Gorinchem: eine Route voller Gefahren (2)

(…) Auch die beiden Natursteinskulpturen, von denen die heutige Fähre imgorinchem_5Gorinchemer Hafen bewillkommnet wird, standen da noch nicht herum, als Hugo de Groots Bücherkiste eintraf. Trotzdem gibt es mit diesem Befürworter der Meeresfreiheit eine gewisse Bewandtnis, wo doch die Meeresfreiheit grundlegend war für den weltweiten Aufschwung der meeresfahrenden Republik der Niederlande. Wie die Texttafel zu ihren Füssen schon vermuten lässt, sind die zwei ulkigen Figuren koreanischer Herkunft. Koreanische Orte werden traditionell von solchen Schutzgeistern vor Unheil bewahrt. Ihre Anwesenheit an der Pforte der alten Kleinstadt in der Provinz Zuid-Holland will aber nicht auf eine besondere Beziehung zu heutigen Firmen wie Hyundai, Samsung oder LG hindeuten. Die geht nämlich genau auf jene Zeit zurück, als die niederländische Seeflotte die Weltmeere beherrschte. Gorinchem ist der Geburtsort des nebst Guus Hiddink wohl berühmtesten Niederländers in Südkorea: Hendrik Hamel (1630-1692). gorinchem_6Hier ist er immer noch relativ unbekannt, in Korea aber muss man als Niederländer immer darauf gefasst sein, von neuen Bekanntschaften auf Hamel angesprochen zu werden, und auch nicht von ungefähr: Als erster hat er, wenn auch relativ ungewollt, den Westen bekannt gemacht mit dem Land, das sich im 17. Jahrhundert nach verheerenden Erfahrungen mit zuerst dem japanischen, daraufhin dem chinesischen Mandschu-Nachbar, von der Welt abgeschottet hatte.
1653 als Buchhalter des Schiffes Sperwer von Batavia, dem heutigen Djakarta, zum niederländischen Handelsposten Deshima in Japan unterwegs, musste Hamel miterleben, wie das Schiff bei schlechtem Wetter an der Felsenküste einer Insel zerschellte. Das war die koreanische Insel Jeju, den Niederländern als Quelpart bekannt, wenn auch nur zum Verproviantieren betreten. Die 36 Überlebenden der insgesamt 64 Besatzungsmitglieder wurden schon bald von koreanischen Soldaten aufgegriffen und unter Gefangenschaft gestellt, und hätten Korea eigentlich nie mehr verlassen dürfen. Im Laufe der Jahre verstarben die meisten; nur Hamel und sieben seiner Schicksalsgenossen schafften es 1666 vom heutigen Yeosu heraus die Flucht zu ergreifen, woraufhin dank japanischer Vermittlung auch sieben der acht noch in Korea Zurückgebliebenen in Freiheit gestellt wurden. Der Achte soll sich (als einziger) nicht von seiner koreanischen Ehefrau und Kindern haben trennen lassen wollen.
Die Geschichte wäre ohne Folgen geblieben, hätte nicht die niederländische Handelsgesellschaft VOC der Truppe einen ausführlichen Bericht zu ihren Erlebnissen abverlangt. Der wurde dann von Hamel erstellt, und irgendwie, eigentlich wider Willen des Auftraggebers, wurde der Text dann auch veröffentlicht. Zu beachtlichem Erfolg: Das Buch erzielte mehrere niederländische Editionen, sowie auch französische, deutsche und englische Übersetzungen. Bis ins 19. Jahrhundert war das Journael von Hendrik Hamel sogar der einzige im Westen verfügbare Text über Korea. Auch in den letzten Jahrzehnten hat es noch zwei Ausgaben gegeben: 1989 Hollanders in Korea von H.J. Van Hove, sowie 2003 die mit weit stärkeren Begleittexten ausgestattete Ausgabe De wereld van Hendrik Hamel, herausgegeben von Vibeke Roeper und Boudewijn Walraven (gleichzeitig erschien eine englische Fassung, Hamel’s World). Der Erfolg des Textes ist nachvollziehbar, ist er eben eine gelungene Mischung aus mitreißend erzähltem Erfahrungsbericht und so etwas wie anthropologischer Feldforschung, wobei die Sicht aufs exotische Land nie von christlichen Wertschätzungen benommen wird. Auch streckt dem Text zum Vorteil, dass die Schiffbrüchigen eine zeitlang am königlichen Hofe zu Seoul als Leibwächter zu dienen hatten, sich daher im Machtzentrum einigermaßen auskannten. Umso mehr, weil die Truppe dort Unterstützung fand von einem Jan Janszoon Weltevree aus De Rijp, der 1627 schon auf Quelpart von seinem Schiff hinterlassen worden war, sich dann als Waffenkundiger am Hofe emporgearbeitet hatte, den späteren schiffbrüchigen Landsleuten als Dolmetscher und Berater diente. Und wo er dem Hofe den Umgang mit Schusswaffen beibrachte, brachten Hamel und seine Männer den Koreanern das Bauen mit Zement bei.

