St. Gallen

Durchs St. Galler Rheintal auf St. Gallen zu: grün bepelzte Berge über klobigen Industriehallen, Spielzeuglandatmo, übersteuerte Farben, drehgeregelte Temperaturen. Bei Rorschach ins Schiebefenster kippend: der im nach allen Seiten ausflachenden Himmel gespiegelte Bodensee, spiegelverkehrt/mastunten kratzen leuchtweiße Segelboote an Sfärenböden. Der Zug dreht bei und kämpft sich durch Streuobstwiesen empor in einen Wald, aus dessen Kronen (Utopia? Japan?) jähe Hochhausetagen ragen. Bevor die heilige Stadt erreicht werden darf, geht es durch einen langen schwarzen Tunnel, von dem nicht klar ist, ob er wirklich fysisch existiert oder lediglich eine bewußtseinseigene Maßnahme vorstellt, welche vorwarnungslos den Reisenden überfällt, der sich auf die Suche nach nicht weniger als einer modernen Deutung des großen Gallus begibt. (Muffige Luft und das gleichgültige Verhalten der Mitreisenden weisen allerdings auf fysische Existenz.) St. Gallen selbst wartet dann auf mit Menschen (Einheimische? Touristen?), wie sie häufig (ob der Beeinflussung durchs Reisen?) in Bahnhofsnähe zu finden sind: Visagen/Fysiognomien, die wirken, als seien sie mehrfach extrem in die Länge gedehnt worden, um sie dann zurückschnalzen zu lassen: was beachtliche Gehweisen und Mimiken zeitigt. Wenige Gehmeter vom Bahnhof entfernt: wird der städtische Boden ansatzlos von tartanbahnartigem Kunststoff überzogen: was dem Kölner sein betoniertes Vostell-Auto, ist dem St. Galler sein tartanierter Pipilottirist-Porsche, mehr noch: ein ganzes kleines von rotem Polyurethan loungig grund-, tisch-, und sesselbezogenes, videoüberwachtes Bankenviertel tut sich auf, zwischen die Flachdächer sind Luftskulpturen gespannt, die an stark vergrößerte Insekteneier erinnern, die Brunnen sprühen Dampf, der eigene Schritt beginnt zu federn, marktwirtschaftliche Dynamik bemächtigt sich des Körpers, wer sind wir denn?: nichts als korrumpierbare Masse aus Fleisch und Blut, bestenfalls befähigt, in den Himmel (hier also von künstlicher Insektenbrut dominiert) zu blicken.

Japanische Rheinbetrachtungen (5)

jap_craussAuch diese Rheinbetrachtung ist, wahrscheinlich, keine authentisch japanische. Die Schriftzeichen dürften in etwa “Farbbildband Rhein” bedeuten. Dengleichen Bildband gibt es allerdings – wie ein Foto, das Crauss. geschickt hat (Rheinsein dankt!), von dem hier lediglich ein Ausschnitt gewählt wurde, zu beweisen imstand wohl wäre -  in mindestens drei weiteren Sprachen betitelt. Erste Zweifel kommen auf: gibt es überhaupt den gefragten/erhofften genuin japanischen Rheinblick? Oder ist der Rheinblick-an-sich heuer vielmehr ein internationalisierter/internationalistisch institutionalisierter, und als solcher gänzlich frei von lokalisierbaren Sonderlichkeiten?

Japanische Rheinbetrachtungen (4)

Da sich einfach keine japanischen Rheinbetrachtungen finden lassen wollen, eine chinesische: Über den Erzählband „Nachtschwimmen im Rhein“ der rheinfern in Berlin lebenden Chinesin Luo Lingyuan schreibt Steffen Gnam in der rheinnäheren FAZ vom 12. Juni 2008: „(…) Auch in der unterkühlten Titelerzählung “Nachtschwimmen im Rhein”, in der Meizhi, die Gattin eines Vorstandsvorsitzenden der Rheinbau-AG, nach Maos Vorbild zum Flussschwimmen aufbricht, um in der Stille der Mondnacht eine Erleuchtung über das Wesen der Liebe zu erlangen, kommt es bestenfalls zur Scheinkatharsis: Meizhis Versuch, mit einem schweren Kamm den Badezimmerspiegel zu zerschlagen, vermag die Antagonismen nicht aufzulösen. Der erhofften Einnahme des Himmels, so Luos Grundtenor, stehen auch und gerade in der Fremdkultur unsichtbare Schranken im Wege.“ Das Coverfoto zeigt Gesicht und unbekleideten Oberkörper einer asiatisch wirkenden jungen Frau, wie sie gerade dem Rhein entstiegen sein könnte, in erotischer Rückenlage mit einherströmendem Haupthaar: sex sells, eine bewährte konfuzianische Idee, die dennoch immer wieder pfeffrig-frische Exotik verströmt.

