Adolf Clarenbach

Zum Geleit

Es war zur Winterzeit. In Eis erstarrte
Der Niagara selbst. Ein Blizzard fegte
Mit wildem Brausen heulend durch die Staaten,
Schneemassen schüttend auf das Land am Erie,
Wie mit Lawinen Buffalo begrabend.
Laut keuchend flog der Blitzzug zwischen Wällen
Aus weißem Schnee, getürmt von tausend Händen,
So hoch wie unsre Wagen schier, von denen
Herab vom Schneedach zu den Eisenrädern
Eiszapfen, glitzernd wie ein Silberpanzer,
In märchenhafter Pracht herniederhingen –
So fuhren wir hinaus zum Staat Indiana.
Es schwirrten um mein Ohr die fremden Laute
Der neuen Welt, der tatenfrohen Yankees.

Da tauchte plötzlich auf vor meinem Geiste
Das ferne Heimatland am grünen Rheine,
Der Drachenfels mit seiner stolzen Spitze,
Der deutsche Strom im Zauber seiner Ufer.
Und horch! um seine Berge scholl, erst leise,
Dann laut und immer lauter mir erklingend,
Ein holdes Lied aus fernen Jugendtagen,
Als ob des Sturms Gewalt unwiderstehlich
Die Äolsharfe mir im Herzen rührte.
Es nahten sich die freundlichen Gestalten,
Sie schwebten um mich her, vertraulich winkend,
Sie hielten lächelnd Schritt mit dem Kurierzug,
Sie ließen sich an meiner Seite nieder
Und drängten: „Wags und halt uns fest im Liede!“
 
Ich nahm den Stift und schrieb. Und ich schrieb weiter
Im breiten Tal des stolzen Mississippi,
Im Tal des Delaware und des Ohio,
Am Susquehannah, Hudson und Potómac
Und auf des Ozeans endlosen Flächen.
Sie zogen mit, die mahnenden Gestalten
Wie einst im West, so auch im fernen Osten:
Selbst an des roten Meeres glühnder Küste
Umschwebten unablässig sie den Reiter,
Der auf dem Rücken des Kamels dahinflog,
Im weißen Zelt der menschenleeren Wüste,
An Horebs majestätischen Riesenwänden,
An Sinais gewaltgen Felskolossen,
Wo schweigend auf die farbgen Urgebirge
Wie einst zu Moses Zeit die Sonne brannte.
Sie schwebten unsichtbar an meiner Seite
Auf meiner fernen Kindheit trauten Bergen,
Die felsgekrönt Jerusalem umgeben,
Im einsam grünen Uferwald des Jordans,
In Jericho, im Schatten schlanker Palmen,
Am leuchtend blauen See Genezareth.
 
So ward im fremden Land dies Lied vom Rheine.
Und was aus innerem Drang sich mir gestaltet,
Wag ich zu bieten euch auf diesen Blättern.
Und bleichen auch schon meinen Hauptes Haare
Und fehlt der Jugend holder Sturm und Drang –
Nehmt auch vom Alternden die schlichte Gabe
Und seid ihm freundlich, wenn ihr könnt, gewogen.
 
(aus: Ludwig Schneller – Adolf Clarenbach. Ein Sang vom Rhein, Kommissionsverlag von H G Wallmann, Leipzig 1911, Bestand Fliedner Kulturstiftung Kaiserswerth.
Adolf Clarenbach wurde als evangelischer Ketzer in Köln vom katholischen Klerus verbrannt.)