Das Gorinchemer Museum hat, nach langer Vorbereitungszeit, erst seit diesem Jahr geöffnet, in einem späteren errichteten Haus an der genauen Stelle, wo einst Hamels Geburtshaus stand. Es erzählt mittels in Südkorea hergestellten Maquetten der jeweiligen Aufenthaltsorte im Kurzen die Geschichte von Hamel;gorinchem_7 darunter, wie in diesem Bild zu sehen, das Fort zu Yeosu, Hamels letzte koreanische Bleibe. Pro Maquette sind weiterführende Videos abzurufen. Hier im Foto sieht man links gerade einen Ausschnitt des Yeosuer Hendrik Hamel-Museum, das es noch nicht gab, als ich selber 2002 zur Vorbereitung eines Romans die Stadt besuchte. Das niederländische Museum bietet darüber hinaus noch eine Einführung zur niederländischen Schifffahrt zu Zeiten von Hamel, sowie mehrere Schenkungen aus koreanischen Museen, darunter koreanische Gebrauchsgegenstände und Töpferware, insbesondere eine recht schöne Seladonsammlung. Auch kann man sogar das Originalkonvolut des Hamel-Textes bewundern. Das Ganze wird vervollständigt von einem absonderlichen Raum für Wechselausstellungen koreanischer Künstler. Man wird aber hart dagegen anzukämpfen haben, dass Korea in den Niederlanden immer noch als eine Art Ersatz-China oder Reserve-Japan empfunden wird; bestenfalls als Heimatsort der nördlichen Kim-Dynastie oder als Auto- und Elektroniklieferant Interesse erregt. Daran hat auch die koreanische Filmindustrie oder gar Psy’s „Gangnam Style“, das nicht nur an den amerikanischen Rap, sondern auch an die traditionell koreanische Gesangkunst des P’ansori anknüpft, vorerst kaum etwas ändern können.
gorinchem_8Das breite Lächeln eines der Mitarbeiter bleibt aber als Hoffnungsschimmer. Damit endet hier vorerst auch meine Erkundung des Waals, denn Gorinchem an der Merwede fällt ohnehin schon außerhalb jenes Rahmens. Aber vielleicht regt das Lächeln noch zu weiteren Erkundungen an, entweder der Breite der Merwede entlang, oder gar rückwärtsgewandt: Übersprungenes gibt es ja immer. Man soll sich von einem Thema nicht einbetonieren lassen. Und auf weitere Gänge des tapferen “Ventjager” bin ich eh gespannt. Bis nach Korea wird er es allerdings nicht schaffen. Schade eigentlich.

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).

Marksburg

marksburg 2002_klAls Briefe noch ausschließlich analog versendet wurden diente die Marksburg als Motiv eines Postwertzeichens der Deutschen Bundespost. Die Dauermarke im Wert von 60 Pfennigen kam 1977 heraus und repräsentierte in der Serie Burgen und Schlösser die alten Gemäuer am Rhein. Das Porto für einen Standardbrief betrug damals 50 Pfennige, das für eine Postkarte 40 Pfennige. Unsere Aufnahme der Marksburg stammt von einer Radtour im Jahr 2002 – dem Jahr, in dem der Euro als Barzahlungsmittel eingeführt wurde. Unsere Korrespondenz lief zu diesem Zeitpunkt bereits maßgeblich über E-Mail. Doch Fotos schossen wir bis ca 2007 vorwiegend analog. Die Farben des Rheins haben sich seither geändert. Interessant wäre zu klären, wieweit die Farben der Wiedergabe (auf Gemälden, in analoger und digitaler Fotografie) sich auf Erinnerung und Wahrnehmung auswirken. Während auf analogen Bildern besonders die romantischen Eigenschaften der Flußlandschaft zum Tragen kommen, werden digital aufgenommene Bilder bevorzugt mithilfe von Filtern “auf romantisch” getrimmt. Ist der Wendepunkt von analoger zu digitaler Wiedergabe gleichzusetzen mit dem 200 Jahre lang verschleppten Ende der Rheinromantik?
Die Marksburg indes gibt es nicht nur am Rhein, sondern – seit 1996 – auch auf Miyako-jima, einer japanischen Insel mit Tropenklima. Für einen Deutschland-Themenpark wollte eine japanische Delegation das Gebäude ursprünglich kaufen, abtragen, verschiffen und in Japan wiederaufbauen. Der Plan scheiterte an der deutschen Gesetzgebung. Stattdessen vermaßen die Japaner die Marksburg – die einzige historische Burg des Mittelrheins, die nie zerstört wurde – und bauten sie detailgetreu ein zweites Mal im Deutschen Kulturdorf Ueno auf.

