Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo (3)

Stets nach der Kaulquappe schielend, welche sorglos durchs Wasser zu fliegen schien, merkte der Mann nicht wie ich ab und an diskret meine Augen schloss. Und so hörte ich im Halbschlaf wie er das Geheimnis des hugoschen Rheins entschlüsselt hatte. “… kurz nach der Reise.” – “Die Reise? Welche Reise?” Er und Henriette (seine Frau) waren die Strecke der Schriftsteller nachgefahren. Sie am Steuer, er hinten im Wohnwagen. Sie erinnern sich wie es um die Augen der Gemahlin bestellt war und werden mir zustimmen, wenn ich behaupte, daß diese Reise das reinste Kamikaze-Unternehmen gewesen sein muß. Doch hatten sie es überlebt. Während sie mit dem Verkehr kämpfte, saß er bei heruntergelassenen Gardinen im Wohnbereich. So konnte er sich ungestört über Kopfhörer Hugos Prosa als mp3-Aufnahme ins Gehör träufeln lassen, sich vom Text (von Henriette gelesen) mitreißen lassen, sich in hugoeske Emphase steigern, sehen was der berühmte Reisende damals sah, schilderte, beschrieb, träumte, witzelte. Was hätte er auch sonst anfangen können? Fotografieren? War denn noch etwas zu fotografieren übrig? Vorbei die Zeiten, in denen August Sander leere Rheinlandschaften festhalten konnte (8). Wie wahr die Bemerkung: “Fest steht, daß, als sie den Rhein schuf, die Natur eine Wüste geplant hatte; daraus machte der Mensch eine Straße.” (9) Wer nicht auf einem Kreuzfahrtschiff tanzte, tüftelte auf einem Tanker, joggte den Fluß entlang, raste zwei- oder vierrädrig über die Straße, leckte auf Wasserskiern an der Gefahr, prahlte mit Bikini und Motorboot, kämpfte sich im Kanu voran… Er aber wollte anderes, erhabeneres. Nur von der Stimme seiner Frau inspiriert hatte er das Buch gefühlt; diese Stimme und die geistige Energie Hugos waren die Kräfte gewesen, die seine Hände übers Papier geführt hatten. Um diese etwas diffuse Darstellung in die reale Welt zurück zu verfrachten, fragte ich, ob während der Fahrt nicht vielleicht etwas besonderes geschehen wäre. Beide blickten mich verständnislos an. “Nichts war geschehen.” Dann die Frau: “Außer vielleicht dieser Mann in Reichenstein?” Abends hatten sie auf dem Campingplatz gesessen und Mr. Prason darüber gegrübelt, ob die drei Mädchen aus Brief XX die Rheintöchter (10) symbolisieren könnten. Trotz widriger linguistischer Umstände hatten sie den Besitzer des Campings darüber befragt. Der hatte von Richard Wagner nichts weiter gehört, doch wußte er einen Mann, der Rheintöchter bastelte. Es wäre für ihn kein Umstand, sie zu ihm zu führen. Auf einem Regal standen sie in Reih und Glied gestellt: Flugabwehrraketenmodelle…, aus Kunststoff, Holz, Metall, aus Pappkarton sogar. Alle schön bunt bemalt, nicht wirklich vorschriftsmäßig, eher psychedelisch, sodaß sie wie Totems aussahen. “Rheinboote habe ich auch!” kündete der Mann fröhlich-höhnisch, mit eindrucksvollen Gebärden und Mundgeräuschen, die wohl auf die Testabschüsse und deren bescheidene, wenn nicht lächerliche Ergebnisse hinweisen sollten. (11) Mein vorsichtiger Versuch, die drei Mädchen vielleicht als eine Reminiszenz an Macbeths weird sisters zu interpretieren, wurde kommentarlos ignoriert und man gelangte zum Hauptgericht, welches zuvor dem Antiquar in großer Aufregung, wie Sie wissen, offenbart worden war. Von Konkordanzen war die Rede, von Schmetterlingen, Skarabäen, Spinnen, verschlüsselten Buchstaben, Analogien, verschleierten Inhalten, Visionen, Zahlenkombinationen; verborgene Botschaften lauerten zwischen den Zeilen, die ungeduldig darauf warteten ans Licht zu sprühen. Kurz: Mr. Prason hatte ein Gestell zusammengeschraubt und das passende Gebäude dazu kam schnell zum Vorschein. Als Eckstein diente das Zitat “Quo