Rheinzander

Während unseres Aufenthalts in Istanbul ließen sich auf der Galatabrücke Tag für Tag mehr Angler erblicken, als wir, die letzten 30 Jahren zusammengenommen, am Rhein je ausmachen konnten. Vielleicht täuschte das Erscheinungsbild ein wenig – bei einem Verhältnis von einem halben Brückenkilometer über das Goldene Horn zu rund 1230 Flußkilometern herrscht am Rhein eine ungleich stärkere Ausdünnung als in Istanbul, einer extrem bevölkerten Stadt, in der der Anblick Schulter an Schulter stehender Brückenangler zur touristisch bestaunten Folklore gehört. Gehen die Istanbuler Angler vornehmlich auf Sardinen (ihre Schnüre sind in der Regel mit acht Haken bestückt, damit sich das Auswerfen überhaupt lohnt), wird am Rhein gerne nachts und an weniger urbanen Stellen nach Zandern geangelt. Das erfuhren wir im Anschluß an eine unserer Rhein-Meditationen.

rheinzanderUnser Gewährsmann mit einem imposanten, bei Rees an Land gezogenen Zander

Die größten Exemplare werden bis zu einem Meter lang. Wegen ihres festen, wohlschmeckenden Fleisches und der wenigen Gräten zählen Zander zu den beliebtesten Speisefischen aus dem Rhein. Wikipedia gelten sie als vorsichtige Naturen. Ein Rheinangler berichtet:

“Nachts werden die Zander etwas übermutig und trauen sich auch ins flache Wasser. Da kann es vorkommen, dass sehr große Fische einen halben Meter vor meinen Füßen, direkt an der Buhne beißen. Wenn man mal den Bogen raus hat, ist es nicht so wahnsinnig schwer einen Zander zu überlisten.
Im Schnitt fange ich einen Zander pro Angelausflug. So ein Ausflug dauert sechs bis acht Stunden. Manchmal fange ich nichts, dafür ein andermal zwei oder drei an einem Tag. Ich sitze ja auch gerne nur und starre auf’s Wasser. Dann läßt sich nichts fangen, weil der Köder aktiv mit der Spinnrute geführt werden muss. Der Fisch steht bei mir gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Ich brauche die Ruhe am Rhein.
Zander beißen meist sehr beherzt zu, es geht dann ein ordentlicher Ruck durch die Rute, weil sich die geflochtene Schnur nicht dehnt. Mit geflochtener Schnur angelt man, weil sich mit ihr der Rheingrund ertasten lässt und auch schwächere Attacken, bei denen der Fisch nicht richtig zubeißt, zu spüren sind. Fangstellen sind bevorzugt kieselig und tief. Sandbuchten eignen sich nicht so sehr. Der bebleite Gummifisch wird über den Grund gezupft und wenn man Glück hat, macht es beim zigsten Wurf „Peng“. Das ist dann immer sehr gut für den Adrenalinspiegel.
Allerdings haben Zander nicht viel Kraft, ein Hecht oder eine Barbe können stärker kämpfen. Selbst ein großer Zander kann nach drei bis vier Minuten nicht mehr. Ich drille allerdings auch immer sehr hart, um dem Fisch diese Tortur nicht lange zumuten zu müssen.
Als Fänger eines “maßigen Fisches” (bei Rheinzandern ab 40 Zentimetern) bin ich gesetzlich verpflichtet, den Fisch mitzunehmen. Angeblich rauben große Zander zuviel. Hinter der Grenze in den Niederlanden lautet die Gesetzgebung gleich wieder anders.”

Kölner Dialog

“Köln’ü ilk ziyaret ettiğimde, bu son derece özel, özgürlükçü, harikulade kültür-sanat merkezindeki muazzam enerjinin dünyaca ünlü o görkemli katedralle, nehir aransındaki gerilimden kaynaklandığı gibi bir hisse kapılmıştım. “Ben varım,” diyordu Köln Katedrali. Ren Nehri yanıtlıyordu: “Şimdilik.”"

“Bei meinem Besuch in Köln befiel mich das Gefühl, dass die ungeheure Energie in diesem einmaligen Zentrum der Kunst und Kultur der Spannung zwischen dem weltberühmten prächtigen Dom und dem Fluss entspringt. “Hier bin ich”, verkündete der Kölner Dom. “Vorläufig”, erwiderte der Rhein.”

(Alper Canıgüz in seinem Vorwort zu Gerrit Wustmanns Gedichtband İstanblues, der Canıgüz zufolge aus rheinisch-bosporidischen Diskrepanzen und Überlagerungen sich nährt und soeben als zweisprachige Ausgabe bei Foo Prodüksiyon in Istanbul erschienen ist. Eine ausführliche Besprechung des Buchs läßt sich hier nachlesen.)