Der Düsseldorfer Kartoffelkönig

Hiraga Tomomi, ein verirrte japanische Touristin, die wir vor einigen Jahren bei Remagen kennenlernten, erzählte rheinsein vom bedeutenden Düsseldorfer Brauch des „potato king“, des Kartoffelkönigs. Die Geschichte der Hiraga Tomomi ging etwa wie folgt: „An einer Hauswand in Düsseldorf ist eine riesige bekrönte Kartoffel mit Gesicht (der Kartoffelkönig) angebracht. Der Kartoffelkönig symbolisiert eine im Grunde völlig ordinäre Kartoffel, die jedoch vor langer Zeit den schon hoffnungslos verlorenen Düsseldorfern in einer Schlacht auf wundersame Weise den Sieg gebracht hat. Seither wird sie von den Düsseldorfern als Kartoffelkönig verehrt. Mehr noch: die gekrönte Kartoffel muß immer in Richtung der bei der Schlacht unterlegenen Stadt schauen und an jedem Jahrestag des Sieges wird die Position der Kartoffel vom Bürgermeister Düsseldorfs eigenhändig nach vorgeschriebenem Ritus justiert. Denn wenn der Kartoffelkönig nicht mehr wacht, wird Düsseldorf untergehen.“ Wir ließen Hiraga Tomomi nicht merken, daß ihre schöne kleine Brauchtumsanekdote wohl vor allem in Japan kursieren dürfte und in Düsseldorf selbst noch wenig bis keinen Bekanntheitsgrad besitzt. Es hatte eine geraume Weile gedauert, bis wir die Erzählungen der jungen Dame über den „Kartoffelkönig“ recht zweifelsfrei dem gleichnamigen langjährigen Kartoffelpuffer-Imbiß auf der Bolkerstraße in der Düsseldorfer Altstadt zuordnen konnten, einer heutigen, insbesondere bei Touristen beliebten Partymeile, in der einst, “zufällig” wie er einmal schrieb, Heinrich Heine (der in Japan vielleicht bekannteste aller deutschen Dichter) geboren wurde. Diese Imbißbude hatte als Werbemaßnahme tatsächlich eine überdimensionale Kartoffel an ihrer Fassade montiert. Erwähnte Schlacht läßt sich mit hoher Sicherheit als die Schlacht bei Worringen (1288 n. Chr.), einem in Düsseldorf gern rund um die Uhr zitierten geschichtlichen Ereignis einordnen, die unterlegenen Angreifer als Einwohner Kölns. (Welche sich im übrigen ebenfalls als Sieger der Schlacht bei Worringen empfinden, diese aber weit seltener zitieren, was an anderer Stelle einmal genauer aufgedröselt werden soll.) Der Kartoffelkönig auf der Bolkerstraße existiert heute nicht mehr. Konkrete Auswirkungen seines Verschwindens auf die Existenz Düsseldorfs gibt es bisher keine. Wie es Hiraga Tomomi ergehen würde, kehrte sie nochmals nach Düsseldorf zurück, um den Kartoffelkönig aufzusuchen, von dem sie voller Freude, sogar mit Anflügen von Stolz erzählt hatte? Vermutlich würde sie ihren Augen nicht trauen, von einer Ortsverwechslung ausgehen und sich schnurstracks auf die Suche machen, ähnlich wie in Mündungsnähe der Ahr südlich Remagens, wo wir uns kennenlernten, indem wir der sympathischen Dame den Weg zum Drachenfels, den sie verpaßt haben mußte, erklärten und darüber ein wenig ins Plaudern verfielen.

