Anna Rhenana fließt die ganze Nacht unter meinem Fenster und beschwert sich in gutturalem Schwyz-Duitsch

19. August 1937
Hotel Krone am Rhein, Rheinfelden

Lieber Curran,

Ich hoffe, dies erreicht Sie noch vor Ihrer Abreise, denn ich vermute, daß Armand Establet, der seines Vaters Weinberg und nützlichen Umhang übernommen hat, die Kiste geschickt hat*. Er scheint nicht dedouane zu haben, vielleicht konnte er nicht, aber sie trifft möglicherweise am Tag nach Ihrer Abreise ein und kommt Sie unnützerweise an Zollgebühren teuer zu stehen. Vielleicht kann sich jemand während Ihrer Abwesenheit darum kümmern.
Mit diesem Brief bitte ich Sie diesmal nicht, jemanden zu sehen, wohin zu gehen oder etwas für mich zu tun, sondern ich möchte nur Ihnen und den Ihren eine angenehme Reise wünschen. Da Sie gehört haben, daß wir nach Vittel, Le Touquet, auf die Isle of Man und nach Anglia gehen wollten, werden Sie es für die natürlichste Sache von der Welt halten, daß wir hier in Erin-am-Rhein stecken. Anna Rhenana fließt die ganze Nacht unter meinem Fenster und beschwert sich in gutturalem Schwyz-Duitsch, daß ich sie mit über 200 anderen als Schleppenträgerin für eine trunkene röckeschleifende Dubliner Schlumpe in Dienst genötigt habe. Gott steh mir bei, wenn ich je dieser Kriegsmaid Anna Amazona nahe komme!
[...]

* Eine Kiste Châteauneuf, Clos St. Patrice.

(aus: James Joyce, Werke 7, Briefe III)

Rhunerhinerstones (James Joyce aux chutes du Rhin)

rhunerhinerstones_2

Folgende, zumindest sprachlich rheinkonnotierten Zitate aus Finnegans Wake schickte uns Lenya Roysle aus Paris, Frankreich als Material zu ihrer Zeichnung. Sie blättere, teilte sie mit, immer wieder gerne im Originaltext, obgleich eine französische Übersetzung, erschienen bei Gallimard im Jahre 1982, dieses häufig als unlesbar hingestellten Werkes existiere. Nun wüßten also auch wir, was Joyce am Rheinfall machte. Ein Wissen, das wir rheinseins Besuchern keinesfalls vorenthalten wollen. Merci, mademoiselle!

„First she let her hair fal and down it flussed to her feet its teviots winding coils. Then, mothernaked, she sampood herself with galawater and fraguant pistania mud, wupper and lauar, from crown to sole. Next she greesed the groove of her keel, warthes and wears and mole and itcher, with antifouling butter-scatch and turfentide and serpenthyme and with leafmould she ushered round prunella isles and eslats dun, quincecunct, allover her little mary. Peeld gold of waxwork her jellybelly and her grains of incense anguille bronze. And after that she wove a garland for her hair. She pleated it. She plaited it. Of meadowgrass and riverflags, the bulrush and waterweed, and of fallen griefs of weeping willow. Then she made her bracelets and her anklets and her armlets and a jetty amulet for necklace of clicking cobbles and pattering pebbles and rumbledown rubble, richmond and rehr, of Irish rhunerhinerstones and shellmarble bangles.“
Book I, chap. 8, p. 207

„Two Idas, two Evas, two Nessies and Rubyjuby. Phook! No wonder, pipes as kirles, that he sthings like a rheinbok. One bed night he had the delysiums that they were all queens mobbing him. Fell stiff. Oh, ho, ho, ho, ah, he, he!“
Book II, chap. 3, p. 379

„P.S. but a fingerhot of rheingenever to give the Pax cum Spiri-tututu. Drily thankful. Burud and dulse and typureely jam, all free of charge, aman, and. And the best of wine avec.“
Book III, chap. 1, p. 406

„- Hooraymost! None whomsoever, Shaun replied, Heavenly blank! (he had intentended and was peering now rather close to the paste of his rubiny winklering) though it ought to be more or less rawcawcaw romantical. By the wag, how is Mr Fry? All of it, I might say, in ex-voto, pay and perks and wooden half- pence, some rhino, rhine, O joyoust rhine, was handled over spon-daneously by me (and bundle end to my illwishers’ Miss Anders! she woor her wraith of ruins the night she lost I left!) in the ligname of Mr van Howten of Tredcastles, Clowntalkin, timbreman, among my prodigits nabobs and navious of every subscription entitled the Bois in the Boscoor, our evicted tenemants.“
Book III, chap.1, p. 414