Ölfter im Ölften in Kölle

Wir haben dat Kölsch Bloot in langen Jahren allenfalls teiltransfusioniert bekommen, ging es uns durch den Sinn, als wir die Stadt vorgestern unterirdisch querten. Zwar ist es in Köln jederzeit und rund ums Jahr kein außergewöhnlicher Anblick, in der Bahn als Lukaspodolskis, Lappenclowns, Bürgermilizionäre, Hunninen und Marieisdatnitschöns verkleidete stolze Einwohner anzutreffen, die hohe Anzahl und Sitz- wie vor allem Stehplatzverteilung, sowie die Bereicherung um pralleutrige Kühe, teuflisch aufgemotzte Stiletto-Teufelchen und mit Bierfäßern umgetane Biergläser etc löste dann aber schnell unser geistiges Ticket in die fünfte Jahreszeit. (Es hatte also, auch wenn es nie richtig aufgehört hatte, wieder begonnen!) In der überfüllten und zunehmend überfüllteren Bahn wurde nach mancherlei anderem ein auffällig als Nippeser Intellektueller verkleideter Undercover-Karnevalist (in einem unaussprechlichen Fantasiekostüm) vor unsere Brust gequetscht – wir kannten uns vom Bundesliga-Gucken: er: ein waschechter Westfale. Aus einer Laune heraus fragte ich ihn nach dem Motto der diesjährigen Sause und er wußte Bescheid: „Schnapstot und komajeschwängert: dat muß nit sin. Kölner stonn zesamme. Keine Flönz für Pänz!“ Während wir noch über das ausnahmsweise so lebensnahe Motto und Marie-Luise Nikutas mögliche Interpretation sinnierten, nahm der Westfale die Gelegenheit, von der feiernden Masse in akute Nähe unseres linken Ohrs gedrängt worden zu sein, wahr, uns weitere Informationen zu stecken, die eigentlich noch geheim seien, weil sie die Zochwagen beträfen, die er aber von verschiedenen Karnevalsgesellschaften zugehörigen, streitenden Nachbarn am frühen Morgen, kaum verständlich zwar, wegen deren Lallen, erfahren hätte: „„De Neppeser Schwaadlappe vun Neppes, die jern jet schwaade don e.V.“ wollen tatsächlich elfhundert Prinzpoldis in pommes-polnischem rut-wieß mit kleinen Ickehäßlerkasperszeptern entsenden. Und „De janz jemötlich links eröm drehende Stippeföttcher vun ungerm Dömche Alt Kölsche KG“ schicken einen als Hennes VI.-Gotthabihnselig verkleideten Seniorentrupp mit löstig-überlangen Jeißbärchten, die an krummen Zweiteligakrücken humpeln: das wird fußballlastig dies Jahr, da kannst sogar du mitmachen!“ Aber das bestgehütete karnevalistische Geheimnis der Saison sei politisch: „Die gemeinen Stadtarschief-Wühlmäuse vum Vringsveedel ohne Haftung e.V.“ entsenden einen vom Oberbürjermeisterpersönlisch angeführten Einsturzaufklärungswagen mit Singsang und zwei offenen Särgen, aus denen die Opfer janz jeck wiederauferstehen, zur Versöhnung mit überdimensionalen Kölner Schnäuzern angetan. Alaaf, sar isch da!“ Noch ehe wir antworten konnten, war der Westfale von feiernden Bürohengsten unter eine Sitzbank gedrängt worden. Und wir von einer Gruppe als bekopftuchte Türkinnen verkleideten fetten Kölschen Mamas auf einen Bahnsteig. Rheinwellen gleich schwappten die Massen durchs Eingeweide der Stadt. Elftausend Jecken hoch wollten sie sich auf dem Heumarkt ihr offizielles Startgetränk einverleiben, und wir sinnierten, was für ein Gewoge erst die elftausend Jungfern bei ihrem Ankunftslandgang in der Altstadt ausgelöst haben mochten, als die Gassen noch eng waren und an U-Bahntunnel kaum zu denken. Auf dem Bahnsteig jedenfalls kündeten KVB-Lautsprecher in hochprofessioneller Dreisprachigkeit (rechtsrheinisch, linksrheinisch, alkoholisch-altripuarisch), das ab sofort der Frohsinn die Macht ergriffen habe und wie man unter dessen Einfluß sachgemäß die süßlich duftenden Bahnen zu betreten habe: erst die Bahninsassen aussteigen lassen, dann selber einsteigen! Wir wollten es gern versuchen, doch hatte uns stattdessen eine diffuse Abordnung Oben bleiben!-Heinzelmichel aus dem Herzen Schwabens unter nasalen Protestkaskaden ins Freie bugsiert, in dem wir plötzlich, nach einigen Kilometern Wanderschaft, wie die Rose von Jericho aufgingen.