Stöbers Istein

Die Isteiner Chronik weist auf Adolf Stöber, der einer elsässischen Dichterfamilie entstammte. Seine balladeske Istein-Dichtung erschien 1846 in Schnezlers Badischem Sagenbuch (worin sie bis heute auffindbar ist). Angeblich inspirierte Stöbers Werk eine ganze Reihe von Verswerken über den Versoffenen-Gottesacker (”versoffen” steht in diesem Fall für “ertrunken”), die womöglich seit geraumer Zeit nicht mehr oder weitgehend unter Aussparung der Öffentlichkeit fortgesetzt wurde.

Adolf Stöber: Istein

Von Basel kommt gezogen
In stolzem Lauf der Rhein,
Da beugen seine Wogen
Zur Rechten plötzlich ein;
An Istein`s Felsenmauer
Zieht hoch der Strom heran,
Und rauscht zurück mit Schauer,
Und brandet wieder an.

Was lockt ihn da herüber?
Was treibt ihn fort zur Flucht?
Was wird er ernst und trüber
Und gräbt sich tiefe Bucht?
Es liegt an diesem Strande
Ein todtenstiller Ort;
Es ragt bis vor zum Rande
Des Dorfes Kirchhof dort.

Und oft – so hört` ich sagen -
Wenn hoch die Wasser ziehn,
Wirft hier mit dumpfen Klagen
Der Strom die Todten hin;
Er wirft sie an`s Gestade
Aus seinem Wogensarg,
Auf daß er sich entlade
Der Schulden, die er barg.

Da lag wohl auf dem Sande
Schon manches graue Haupt.
Ob diesem Noth und Schande
Den Lebensmuth geraubt?
Ob Jener sank in Sünde,
Bis ihn hinunterriß
In seine Todesgründe
Der Geist der Finsterniß?

Auch manche Jungfrau`nleiche
Lag dort am Felsenhang.
Was war`s, du arme Bleiche,
Daß dich die Fluth verschlang?
Ach! Wühlt` in deinem Herzen
Getäuschter Liebe Gram,
Bis dich, betäubt von Schmerzen,
Verzweiflung überkam?

Ein Mensch im Todtenhemde -
Was stürzt` ihn in die Fluth?
War`s eigne Schuld, war`s fremde,
War`s Sturm und Stromes Wuth?
Wer hat wohl sichre Kunde? -
Die Dörfner fragen`s nicht;
Sie denken nur zur Stunde
Der frommen Liebespflicht.

Des Friedhofs Ruhestätte
Nimmt alle Todten auf,
Die aus dem kalten Bette
Verstieß der Fluthen Lauf.
Sie richten nicht, sie schweigen;
Dem ist`s anheimgestellt,
Dem alle Todten eigen,
Dem Richter aller Welt.

Es steht ein Kreuz erhoben,
Hoch auf dem Felsengrund,
Es deutet ernst nach Oben,
Thut Gottes Gnade kund;
Es sieht die Wellen fliehen
Im raschen Strom der Zeit,
Und, Die vorüberziehen,
Mahnt`s an die Ewigkeit.

Zundelfrieder

Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich, und glücklich über die Grenzen kam

Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte, und dachte: „Ich will so früh den Zuchtmeister nicht wecken“, und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voranflogen, gelangte er abends noch unbeschrieen an ein Städtlein an der Grenze. Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei, und wie er hieße, und was er im Schilde führe; „könnt Ihr Polnisch?“ fragte herzhaft der Frieder die Schildwache. Die Schildwache sagt: „Ausländisch kann ich ein wenig, ja! Aber Polnisches bin ich noch nicht darunter gewahr worden.“ „Wenn das ist“, sagte der Frieder, „so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren können.“ Ob kein Offizier oder Wachtmeister am Tor sei? Die Schildwache holt den Torwächter, es sei ein Polak an dem Schlagbaum, gegen den sie sich schlecht explizieren könne. Der Torwächter kam zwar, entschuldigte sich aber zum voraus, viel Polnisch verstehe er auch nicht. „Es geht hiezuland nicht stark ab“, sagte er, „und es wird im ganzen Städtel schwerlich jemand sein, der kapabel wäre, es zu dolmetschen.“ „Wenn ich das wüßte“, sagte der Frieder, und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, „so wollte ich ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kömmt der Mond.“ Der Torhüter sagte: „Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet, ohne Euch aufzuhalten, das Städtel ist ja nicht groß“, und war froh, daß er seiner los ward. Also kam der Frieder glücklich durch das Tor hinein. Im Städtlein hielt er sich nicht länger auf, als nötig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben. „In euch Gänse“, sagte er, „ist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenn’s Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht.“ Und so packte er sie mit sicherm Griff am Hals, und mir nichts dir nichts unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekannten geliehen hatte. Als er aber an das andere Tor gelangte, und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Söldner rührte, schrie der Frieder mit herzhafter Stimme: „Wer da!“ Der Söldner antwortete in aller Gutmütigkeit: „Gut Freund!“ Also kam der Frieder glücklich wieder zum Städtlein hinaus, und über die Grenzen.