Yorick am Rheinfall

yorick1aLudwig Kamm: Yorick am Rheinfall 1 (II. Biennale, Istanbul 1989)

yorick2Ludwig Kamm: Yorick am Rheinfall 2 (Calcogalerie, Köln 2001)

Auf ein Ereignis im Frühjahr 1969 – dem Jahr der Überführung von Laurence Sternes Skelett (oder dem, was als seine Knochen identifiziert wurde) auf den Friedhof von Coxwold – rekurrieren diese beiden Installationen von Ludwig Kamm. Seinerzeit fand auf beiden Rheinfall-Felsen eine deutsch-französische Doppel-Performance statt, eine dem damaligen Zeitgeist entsprechende Krawallaktion, die in Publikumsausschreitungen mündete, die von der Lokalpresse als “Auseinandersetzungen zwischen alkoholisierten Jugendlichen” weitergegeben wurde. Kramm, heute 88 Jahre alt, war bei der Performance im Publikum anwesend gewesen. Sie habe zunächst auf banale Weise reduziert von den wechselhaften Beziehungen Deutschlands und Frankreichs gehandelt, schließlich seien jedoch noch Momente “shakespear’schen Ausmaßes” und wohl auch ein paar Takte Schweizer Regionalkultur ins Geschehen eingeflossen. Kurz nachdem er der Aktion mit heiler Haut entronnen war, schreibt uns Ludwig Kamm, sei ihm die Idee einer installativen Umsetzung gekommen, das frisch erlebte Spektakel um seine persönliche Sicht der abendländischen Geschichte zu erweitern, doch habe sein damaliger Galerist die Idee für reaktionär und unwert befunden und stattdessen “etwas mit Ärschen und Titten” gefordert. Erst 20 Jahre später ergab sich die Möglichkeit einer ersten Umsetzung von “Yorick am Rheinfall” während der Istanbuler Biennale.

Presserückschau (Dezember 2013)

Der Dezember war für uns ein weiterer rheinferner Monat, auch wenn sich der Rhein dem Bosporus, an dem wir weilten, gelegentlich, ja beinahe unweigerlich, überlagerte. Bis nach Istanbul drangen indes folgende ausgewählte Pressemeldungen zu uns vor:

1
Kaum jemand interessiert sich stärker für die Geheimnisse des Rheins als die Polizei, weiß die Rheinische Post: “(…) In der Nähe der Anlegestelle des Piwipper Bötchen entdeckten die Beamten zwei Geldschränke. Nun werden die Eigentümer der Tresore gesucht. Zudem interessieren die Fahnder natürlich die Umstände, unter denen die Behälter ins Wasser gelangt sind. Die Polizei geht zurzeit davon aus, dass die Geldschränke aus Straftaten stammen.”

2
“Lachmöwen erfrieren am Rhein”, übertitelt der Hessische Rundfunk eine Meldung, derzufolge vom Rhein bei Wiesbaden Lebensgefahr für Möwen ausgehe: “(…) seit 2007 beobachten Vogelschützer ein Phänomen, für das es noch immer keine plausible Erklärung gibt. Die Vögel verlieren ihre schützende Fettschicht und sehen zunächst nass und struppig aus. Die meist auf dem Wasser schlafenden Tiere durchnässen, sind der Kälte ausgeliefert und sterben schließlich an Unterkühlung. Experten vermuten, dass die Vögel bei der Futtersuche bestimmte Emulgatoren in ihr Gefieder aufnehmen, die ihre Fettschicht wie ein Waschmittel auflösen.”

3
Wenige Tage nach der vielbeachteten Oktokopter-Zustelldrohnenpräsentation von Amazon in den USA, legte die Deutsche Post in Bonn nach: “Geräuschlos flog eine Minidrohne mit einem DHL-Paket über den Rhein und schwebte bei der Post-Zentrale exakt auf die Zielmarkierung. Es war der erfolgreiche Jungfernflug des “DHL Paketkopters”, mit dem die Deutsche Post DHL ein Zukunftsszenario aufzeigte – Luftpost der anderen Art”, berichtet N24 und beschreibt Reaktionen, die auf jene bei der Einführung der Eisenbahn oder des Automobils rekurrieren: “Beim Zuschauer löste der Premierenflug eine Gefühlsmischung zwischen bewunderndem Staunen und Unbehagen über die Folgen der Zukunftstechnik aus. Die Vögel schreckten jedenfalls bei Sicht des unbekannten Flugobjekts auf und flatterten in Schwärmen davon.”

4
Archaische Rituale kamen im Rahmen der Rivalitäten zweier rheinischer Fußballclubs aufs Tapet: “Mit vier gehäuteten Tierköpfen haben Unbekannte zwei Tage vor dem Rhein-Derby zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln in der 2. Fußball-Bundesliga für eine geschmacklose und ekelhafte Provokation gesorgt. An einer Straßenbahnhaltestelle am Kölner Stadion fanden laut Polizei Passanten am Freitagvormittag die Tierschädel in Anspielung auf den Geißbock als Wappentier der Kölner auf einem blutverschmierten Stromkasten vor. Laut Kölner Stadt-Anzeiger soll dort “f95 – Fuck Köln” zu lesen gewesen sein”, stand im Handelsblatt zu lesen.

5
Die soziale Schere in Deutschland geht immer noch weiter auf, berichtet zu Weihnachten die Badische Zeitung mit einem Beispiel aus Weil am Rhein: “”Erschreckend viele Obdachlose”, so Stefan Heinz, Leiter des Erich-Reisch-Hauses, besuchten am Heiligabend die Wärmestube in der Colmarer Straße. Rund 50 Besucher – so viele wie nie zuvor – kamen und suchten etwas Wärme und weihnachtliche Geborgenheit. Es sei ein deutliches Zeichen, dass “die Armut in der Stadt und der Region immer mehr zunimmt”, bemerkte Stefan Heinz. Etwa 300 Euro hätten die Bundesbürger durchschnittlich in diesem Jahr für Weihnachtsgeschenke ausgegeben, so die Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) nach einer Umfrage. Dabei werde aber übersehen, dass es bundesweit immer mehr Menschen gebe, “die überhaupt keine Geschenke machen können und die schon über eine warme Mahlzeit froh sind. Auch in Weil gibt es Personen, die unterhalb der Armutsgrenze leben – und für die ist die Wärmestube oft der einzige Anlaufpunkt”, so Heinz.”

