Im Bauch der Berge

(Ein Gastbeitrag von Florian Blaschke, zuerst erschienen am 5. April 2008 in der Leipziger Volkszeitung. Rheinsein wollte schon lange wissen, was es mit solchen Behauptungen auf sich habe, die Schweizer Alpen seien von der Armee ausgehöhlt und dankt herzlich für diesen feinen Artikel!)

Das Artilleriewerk Crestawald bei Sufers war jahrelang strenger Geheimhaltung unterworfen. Heute ist die Festungsanlage als Museum dem Publikum zugänglich — und das will die Geschichte des Bunkers hören.

Jakob Waser sagt, rückblickend sei das alles wohl ziemlich sinnlos gewesen. Waser ist ein Mann von 65 Jahren, die grauen Haare militärisch kurz. 30 Jahre hat er geschwiegen über seine Arbeit, selbst gegenüber seiner Frau, denn »wenn einer geplappert hat, dann haben sie den geholt«. Das erzählt Jakob Waser heute, denn heute darf er erzählen.

Auch Hugo Zarn darf erzählen, dort, wo Waser Dienst geleistet hat. Er muss sogar, denn deshalb kommen sie. Deutsche vor allem, aber auch Holländer, Belgier, Luxemburger. Und Italiener. Sie wollen von dem 72-Jährigen wissen, wie das war mit dieser Festung vor der Tür, den Gerüchten, der Bedrohung, der Angst. Sie wollen die Geschichte von Crestawald hören.

Hinter der Viamala, dem Schlechten Weg, zieht sich vierspurig die neue A13 durch die Schweizer Alpen, an der Rofflaschlucht vorbei über den San Bernardino nach Italien — eine der wichtigsten Routen in den Süden. Vor der Talsperre Sufers zweigt die alte A13 ab, nach einigen hundert Metern verschwindet ein Weg im Wald, dahinter ein Schild: Festungsmuseum. Jahrzehntelang durfte es diesen Ort nicht geben, wie alle Stellungen in den Alpen. 10 000 Kubikmeter Gestein schleppen sie zwischen 1939 und 1941 aus dem Berg, 120 Mann, Tag und Nacht, mit Hammer und Meißel. Und sie bauen zwei schwedische Schiffskanonen ein, denen der Kommandant nach einem Glas zu viel die Namen seiner Töchter gibt: Silvia und Lukretia. Denn Geschütze über zehn Zentimeter Kaliber bekommen Mädchennamen, so ist das eben. Mehr als fünfzig Jahre hockt die Schweizer Armee bis an die Zähne bewaffnet in den Bergen und wartet auf einen Feind, der nie kommen wird. Auf die Deutschen und die Italiener, später auf die Russen, dann weiß nicht einmal die Militärführung mehr, auf wen sie noch warten soll. Selbst die Einheimischen witzeln heute über ihre mit Bunkern durchlöcherten Berge, sie sähen aus wie ein Emmentaler. 20 000 Anlagen sollen es auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gewesen sein — eine auf jedem zweiten Quadratkilometer.

Jakob Waser war Festungswächter in Crestawald, von 1967 bis 1995, da gibt es schon keinen echten Feind mehr. »Trotzdem wären wir in 24 Stunden einsatzbereit gewesen«, sagt er. Seine zehn Mann sorgen dafür, 365 Tage im Jahr. Sie kontrollieren die Turbinen und Munitionsaufzüge, veranstalten Rettungsübungen und tauschen Lebensmittel aus. Sie räumen Schnee und halten die Schuss-Schneisen frei. Sie füllen die Dieseltanks nach und schrubben die Abluftschächte. Und einmal pro Woche tritt Waser zum Rapport an: »Da haben sie uns wieder Geheimhaltung eingetrichtert.« Zu Hause erzählt er mit schlechtem Gewissen gerade so viel, dass die Familie nicht nachfragt. Seine Frau arbeitet im Krankenhaus, der Sohn ist Polizist. Die Wasers wissen, was Schweigen heißt.

Auch in Sufers erzählen sie sechzig Jahre nur, da sei was hinter dem See, irgendwas vom Militär. Alle paar Wochen feuern die Soldaten Übungsschüsse nach Süden, dann zischen Geschosse über die alten Häuser hinweg, mit etwas Glück sieht man sie am Horizont verschwinden. Was aber drinnen genau vor sich geht, im Berg, weiß niemand. Einmal im Jahr wird das Sperrgebiet zum Himbeerenpflücken freigegeben, sonst herrscht Ruhe.