versu dicere non est / Signis perfacile est” (12), aus dem erwähnten Brief XX. Zeichen gab es schließlich zur Genüge, man mußte sie nur aufspüren und adäquat befragen. Der mit ägyptischen Hieroglyphen verglichene geflügelte Drache (13); die Suche des Autors im Wallraf-Richartz-Museum nach einer “ägyptischen Mumie”; die Erwähnung der Isis; das humoreske Auftauchen von Ptah, Osiris, Memnon, Merenptah, Ramses II. und die Beschreibung – mit Skizzen – des Grabes Ramses V.; weiterhin das Antlitz des Sarkophags im Mainzer Dom, das einen mumienartigen Blick aufwies, usw., usw. Meinen Zustand nach diesem karussellartigen Diskurs als Schwindelanfall zu bezeichnen wäre weit untertrieben, ich taumelte buchstäblich zwischen Faszination und Übelkeit, schaute auf Mr. Prason, der von seinen Entdeckungen und deren Deutungen ins Schwitzen geraten war. Ich fragte ihn, ob Le Rhin nicht als politisches Buch konzipiert und angekündigt worden war. “Die Politik Hugos habe ich in zwei Pinselstrichen erfaßt: preußisches und Pariser Blau mischen sich im Rhein, das ist alles. Le Rhin, Monsieur, hat genauso viel mit Politik zu tun wie ich mit der Vermessung von Böschungswinkeln. Hugo ist ein Bote, ein Visionär gewesen, kein Politiker.” – “Und sein Engagement gegen die Todesstrafe?” – “Wo kein Kopf ist, kann das so wichtige Mundöffnungsritual nicht vollgezogen werden, darum geht es.” Mr. Prason witterte meine Skepsis; den Gnadenschuß erhielt ich, bevor ich seiner Behauptung zustimmen oder sie widerlegen konnte. Aufgestanden war er, und setzte seinen Monolog weiter fort: “Und die Schmetterlinge auf dem Friedhof?! (14) Wenn die moderne Forschung weiterhin über die Symbolik der auf Särge gemalten Lepidopteren rätselt, so wußte Kant eines: “Das Sinnbild der alten Ägypter für die Seele war ein Papillon, und die griechische Benennung bedeutete eben dasselbe. Man sieht leicht, daß die Hoffnung, welche aus dem Tod nur eine Verwandlung macht, eine solche Idee samt ihren Zeichen veranlaßt habe.” (15) Bei Hugo sind Elsaß bzw. Schwarzwald Flügelhauben eines “großen schwarzen Schmetterlings” (16), eindeutige Vorboten.” Über den Inhalt der Botschaft erkundigte ich mich lieber nicht, bekam aber dennoch eine Antwort: “Sie gibt uns erneut Bescheid über die visionäre Gabe Hugos. Und so geht es das gesamte Buch über, die ganze Zeit, vom Gestern zum Morgen.” – “Hugo reiste aber flußaufwärts, also eigentlich umgekehrt.” – “Was wissen Sie schon?” Wenig, fürchtete ich, und ließ Mr. Prason sein “großes Finale” weiter erzählen. Er beschrieb die Ekstase Hugos am Rheinfall, wie das gewaltige Getöse sein Hirn zu füllen schien, wie er aus der Zeit trat, wie die Stunden durch seinen Geist, dem Wasser im Abgrund gleich, ohne Spuren oder Erinnerungen hinterlassend vorüberzogen. Da war der Dichter, meinte Mr. Prason, ins Licht hineingetreten und hatte alles verstanden, einfach alles. Denn wie sagte Paracelsus: “La vraie philosophie est aussi facile à distinguer que le bruit du Rhin ou que celui des tempêtes. Car enfin ce que les yeux voient, ce que nos mains touchent, notre tête le perçoit et le comprend.” (17) Er aber, Mr. Prason, hatte weitergeforscht und auf einer Abbildung des Rhein-Manuskripts den endgültigen, alles erklärenden Schlüssel des Ganzen entdeckt. Eine Passage des Briefs XVII war von einer Zeichnung begleitet. Zwei lange, flexible, sich kreuzende Stangen erinnerten an eine riesige Spinne, deren Beine in den Rhein tauchten. Die im Buch gedruckte Zeichnung unterscheidet sich vom Original. Wo in ersterem ein Baum zu erkennen ist, zeigte sich auf dem Manuskript eine in weißer Farbe aufgetragene Korrektur. Mr. Prason zog einen Briefumschlag aus seinem Buch, und zeigte mir beide Illustrationen.