Das wars für 2013. rheinsein wünscht allen LeserInnen einen guten Rutsch!

Türkischer Rhein: Dönerschiff Düsstanbul (2)

düsstanbul_kaptan-soyluDie Presse beschäftigt sich weiterhin mit der Eröffnung von Kaptan Soylus (Bild: Costa “Quanta” Costa) Dönerschiff im Golzheimer Hafen. Nachdem der Termin Ende September nicht eingehalten werden konnte, sollen im schwimmenden Imbiß nun am heutigen Samstag die ersten Döner und Fischbrötchen über den Tresen gehen, wie Die Welt berichtet. Die Düsstanbul, das “erste Dönerschiff auf dem Rhein” ist dabei gar nicht so unik – sagt der Kapitän höchstselbst: “In Frankfurt gebe es bereits ein Döner-Schiff, auf dem Rhein sei er der Erste, berichtet Soylu. Auf große Fahrt entlang des Flusses wird das Schiff aber auch künftig nicht gehen. Es bleibt fest im Jachthafen verankert. Einen eigenen Motor hat es ohnehin nicht. (…) Selbst für starkes Hochwasser haben Soylu und sein Ideengeber schon Pläne geschmiedet. Per Kran soll das Schiff dann aus dem Wasser gezogen und an der Rheinpromenade aufgestellt werden.”

Türkischer Rhein: Dönerschiff Düsstanbul

“Hüseyin Soylu kann es kaum noch erwarten. Denn wenn nichts mehr dazwischen kommt, wird Ende September mit der Düsstanbul das erste Dönerschiff seinen Betrieb aufnehmen und die Kunden mit traditionellem Döner und Bratfisch nach Istanbuler Art versorgen. In der türkischen Metropole am Bosporus wird der Fisch frisch aus dem Wasser geangelt und an die umliegenden Händler verkauft. Im Golzheimer Hafen kommt der Fisch frisch vom Duisburger Großmarkt auf den Teller. Seinen Hafen wird das Schiff nicht verlassen, es bleibt fest im Yachthafen liegen”, schreibt die WZ und täuscht sich in einem Punkt: die Makrelen für die Fischbrötchen (balık ekmek), wie sie etwa in Eminönü am Goldenen Horn unter osmanischen Clownereien auf heftig schaukelnden Booten gebraten und in unüberschaubaren Mengen, begleitet von Steckrübensaft (şalgam suyu) unters Volk gebracht werden, stammen heuer großteils aus Norwegen. Der Bosporus gilt als überfischt und aus dem Rhein ziehen Angler seit ein zwei Jahren vornehmlich Grundeln, ohne daß die Grundel bisher die heimische Kultur des belegten Brötchens maßgeblich bereichert hätte.

Türkischer Rhein: Çapulcular

Gestern fand in Köln eine Großdemonstration (und mehrere kleinere) statt, die laut dem Veranstalter, der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), auch laut einigen Teilnehmern, 100.000 Menschen versammelt haben soll. Die Presse hingegen sprach von 30.000 bis 40.000 Teilnehmern, die Polizei von 33.000, vielleicht um mit dieser etwas weniger glatten Zahl ihre Zählkompetenz hervorzuheben und den interessierten Kölnern gleichzeitig zu veranschaulichen, daß sie sich die Menge etwa dreimal so groß vorzustellen hätten wie diejenige der von Ursula, der Stadtheiligen, angeführten Schar der 11.000 Jungfrauen, die einst, womöglich im 4. Jahrhundert, vor den Toren des belagerten Kölns von den Hunnen, sagen die einen, von barbarischen Heiden, sagen die anderen, auf dem Rhein abgefangen und gemetzelt worden sein sollen. Wieviele Kölner sich für diese Demonstration wirklich interessierten, läßt sich schwer sagen. rheinsein immerhin begab sich vor Ort, allerdings erst nach den Hauptkundgebungen, da wir Politikerreden aufgrund des seltsamen Fänomens, daß sie uns gern zum einen Ohr hinein und gleich zum anderen wieder hinausgehen, häufig nicht hören können. Bereits am Alter Markt, dessen Außengastronomie Heerscharen an Kölnern und Touristen versammelte, hatten findige Gastronomen ihr Angebot auf Türkisch formuliert: kahvaltı (Frühstück) gab es da noch um 16 Uhr oder kurzum yemek (Essen). Wir müssen schon lange nicht mehr in der Stadt gewesen sein, denn es verblüffte uns ein wenig, dort Tausende trinken zu sehen. War es nicht auch das, wofür die Protestierenden in der Türkei derzeit auf die Straße gehen: die Freiheit, auf der Straße zu trinken? Der nachmittägliche Kölschtrinker, welcher die Vorbeiziehenden mit süffisanten Kommentaren bedachte, fungierte gewissermaßen als Aushängeschild für die demokratischen Errungenschaften seiner Stadt. Der benachbarte Heumarkt gehörte indes ganz den Demonstranten, alevitischen Gruppen, die aus Haguenau im Elsaß oder Winterthur in der Schweiz gekommen waren. Wieviele Menschen auf den Heumarkt passen, ist umstritten. Er war jedenfalls bei unserer Ankunft am Nachmittag immer noch rappelvoll und in ein Fahnenmeer verwandelt: die türkische Nationalflagge, Atatürk-Stoffe, Abdullah Öcalan war ebenfalls vertreten, nicht alle Banner konnten wir auslesen, zahlreiche Schilder mit Parolen, die häufigste diejenige des Protestanstoßes: „Her Yer Taksim Her Yer Direniş“ (Überall ist Taksim, überall ist Widerstand) wurde immer wieder gerufen, dieweil kurze Statements der teilnehmenden Gruppen per Lautsprecher über den Platz dröhnten. Die Protestierenden schienen beinahe ausschließlich alevitische Exiltürken verschiedener Generationen und stark in Gruppen organisiert. Ein Mann ging individuell als „zensiertes Medium“ und erlangte damit Aufmerksamkeit: er hatte sich einen Pappfernseher um den Kopf gebastelt, in seinem Mund steckte ein Knebel. Mädchen und junge Frauen trugen rote Stirnbänder mit Çapulcu-Aufschrift: lächelnde, tanzende Plünderinnen. Überhaupt wirkte die Atmosfäre gelöst, freundlich, ansatzweise sogar enthusiastisch. Karl Marx, der als Zeitungsmann direkt am Heumarkt gearbeitet hatte, hätte sicherlich mit einer nicht ganz leicht zu beschreibenden Gefühlsmischung auf diese Invasion geblickt. Gesichtsdeutsche waren nur wenige auszumachen: Künstlertypen, Berichterstatter, Berufsdemonstranten. Das Ganze wirkte wie ein kurzfristig bestellter Schaukommunismus. Ein einziger Essensstand versorgte die Leute mit Akkorddöner. Die Statements der Redner klangen gediegen und nicht alle schlau. Die Musik setzte an, brach ab und setzte wieder an. Die Leute hatten Rhythmus. Immer wieder beklatschten sie sich selbst. Um den Demonstrationszoo verteilt saßen diejenigen, die vom Herumstehen genug hatten, unter Sonnenschirmen auf den Gastronomieterrassen. Um weitreichend von den Medien wahrgenommen zu werden, reichte das alles dreimal und öfter. Wie aus dem Nichts, vielleicht aus dem Internet, war die Stadt türkisch besetzt und Köln hatte eine imposante Solidaritätsbekundung mit den Protestierenden in der Partnerstadt Istanbul abgegeben, wahrscheinlich ohne daß dafür auch nur ein Kölner nötig gewesen wäre.