(aus: Johann Peter Hebel – Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes; Hebel traf laut Isteiner Chronik einst am Klotzen auf den Zundelfrieder, wo selbiger dem großen Dichter in felsenhohen Waldestiefen einige seiner besten Anekdoten gesteckt haben mag.)

Heiße Quellen

Ein plötzliches und wunderbares Quellenaufkommen bescheren Rheinsein derzeit einige, unter Zusicherung von Anonymität zugespielte Auszüge aus der mächtigen Isteiner Ortschronik. Nachdem Rheinsein bereits aus einer Schicksalslaune mit dem Ortschronisten (einem bemerkenswerten Mann, sowohl an Geist als auch an Gestalt) des Istein benachbarten Kleinkems am dortigen Dorfbrunnen zusammentraf, verschärft sich nun die Informationslage zu diesem stark an Eden erinnernden Gebiet und dringt weiter in geschichtliche Tiefen – gar bis auf Adams Zeiten und tiefer. Als frappierend erweist sich dabei sowohl die ungeheure Kenntnis der Isteiner Chronisten um lyrische und sonstwie literarische sowie bildnerische Bearbeitungen ihres Heimatfleckens, als auch solcher Werke zahlreiche und tatsächliche Existenz. (Wobei: der Isteiner Klotzen und der auf alten Stichen noch direkt an ihn langende Rhein, selbst die heutigen, harmlos wirkenden Schwellen auf dem Restrhein und die surrenden Auen – das alles steht der Loreley samt Hügel und Vorhof in nichts nach. Nur daß der hebelsche Zundelfrieder nicht ganz an der Sirene Popularität zu kratzen vermag. Und Scheffel im Vergleich mit Heine nicht ganz dessen Tiefgang und Spritzigkeit erreicht.) Wie auch immer, es riecht geradezu danach, als müßten diese Informationen ins Große Elektronische Myzel gerettet werden, bevor die letzte gedruckte Chronik als Grabbeigabe des letzten Isteiner Lesers im dortigen Heimatboden aufgeht. Die Rheinsein verfügbaren Materialien datieren auf die frühen 1960er, der Einstieg zu einer kurzen (zumindest blatt)goldenen Ära der allgemeinen Volksbildung und historischer Nachfragen, offenbar. Und beinahe zeitgleich mit dem postalisch angelangten Isteiner hot stuff schwemmt aus dem Internet ein letztes Jahr via ddp losgeschickter Artikel unseres Kölner Dichterkollegen Markus Peters, in dem der rheinisch-romantische Mord an Stemmeler aus Enno Stahls jüngstem Gastbeitrag rückwirkend zu weiten Teilen aufgeklärt wird.

