Rimbaud am Rheinfall

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Für Victor Segalen bestand kein Zweifel: “Bovarysmus (1)” war die Ursache für Arthur Rimbauds Glauben, er sei alles mögliche, bloß kein Dichter: Entdecker, Händler, Waffenschmuggler, Kameltreiber, etc… – und nicht zuletzt Fotograf [“Nous faisons venir un appareil photographique, et je vous enverrai des vues du pays et des gens. (2)”].

Rimbaud äußerte seine Begeisterung für die Fotografie, bevor diese zur Massenware wurde, in zahlreichen Briefen an Freunde und Verwandte. Gleichzeitig plante er illustrierte Bücher und dergleichen mehr (“Je suis pour composer un ouvrage sur le Harar et les Gallas que j’ai exploré, et le soumettre à la Société de géographie. (3)”), und war voller Zuversicht, daß sobald die in Lyon bestellte kostspielige Ausrüstung in Aden oder Harar einträfe, er sich ins Zeug legen und schnell viel Geld mit dem neuen Medium verdienen würde [“... j’en tirerai un large profit, et je vous enverrai des choses curieuses (4).”]. Die Kunst des Fotografierens hatte er sich bereits theoretisch mithilfe eines Handbuchs angeeignet. Die Listen der Bücher, die Rimbaud in weiteren Briefen bestellte, geben Auskunft darüber, was er sich über das Fotografieren hinaus noch selber beigebracht hatte – oder beibringen wollte, wie Jean Voellmy andeutet (5). Sie enthalten Fachliteratur über Metallurgie, Hydraulik, Hydrografie, Landwirtschaft, allgemeine Naturwissenschaften, Topografie, Meteorologie, Chemie, Kommandieren eines Dampfschiffs, Schiffbau, Mineralogie hin zu Handbüchern über das Maurerhandwerk, die Stellmacherei, das Gerben, die Glasherstellung, Ziegelbrennen, Steingutfabrikation, Töpferei, das perfekte Schlosserwesen, das Gußhandwerk, Kerzenherstellung, das Zimmern, etc… Darüber hinaus erkundigte Rimbaud sich detailliert über die geeignetsten Gewehre und Munitionen für die Elefantenjagd (was einen deutschen Journalisten (6), der sich gerade auf dem Weg zum Kilimandscharo (damals das höchste Gebirge Deutschlands!) befand, zu der Äußerung bewegte : “Dieser Monsieur Rambo (sic!) wird es noch zum Leibwächter des Königs von Abessinien bringen!”. Hätte Poll seinerzeit gewußt, wofür der Name Rambo 100 Jahre später stehen würde, er hätte sich wohl die Augen gerieben.

Zurück zur Fotografie. Die angeforderte Ausrüstung traf – nach zwei Jahren Wartezeit – ein, und trotz einiger Unzufriedenheiten (“Tout cela est devenu blanc, à cause des mauvaises eaux qui me servent à laver. Mais je vais faire un meilleur travail dans la suite… (7)”), verspricht Rimbaud sich und den seinen künftig bessere Abzüge [“Je vais reprendre avec le beau temps, et je pourrai vous envoyer des choses vraiment curieuses (8).”], setzt seine Experimente fort (9), und, hier kommt ein besonderer Clou: inszeniert sich, nicht ohne Selbstironie, mitten in Abessinien vor dem Rheinfall, wie der Kunsttheoretiker Charles Boiré (10) behauptet, aus dessen Buch die obige Abbildung stammt.

Ob Rimbaud den Rheinfall tatsächlich je gesehen hat, bleibt wie vieles in seinem bewegten, rastlosen Leben, ungewiß. Folgen wir der Theorie Segalens, könnte Rimbaud geglaubt haben, an vielen Orten gewesen zu sein, ohne daß es tatsächlich der Fall war. Doch die Möglichkeit einer realen Rheinfallvisite besteht: gute Gelegenheit dazu hätte Rimbaud gehabt, als er 1878 nach Altdorf reiste, um zu Fuß über den Gotthard nach Genua zu gelangen und sich von dort nach Zypern einzuschiffen (11). Auf rheinseins Frage, wie die Rheinfallansicht nach Harar gelangt sein könnte, antwortete Herr Boiré : “Seit James Bruce verkehrten in der gesamten Region eine Menge Abenteurer, welche alle möglichen Artefakte aus Europa mit sich trugen, um ihr Heimweh zu lindern oder Eingeborene damit zu beschenken. Weiter unten liste ich Ihnen einige mehr oder weniger kuriose Gegenstände auf, die damals nach Abessinien verbracht wurden. Sie werden dann verstehen, daß es zweifelsfrei als realistisch bezeichnet werden kann, daß eine Expedition besagte Fotoplatte im Gepäck hatte.”

1885 war dann allerdings Schluß mit dem Fotografieren : “L’appareil photographique, à mon grand regret, je l’ai vendu mais sans perte (12).”

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(1) Victor Segalen, Le double Rimbaud, Montpellier 1975/1979
(2) An seine Verwandten, Januar 1881
(3) An Ernest Delahaye, Januar 1882
(4) An seine Mutter, Dezember 1882
(5) s. A. Rimbaud, Correspondance 1888-1891, Paris 1965
(6) Karl Friedrich Poll und Klaus von der Decke, Scheitern am Kilimandscharo, Biberverlag, Leipzig 1882
(7) An seine Verwandten, Mai 1883
(8) An seine Verwandten, August 1883
(9) Bis jetzt sind 7 Fotos identifiziert
(10) Charles Boiré, Qu’y a-t-il là-dessous? Bruxelles 1981
(11) s. Paterne Berrichon, La vie de Jean-Arthur Rimbaud, Paris 1897
(12) An seine Verwandten, 14. April 1885

James Bruce, delirierender Quellensucher

„J’avois vu les sources du Rhin & du Rhône, & les sources de la Saône, encore plus magnifiques. Alors je commençai à regarder le désir de connoître les sources du Nil comme le délire d’un cerveau malade.“

(James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie: pendant les années 1768-1772, Tome VI, p. 601.)