Das böhmische Meer – eine rheinische Zuglektüre

“Der Zwang, unter dem ich mich befand, legte sich erst, als der Zug in den Heidelberger Bahnhof hineinrollte, wo derart zahlreich die Menschen auf den Bahnsteigen standen, daß ich sogleich annahm, sie seien auf der Flucht aus der untergehenden oder bereits untergegangenen Stadt. Die letzte der neuzugestiegenen Fahrgäste, die in das nur noch zur Hälfte besetzte Abteil hereinkamen, war eine junge Frau mit einem braunen Samtbarett und lockigem Haar, in der ich auf den ersten Blick und, wie ich mir sagte, ohne den allergeringsten Zweifel, Elizabeth, die Tochter James I., erkannte, die, nach den Berichten der Geschichtsschreiber, als Braut des Pfälzer Kurfürsten nach Heidelberg gekommen und, während der kurzen Zeit, in der sie dort glänzend Hof gehalten hat, als die Winterkönigin bekannt geworden ist. Diese junge Frau aus dem englischen siebzehnten Jahrhundert war, kaum hatte sie Platz genommen und in ihrer Ecke sich eingerichtet, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer mir unbekannten Autorin namens Mila Stern. Erst als wir den Rheinstrom entlangfuhren, schaute sie manchmal von ihrer Lektüre auf und seitwärts durch die Scheiben des Abteilfensters auf das Wasser und die steilen Abhänge des jenseitigen Ufers hinaus. Es mußte ein starker Nordwind aufgekommen sein, denn die Heckflaggen der stromaufwärts die graue Flut durchpflügenden Lastkähne wehten nicht nach rückwärts, sondern wie auf einer Kinderzeichnung nach vorne zu, was dem ganzen Bild etwas ebensosehr Verkehrtes wie Rührendes gab. Das Licht draußen hatte zusehends abgenommen, bis nur mehr eine fahle Helle das Stromtal erfüllte. Ich trat hinaus auf den Gang. Die wie mit einer Kaltnadel gezeichneten schiefer- und violettfarbenen Weinberge waren stellenweise mit türkisgrünen Netzen abgedeckt. Als nun ein allmählich eintretendes Schneetreiben diesen im Vorbeigleiten fortwährend sich verschiebenden, im wesentlichen aber unverändert bleibenden Prospekt mit einer feinen, fast waagrechten Schraffur überzog, war es mir auf einmal, als seien wir auf dem Weg hinauf in den hohen Norden, als näherten wir uns bereits der äußersten Spitze der Insel Hokkaido. Die Winterkönigin, von der ich insgeheim vermutete, daß sie diese Verwandlung der Rheinlandschaft bewirkt hatte, war gleichfalls auf den Gang herausgekommen und stand, das schöne Schauspiel betrachtend, bereits eine längere Weile neben mir, bis sie mit einem kaum wahrnehmbaren englischen Tonfall in der Stimme und, wie es mir schien, ganz für sich allein die folgenden Zeilen sagte:

Rasen weiß verweht vom Schnee
Schleier schwärzer als die Kräh`
Handschuh weich wie Rosenblüten
Masken das Gesicht zu hüten.

Daß ich darauf damals nicht zu erwidern wußte, nicht wußte, wie er weiterging, dieser Wintervers, daß ich, aller inneren Bewegung zum Trotz, nichts herausbrachte, dumm und stumm nur stehenblieb und weiter hinausschaute auf die nahezu vergangene Dämmerwelt, das hat mich seither schon oft sehr gereut und gedauert. Bald weitete das Rheintal sich aus, in der Ebene erschienen die glitzernden Wohntürme, und der Zug rollte hinein nach Bonn, wo die Winterkönigin, ohne daß ich noch etwas zu ihr hätte sagen können, ausgestiegen ist. Seither habe ich immer wieder und bislang vergebens versucht, wenigstens das Buch Das böhmische Meer ausfindig zu machen; es ist aber, obschon zweifellos für mich von der größten Wichtigkeit, in keiner Bibliographie, in keinem Katalog, es ist nirgends verzeichnet.”

(aus: W. G. Sebald, Schwindel. Gefühl)

W. G. Sebald ist längst kein Geheimtipp mehr. Dennoch möchte rheinsein Sebalds Werk jedem, der es noch nicht kennt, wärmstens zur Lektüre empfehlen. Die kleine Reiseszene durchs Rheintal mag exemplarisch für den Stilmix Sebalds stehen, der in magischer Weise zwischen Realia und Fiktivem oszilliert und sich vor gereimten Einstreuseln nicht scheut.