Japanische Rheinbetrachtungen (3)

Zwar immer noch nicht so ganz über den Rhein, aber immerhin aus japanischer Feder, und auf den Rhein, auch wenn es sich hier um den Charles River handelt, (vielleicht bis auf die Wolkenpassage) durchaus zutreffend: „Die Wasseroberfläche ist jeden Tag anders – die Farbe, die Gestalt der Wellen, die Geschwindigkeit der Strömung. Mit jeder Jahreszeit verwandeln sich die Pflanzen und auch die Tiere am Fluss. Wolken in allen Formen ziehen darüber hinweg, und das von der Sonne beschienene Wasser spiegelt den Zug der weißen Gebilde bald klar, bald verschwommen wider. Je nach Jahreszeit kann der Wind sich wie auf Knopfdruck ändern. An seinem Geruch und auf der Haut ist jede kleine Änderung in der Jahreszeit deutlich spürbar. An diesem Fluss erkenne ich, dass ich nicht mehr bin als ein Steinchen im gewaltigen Mosaik der Natur. Wie das Wasser des Flusses bin ich ein austauschbarer Teil einer Naturerscheinung, die unter den Brücken hindurch auf das Meer zufließt.“ (aus: Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, Köln 2008)

Japanische Rheinbetrachtungen (2)

Im Zuge der Recherchen nach japanischen Rheinsichtweisen: bisher nix als spiegelverkehrte Nebenzweige:

1) Der japanische Rhein: immerhin, die Japaner haben ihren eigenen: den Kiso-Fluß, auch als Nihon Rhine bekannt, aufgrund vorgeblicher Ähnlichkeiten mit dem Bezugsfluß wie etwa „wilder Schönheit“. Die gängigen europäischen Wikipedien zumindest klären dies in knappen Artikeln auf, der japanische Artikel ist da schon deutlich umfangreicher und zeigt einige Bilder, die tatsächlich weitreichende Rheinähnlichkeiten belegen.

2) Maschineller Tourismus: „Annäherung an die Loreley, der Lautsprecher des Bootes begann sein Lied, und alle verteilt, die Japaner. Einmal das berühmte Lied summte, schwankend von rechts nach links traurig. Und dann sind wir aufgewacht, etwas auf dem berühmten Felsen der 132 Meter zu sehen. Doch all diese Tricks sind nutzlos. Auf den Felsen gibt es nichts zu sehen. Die Touristen sind enttäuscht. Jedes Mal, wenn. Aber, was ist die Loreley?“

3) Maschineller Tourismus, weitere Quelle: „Wir bestiegen ein Boot Ruddesheim, an den Ufern des Rheins. Wir zogen nach freien Stellen suchen. Viele japanische Touristen, meist bewaffnet mit ihren Kameras, Kamera, Adressbuch, Kugelschreiber und so. Diese charmanten sprechenden Touristen kommen direkt aus Japan. Wer verrückt ist, glauben wir, dass diese Liebe erwidert wird. Vroom, Vroom! Das Boot beginnt! Beobachten Sie Ihre Kameras. Wie Sie die Berge sehen können auf die Bilder sind meist in Burgen und Weinbergen. Vor Ort gab es eine gute Atmosphäre, Sonne und Wind. Wir passierten den Felsen der Loreley, dann lesen wir das berühmte Gedicht von Heine in deutscher Sprache. Es war eine schöne Kreuzfahrt und wir lachten.“

Bedingt fortsetzungsfähig. Hallo Japaner! Schickt mir doch bitte Eure Rheineindrücke aus erster Hand!

