Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon

Die Volksweisheit findet Gefallen am Glauben, dass die vergangenen Tage angenehmer waren als die diejenigen, die heute ablaufen oder darauf warten, es noch zu tun; wenn das tatsächlich der Fall wäre, sollte ich nicht ein retro-aktives Tagebuch führen?

Worte. Ich habe weniger das Gefühl zu schreiben als abzutropfen, Wort für Wort, mich abzuworten.

Gerne spaziere ich durch die Straßen, wenn ich keinen Grund habe, der mich daran hindert raus zu gehen, weil ich immer einen guten Grund habe es zu tun, sei es nur um Fotos zu machen. Bleibe ich drin, widme ich mich meinem Tagebuch. Es ist ratsam, diese Arbeit beim Aufstehen zu erledigen: es ist noch nichts geschehen, und war die Nacht traumlos, ist der Eintrag schnell erledigt.

Nach jedem Waschgang: die Wäsche im Garten, vom Wind befummelt, wedelt Gebete, die sich in Stoff wickeln, sich an Drähten strangulieren, sich zusammenrollen und zuletzt schweigen.

Je weniger ich schlafe, desto weniger träume ich. Der Vorteil ist eindeutig: je weniger ich träume, desto länger die Zeit, während der mein Hirn keinerlei Aktivität ausübt. Eine Länge, die jedoch durch die relative Kürze des Schlafs verringert wird.

“Das ist das größte Loch der Welt”, sagte A., und zeigte auf eine Kohlengrube mit gigantischen Baggern, die den Horizont klein hackten. So ein Krater könnte einen Asteroiden eifersüchtig machen, dachte B.

Tage habe ich erlebt, ja, von exemplarischer Geschmacksneutralität. Vor Langeweile verdutzt.

Rheinsein. Rhein sein… Ich weiß nicht, warum mich das an dieses Lehrerpaar erinnert, die Velloins…, vor langer Zeit. Ich erinnere mich nur halb. Ungefähr zu dieser Zeit übte ich an einer Schule zwei Tätigkeiten aus. Im Rahmen der ersten sollte ich den Schülern die Geheimnisse der Fotografie (Aufnahme, Entwicklung, Abzüge, etc) beibringen. Fakultativer Unterricht – niemand nahm daran teil. Für die zweite Tätigkeit (Dokumentarlisten, Gehilfe, sic!), verbrachte ich meine Zeit mit dem Durchblättern von Lexika und Enzyklopädien, da die Schüler im allgemeinen den Ort mieden. Worte habe ich gesehen wie andere Dinge von der Welt sehen!

Wer sagte: Auch seine Vergänglichkeit muss man finanzieren können?

Wie reiste wohl Herodot? Sicher zu Fuß, vielleicht an Bord einer Galeere, wahrscheinlich auf einem Pferd oder Esel. Wie viele Kilometer legte er zurück? Mit ihm verglichen reiste Sebastian Münster weniger, doch besaß er ungefähr 120 Augenpaare.

In der Accademia, der Zyklus der Heiligen Ursula. Ihre Ankunft auf dem Rhein in Köln. Die Segelboote mit imposanten Masten, dunkel wie Bestattungsgondeln. Der Hund auf dem Ponton, bewaffnete Männer vor den Befestigungen, die an den Arsenale erinnern (Carpaccio soll von Reuwich (selbst von Bellini beeinflusst) inspiriert worden sein, der den Peregrinatio in Terram Sanctam von Breydenbach illustrierte). Die Figur, die mit ausgestreckten Armen, schlafwandlerisch oder blind, auf dem betürmten Pier vorankommt. Der im Vordergrund sitzende Soldat, träumend, einen Bogen in Händen (?). Auch im Vordergrund, aber rechts, in einer Gruppe, die Figur, die einen Brief hält und auf die Schiffe zeigt. Ist der Brief eine Beschreibung Ursulas? Die Frau, die es abzuschießen gilt… Ein Armbrustschütze zielt auf – was? eine Taube? ein Rebhuhn? Die Ankündigung kann das dem Heiligen vorbehaltene Schicksal sein. Vielleicht. Aber wer tötet wen? Die Familie Loredan, die die Bruderschaft unterstützte, für die Carpaccio den Zyklus der Heiligen Ursula schuf, engagierte sich im Kampf gegen die feindlichen Königreiche von Venedig (angeführt von Sultan Mehmet). Diese waren mit drei Kronen bezeichnet (die wie das Rot und das Weiß auch auf dem Wappen von Köln erscheinen). Carpaccio erzählt etwas anderes als das, was er malt …