St. Gallen

Durchs St. Galler Rheintal auf St. Gallen zu: grün bepelzte Berge über klobigen Industriehallen, Spielzeuglandatmo, übersteuerte Farben, drehgeregelte Temperaturen. Bei Rorschach ins Schiebefenster kippend: der im nach allen Seiten ausflachenden Himmel gespiegelte Bodensee, spiegelverkehrt/mastunten kratzen leuchtweiße Segelboote an Sfärenböden. Der Zug dreht bei und kämpft sich durch Streuobstwiesen empor in einen Wald, aus dessen Kronen (Utopia? Japan?) jähe Hochhausetagen ragen. Bevor die heilige Stadt erreicht werden darf, geht es durch einen langen schwarzen Tunnel, von dem nicht klar ist, ob er wirklich fysisch existiert oder lediglich eine bewußtseinseigene Maßnahme vorstellt, welche vorwarnungslos den Reisenden überfällt, der sich auf die Suche nach nicht weniger als einer modernen Deutung des großen Gallus begibt. (Muffige Luft und das gleichgültige Verhalten der Mitreisenden weisen allerdings auf fysische Existenz.) St. Gallen selbst wartet dann auf mit Menschen (Einheimische? Touristen?), wie sie häufig (ob der Beeinflussung durchs Reisen?) in Bahnhofsnähe zu finden sind: Visagen/Fysiognomien, die wirken, als seien sie mehrfach extrem in die Länge gedehnt worden, um sie dann zurückschnalzen zu lassen: was beachtliche Gehweisen und Mimiken zeitigt. Wenige Gehmeter vom Bahnhof entfernt: wird der städtische Boden ansatzlos von tartanbahnartigem Kunststoff überzogen: was dem Kölner sein betoniertes Vostell-Auto, ist dem St. Galler sein tartanierter Pipilottirist-Porsche, mehr noch: ein ganzes kleines von rotem Polyurethan loungig grund-, tisch-, und sesselbezogenes, videoüberwachtes Bankenviertel tut sich auf, zwischen die Flachdächer sind Luftskulpturen gespannt, die an stark vergrößerte Insekteneier erinnern, die Brunnen sprühen Dampf, der eigene Schritt beginnt zu federn, marktwirtschaftliche Dynamik bemächtigt sich des Körpers, wer sind wir denn?: nichts als korrumpierbare Masse aus Fleisch und Blut, bestenfalls befähigt, in den Himmel (hier also von künstlicher Insektenbrut dominiert) zu blicken.

Japanische Rheinbetrachtungen (5)

jap_craussAuch diese Rheinbetrachtung ist, wahrscheinlich, keine authentisch japanische. Die Schriftzeichen dürften in etwa “Farbbildband Rhein” bedeuten. Dengleichen Bildband gibt es allerdings – wie ein Foto, das Crauss. geschickt hat (Rheinsein dankt!), von dem hier lediglich ein Ausschnitt gewählt wurde, zu beweisen imstand wohl wäre -  in mindestens drei weiteren Sprachen betitelt. Erste Zweifel kommen auf: gibt es überhaupt den gefragten/erhofften genuin japanischen Rheinblick? Oder ist der Rheinblick-an-sich heuer vielmehr ein internationalisierter/internationalistisch institutionalisierter, und als solcher gänzlich frei von lokalisierbaren Sonderlichkeiten?

Japanische Rheinbetrachtungen (4)

Da sich einfach keine japanischen Rheinbetrachtungen finden lassen wollen, eine chinesische: Über den Erzählband „Nachtschwimmen im Rhein“ der rheinfern in Berlin lebenden Chinesin Luo Lingyuan schreibt Steffen Gnam in der rheinnäheren FAZ vom 12. Juni 2008: „(…) Auch in der unterkühlten Titelerzählung “Nachtschwimmen im Rhein”, in der Meizhi, die Gattin eines Vorstandsvorsitzenden der Rheinbau-AG, nach Maos Vorbild zum Flussschwimmen aufbricht, um in der Stille der Mondnacht eine Erleuchtung über das Wesen der Liebe zu erlangen, kommt es bestenfalls zur Scheinkatharsis: Meizhis Versuch, mit einem schweren Kamm den Badezimmerspiegel zu zerschlagen, vermag die Antagonismen nicht aufzulösen. Der erhofften Einnahme des Himmels, so Luos Grundtenor, stehen auch und gerade in der Fremdkultur unsichtbare Schranken im Wege.“ Das Coverfoto zeigt Gesicht und unbekleideten Oberkörper einer asiatisch wirkenden jungen Frau, wie sie gerade dem Rhein entstiegen sein könnte, in erotischer Rückenlage mit einherströmendem Haupthaar: sex sells, eine bewährte konfuzianische Idee, die dennoch immer wieder pfeffrig-frische Exotik verströmt.