Japanische Rheinbetrachtungen

Gelungen oder mißraten – Versuche, den eigenen Blickwinkel auf den Rhein ein wenig zu exotisieren, heute: indem japanische Betrachtensweisen zum deutschen Strom im Internet aufgespürt werden sollten, führen, vermutlich nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarriere, zwar zu einigen Ergebnissen, die aber kaum zu befriedigen wissen, da sie a) garnicht von Japanern, sondern meist von urdeutschen Menschenexemplaren stammen und b) bestenfalls in der hierzuland seit Jahrzehnten als hochoriginell verbuchten Ansicht kulminieren, japanische Touristen, die ja alles und jedes nur durch die Displays ihrer Foto- und Filmkameras betrachteten, würden sich dann eben zuhause (auf welche Weise auch immer, wahrscheinlich die typisch japanische) mit den gefilmten Burgen, Weinbergen, Loreleyfelsen auseinandersetzen. So läßt sich quantitativ viel und dabei doch Hochredundantes über den japanischen Rheintouristen und die sexuellen Neigungen seiner Frau an sich – aus sicher berufenem (berufsverbotsfernem) Munde – erfahren. Dann doch noch tiefgründigeres: eine namentlich nicht gekennzeichnete, beeindruckend ausführliche, stellenweise poetisierte Rede über den Rhein in der Literatur wie sie haufenweise gestapelt mein Arbeitszimmer bewächst. Diese Rede, eine sehr ordentliche, passenderweise gehalten vor einer Ordensgesellschaft (allein die Vorstellung: da hocken noch Ritter mitten unter uns!), liefert von Ichweißesnicht über Nurichweißbescheid via Früherwarallesbesser bis Esmußwaspassieren ein reiches Spektrum purdeutscher Anschauungsweisen, die mir plötzlich selbst ganz exotisch vorkommen. Die Vorstellung auch einer Gesellschaftsschicht, die unsere besten Dichter erst respektiert (wenn überhaupt), nachdem sie ihnen weidlich beim Dahindarben oder Wahnsinnigwerden zugeschaut hat, bis sie dermaßen tot vorliegen, daß sies Maul beim besten Willen nicht mehr aufbekommen: selbstexotisierend! Am vorläufigen Ende der Suche dann noch der Loreley-Song von George und Ira Gershwin, interpretiert von Miku Hatsune, reichlich versöhnlicher Abschluß des heutigen Rechercheleerlaufs, der in leichtgewichtigen Gedanken zu einem fiktiven Volk synthetischer, zum Leben erweckter Gartenzwerge mündet.

Rheinkiesel

Bokushi Suzuki beschreibt in seinem Reisebericht von 1832 über das japanische Etchigo (die heutige Präfektur Niigata), der auf deutsch als „Leben unter dem Schnee“ erschienen ist, daß es in dieser vereisten Gegend zur Prüfung der Bräute gehörte, einen Kiesel im Bachbett zu finden. Chandra Mohan Jain, besser bekannt als Bhagwan Shree Rajneesh oder Osho, spricht in einem seiner bisweilen skurrilen Lehrvideos über die Bedeutung von Individualität und den Vorgang des Findens. Als Knabe sei er, anders als in seiner Gegend üblich, stets in Kleidung mit aufgenähten Taschen umhergelaufen. Niemand wollte ihn verstehen, er aber habe diese zahlreichen Taschen gebraucht, weil er immer am Flüßchen unterwegs war, um Kiesel zu suchen, die er sich dann in die Taschen stopfte. Sowohl seine Kleidung, als auch seine Vorliebe für Kiesel führten zu einigen Disputen zwischen dem jungen Rajneesh und seinem Vater, der dem Knaben die Flausen austreiben wollte. Als der Vater, gemeinsam mit einigen anderen aus dem Dorf, das Zimmer des Jungen mit Flußkieseln zuschüttete, erklärte der kleine Rajneesh: nun sei ihm die Freude an den Kieseln zerstört, welche nämlich im Finden liege und nicht im Besitz. Rheinsein erhielt jüngst Foto und Bericht von wasserdurchlöcherten Kieseln aus dem Alpenrheinbett. Sie seien äußerst selten und das Auffinden habe eine besondere Bedeutung: Glück für den Finder, Schutz vor Alpträumen und in Gegenden, wo er noch existiert, selbst vor dem bösen Blick. Und Rheinsein erhielt Kunde von einem Jungen, der den Wert seines Ausflugs nach Salzburg an den Fundstücken entlang der Salzach bemaß: Katzengoldkiesel und ein noch beköderter Angelhaken.