Der Taikonaut Yang Liwei erzählte, dass er während seiner Reise im Weltraum an Bord des Shenzhou 5 Shuttles ein Geräusch hörte, dessen Quelle er nicht bestimmen konnte und das ihn an den Lärm erinnerte, welchen ein gegen einen Eimer schlagender Holzhammer machen würde. Die Shuttle-Astronauten von Shenzhou 6 und Shenzhou 7 behaupteten später, die gleiche Art von Lärm gehört zu haben.

Wenn ich also richtig verstanden habe, wäre diese weiße Substanz Carbid oder Carbid-Calcium. Mit Wasser vermischt erzeugt sie ein explosives Gas. Dieses Carbid ist vor allem der für Acetylenlampen verwendete Brennstoff. Carbidschießen-Wettkämpfe gibt es auch, und da hört mein Interesse an der Sache auf.

Auf dem Weg nach Rotterdam ein Hausboot namens “Paradox”. Am Ufer scheint eine Läuferin nicht mehr als eine Mütze, eine Sonnenbrille, ein MP3-Player, ein T-Shirt, Shorts und ein paar Tennisschuhe zu sein. Sie hatte sich gründlich zu Tode gejoggt, zu nichts.

Jenseits des Flusses, diesseits. Die Löwin und der Löwe. Der Ruf der Löwin, der Tod des Löwen (1).

Das Fenster weit offen und das ist es, die Landschaft breitet sich aus, mit rechts und links verstreuten Häusern. Und ich sage mir, dass der Weg, den ich gehen musste, um definitiv mit der Natur zu brechen, zweifellos so lange ist, wie der, den ich wieder aufnehmen müsste, um mich wirklich wieder mit ihr zu verbinden.

Im Allgemeinen schlafe ich zu wenig, um Zeit zum Träumen zu haben.

Zeit kauen.

Fixiert man eine Weile die kleinen Wellen, die gegen die Basaltblöcke springen, glaubt man tatsächlich, dass eine von ihnen uns etwas übermittelt, ohne zu wissen, was es ist.

Silhouetten von Bäumen, von Häusern, im Gegen-Licht, im Gegen-Leben…

Als er die Quelle des Nils erblickte, dachte Bruce (2) an die Rhône, den Rhein und die Saône; Gabriel Bonvalot (3), der in Tibet reiste, verglich die Ruinen, die hier und dort zu sehen waren, mit denen von Schlössern, die bei Touristen entlang des Rheins oder des Neckars so beliebt sind. In gleicher Art finden wir in Cécile de Rodt (4): “Der Hudson, der der amerikanische Rhein genannt wird”, “Der Ganges in Benares hat etwa die Breite des Rheins in Köln”, in Montesquieu (5): “… unter den letzten Kaisern, das auf die Vorstädte von Konstantinopel reduzierte Reich, endet wie der Rhein, der nicht mehr ist als ein Bächlein, wenn er im Ozean verloren geht.” Oder in einem Gedicht von Hermann Hesse, die Reise nach Indien (?). (6)

Langsam schlendernd, den Rumpf im zerfetztes Leder eingepackt, die Beine in eine abgenutzte Drillhose, der ausgebleichte Kamm, gefolgt von einem Bastard an der Leine, der seinem Zustand angemessen war: ein pensionierter Punk.