Japanische Rheinbetrachtungen (3)

Zwar immer noch nicht so ganz über den Rhein, aber immerhin aus japanischer Feder, und auf den Rhein, auch wenn es sich hier um den Charles River handelt, (vielleicht bis auf die Wolkenpassage) durchaus zutreffend: „Die Wasseroberfläche ist jeden Tag anders – die Farbe, die Gestalt der Wellen, die Geschwindigkeit der Strömung. Mit jeder Jahreszeit verwandeln sich die Pflanzen und auch die Tiere am Fluss. Wolken in allen Formen ziehen darüber hinweg, und das von der Sonne beschienene Wasser spiegelt den Zug der weißen Gebilde bald klar, bald verschwommen wider. Je nach Jahreszeit kann der Wind sich wie auf Knopfdruck ändern. An seinem Geruch und auf der Haut ist jede kleine Änderung in der Jahreszeit deutlich spürbar. An diesem Fluss erkenne ich, dass ich nicht mehr bin als ein Steinchen im gewaltigen Mosaik der Natur. Wie das Wasser des Flusses bin ich ein austauschbarer Teil einer Naturerscheinung, die unter den Brücken hindurch auf das Meer zufließt.“ (aus: Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, Köln 2008)

Japanische Rheinbetrachtungen (2)

Im Zuge der Recherchen nach japanischen Rheinsichtweisen: bisher nix als spiegelverkehrte Nebenzweige:

1) Der japanische Rhein: immerhin, die Japaner haben ihren eigenen: den Kiso-Fluß, auch als Nihon Rhine bekannt, aufgrund vorgeblicher Ähnlichkeiten mit dem Bezugsfluß wie etwa „wilder Schönheit“. Die gängigen europäischen Wikipedien zumindest klären dies in knappen Artikeln auf, der japanische Artikel ist da schon deutlich umfangreicher und zeigt einige Bilder, die tatsächlich weitreichende Rheinähnlichkeiten belegen.

2) Maschineller Tourismus: „Annäherung an die Loreley, der Lautsprecher des Bootes begann sein Lied, und alle verteilt, die Japaner. Einmal das berühmte Lied summte, schwankend von rechts nach links traurig. Und dann sind wir aufgewacht, etwas auf dem berühmten Felsen der 132 Meter zu sehen. Doch all diese Tricks sind nutzlos. Auf den Felsen gibt es nichts zu sehen. Die Touristen sind enttäuscht. Jedes Mal, wenn. Aber, was ist die Loreley?“

3) Maschineller Tourismus, weitere Quelle: „Wir bestiegen ein Boot Ruddesheim, an den Ufern des Rheins. Wir zogen nach freien Stellen suchen. Viele japanische Touristen, meist bewaffnet mit ihren Kameras, Kamera, Adressbuch, Kugelschreiber und so. Diese charmanten sprechenden Touristen kommen direkt aus Japan. Wer verrückt ist, glauben wir, dass diese Liebe erwidert wird. Vroom, Vroom! Das Boot beginnt! Beobachten Sie Ihre Kameras. Wie Sie die Berge sehen können auf die Bilder sind meist in Burgen und Weinbergen. Vor Ort gab es eine gute Atmosphäre, Sonne und Wind. Wir passierten den Felsen der Loreley, dann lesen wir das berühmte Gedicht von Heine in deutscher Sprache. Es war eine schöne Kreuzfahrt und wir lachten.“

Bedingt fortsetzungsfähig. Hallo Japaner! Schickt mir doch bitte Eure Rheineindrücke aus erster Hand!