Den Überlebenden der Maggikalypse

oder auch des Armaggiddon, wie Michael Schönen in einem berühmten sozialen Medium schrieb, ist die maggikalyptische Geschichte des gestrigen Tages von den herkömmlichen Medien inzwischen ausführlich und zureichend erklärt worden: gegen 14 Uhr war am Dienstag von Seiten der Kölner Feuerwehr Entwarnung gekommen. Beim Aromenhersteller Silesia in Neuss-Allerheiligen seien bei einem Destillierprozeß in der Nacht zuvor vier Kilogramm Sotolon, ein künstlicher Aromastoff, entwichen und mit dem Nordwind Richtung Köln gezogen. Als im Laufe des Vormittags der Wind drehte, wanderte der Geschmacksstoff ein wenig links und rechts des Rheins entlang und schließlich an seinen Herkunftsort zurück. Sotolon riecht in hoher Konzentration nach Liebstöckel, dem sogenannten Maggikraut. Gesundheitsschädlich sei Sotolon nicht, verlautbarten Experten. Mit dieser Feststellung dürften auch die Spötter über die Besorgten gesiegt haben. Denn während eine Hälfte Kölns die Leitungen von Feuerwehr und Katastrofenschutz heiß laufen ließ, ergingen sich abgebrühtere Bürger in Kreativität. Ob sie sich dabei von den Protesten am Istanbuler Taksim-Platz inspirieren ließen, blieb zunächst ungewiß. In Istanbul, das u.a. mit dem Slogan „Taksim ist überall!“ in den vergangenen Tagen weltweit zum Synonym für einen kreativen Aufstand mit Galgenhumor geworden ist, kursieren zahlreiche Sprüche und Lieder zum maßlosen Tränengaseinsatz der Exekutive, der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat von seinen geliebten çapulcu-Bürgern den neuen Kosenamen „Gasvater“ erhalten. In Köln bewiesen die Medien wie sich eine funktionierende Demokratie nicht zuletzt auch in der Berichterstattung bewährt. Wo die türkischen Mainstream-Medien sich bis auf die Knochen blamierten, schaltete der Stadt-Anzeiger umgehend einen Katastrofen-Liveticker, der zum WDR gehörige Radiosender 1 Live beließ es nicht bei der Berichterstattung, sondern übernahm sogar die Rolle des Sponti-Protestlers und entwarf im Eilverfahren ein höchst anschauliches Domposter mit zwei Maggiflaschentürmen:
maggikalypse

Und ein via Twitter kursierender T-Shirt-Entwurf für den noch zu überlebenden Tag kündete bereits mitten im Maggidunst profetisch-optimistisch vom Verwinden des Weltuntergangs:
maggikalypse überlebt

Die Lesung in Montabaur

„In Koblenz stieg ich aus dem Zug. Wolkenloser Himmel über dem Deutschen Eck. Bundeswehrreservisten mit Strohhüten und Bierfahnen. Ja, und der Rhein und die Dampfer, und die MS Vaterland auf dem Weg nach Bonn, Bordkapelle, deutscher Wein und Ausflügler. Ich machte allerdings keinen Ausflug. Ich war unterwegs zu meiner ersten Lesung.“

