Riviera heißen im Jargon der einheimischen Tourismusbranche fast alle Gebiete Badens, die in unmittelbarer Wassernähe liegen.

Flaschenpost (4)

„Womöglich war der Sache Ursprung, daß ich als Kunststudent (vor gut 20 Jahren) öfter das Gemälde „Das Narrenschiff“ von Bosch im Louvre betrachtete und in diesem Zusammenhang von Sebastian Brant erfuhr. Das Bild konnte ich also sehen – das Buch lesen jedoch nicht. Denn eine französische Übersetzung war nicht aufzutreiben und der Originalsprache war ich damals noch viel weniger mächtig als heute.
Daß man Träumen keinerlei Glauben schenken sollte: diese Erkenntnis erlangte ich, als ich nach einem Traum den “Leichnam Christi” von Holbein d. J. im oben erwähnten Museum vergeblich zu finden suchte (um das Gemälde mit Dostojewskis Beschreibung zu vergleichen).
Als ich 2006 in Basel zu Besuch war, nutzte ich die Gelegenheit um endlich den Holbein im Kunstmuseum zu sehen und warf danach einen Blick auf Kataloge, Bücher, Postkarten. Ich kaufte zwei Holbein-Postkarten und – siehe da! Zwischen mächtigen, dicken, prachtvollen und dementsprechend teuren Veröffentlichungen lag das kleine Reclambändchen von Brant: nicht in altdeutscher Schrift (die für mich so verständlich ist wie japanische Ideogramme), sondern in lesbaren lateinischen Lettern. Auf Deutsch zwar, aber inzwischen war viel Wasser unter diversen Brücken hingeflossen und die vorherige Sprachbarriere so gut wie überwunden.
Abends nach einem Spaziergang tranken B. und ich ein paar Biere, unterhielten uns und stellten irgendwann fest, daß der Wurf eines Objekts in einen von Süd nach Nord fließenden Fluß zwangslaufig dieses Objekt, da wir im Süden saßen, nach Norden schwimmen lassen würde. Dieser Fluß war der Rhein, die Wahl des potentiellen Empfängers fiel leicht.
Das passende Objekt für das Experiment stand bereits auf dem Tisch: eine leere Bierflasche. Es fehlte nur noch die schwimmenzulassende Botschaft. Brant bot sich natürlich an. Jedoch ist es bekanntermaßen viel einfacher für ein Kamel sich durch ein Nadelöhr zu schwingen, als für ein Buch (sei es nur ein Reclamheft) in eine Flasche Bier zu gelangen. So schrieb ich das Zitat (das ich heute vergessen habe) auf eine der beiden Postkarten, welche ich dann in die leere Pulle beförderte.
Am folgenden Tag, als wir über die Eisenbahnbrücke, die parallel zur Schwarzwaldbrücke verläuft, spazierten, warf ich die zur Flaschenpost beförderte Pulle in den Rhein, und wenn sie bis heute nicht angekommen ist, dann schwimmt sie wahrscheinlich noch.“

Ein (vierteiliger illustrierter) Gastbeitrag von Roland Bergère, von Rheinsein aus dem frz-dt ins virtuell-dt transkribiert. Erwähnte und fotografisch dokumentierte Flaschenpost, die natürlich an (das damals bereits als Geist über dem Wasser schwebende) Rheinsein adressiert war, hat sich inzwischen, und das ist Anlaß für den ganzen Artikel, selbstdigitalisiert und ist solcher Gestalt (oder Pixelifikation) beim Adressaten angelangt. Für diese Wegstrecke benötigte sie gute vier Jahre und womöglich einige Transformationsprozesse, die einst als Vorstufen zwischenweltlichen Beamens betrachtet werden mögen.

