Klassischer Fall wundersamer Hinterrhein-Kefaloforik: der Rhein als Rotes Meer

“Wohl um diese Zeit (9. Jh.) lebte in Tomils ein heiligmässiger Pfarrer, Victor. Er hatte zwei Schwestern als Nonnen im Kloster Cazis, namens Aurora und Evalia. Victor wurde bei der Verteidigung des kirchlichen Besitzes erschlagen und wird als Martyr verehrt. Als ihm das Haupt von den Feinden abgeschlagen worden war, habe er dasselbe mit den Händen aufgenommen und auf den nahen Hügel getragen, dann fiel er als Glaubensheld hin. Die beiden Schwestern in Cazis wussten nichts von dem, was drüben unter dem Schloss Ortenstein vorgefallen, sie sahen aber sofort nach dem Martyrium ihren Bruder als lichte Wolke gegen Himmel schweben. Als sie vom glorreichen Tode ihres Bruders hörten, erkannten sie, dass Gott ihnen durch die Vision mitgeteilt habe, die Seele ihres Bruders sei in die ewige Ruhe eingegangen. Man habe seine Reliquien aufgehoben und sie feierlich ins Kloster Cazis getragen. Als man mit der kostbaren Fracht an den Rhein kam, hätte derselbe den Trägern freien Durchpass gewährt, wie einst das Rote Meer den Israeliten.”

(aus: Jacob Simonet, Geschichte des Klosters Cazis, Raetica Varia IV. Lieferung, Chur 1923)