Während der Lektüre von Jörg Fausers Roman Rohstoff, der in Istanbul, Berlin, Göttingen und Frankfurt spielt und in dem Fauser in einer Szene, wenn auch nicht detailgetreu, so doch verblüffend profetisch seinen eigenen Tod beschreibt, indem er feststellt, daß auf die beschriebene Weise immer nur die anderen stürben, während dieser rasanten Lektüre, die ein Deutschlandbild eröffnete, wie es „echter“ in Romanen selten zu finden sein dürfte, hofften wir gelegentlich, daß es den Protagonisten an den Rhein verschlagen würde, um einen Grund zu haben, das Buch in unseren gesamtrheinischen Kanon aufzunehmen – was dann tatsächlich im oben zitierten 43. und letzten Kapitel geschieht: Seine erste Lesung führt Harry Gelb, Fausers Alter Ego, über Koblenz nach Montabaur. In Koblenz wartet Gerda vom Jugendbildungsklub Montabaur, um Gelb an die Stätte seiner Lesung zu geleiten:

„“Wir müssen jetzt einen Bus nehmen“, sagte Gerda, die auch nicht gerade besonders angetan schien von mir. Dabei hatte ich mein bestes weißes Nyltesthemd an, meine Trevirahose war frisch gebügelt, und ich war nach der Schicht auch brav nach Hause gegangen und hatte noch ein paar Stunden gepennt. Aber wahrscheinlich hatte Gerda einen wuschelhaarigen Hippie mit Ohrring, dreckigen Fingernägeln und geflickten Jeans erwartet, der ihr gleich einen Joint anbot und vom Paradiso in Amsterdam schwärmte.
„Ich würde ganz gern noch ein Bier trinken“, sagte ich.
Sie warf mir einen mißtrauischen Blick zu, steuerte uns aber über den Bahnhofsplatz in die Cafeteria von Hertie. Sie schleckte ein Eis, ich trank eine Halbe. Natürlich trat mir prompt der Schweiß auf die Stirn, und das Hemd wurde feucht auf der Brust. Gerda sah aus, als würde sie schon überlegen, wie sie mich am besten loswerden konnte. Ich bot ihr eine Camel ohne an, aber rauchen tat sie auch nicht. Ich zahlte. Wir gingen. Es war erst vier Uhr nachmittags. Die Lesung war für acht angesetzt.“

Sollte Gerda ein reales Vorbild haben, wird diese Dame Fauser wahrscheinlich überlebt haben. Nun fahren Gerda und Harry Gelb im überfüllten Postbus nach Montabaur:

„In dieser Gegend war ich als Halbwüchsiger schon gewandert, sie hatte sich seitdem entschieden bevölkert – ganze Wüstenrot-Siedlungen im schlichten Fertighausverfahren, dann die Bungalows an den Hängen, die Zubringerstraßen, die Autobahntrassen, Grossomärkte, Einkaufszentren, Möbellager, und die Bundeswehr hatte sich ausgebreitet mit allem, was dazugehörte, von der Raketenstellung bis zur Bundeskegelbahn. (…) Ich hätte dringend ein Bier gebraucht, ein Bier und etwas Stärkeres. Eine Lesung bei der Jungen Union, das war es also. Vom Aushilfsanarchisten zum katholischen Cut-up. Wir näherten uns Montabaur. Die Stadt sah auch entschieden mißtrauisch aus.“

Jörg Fauser: Rohstoff, Zürich 2009

Berliner Rhein (4)

“Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?”, fragte seinerzeit Alfred Kerr – und gab gleich selbst die Antwort: “Berlin liegt an der Panke.” Jede Weltstadt braucht eben ihren Weltfluß. Auf einen weit zurückliegenden, dafür eklatanten Berliner Rheinismus hingewiesen wurden wir indessen bezeichnenderweise bei einer vollherbstlichen Bootsfahrt auf Spree und Landwehrkanal: „Berlin müßte eigentlich Köln heißen“, klangs ungefähr bei Moabit aus dem Bordlautsprecher, der schon die ganze Zeit interessante Informationen hervorpustete, welche wir stochastisch aus dem berlinerweißebeschwipsten Seniorenmassensächseln des Unterdecks und den widrigen Wetterschüben des Oberdecks filtrierten, ähnlich jener Dame Melitta Bentz, die ihrerzeit (also etwa eine Dreiviertelstunde früher, was unsere Bootstour betraf, aber noch vor dem Ersten Weltkrieg) für ca. 78 Pfennige eine selbstentwickelte Methode des Kaffeefilterns am rechten Ufer zum kaiserlichen Patent angemeldet hatte, nachdem sie zuallernächst mit persönlich nageldurchlöcherten Blechdosen und dem Löschpapier ihres Sohnemanns experimentiert gehabt haben soll. Eine Investition, die sich für Frau Bentz und Nachkommen rechnete und rechnet, in Reichsmark, D-Mark und Euro, ein Paradebeispiel simpel konstruierter Nachhaltigkeit, den Deutschen auf Filterkaffee einzuschwören. Unsere Investitionen hingegen bestehen aus reinen Kopfgeburten und werfen lediglich zweifelhafte Geistesfrüchte ab: hätten wir tatsächlich heute – wie zw den beiden Frankfurts – zw Köln/Spree und Köln/Rhein zu unterscheiden, stellten sich unzählige Fragen nach und Szenarien möglicher Verwerfungen, Verwechslungen, Verwirrungen zwischen den preußischen und den rheinländischen Kölnern, welche aber doch eben alle Kölner wären, was sie vermutlich verbrüderte. Ungleich verbrüderte zwar. Aber kein aber. Rheinländer jedenfalls hätten, verkündete der Bordlautsprecher, bei der heutigen Museumsinsel ein Cölln gegründet (und aus rheinischen Beweggründen genauso und nicht anders genannt), das vor 750 und mehr Jahren mit dem angrenzenden Berlin fusionierte. Warum Berlin nun aber doch Berlin heiße und nicht Köln, ließ der Bordlautsprecher offen. Ohnehin ist der rheinische Geist dieser Stadt, falls er jemals in den märkischen Sümpfen geherrscht haben sollte, längst verweht. Und stattdessen der berlinische (Berlin soll ja nichts anderes als Bärchen bedeuten) an allen Ecken vorhanden, welcher im polymeren Post-Post der schweifenden Zeiten seine reine Selbsteinbisüberschätzung suchend bisweilen gummiberlinische Tarngestalt annimmt, in welcher Form wir ihn denn auch dann und wann bereits häufig erblickten, als streuenden gar außerhalb Berlins, gar in rheinischen Regionen – ein Beweis für die These, daß alles mit allem zusammenhängt? Oder umgekehrt? Ist ein heutiges Köln innerhalb der Tore Berlins wirklich so unvorstellbar? Wo Berlin doch Istanbul und Venedig (um nur zwei weithin bekannte Städte der mittleren Umgebung zu nennen) gewissermaßen einschließt (zumindest abbildet), und Köln und Istanbul über das reine Partnerstadtverhältnis hinaus einige frappante Kongruenzen aufweisen, die dann ja auch, angefangen bei historischen Ost-West- oder West-Ost-Brüchen und -Brücken, in Berlin zählen dürften? (Erhellende Antworten werden erbeten und können direkt unter diesen Eintrag hinkommentiert werden.)

