Keun am Rhing

Sie haust im souterrain
Eupener Str elternhaus
darüber alles in trümmer
aber das gras wächst sich aus
Es gibt kein glanz mehr
glanz war sie sowieso
ab 15 Doornkaat
wird ihr der arsch erst froh
Dat war dat Irmgard
(Für Sie Frau Keun
für Dich nur hinfahrt
und den ersten um 9)

Sie war ein weib
so hoch wie breit wie tief
Sie war der panthersprung
aus kaisermief
Der kamm liegt bei die butter
mim pelzärmel weggewischt
die weltkriegzwoerprobten
ameröllcher aufgetischt

Wenn sie wieder schriebe
mit zobel Chanel und hut
wie sie erzählt vor dem sechsten glas
alles würde gut
Sie kotzt den heinis die gülp voll
wie es mim Roth Jupp begann
Ihre späte tochter
wächst trotz nonnen heran
Dat war dat Irmjard
(Für Sie Madame und nicht Die Keun
für Dich die Kevelaer-rinfahrt
und den ersten am büdchen um 9)

(Hel Toussaint)

warum macht man denn mit dem Rhein so viel Musik?

“(…) Gottogott müde. Und zu nichts Lust. So egal alles. Und aus meiner Müdigkeit wächst nur eine Neugierigkeit, wie es wohl weitergeht – hallo, Frau Wirtin, schnell noch einen Humpen – warum macht man denn mit dem Rhein so viel Musik? Nebenan bläst einer Mundharmonika, seine Stirn ist verschrumpft wie ein ganzes Leben. Und gestern war ich mit einem Mann, was mich ansprach und für was hielt, was ich doch nicht bin. Ich bin es doch noch nicht. (…)
Ich habe einen Schwips – ich will, daß ihm immer eine Freude wird und daß er es merkt und daß er nicht merkt, daß ich will, daß er`s merkt. Wien, Wien, nur du allein, Wien, Wien – da saßen wir bei dieser Musik aus Radio. Ach, so schön. Das gibt`s nur einmal, das kommt nicht wieder – das ist zu schön, um – Wien, Wien, nur du allein – Wien, Wien, bis du ein Rhein – denn man macht Musik mit dir – in diesem Moment fühle ich mich wie ein Dichter, ich kann es auch reimen, aber bis zu einer Grenze natürlich, – und da werde ich ein Reim – Wien, Wien, nur du allein – Gott, ich habe so`n Schwips – er hat mir immer Kognak eingeschenkt, ich vertrag keinen Kognak – um jetzt zu mir zu kommen und mich vornehm davon zu befreien, müßte ich ins Badezimmer, das geht durch sein Schlafzimmer, ich geh ja nicht mehr gerade und wache jetzt mit meiner neuen Moral – im Bett Karussell fahren ist ja kein reiner Genuß. Aber deutlich gesagt: es widerstrebt mir, mich übergeben zu gehn durch das Schlafzimmer eines Mannes, welchen ich liebe. Also schreibe ich lieber. (…)”

(aus: Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen)

Türkischer Rhein: in Berlin und Wien

„(…) Berlin, ich zeige ihm doch Berlin.
Im Vaterland sind toll elegante Treppen wie in einem Schloß mit Gräfinnen, die schreiten – und Landschaften und fremde Länder und türkisch und Wien und Lauben von Wein und die kolossale Landschaft eines Rheines mit Naturschauspielen, denn sie machen einen Donner. Wir sitzen, es wird so heiß, die Decke fällt – der Wein macht uns schwer – „ist es denn nicht schön hier und wunderbar?“ Es ist doch schön und wunderbar, welche Stadt hat denn sowas noch, wo sich Räume an Räume reihen und die Flucht eines Palastes bilden? (…)“

(aus: Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen)

Das kunstseidene Mädchen spekuliert über eine Rheinyacht

rheinsein hat auch im Istanbuler Exil stapelweise Bücher herumliegen. Kaum eines davon, das nicht den Rhein erwähnte, auch wenn solcherlei Erwähnung angesichts des Titels/Handelnsrahmens nicht unbedingt zu erwarten stand. Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen spielt zunächst in der Provinz und später im Berlin der Weimarer Republik . Es war vor einigen Jahren die Auftaktlektüre für die seither jährlich stattfindende Aktion Ein Buch für die Stadt in Köln: ein ausgewähltes Buch wird in Schulen und bei sonstigen Gelegenheiten massenhaft gelesen, besprochen, präsentiert. So sehr wir den Wert solcher Aktionen anerkennen, pflegen wir ein doch eher antizyklisches, modenabweisendes Leseverhalten. Nun fiel uns also Irmgard Keun in die Finger und das nicht zu spät: ein fantastischer Schreibstil, der eine fluffig-überraschungsreiche, humorhaltige Kunstsprache hervorbringt, einen early girly style, proletarisch-katastrofenerfahren – wir zitieren hier einen Ausschnitt aus den Tagebuchaufzeichnungen der 18jährigen Protagonistin Doris, die ein “Glanz”, ein Star, werden möchte und sich zu diesem Zwecke an die Männerwelt schmeißt. In der folgenden Szene sitzt Doris vor einem Provinzstadtlokal und betrachtet eine Konkurrentin:

“(…) Aber letzten Endes habe ich viel zu viel Moral, um einen Mann erleben zu lassen, daß ich Wäsche mit sieben rostigen Sicherheitsnadeln trage. Später habe ich sie fortgelassen.
Jetzt denke ich eben, ich könnte eventuell auch Camembert essen, wenn ich es für richtig halte, mir Hemmungen zu verschaffen.
Und der Kerl drückt der Schildkröte unterm Tisch die Hand, und mich guckt er an mit Stielaugen – so sind die Männer. Und sie haben gar keine Ahnung, wie man sie mehr durchschaut als sie sich selber. Natürlich könnte ich nun – eben erzählt er von seinem wunderbaren Motorboot auf dem Rhein mit soundsoviel PS – ich schätze ihn höchstens auf ein besseres Faltboot. Aber ich merke genau, wie laut er redet, damit ich`s höre – Kunststück! – ich mit meinem schicken neuen Hut und dem Mantel mit Fuchs – und daß ich jetzt anfange, in mein Taubenbuch zu schreiben, macht ohne allen Zweifel einen sehr interessanten Eindruck. Aber eben hat mir das Alligator einen freundlichen Blick zugeworfen, und so was macht mich immer weich, ich denke: du arme Schildkröte findest doch selten was, und wenn du auch heute Camembert ißt – vielleicht ißt du morgen keinen. Und ich bin viel zu anständig und auf Frauenbewegung eingestellt, um dir deinen zweifelhaften Faltbootinhaber mit Glatze abspenstig zu machen. Da es eine Kleinigkeit wäre, reizt es mich ohnehin nicht, und außerdem paßt Wassersportler und Mädchen mit Schwimmgürtelbusen so schön zusammen. Und vom Tisch drüben guckt immer einer mit fabelhaft markantem Gesicht und tollem Brillanten am kleinen Finger. Ein Gesicht wie Conrad Veidt, wie er noch mehr auf der Höhe war. Meistens steckt hinter solchen Gesichtern nicht viel, aber es interessiert mich. (…)”

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen, Düsseldorf 1979 (Erstveröffentlichung 1932)