Zitate aus: James Joyce, Finnegans Wake (Penguin Books, 1992)

Feldkirch

Im Gegensatz zum Fürstentum Liechtenstein, in dem jedoch zureichend Feldwege zur Verfügung stehen, begleiten die Vorarlberger Hauptstraßen auffallend taugliche Fahrradspuren. Hinzu`s gehts gegen den Wind durchs Unterland und ein Weniges hügelan. Gleich hinter der Grenze entbieten stramme Asiaten, welche hier Kaufmannsläden und Verpflegungsstationen mit umfassendem heimatlichen Sortiment betreiben, herzhaft: „Grüß Gott!“ Aus dem Augenwinkel nehmen wir eine weltweit grenztypische Baracke wahr, in welcher der Snackman frühe Würschtl brät. Die Läden der angestammten Vorarlberger, ob deren Namen auf althergebrachte Poetiken zurückgehen oder neo-asiatischem Einfluß unterliegen (oder ob beides seine Rolle spielt), heißen knackig „fleisch & brot“ oder „klein & fein“ – das kaufmännische „&“ sowie Kleinschreibung jedenfalls scheinen Pflicht. In der Feldkircher Innenstadt suchen und finden wir den Briefkasten des Theaters am Saumarkt, um gerade noch fristgerecht vier neue Gedichte für einen lokal verankerten, schmal dotierten Provinzlyrikpreis mit Weltruf einzureichen. Feldkirch pflegt sichtbar seine literarische Vergangenheit und Gegenwart (evtl erledigt das aber auch die ÖBB für „die Stadt“ wie Feldkirch in Liechtenstein der Einfachheit halber genannt wird): im Bahnhof zeigt ein feuerwehrroter

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Literaturautomat unter dem Motto „Lesen ist Reisen im Kopf“ in seinem eigenen Automatenrhythmus Texte und Biografien Vorarlberger AutorInnen an, deren Namen zudem gut sichtbar rund um die Bahnhofshalle angeschrieben stehen. Zudem wird James Joyce, recht dramatisch, zitiert: „Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden.“ Nicht minder dramatisch dürften gut drei Jahrzehnte später weit fleischlichere Schicksale entschieden worden sein: falls die Erinnerung an Zuckmayers Autobiografie “Als wär’s ein Stück von mir” uns nicht trügt, galt Feldkirch zu Zeiten von Ostmark und Großdeutschem Reich als wichtiger Fluchtpunkt (nicht nur) für Schriftsteller, die Heimat in sicherere Gefilde zu verlassen. In der Stadt schreiten dann auch, nebst der allerorten auffallenden, die Möglichkeiten des Lifestyle bis an die äußeren Grenzen des Mainstreams auslotenden sonnenbankgebräunten Wasserstoffblondine mit Puschelhund, legerere Touristinnen mit offenkundig literarischen Bändchen vor der Nase einher, jeden Meter und Winkel Historizität zu erspüren/abzufotografieren. Kurzes Ruhen mit Illblick: kalkig-türkis zieht dies frische Flüßchen auf den Rhein, zu Baulärm, der bald von der Sonne und mit ihr auftrumpfenden gemischten Singvogelchorälen beruhigt wird. In dieser Strahlesonne, die Menschheit ringsum bricht nun bekatzte Weidenzweige, beginnt die Selbstheiligung aller Umstände.

Rhein vs Liffey

Vom Fließen und Rasen des RheinWassers wie des Bluts, vom Reibungswiderstand des FlußBetts, ein lautgemaltes Lyr von Vic Hendry, welches Wasser und Blut freimütig schmatzen und sprechen läßt, in der catschenden, sbabadenden, craschelnden Sprache der Surselva und an Joyces lautplätschernde, geradezu übertrieben zischelnde Beschreibung der im (realen) Vergleich zum Vorderrhein doch sehr drögen Dubliner Liffey im Ulysses erinnert:

dasper la cascada dall`aua immensa
en mei ina forza pli gronda regorda –
las auas sederschan e sburflan e catschan
il vau perencunter sefetg`e resista
la spema sbabada setegn ella buola
ramura sfrachegia e craschla e schema
las auas pussentas paleisan la possa
dil saung enten mei che secatscha e cuora

(gefunden in: Vic Hendry: Auras, Schaffhausen 1995)