Berliner Rhein

Seit bald einer Woche durchstreifen wir Berlin – natürlich auch auf der Suche nach rheinischen Fragmenten. Mit geringem Ertrag. Das Preußische scheint sich mit dem Rhenanischen in fortgesetzter Tradition zu beißen. Fanden wir in den Berliner Innenbezirken beinahe an jeder Ecke exponiert Istanbulisches und in den Außenbezirken gar versteckt Venezianisches, gelangen uns bisher nicht mehr als vier Aufnahmen schlichter Schriftzüge, welche auf höchst letterntrockene Art auf die berüchtigte Provinz im Westen weisen – kaum mehr als ein Schriftzug für ca. je eine Million Hauptstadtbewohner:

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Türkischer Rhein: Selim

oder die Gabe der Rede heißt ein Roman von Sten Nadolny aus dem Jahr 1992, der anhand einer deutsch-türkischen Männerfreundschaft u.a. mit viel Detailblick ein Panorama der Bundesrepublik von Mitte der 60er bis in die 80er entwirft. Eine der zentralen Personen ist Selim, der als Gastarbeiter aus Istanbul nach Deutschland anreist, für zahlreiche Jobs angestellt wird, die deutsche Sprache erlernt und fabulierend von einem Abenteuer ins nächste gerät. Im 83. Kapitel treffen wir Selim als Binnenschiff-Matrose auf dem Rhein:

„(…) Auf dem Rhein gab es keine Schleusen, Selim las Bücher von Jack London und Guareschi in türkischer Übersetzung. Gern sah er sich zwischendurch die Burgen am Flußufer an. Heiner erzählte die Geschichte von einem fetten Christen, der in einem Turm von Mäusen gefressen worden war, und noch anderes. (…)“

Selim, ein ebenso begnadeter Ringer wie Stegreifredner, gefällt insbesondere Grimms Märchen Sechse kommen durch die ganze Welt, das ihn an seine eigene Situation erinnert. Die Szene könnte sich zu Beginn gut und gerne auch Drei Mann in einem Boot überlagern: die alten Rheintanker, Weinhügel, eine naive Vorstellung von Wirtschaftswunderidyll in Technicolor. Nadolny hat seine Szenen jedoch ausführlich recherchiert, die Rheinschifffahrt kommt nicht nur als hübsches Abziehbildchen zu Ehren:

„(…) In Köln wurde Heizöl übernommen, dann ging es zurück zum Main. Selim konnte bald alles, was verlangt wurde, sogar sämtliche Knoten. Wenn ein Schiff entgegenkam und Heiner „Wir bleiben links“ rief, hißte Selim die blaue Flagge. Die Arbeit wurde schnell eintönig. (…)“

Mitten in die Rhein-Main-Schifffahrt fällt das Wembleytor bei einem Landaufenthalt im hessischen Karlstadt und markiert die Jahreszahl: 1966. Einen Beluga erblickt Selim im Rhein jedoch nicht:

„(…) Spannend waren auch Wettfahrten mit anderen Tankschiffen flußabwärts nach Holland. „Schnelltank 17“ lag mit 1000 PS gut im Rennen. Wer zuerst ankam, tankte zuerst, die anderen mußten warten. Er verkaufte auch als erster, und das war wichtig: die Preise hielten nicht so lange, bis der letzte gelöscht wurde. Beim Bunkern gab es schon für das zweite Tankschiff großen Zeitverlust: zum Auftanken wurde das Öl mit Dampf auf 45 Grad angeheizt, sonst war es zu dickflüssig und ließ sich nicht pumpen. Das dauerte. Selbst wenn der zweite auf der Fahrt wieder etwas aufgeholt hatte – in Ruhrort mußte er erneut Stunden warten, denn das Öl war auf der Fahrt wieder kalt und dick geworden, jeder mußte abermals ans Dampfrohr. Selim lernte, daß nicht die einen Tanks ganz aufgefüllt werden durften, während andere leer waren. Der Pegel mußte in allen nahezu gleichzeitig steigen. Bald konnte Selim mit den Meßstäben umgehen und leitete das Bunkern, während Heiner bei der Firma anfragte, wohin er liefern sollte. (…)”