hugo_08 spinnenLe Rhin, manuscript – BnF [NAF 13387] – Le Rhin (Paris, 1906)

(Fortsetzung folgt)

***

(8) s. August Sander, Rheinlandschaften 1929-1946 (München, 1975).
(9) “Il est évident qu’en faisant le Rhin la nature avait prémédité un désert ; l’homme en a fait une rue.” V. Hugo, Le Rhin, lettre XXV (Paris, 1842).
(10) Die Rheingold-Premiere fand erst 1869 statt!
(11) s. W. Dornberger, Peenemünde (Esslingen/München, 1984).
(12) Horaz, Satiren.
(13) ibid. Lettres VII, XII, XIV, XX, XXIII.
(14) ibid. Lettre XVIII.
(15) Vorkritische Schriften, B. I.: Träume eines Geistersehers, erläutert duch Träume der Metaphysik.
(16) ibid. Lettre XXXI.
(17) in: J.-A. Bordes-Pagès, Paracelse : vie, travaux et doctrines (Foix, 1878).

In Rotterdam

I
I gaze upon a city,—
A city new and strange,—
Down many a watery vista
My fancy takes a range;
From side to side I saunter,
And wonder where I am;
And can you be in England,
And I at Rotterdam!

II
Before me lie dark waters
In broad canals and deep,
Whereon the silver moonbeams
Sleep, restless in their sleep;
A sort of vulgar Venice
Reminds me where I am;
Yes, yes, you are in England,
And I’m at Rotterdam.

III
Tall houses with quaint gables,
Where frequent windows shine,
And quays that lead to bridges,
And trees in formal line,
And masts of spicy vessels
From western Surinam,
All tell me you’re in England,
But I’m in Rotterdam.

IV
Those sailors, how outlandish
The face and form of each!
They deal in foreign gestures,
And use a foreign speech;
A tongue not learn’d near Isis,
Or studied by the Cam,
Declares that you’re in England,
And I’m at Rotterdam.

V
And now across a market
My doubtful way I trace,
Where stands a solemn statue,
The Genius of the place;
And to the great Erasmus
I offer my salaam;
Who tells me you’re in England,
But I’m at Rotterdam.

VI
The coffee-room is open—
I mingle in its crowd,—
The dominos are noisy—
The hookahs raise a cloud;
The flavor, none of Fearon’s,
That mingles with my dram,
Reminds me you’re in England,
And I’m at Rotterdam.

VII
Then here it goes, a bumper—
The toast it shall be mine,
In schiedam, or in sherry,
Tokay, or hock of Rhine;
It well deserves the brightest,
Where sunbeam ever swam—
‘The Girl I love in England’
I drink at Rotterdam!

(Thomas Hood)

Die Brennnesselschlacht von Lank-Latum – ein Zeugnis des spätantiken Attis- und Kybelekults am mittleren Niederrhein

Die wenigsten wissen, doch viele ahnen, dass neben der offiziellen Geschichtsschreibung und dem, was wir als die Grundlagen unserer Gegenwart anerkennen, auch eine sozusagen untermeerische Strömung existiert, machtvoll, aber unbemerkt, welche die Bahnen unseres Handelns bis auf den heutigen Tag prägt und gestaltet. Hierzu zählt auch der Attis- und Kybelekult, ein vorderasiatischer Mysterienkult, der alljährlich die Fruchtbarkeit der Natur feiert, indem er dem Tod des Attis gedenkt, welcher aus den abgetrennten Geschlechtsteilen des Agdistis entstand. Agdistis selbst, welcher aus dem zu Boden getropften Samen des Zeus geboren war, verwandelte sich nach der Kastration in Kybele, die ‘Magna Mater’, wie sie bereits zur Bronzezeit auf dem Gebiet des heutigen Anatolien verehrt wurde. Kybele, auf der Suche nach ihrer verlorenen Geschlechtlichkeit, erstrebte die Vereinigung mit ihrem Sohn und Geliebten Attis (der ursprünglich ihr eigener Penis war), diese Liebe erregte aber die Eifersucht der Götter, so dass Dionysos, der Gott des Rausches, den Attis mit Raserei schlug. Attis entmannte sich und verblutete darüber. Die untröstliche Kybele bekam von Zeus zugestanden, dass der Leichnam des Attis niemals verwese, und so bestattete sie ihn in einer Höhle, wo sie bis auf den heutigen Tag um ihn trauert.