Japanische Rheinbetrachtungen

Gelungen oder mißraten – Versuche, den eigenen Blickwinkel auf den Rhein ein wenig zu exotisieren, heute: indem japanische Betrachtensweisen zum deutschen Strom im Internet aufgespürt werden sollten, führen, vermutlich nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarriere, zwar zu einigen Ergebnissen, die aber kaum zu befriedigen wissen, da sie a) garnicht von Japanern, sondern meist von urdeutschen Menschenexemplaren stammen und b) bestenfalls in der hierzuland seit Jahrzehnten als hochoriginell verbuchten Ansicht kulminieren, japanische Touristen, die ja alles und jedes nur durch die Displays ihrer Foto- und Filmkameras betrachteten, würden sich dann eben zuhause (auf welche Weise auch immer, wahrscheinlich die typisch japanische) mit den gefilmten Burgen, Weinbergen, Loreleyfelsen auseinandersetzen. So läßt sich quantitativ viel und dabei doch Hochredundantes über den japanischen Rheintouristen und die sexuellen Neigungen seiner Frau an sich – aus sicher berufenem (berufsverbotsfernem) Munde – erfahren. Dann doch noch tiefgründigeres: eine namentlich nicht gekennzeichnete, beeindruckend ausführliche, stellenweise poetisierte Rede über den Rhein in der Literatur wie sie haufenweise gestapelt mein Arbeitszimmer bewächst. Diese Rede, eine sehr ordentliche, passenderweise gehalten vor einer Ordensgesellschaft (allein die Vorstellung: da hocken noch Ritter mitten unter uns!), liefert von Ichweißesnicht über Nurichweißbescheid via Früherwarallesbesser bis Esmußwaspassieren ein reiches Spektrum purdeutscher Anschauungsweisen, die mir plötzlich selbst ganz exotisch vorkommen. Die Vorstellung auch einer Gesellschaftsschicht, die unsere besten Dichter erst respektiert (wenn überhaupt), nachdem sie ihnen weidlich beim Dahindarben oder Wahnsinnigwerden zugeschaut hat, bis sie dermaßen tot vorliegen, daß sies Maul beim besten Willen nicht mehr aufbekommen: selbstexotisierend! Am vorläufigen Ende der Suche dann noch der Loreley-Song von George und Ira Gershwin, interpretiert von Miku Hatsune, reichlich versöhnlicher Abschluß des heutigen Rechercheleerlaufs, der in leichtgewichtigen Gedanken zu einem fiktiven Volk synthetischer, zum Leben erweckter Gartenzwerge mündet.

Rheinkiesel

Bokushi Suzuki beschreibt in seinem Reisebericht von 1832 über das japanische Etchigo (die heutige Präfektur Niigata), der auf deutsch als „Leben unter dem Schnee“ erschienen ist, daß es in dieser vereisten Gegend zur Prüfung der Bräute gehörte, einen Kiesel im Bachbett zu finden. Chandra Mohan Jain, besser bekannt als Bhagwan Shree Rajneesh oder Osho, spricht in einem seiner bisweilen skurrilen Lehrvideos über die Bedeutung von Individualität und den Vorgang des Findens. Als Knabe sei er, anders als in seiner Gegend üblich, stets in Kleidung mit aufgenähten Taschen umhergelaufen. Niemand wollte ihn verstehen, er aber habe diese zahlreichen Taschen gebraucht, weil er immer am Flüßchen unterwegs war, um Kiesel zu suchen, die er sich dann in die Taschen stopfte. Sowohl seine Kleidung, als auch seine Vorliebe für Kiesel führten zu einigen Disputen zwischen dem jungen Rajneesh und seinem Vater, der dem Knaben die Flausen austreiben wollte. Als der Vater, gemeinsam mit einigen anderen aus dem Dorf, das Zimmer des Jungen mit Flußkieseln zuschüttete, erklärte der kleine Rajneesh: nun sei ihm die Freude an den Kieseln zerstört, welche nämlich im Finden liege und nicht im Besitz. Rheinsein erhielt jüngst Foto und Bericht von wasserdurchlöcherten Kieseln aus dem Alpenrheinbett. Sie seien äußerst selten und das Auffinden habe eine besondere Bedeutung: Glück für den Finder, Schutz vor Alpträumen und in Gegenden, wo er noch existiert, selbst vor dem bösen Blick. Und Rheinsein erhielt Kunde von einem Jungen, der den Wert seines Ausflugs nach Salzburg an den Fundstücken entlang der Salzach bemaß: Katzengoldkiesel und ein noch beköderter Angelhaken.