Istein

Vom Kalkwerk überragt der Bahnhof in Hanglage. Am Bahnhofsausgang Eddingtionen lokaler Gangsterrapper/innen. In der Vorstadt hat ein versprengter Schalke-Fan leicht ungelenk das S04-Emblem an seine Hauswand gepinselt. Klare, individuelle Botschaften, die in der Mittagssonne bleichen. Nicht viel los, ansonsten. Am Spargelhäuschen vorbei, durch die Autobahnunterführung, schon wogen und zittern im sanften Winde die Auen. Auen, deren Trampelpfade nach einigen hundert Metern nur noch mit Machete durchdrungen werden können: übermannshohe Nessel- und Dornsträucher, gefräßige Brombeerschlingen, Wildwuchs aller Art. Schmetterlinghafte Libellen und libellenhafte Schmetterlinge in den Farben geschliffener Edelsteine, diese beim Schillern beiläufig übertreffend (Puzzleteilchen, Zuse, Dreischwänziger Schminktisch, Schotterwärmling, Gebrauchte Jungfer, Schneiderbrett, Kleiner Windrausch, Spickzettelchen, Wolkenstäuber, Blaugesprenkelter Glaspfosten, Annihilit-Maßchen, Kalanke, Trauerrand, Ominöser Fußballfalter), eine ganze Botanisiertrommel voll. Das komplette Singvogelorchester. Die Isteiner Schwellen im Hauptrhein vermitteln einen Eindruck von der mäandernden Urlandschaft, von ihren Schönheiten und Gefahren. Ins Idyll gefläzt: ein paar Sonnenbadende. Etwas nördlich der rauschenden Schwellen dann der Isteiner Klotzen, der schonmal deutlich mächtiger war und den Rhein einst aufgehalten und ins Rhônetal abgelenkt haben soll: „Größenwahn und Sieger-Hybris beider Weltkriege schändeten mit vergewaltigtem Rhein, gesprengtem todwundem Klotzen-Torso und versteppter Auenlandschaft das einst paradiesische Heimatantlitz.“ Große Worte auf einem Gedenkstein vor dem Fels samt integrierter St. Veitskapelle. Paradiesisch sieht die Ecke immer noch bzw erneut aus, den heutigen Wanderer stört lediglich der Verkehrslärm, der das 500. Naturschutzgebiet Baden-Württembergs (laut einer Verordnung des Freiburger Regierungspräsidiums vom 16. Oktober 1986) bespaßt. Am Fuße des Felsens, der auch imposante Hochwassermarken aufweist, stand vor tausend Jahren das „Kloster von unserer lieben Frouwe zu Ystein“, von dem außer einem weiteren Gedenkstein nichts mehr übrig ist. Kilometerfraß für Schusters Rappen: eine Schale Erdbeeren als zweites Frühstück, damit die Kraft des Bodens, dessen Asfaltüberzug ich abzuwandern gedenke, auf mich übergehen möge.

Freiburger Notizen

Die Ereignislosigkeit der Tage, dünn mit Sehnsüchten überspannt. Handygequake der Mitreisenden, Rheinkilometer für Rheinkilometer. Der Zug schüttelt sich, als hätt er jemand überfahren, wieder zucken die Reisenden mit den Mundwinkeln. Zwei Minuten Verspätung. War wohl eher n niederes Tier. Südlich von Mannheim entspannt sich die vorübergehend ideenlose Landschaft und macht wieder ein paar hübsche Sachen. Getragene Lichtfarben spreizen sich übers Oberrheintal, ein Paradies zweiter Hand: einst, heißt es, prallte der Rhein gegen den Isteiner Klotzen und wurde von diesem abgelenkt ins Rhônetal, voreinst war eh alles Wasser hier, da wär so ein Rhein garnicht sonderlich aufgefallen. Unter den Schienen knirschen leise die Muschelschalen als Relikte jener schwer vorstellbaren, somit poetisch nachladbaren Zeit. Wir befinden uns nun eindeutig in den langsameren Regionen unserer Republik. Neben mir ordert eine ältere Dame in kanariengelbem Kostüm energisch ein Bier, bewährtes Mittel unter Auswärtigen zur Geschwindigkeitsangleichung. Draußen: grün unterfütterte Kühe, beschattet von Zierwolken vor Schwarzwaldelektrokardiogramm. In Freiburgs Vorgärten leuchten Petunien und Goldlack in überirdischen Farben. Auf den Straßen diverse Karl Marxe. Mit Bdolf, dem dunkelsten Denker, bis in den frühen Morgen die Menschheits- und Kulturgeschichte zum mindesten Europas zerzaust. Sie flockt ganz schön aus dabei, die alte Geschichte, an andern Stellen klumpt sie deftiger als gewohnt. Be- und entschleunigt wird sie ohnehin seit geraumer Zeit von vorgreifenden und rückwirkenden, jedenfalls durch und durch badischen Brauereierzeugnissen aus dem nahegelegenen Rothaus. Ausgangspunkt solch nächtlicher Hirnchirurgie: jüngst entdeckte, steinerne Alemannengräber am Hochrhein, archäologisches Rauschgift sozusagen. Blütenreisen ins Jenseits, womöglich bis tief in die Gefilde seltener Gottheiten. Der Sprachlappen des Neanderthalers. Die Spirallastigkeit des japanischen Spielfilms. (Was wissen diese Kulturen, das wir nicht wissen?) Die Grauwerte der Theorie: Verschlechterung durch Verbesserung, Stillstand durch Fortschritt – ganz allgemein die Fragwürdigkeit von Erkenntnis in Zusammenhang mit herrschenden Deutungsmechanismen, zb bzgl der Kelten im Abgleich mit den nordischen Sumpfvölkern. Es paßt noch viel mehr in eine einzige, an beiden Enden angestauchte Nacht: so mag es sein, daß bisher klandestine Teile des Rheins unterbewußt antizyklisch und sogar rückwärts fließen. Google Earth ist da seit kurzem dran.