Ein Kult der Zweigeschlechtlichkeit und der Fruchtbarkeit der Natur, vergleichbar den Mithras- oder Isismysterien, der, so liegt die Vermutung nahe, zusammen mit der römisch-antikischen Götterverehrung ab dem 4. nachchristlichen Jahrhundert durch die Verehrung des Christus, einer graecojudäischen Gottheit von nie gekannter Virulenz, verdrängt und schließlich ausgelöscht wurde. Doch lassen sich im Einzugsgebiet des früheren römischen Reiches noch unzählige Gebräuche und Gepflogenheiten aufzeigen, welche nach wie vor die alten Riten und Ideen in wenngleich gewissermaßen getarnter Form fortführen. Eines der machtvollsten Beispiele im deutsch-holländischen Grenzgebiet ist die Brennesselschlacht von Latum, das heute mit dem benachbarten Lank das Doppeldorf Lank-Latum bildet. Wie das unweit gelegene Oppum deutet schon der Name auf die römischen Ursprünge dieser Siedlung. Reiche Funde von Votivgaben deuten darauf hin, dass diese Region bis etwa 380 nach unserer Zeitrechnung eines der zentralen Heiligtümer des Kybelekults beherbergte. Und dessen machtvolles Fortleben lässt sich alle zwei Jahre im Juni in Lank-Latum studieren, bei einem Ereignis, das in seiner archaischen Rohheit einen unverstellten Eindruck der Riten vermittelt, mit denen unsere Ahnen die alljährliche Wiederkehr des dualen Prinzips aller Fruchtbarkeit feierten.

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Neue Besucher, die zum ersten Mal Zeuge dieses Brauchs werden, sind im Regelfalle entsetzt über das Ausmaß an Brutalität, in das ein bis zu diesem Zeitpunkt scheinbar allübliches Schützenfest umschlägt: Die Dorfstraße ist mit Barrikaden verstellt, gegen die die verschiedenen Kompanien des Dorfes anzurennen bemüht sind. Ihr Gegner ist die Freischar, eine weitere Kompanie, der im zeremonialen Rahmen die Rolle des Attis zukommt und deren Niederlage daher eine von vornherein ausgemachte Sache ist. Trotzdem werden die Barrikaden mit einer bis ans Letzte gehenden Brutalität verteidigt, und dies unter anderem mit Brennnesseln, welche eine endemische Subspezies, Urtica latumensis, darstellen: Obwohl sie in Länge und Bau der Großen Brennessel, Urtica dioica gleicht, ist es eine hybridisierte Form, die auch genetische Anteile der kleinen Brennnessel, Urtica urens, in sich trägt, nicht zuletzt den ungleich höheren Anteil an Histamin und Acetylcholin, der bei Urtica latumensis noch einmal um mehr als das Doppelte erhöht ist. Folgen eines Kontakts sind extreme Verquaddelungen der Haut, die je nach Dauer und Intensität des Kontakts schwere, ja letale anaphylaktische Schocks auslösen können.