45 Aperitif hat Zarn im vergangenen Jahr in der Festungsküche zubereitet, hat 46 Mittagessen und 27 Nachtessen serviert. Sogar ein Ehepaar hat hier schon seine Hochzeitsnacht verbracht — eine Überraschung des Gatten. Auch in diesem Jahr werden wieder Gruppen im Berg absteigen. Hugo Zarn wird ihre Menüwünsche entgegennehmen und einkaufen, er wird zwei Tage vor dem Besuch in die Festung fahren und die Heizung einschalten, er wird die Betten beziehen und seine eigene Pritsche. Seit eine Gruppe von 16 Mann hier für 800 Franken gezecht hat, bleibt auch er über Nacht. »Zu Hause schlafe ich nicht mehr richtig«, sagt er, gleich zweimal habe ihn der Feueralarm auf dem Nachttisch damals aus dem Bett geholt. Er wird mit den Besuchern die Notausgänge abgehen und das Abendessen machen. Vielleicht kocht er Bündner Gerstensuppe, serviert in der nierenförmigen Gamelle. Oder es gibt Schinken im Brotteig.

Und er wird sie durch die Festung führen, vorbei an den 66 Karabinern, Modell 31, zum Feuerleitstand und zum Maschinenraum, in dem es nach Diesel riecht. Er wird ihnen die Krankenstation mit den acht Pritschen zeigen und die Telefonzentrale, in der noch das Einsatzbuch liegt. Der letzte Eintrag stammt vom 24. Juni 1993. »Tagwache, weiter trüb« hat der Soldat eingetragen. »Nebel, Nieselregen, 5°«. Er wird mit ihnen zur Offiziersmesse gehen, wo hinter dem Tisch und den elf Stühlen eine Miniaturversion von Van Goghs Nachtwache hängt, und zur Stube des Kommandanten, dem seine Kameraden ein kleines Holzfenster auf die Betonwand über das Bett gezimmert haben. »Damit er auch mal rausgucken kann«, wird Zarn sagen und lächeln. Sie werden die 29 Stufen zur Druckschleuse hinaufsteigen, durch die fünf Tonnen schweren grauen Tore. Zwölf Eisenstufen werden sie zählen bis zur Lukretia, dann im fahlen Licht an den nackten Granitwänden entlang, an denen stetig Wasser herabtropft, sich in einer schmalen Rinne sammelt und die Gänge hinab fließt. Sie werden zur Totenkammer gehen, in der nie ein Toter gelegen hat, und merken, wie der Tunnel vor der steilen Treppe zum Beobachtungsposten langsam ansteigt. Dann ist Schluss, nach zwei Kilometern geht es nicht weiter.

Noch heute liegen am ganzen Hinterrhein verlassene Stellungen. Als Scheunen getarnte Bunker vor Splügen, eine Sperre in der Rofflaschlucht, dazu dutzende ehemals heiße Objekte. »Beinahe jede Brücke im Tal war mit Dynamit präpariert und wäre gesprengt worden«, erzählt Waser. Wahnsinn sagt er dazu. Als nach dem Ende des Warschauer Pakts auch seine Anlage geschlossen wird, muss er in Frührente gehen. »Ein Schlag ins Gesicht.« Heute ist sein ehemaliger Arbeitsplatz ein Museum. Viele Einheimische haben sich dagegen gewehrt, die Anlage einfach zuzuschütten. Vor acht Jahren dann haben sie einen Verein gegründet, der dieses Stück Geschichte bewahrt. Eine Geschichte, die auch die Schweizer erst nach und nach entdeckt haben und von der bis heute nur wenige Touristen etwas ahnen. »Auf der einen Seite kann ich das Projekt schon nachvollziehen«, sagt Jakob Waser. »Auf der anderen Seite ist der Aufwand eigentlich zu hoch.« Alleine für Strom zahlen sie pro Jahr 10 000 Franken, die Entfeuchter laufen 365 Tage am Stück. Bis zu 5000 Besucher pro Jahr und 400 Vereinsmitglieder braucht es, um solche Unkosten zu decken.

Wenn die Besucher wieder weg sind, wird die Arbeit für Hugo Zarn weitergehen. Dann wird er den Müll entsorgen und putzen, er wird zwischendurch auf die Uhr schauen, um die Zeit nicht zu vergessen. Er wird die Heizung abschalten und das Licht löschen — 57 Schalter, gleiche Reihenfolge wie immer. Und wenn ihm draußen auffällt, dass er doch einen vergessen hat, wird er den ganzen Weg wieder zurück gehen. Dann wird er die Alarmanlage scharf stellen, das Holztor zusperren, und in Crestawald wird wieder Ruhe einkehren.

Jakob Waser war seit der Eröffnung des Museums nur noch einmal dort, mit diesem Ort habe er abgeschlossen, sagt er. Mit dem Militär nicht ganz. Auf einem Bergrücken hoch über Andeer hat er einen alten Beobachtungsposten gekauft — als Hütte für die Gamsbockjagd.