“Der Perückenmacher kommt herein. Er wirft einen Blick auf meine Perücke und weigert sich, sie zu berühren. Sie scheint etwas oberhalb oder unterhalb seiner Kunst. “Aber was dann tun?”, sagte ich zu ihm. “Monsieur, Sie müssen eine von mir nehmen, es sind welche da, fertig.” “Aber ich fürchte, mein Freund”, sagte ich und untersuchte die, die er mir zeigte, “dass diese Schleife nicht aufrechterhalten werden kann.” “Sie könnten”, sagte er, “sie ins Meer tauchen, sie würde halten.”
In dieser Stadt wird alles in großem Maßstab gemessen, sagte ich mir. Das größte Ausmaß der Ideen eines englischen Perückenmachers wäre niemals weiter gegangen, als ihn dazu zu bringen, zu sagen: “Tränken Sie sie in einem Eimer Wasser.” Was für ein Unterschied! Es ist wie die Zeit in der Ewigkeit. [...] Ein Eimer Wasser macht zweifellos eine traurige Figur neben dem Meer; aber er hat den Vorteil, zur Hand zu sein, und Sie können die Schleife in kürzester Zeit eintauchen…” (7)

Das Laub fegen, es langsam zu Haufen schieben, dann mit einer Schubkarre transportieren, um es schließlich zu begraben. Das ist es, was mir beim Fotografieren in den Sinn kommt. In der Tat sind Fotos nichts anderes als die toten Blätter des Waldes, durch die wir uns wohl oder übel bewegen. Wenn alles mit Glanz untergeht, wird die Gelassenheit, mit der wir dem Fall der Welt folgen können, aufsteigende Verzweiflung genannt.

***

(1) s. Jacques Brel, Le lion.
(2) James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie, Tome VI (Paris, 1790).
(3) Gabriel Bonvalot, L’Asie inconnue : à travers le Tibet (Paris, 1896).
(4) Cécile de Rodt, Voyage d’une Suissesse autour du monde (Neuchâtel, 1904).
(5) Charles-Louis de Secondat Montesquieu, Oeuvres complètes, De l’esprit des lois, Grandeur et décadance des Romains (Paris, 1834).
(6) Tatsächlich in: Hermann Hesse, Aus Indien (Aufzeichnungen, Tagebücher, Gedichte, Betrachtungen und Erzählungen), Berlin 1913.
(7) Laurence Sterne, Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien, Die Perücke – Paris.

Rimbaud am Rheinfall

rimbaudrheinfall

Für Victor Segalen bestand kein Zweifel: “Bovarysmus (1)” war die Ursache für Arthur Rimbauds Glauben, er sei alles mögliche, bloß kein Dichter: Entdecker, Händler, Waffenschmuggler, Kameltreiber, etc… – und nicht zuletzt Fotograf [“Nous faisons venir un appareil photographique, et je vous enverrai des vues du pays et des gens. (2)”].

Rimbaud äußerte seine Begeisterung für die Fotografie, bevor diese zur Massenware wurde, in zahlreichen Briefen an Freunde und Verwandte. Gleichzeitig plante er illustrierte Bücher und dergleichen mehr (“Je suis pour composer un ouvrage sur le Harar et les Gallas que j’ai exploré, et le soumettre à la Société de géographie. (3)”), und war voller Zuversicht, daß sobald die in Lyon bestellte kostspielige Ausrüstung in Aden oder Harar einträfe, er sich ins Zeug legen und schnell viel Geld mit dem neuen Medium verdienen würde [“... j’en tirerai un large profit, et je vous enverrai des choses curieuses (4).”]. Die Kunst des Fotografierens hatte er sich bereits theoretisch mithilfe eines Handbuchs angeeignet. Die Listen der Bücher, die Rimbaud in weiteren Briefen bestellte, geben Auskunft darüber, was er sich über das Fotografieren hinaus noch selber beigebracht hatte – oder beibringen wollte, wie Jean Voellmy andeutet (5). Sie enthalten Fachliteratur über Metallurgie, Hydraulik, Hydrografie, Landwirtschaft, allgemeine Naturwissenschaften, Topografie, Meteorologie, Chemie, Kommandieren eines Dampfschiffs, Schiffbau, Mineralogie hin zu Handbüchern über das Maurerhandwerk, die Stellmacherei, das Gerben, die Glasherstellung, Ziegelbrennen, Steingutfabrikation, Töpferei, das perfekte Schlosserwesen, das Gußhandwerk, Kerzenherstellung, das Zimmern, etc… Darüber hinaus erkundigte Rimbaud sich detailliert über die geeignetsten Gewehre und Munitionen für die Elefantenjagd (was einen deutschen Journalisten (6), der sich gerade auf dem Weg zum Kilimandscharo (damals das höchste Gebirge Deutschlands!) befand, zu der Äußerung bewegte : “Dieser Monsieur Rambo (sic!) wird es noch zum Leibwächter des Königs von Abessinien bringen!”. Hätte Poll seinerzeit gewußt, wofür der Name Rambo 100 Jahre später stehen würde, er hätte sich wohl die Augen gerieben.