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Nach der sogenannten ‘Fehdeansage’ beginnen die Kampfhandlungen, die sich über viele Stunden hinziehen können. Biologische Frauen sind hierbei nicht zugelassen, weshalb als symbolische Vertreter des weiblichen Prinzips jedes Jahr zehn ‘Dorfkibbeln’ gewählt werden, unbeleumdete Dorfbürger, die per Losentscheid verpflichtet wurden, während der Zeremonien in weiblicher Gewandung zu erscheinen. Dies symbolisiert die Entmannung des Agdistis, die Voraussetzung für die Geburt des Attis und der Kybele war. Wenngleich volksetymologische Erklärungen beim Wort ‘Kibbeln’ gerne auf eine Nebenbildung zum Verbum ‘kippe(l)n’ verweisen, was stürzen bedeutet und möglicherweise in Zusammenhang zu den sogenannten ‘Zaunreiterinnen’ steht, althochdeutsch hagazussa, dem Bild einer Hexe, die auf dem Zaun zwischen den Welten reitet, ist es dem historisch Geschulten nachgerade unmöglich, in den Dorfkibbeln nicht das Bild der Kybele zu erkennen. Die im Grün des Attis und der lebendigen Natur gewandete Freischar muss notwendig unterliegen, jedoch wieder auferstehen, so wie die einjährige Kleine und die hybridisierte Latumer Nessel.

Obwohl seit dem frühen Mittelalter bekämpft und als ‘gottlose Raufferey’ gebrandmarkt, hat sich dieses Brauchtum bis in die heutigen Tage gerettet. Zum Glück sind die Zeiten weitgehend vorbei, als noch fast jedes Jahr ein sogenannter ‘Nesselbock’ auf der Strecke blieb: Kämpfer mit Histaminallergie oder solche, die nach den bacchantischen Umtrünken dieser Tage in einem der überall anzutreffenden Brennesselhaufen versuchten, ihren Rausch auszuschlafen, galten doch die empfangenen Quaddeln, die sogenannten ‘Noppen’ als ein ehrenhaftes Zeichen. Die in ihnen enthaltene Wundflüssigkeit wird in vielen Haushalten in sogenannten ‘Noppenkümpkes’ gesammelt, kleine Steingutkrüge, die seit dem 14. Jahrhundert extra zu diesem Zwecke im benachbarten Bösinghoven gefertigt werden. Daher versuchen viele Latumer, die bei den Barrikadenkämpfen nicht genügend ‘genäselt’ wurden, die Zahl der empfangenen Bläschen zu vermehren, oft genug mit fatalen Konsequenzen. Der medizinische Fortschritt und die seit 2009 unweit des Kampfplatzes errichtete Nesselambulanz haben dazu beigetragen, die Zahl der Schwerverletzten auf zuletzt drei zu senken. Im 17. Jahrhundert hatte das Nesselbrauchtum einer alten Chronik zufolge solche Ausmaße angenommen, dass Latum nach der Friedensfeierschlacht von 1649, als zugleich dem Ende des 30jährigen Krieges gedacht wurde, fast ein Fünftel seiner männlichen Einwohnerschaft verloren hatte.

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Woher nun stammt die rätselvolle Verbindung zwischen dem Attiskult und der Brennnessel? Ihre sympathiezauberische und aphrodisierende Wirkung, die ihr in fast allen Kulturen zugeschrieben wird, ist der Schlüssel zur Lösung: Bis ins 6. nachchristliche Jahrhundert wurden die rituellen Kämpfe, welche die Tötung des Attis symbolisieren, unbekleidet ausgeführt. Bedingt durch die Reizungen der Haut verfielen die Teilnehmer in sexuelle Raserei, und die sich anschließenden tagelangen Orgien feierten die Vereinigung der Kybele mit ihrem Sohn und ehemaligen Geschlechtsteil. Erst eine Eingabe Luitgars, des Bischofs von Kleve, unterband diese in nachheidnischen Augen sündhafte Zurschaustellung des Körpers. Zwar wird man heute nur noch selten vollständig entkleidete Kämpfer finden, doch immer noch leeren sich die Straßen Latums nach den Spielen, und die lärmende Fröhlichkeit macht einer verdächtigen Ruhe Platz, durch die ein aufmerksamer Zuhörer aus den Häusern, Ställen und Feldern zuweilen jene unmissverständlichen Geräusche wahrzunehmen vermag, die ihm zeigen, dass der Kreislauf von Werden und Vergehen auch in diesem Jahr in Lank-Latum seinen Bogen geschlossen hat.

Ein Gastbeitrag von Martin Knepper (Text und Bilder). rheinsein dankt!