Selim erweist sich auch für die Rheinschifffahrt zu unstet, sein Abschied in die zunehmende Verschlungenheit künftiger Abenteuer zeichnet sich bald ab:

“(…) Da sie vielen Frachtschiffen wiederbegegneten, kannte Selim bald eine Menge Leute vom Winken. (…) Man lernte die verschiedenen Weinhänge kennen und die Menschen, die darin den Buckel krumm machten. Nach drei Wochen meinte er auch die Kapitäne aller Ausflugsdampfer auf Main und Rhein zu kennen. Das einzige, was man sich nicht zu merken brauchte, waren die Touristen auf den Sonnendecks. Obwohl die am heftigsten winkten, um im Gedächtnis zu bleiben. (…)”

Selim oder die Gabe der Rede gibt es als Piper Taschenbuch, ca 500 Seiten, ca 13 Euro.

Türkischer Rhein oder: wie kam der Rhein nach Kuledibi?

Es gibt Zufälle, die spotten jeder Beschreibung. Seit Wochen und Monaten weilen wir nun in Istanbul. Und dann das: unterm Bett, einer bisher völlig unbeachteten Fluchtecke unserer Exilwohnung in Kuledibi, fanden wir bei einer recht kopflosen Suchaktion: nichts! – als: ein Druckwerk, dessen Titel

“Köln – Mainz – Köln. Eine Dampferfahrt auf dem Rhein. Schiffsinspektor Küpper erzählt…”

angesichts des Fundorts, zumal das Objekt definitiv nicht von uns selbst in die Wohnung eingeschleust wurde, den Augenblick aufzureißen und eine poetische  Blickverbindung ins womöglich ewige Weltenrund, zumindest aber bis ans Niehler Gestade herzustellen schien. Ja, Kruzitürken! Auf den ersten Blick hielten wir ein verstaubtes Epos in Händen, ein Langgedicht, dessen Textkörper zwar aufgrund zweifelhafter Motivation seitenweise eingekästelt war, sich jedoch in vertraut ausschauende, ca fünf- bis zehnzeilige Abschnitte teilte und auf lyriktypische Weise umbrochen war.
Ein rheinsein unbekanntes Langgedicht über den Rhein? Unter unserem Bett in Istanbul? What the heck!
Bei näherer Betrachtung entpuppte sich die vor lauter Überraschung erträumte Sensation, eine Entdeckung, die jener des Nibelungenlieds gleichkäme, justemang und ausgerechnet unter unserem Exilbett gemacht zu haben, leider, als flüchtiger Trug. Da standen gar keine Verse, sondern weitgehend willkürlich umbrochene, meist in sich geschlossene Mitschriften eines typischen Mittelrhein-Schifffahrtsgeschehens aus Inspekteurssicht – mithin recht originalgetreu das, was der Titel bereits versprach, erzählt nicht in der hohen Kunst der Poesie, sondern in profan getönten Gedankenfetzen, darunter alleinstehende, meist aber solche, die, immer schön in Fahrtrichtung, auf den nächsten Gedankenfetzen wiesen, eine Flußlinie von Gedankenfetzen also, “wenn alles fließt, geht vieles den Bach hinab”, verbunden von Zitaten, die eine gewisse Belesenheit des Autors nahelegten, wobei hier für “gewisse” genausogut “ungewisse” stehen könnte, ein stream of consciousness, allenthalben gebändigt vom mitschwingenden dream of the subconscious, eine straighte Micheliade, nicht ohne Witz, mit rheinisch-tolerantem Kleingeist gewürzt, zumindest bis knapp zur Hälfte der Strecke, einer Marke, an der wir die Lektüre vorerst abbrechen mußten, weil wir, wie beinahe täglich, gen Bosporusdampfer eilten; doch gelang es uns, folgenden Fetzen im Gedächtnis auf den vapur mitzuschleppen, um Küpper-Rheinisches versuchsweise dem Allgemein-Bosporidischen zu überlagern:

“Und der Maschinist des uns auf der linken Seite
passierenden Tankschiffs “Neckartank” stand außen-
bords und pinkelte in den Rhein.
War das ein Applaus auf dem Oberdeck.
Eine Dame versteckte schnell das Fernglas —
als ich an ihrem Tisch vorbeikam.
Eine andere Dame, die auch ohne Lorgnette eine
scharfe Beobachterin zu sein schien, blieb un-
gerührt ob des urinalen Spektakels. Eigenartig.”

Das Ergebnis solch experimenteller Ausschnittsüberblendung – durch den Bosporus schwammen gerade Delfine – bliebe wohl dem geistigen Auge vorbehalten, also eher ungreifbar, dachten wir, bis eine Möwe es sich vor unsern tatsächlichen Augen schnappte und davonflog.

Falls sich ein/e Leser/in findet, der/die uns plausibel erklären/nachweisen  kann, wie das Buch unter unser Exilbett gelangt ist, bekommt er/sie es von uns geschenkt/zurückerstattet.