Fiebrig durch Konstanz

Kaum in Konstanz angekommen, ergreift uns vom See her ein unruhiges Fieber. Der See, der ja gewölbt ist, 41,5 Meter sagen die einen, 42,5 Meter sagen die andern, zwischen Konstanz und Bregenz, der in seiner Wölbung, über welche die Katamarane gleiten, jedenfalls einiges zu bergen scheint, und nicht nur Gutes, dieser See spricht zu uns, über das Fieber; in seiner allumfassenden Feuchtigkeit, seiner Trinkwässrigkeit enthält er historische Essenzen, die er dem Besucher einflößt, da hilft auch kein Wasserabkochen, -filtern, -tablettenreinigen. Fiebrig, das ständige Seegebrabbel im Schädel, schlurfen wir über Konstanzer Pflaster und Asfalt, nehmen Fühlung auf zum lokalen Straßen- und Seewesen: die Stadt liegt in Novemberdämmer, die Menschen sammeln sich in der weitläufigen Fußgängerzone, laufen auf und ab, beantworten routiniert die abstrusen Fragen der Touristen, spiegeln sich in professionell dekorierten Schaufenstern, sitzen, in Wolldecken gewickelt, auf den winterharten Terrassen und trinken mit Karamellaroma versetzten Kaffee. Ein Hartz IV-Empfänger in abgewetzter Robe plus Zylinder bietet gegen Obulus Gedichtrezitationen: Droste, Droste, Droste. In das laufende Poesiefestival scheint er nicht integriert, kommt kaum einmal zum Einsatz. Nebenan kauert ein Tschernobylopfer und bittet um Spenden. Alle halbe Stunde knattert ein Höllengefährt von Mofa mit ca 5 km/h durch die Szene. Ein Teil der Altstadt ist aufgeschüttetes, dem See abgewonnenes Gebiet. Die alten Gebäude wurden auf Pfählen errichtet, die bis heute, Zahnwurzeln gleich, in den Grund fassen. Dort knirschen sie und scheuchen die Felchen auf, die es hoch an die gewölbte Seeoberfläche treibt, die sie als Rallen und Taucher durchdringen, die abheben, sich in Stare wandeln, die als Geschwader unter elektronischem Gefiepe das Unendliche hinter dem Weiten suchen. So träumen zumindest die Felchen. Am Hafen steht Graf Zeppelin in Stein als Ikarus stilisiert mit einer (lebendigen) Taube auf dem Kopf. Der Graf macht Anstalten abzuheben, die Taube druckst herum, läßt etwas fallen, genießt die Aussicht. Seehase, Seekuh und Seetroll entsteigen dem Dämmer, helfen beim Aufbau des Weihnachtsmarkts, der den gesamten Hafenbereich mit Bretterbuden versorgt. Menschen und Wesen aus aller Welt, auch aus erfundenen Welten, huldigen in diesen Buden vier Wochen lang, bis sich der Tag der Ankunft des Erlösers jährt, dem christlichen Kommerzgedanken. Als Zeichen der Solidarität ordern wir eine rote Wurst. Wir treffen auf Stadtführer Daniel Gross, der uns die Tore zu asiatisch engen Hintergassen aufschließt und ihren Kloakencharakter erläutert. Der Mann hat seine Stadt bis ins Detail studiert. Wir erreichen den auffällig mit Wandmalereien garnierten Hecker-Balkon und Daniel Gross relativiert sowohl das revolutionäre Potential des badischen Volkes als auch die Konstanzer Brüstung, von der Friedrich Hecker die erste deutsche Republik ausgerufen haben soll. Derartige Balkone fänden sich häufiger im Land. Wir schauen uns noch ein zwei Turmbauten an wie sie städtischen Entwicklungen vorangingen und in Konstanz erhalten sind. Dann treibt uns das Fieber aus der Innenstadt, hindurch und vorbei am imposanten Triumfbogen von Peter Lenk an der Unteren Laube, der mit seinen Bürger-Schwein-Mischlingen und Freie Fahrt für die Liebe-Motorradskulpturen auf nicht minder viel Gegenwehr stieß wie seine Imperia am Hafen. An einer Hecke pflücken wir Berberitzen gegen das Fieber und stoßen auf eine Gedenktafel für Johann Martin Schleyer, den Ersinner des Volapük, der womöglich von ähnlichem Fieber getrieben seine Plansprache gebar: „In einer mir selbst rätselhaften, ja geheimnisvollen Weise, in dunkler Nacht, im Pfarrhaus in Litzelstetten, im Eckzimmer des 2. Stockes, das in den Pfarrgarten hinausschaut, als ich über so viele Missstände, Gebrechen und Jämmerlichkeiten unserer Zeit nachdachte, stand plötzlich das Gebäude meiner Weltsprache vor meinem geistigen Auge. Meinem guten Genius verdanke ich das ganze System der Weltsprache Volapük.“ (Zitiert nach Wikipedia) Wir torkeln weiter. Dem Rhein entsteigt, unter begeistertem Beifall eines Festivaldichters, eine korpulente Schwimmerin. Die Gebhardshalle bietet Pizza Donau mit folgendem Belag: Tomaten, Käse, Sardellen, Oliven, Zwiebeln, Oregano. Aha. Mit was wäre das Äquivalent Pizza Rhein belegt? Leider fehlt eine solche Teigscheibe im Angebot.

De Rynstroom (6)

Maer, och! ick schrey mijn oogen uit,
En sal noch in een` vliet verkeeren,
Om datter sulck een Hydra spruit
Wt kerckgeschil en haet van Heeren;
Een helsche Hydra vol vergift,
Die `s Rijns gesonde en soete boorden
Vergiftight, en gants Duitsland schift,
En groeit in onversoenbre moorden.
Een lang gewenst Verlosser vaegh
Het Rijck van `s Rijcks vervloeckte plaegh.

Hoe moedigh sal de Rijnsche Leck
Al schuimend bruisen langs Vianen,
Wen Wolphard, wachter van ons heck,
En d` eere der Nassausche vaenen,
Een jongen Soon geboren word,
In wiens gemoed de goude seden
Der overoudren zyn gestort,
En `s Vaders strenge dapperheden;
Een telgh, die weder bloeien doe
Den grysen stam van Brederoe.

De Rynsche Leck, die teere ranck,
Daer na met sachter tong sal lecken,
En vrolijck wiegen sonder dwanck;
Om met haer schaduw te bedecken
De Moeder, die nu met een schaer
Van schoone dochtren desen zegen
Verbeit, en wenscht om `t blyde jaer,
Gelijck een roosengaerd om regen.
De Hemel bouw dien vruchtbren hof,
En hellep my aen Wiegestof.

(Joost van den Vondel)