Zurück zur Fotografie. Die angeforderte Ausrüstung traf – nach zwei Jahren Wartezeit – ein, und trotz einiger Unzufriedenheiten (“Tout cela est devenu blanc, à cause des mauvaises eaux qui me servent à laver. Mais je vais faire un meilleur travail dans la suite… (7)”), verspricht Rimbaud sich und den seinen künftig bessere Abzüge [“Je vais reprendre avec le beau temps, et je pourrai vous envoyer des choses vraiment curieuses (8).”], setzt seine Experimente fort (9), und, hier kommt ein besonderer Clou: inszeniert sich, nicht ohne Selbstironie, mitten in Abessinien vor dem Rheinfall, wie der Kunsttheoretiker Charles Boiré (10) behauptet, aus dessen Buch die obige Abbildung stammt.

Ob Rimbaud den Rheinfall tatsächlich je gesehen hat, bleibt wie vieles in seinem bewegten, rastlosen Leben, ungewiß. Folgen wir der Theorie Segalens, könnte Rimbaud geglaubt haben, an vielen Orten gewesen zu sein, ohne daß es tatsächlich der Fall war. Doch die Möglichkeit einer realen Rheinfallvisite besteht: gute Gelegenheit dazu hätte Rimbaud gehabt, als er 1878 nach Altdorf reiste, um zu Fuß über den Gotthard nach Genua zu gelangen und sich von dort nach Zypern einzuschiffen (11). Auf rheinseins Frage, wie die Rheinfallansicht nach Harar gelangt sein könnte, antwortete Herr Boiré : “Seit James Bruce verkehrten in der gesamten Region eine Menge Abenteurer, welche alle möglichen Artefakte aus Europa mit sich trugen, um ihr Heimweh zu lindern oder Eingeborene damit zu beschenken. Weiter unten liste ich Ihnen einige mehr oder weniger kuriose Gegenstände auf, die damals nach Abessinien verbracht wurden. Sie werden dann verstehen, daß es zweifelsfrei als realistisch bezeichnet werden kann, daß eine Expedition besagte Fotoplatte im Gepäck hatte.”

1885 war dann allerdings Schluß mit dem Fotografieren : “L’appareil photographique, à mon grand regret, je l’ai vendu mais sans perte (12).”

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(1) Victor Segalen, Le double Rimbaud, Montpellier 1975/1979
(2) An seine Verwandten, Januar 1881
(3) An Ernest Delahaye, Januar 1882
(4) An seine Mutter, Dezember 1882
(5) s. A. Rimbaud, Correspondance 1888-1891, Paris 1965
(6) Karl Friedrich Poll und Klaus von der Decke, Scheitern am Kilimandscharo, Biberverlag, Leipzig 1882
(7) An seine Verwandten, Mai 1883
(8) An seine Verwandten, August 1883
(9) Bis jetzt sind 7 Fotos identifiziert
(10) Charles Boiré, Qu’y a-t-il là-dessous? Bruxelles 1981
(11) s. Paterne Berrichon, La vie de Jean-Arthur Rimbaud, Paris 1897
(12) An seine Verwandten, 14. April 1885

James Bruce, delirierender Quellensucher

„J’avois vu les sources du Rhin & du Rhône, & les sources de la Saône, encore plus magnifiques. Alors je commençai à regarder le désir de connoître les sources du Nil comme le délire d’un cerveau malade.“

(James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie: pendant les années 1768-1772, Tome VI, p. 601.)