Bert Küpper: Köln – Mainz – Köln. Eine Dampferfahrt auf dem Rhein. Schiffsinspektor Küpper erzählt…, Briedel/Mosel 1996

Das kunstseidene Mädchen spekuliert über eine Rheinyacht

rheinsein hat auch im Istanbuler Exil stapelweise Bücher herumliegen. Kaum eines davon, das nicht den Rhein erwähnte, auch wenn solcherlei Erwähnung angesichts des Titels/Handelnsrahmens nicht unbedingt zu erwarten stand. Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen spielt zunächst in der Provinz und später im Berlin der Weimarer Republik . Es war vor einigen Jahren die Auftaktlektüre für die seither jährlich stattfindende Aktion Ein Buch für die Stadt in Köln: ein ausgewähltes Buch wird in Schulen und bei sonstigen Gelegenheiten massenhaft gelesen, besprochen, präsentiert. So sehr wir den Wert solcher Aktionen anerkennen, pflegen wir ein doch eher antizyklisches, modenabweisendes Leseverhalten. Nun fiel uns also Irmgard Keun in die Finger und das nicht zu spät: ein fantastischer Schreibstil, der eine fluffig-überraschungsreiche, humorhaltige Kunstsprache hervorbringt, einen early girly style, proletarisch-katastrofenerfahren – wir zitieren hier einen Ausschnitt aus den Tagebuchaufzeichnungen der 18jährigen Protagonistin Doris, die ein “Glanz”, ein Star, werden möchte und sich zu diesem Zwecke an die Männerwelt schmeißt. In der folgenden Szene sitzt Doris vor einem Provinzstadtlokal und betrachtet eine Konkurrentin:

“(…) Aber letzten Endes habe ich viel zu viel Moral, um einen Mann erleben zu lassen, daß ich Wäsche mit sieben rostigen Sicherheitsnadeln trage. Später habe ich sie fortgelassen.
Jetzt denke ich eben, ich könnte eventuell auch Camembert essen, wenn ich es für richtig halte, mir Hemmungen zu verschaffen.
Und der Kerl drückt der Schildkröte unterm Tisch die Hand, und mich guckt er an mit Stielaugen – so sind die Männer. Und sie haben gar keine Ahnung, wie man sie mehr durchschaut als sie sich selber. Natürlich könnte ich nun – eben erzählt er von seinem wunderbaren Motorboot auf dem Rhein mit soundsoviel PS – ich schätze ihn höchstens auf ein besseres Faltboot. Aber ich merke genau, wie laut er redet, damit ich`s höre – Kunststück! – ich mit meinem schicken neuen Hut und dem Mantel mit Fuchs – und daß ich jetzt anfange, in mein Taubenbuch zu schreiben, macht ohne allen Zweifel einen sehr interessanten Eindruck. Aber eben hat mir das Alligator einen freundlichen Blick zugeworfen, und so was macht mich immer weich, ich denke: du arme Schildkröte findest doch selten was, und wenn du auch heute Camembert ißt – vielleicht ißt du morgen keinen. Und ich bin viel zu anständig und auf Frauenbewegung eingestellt, um dir deinen zweifelhaften Faltbootinhaber mit Glatze abspenstig zu machen. Da es eine Kleinigkeit wäre, reizt es mich ohnehin nicht, und außerdem paßt Wassersportler und Mädchen mit Schwimmgürtelbusen so schön zusammen. Und vom Tisch drüben guckt immer einer mit fabelhaft markantem Gesicht und tollem Brillanten am kleinen Finger. Ein Gesicht wie Conrad Veidt, wie er noch mehr auf der Höhe war. Meistens steckt hinter solchen Gesichtern nicht viel, aber es interessiert mich. (…)”

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen, Düsseldorf 1979 (Erstveröffentlichung 1932)

Türkischer Rhein: Schäl Sick

Wie sich wasserlaufdurchzogene Städte (in den Augen der Literaten) gleichen, zumindest ähneln: rheinerfahren erwähnt Théophile Gautier in seinem 1853 erschienenen Reisebuch Constantinople das Kölner Panorama, um dasjenige Kadiköys ins rechte Licht zu setzen:

“Une promenade à Kadi-Keuï est un plaisir que les habitants de Péra se refusent rarement les jour de fête, surtout ceux qui ne sont pas encore assez riches pour posséder une maison de campagne sur le Bosphore, entre les palais d`été des beys et des pachas.
Kadi-Keuï (village des juges) est un petit bourg de la rive d`Asie qui fait face au Sérail, dans l`endroit où la mer de Marmara commence à s`étrangler pour former l`embouchure du Bosphore. Sur l`emplacement de Kadi-Keuï s`élevait autrefois la ville de Chalcédon ou Chalcédoine, bâtie par Archias, sous les Mégariens, vers la vingt-troisième olympiade, six cent quatre-vingt-cinq ans avant Jésus-Christ; voilà déjà une antiquité respectable. Cependant, quelques auteurs attribuent la fondation de Chalcédoine à un fils du devin Chalchas, au retour de la guerre de Troie; d`autres a des colons de Chalcis, en Eubée, qui valurent à la nouvelle cité le surnom de ville des Aveugles, pour avoir choisi cette place lorsqu`ils pouvaient prendre celle où s`étala plus tard Byzance. Ce reproche ne nous semble aujourd`hui guère mérité, car de Kadi-Keuï on a la plus admirable perspective du monde, et Constantinople déploie sur l`autre rive, à travers la gaze argentée de sa légère brume, la magnificence de ses dômes, de ses coupoles, de ses minarets, de ses masses de maisons peintes, entrecoupées de touffes d`arbres. – Quand on veut jouir du panorama de Cologne, il faut aller se loger à Deutz, de l`autre côté du Rhin; pour bien voir Stamboul, il n`y a pas de meilleur moyen que de prendre une tasse de café sur le port de Kadi-Keuï.”